Die Vielen Solidarität ist Gold

Die Vielen Berlin
© Die Vielen

In Berlin haben sich Kunst- und Kulturinstitutionen unter dem Dach der Initiative DIE VIELEN zusammengefunden. Mit der „Berliner Erklärung der Vielen“ positionieren sie sich gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Deutschlandweit ist eine Vielzahl weiterer „Erklärungen der Vielen“ entstanden.

„Heute begreifen wir die Kunst und ihre Einrichtungen, die Museen, Theater, Ateliers, Clubs und urbanen Orte als offene Räume, die vielen gehören“, heißt es in der „Berliner Erklärung der Vielen“, die auf einer Pressekonferenz am 9. November 2018 im Max Liebermann Haus am Brandenburger Tor vorgestellt wurde. „Der rechte Populismus, der die Kultureinrichtungen als Akteure dieser gesellschaftlichen Vision angreift, steht der Kunst der vielen feindselig gegenüber“. Den Versuchen, die liberale Demokratie zu untergraben, Veranstaltungen zu stören oder Andersdenkende zu diskriminieren, müsse mit klarer Haltung eine Absage erteilt werden.

Über 380 Vertreterinnen und Vertreter von rund 150 Berliner Institutionen haben sich dieser Erklärung als Unterzeichnende angeschlossen, unter anderem mit dem im Text verankerten Ziel, „den offenen, aufklärenden, kritischen Dialog über rechte Strategien zu führen“.

Alphabet für neue Herausforderungen

Die „Erklärung der Vielen“ ist eine Kampagne des Vereins DIE VIELEN e.V., der sich im Juni 2017 gegründet hat und dem Holger Bergmann vorsteht, Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste. Der eine konkrete Anlass zur Gründung dieses Vereins lässt sich nicht benennen. Wohl aber sieht Christophe Knoch – der in Berlin als Koordinator für DIE VIELEN arbeitet – einen Kristallisationspunkt im Frühjahr 2017. Die freie Spielstätte Gessnerallee Zürich hatte damals eine Diskussion unter dem Titel „Die neue Avantgarde“ angesetzt, zu der auch Marc Jongen eingeladen war, kulturpolitischer Sprecher der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) im Bundestag. Die als zu unkritisch empfundene Kontextualisierung seines Auftritts sorgte auch in Berlin für Proteste, mehrere hundert Unterschriften von Kunstschaffenden richteten sich gegen die Veranstaltung, die in der Folge schließlich abgesagt wurde. 

„Der Fall hat deutlich gemacht, dass wir ein Alphabet finden müssen für die neuen Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind“, so Knoch. „Gewissheiten geraten ins Wanken, gesellschaftliche Verabredungen werden zur Disposition gestellt“.

Hilfe gegen Hetze

Die Frage nach dem Umgang mit Rechtspopulisten und Rechtsextremen besaß und besitzt gerade in Berlin aufgrund mehrerer Vorfälle eine besondere Dringlichkeit.

Am Berliner Maxim Gorki Theater kam es 2016 während einer live im Radio übertragenen Veranstaltung zu einer Störaktion der sogenannten Identitären Bewegung, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wird. 

Am Friedrichstadtpalast des Intendanten Berndt Schmidt – der AfD-Sympathisanten zu unerwünschten Personen in seinem Haus erklärt hatte – musste im Herbst 2017 eine ausverkaufte Samstagabend-Vorstellung wegen einer Bombendrohung ausfallen. 

Auch vor diesem Hintergrund ist in der „Selbstverpflichtung“ der „Erklärung der Vielen“ der Passus verankert: „Die Unterzeichnenden verpflichten sich zu gegenseitiger Solidarität mit Kultureinrichtungen und Akteur*innen der Künste, die durch Hetze und Schmähungen unter Druck gesetzt werden“.

Wehret der Normalisierung!

Annemie Vanackere, die Intendantin des internationalen Produktionshauses HAU - Hebbel am Ufer in Berlin, hat die Berliner Erklärung der VIELEN nicht zuletzt deshalb unterzeichnet, weil sie besorgniserregende „Verschiebungen in der Sprache“ beobachtet. Sie meint damit das Einsickern tendenziöser oder ideologisch geladener Begrifflichkeiten, mit denen Rechtspopulisten und Rechtsextreme operieren, in den alltäglichen Gebrauch: „Umvolkung“, „Lügenpresse“, „Entsiffung“. Wobei Vanackere es im Gespräch vermeidet, diese Wörter überhaupt zu benutzen. Sie hält es mit dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer, der angesichts der schleichenden Radikalisierungsprozesse im politischen Diskurs rät, die Formel „Wehret den Anfängen“ zu ersetzen durch: „Wehret der Normalisierung!“.
 
Vanackere kann sie sich keinen Kontext in ihrem Haus vorstellen, in dem etwa einer Vertreterin oder einem Vertreter der AfD das Podium geboten würde. „Meine Grundhaltung ist, dass wir als Kulturinstitutionen versuchen sollten, mit allen Seiten in den Dialog zu treten, Räume zu schaffen, in denen wir uns streiten und auch Widersprüche aushalten können“. Mit Rechtspopulisten und Rechtsextremen aber, zu dieser Überzeugung ist sie gelangt, sei „kein Austausch möglich“.

Mit der Initiative DIE VIELEN will Vanackere vor allem „dem Ausschluss von Gruppen entgegenwirken, die aufgrund von Religion, Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe oder anderer Merkmale zur Zielscheibe von Angriffen aller Art werden“. Es ginge darum, für eine offene Gesellschaft einzutreten, „in der sich jede und jeder aufgehoben fühlen kann“.
 
Dafür steht auch das Erkennungszeichen der VIELEN – eine golden glitzernde Folie, die Assoziationen an Rettungsdecken weckt, wie sie bei der Seenotrettung Geflüchteter zum Einsatz kommen. Genau so kann sie für ein glänzendes Gemeinwesen stehen, „das wir uns nicht kaputt machen lassen“, sagt Christophe Knoch.

Lokale Verortungen der VIELEN

Erklärung der Vielen © Die Vielen Die Kampagne „Erklärung der Vielen“ war von Beginn an darauf ausgelegt, landesweit Netzwerke zu stiften und regionale sowie Stadt-Erklärungen anzuregen, die auf die jeweiligen lokalen Bedarfe zugeschnitten sind. Formulierungen waren dabei nicht vorgegeben.

Bislang sind 23 Erklärungen zwischen Rostock und Bayern entstanden, die sich in Inhalt und Ausrichtung in prägnanten Nuancen unterscheiden. In Sachsen, berichtet Koordinator Christophe Knoch, sei beispielsweise darüber diskutiert worden, sich auch gegen Angriffe aus dem linksextremen Spektrum zu positionieren – wobei dieser Passus letztlich keinen Eingang in den Text der Erklärung gefunden hat.
 
Die „Dresdner Erklärung der Vielen“ geht explizit auch auf die lokale Pegida-Bewegung ein: „In unserem Bundesland Sachsen arbeiten Pegida, Identitäre Bewegung und AfD Hand in Hand und polemisieren gegen die demokratisch-weltoffene Gesellschaft. Dem stellen wir uns entgegen“.

In Schleswig-Holstein wiederum wird auch die dänische Minderheit in der Bevölkerung bedacht: „Kulturelle Vielfalt und Minderheitenschutz werden von uns gelebt, von der Landesverfassung ausdrücklich geschützt und durch die deutsch-dänischen Beziehungen befördert“. Und die „Frankfurter Erklärung der Vielen“ verortet sich „in einer Stadt der künstlerischen Avantgarde und kritischen Theorie, des Buch- und Verlagswesens“ und erinnert an die Verbrechen, die begangen wurden „an jenen jüdischen Bürger*innen, welchen die Stadt viele ihrer Institutionen in Kunst und Bildung maßgeblich verdankt“.

Die Erklärung dehnt die Positionierung gegen Rechtspopulismus zudem auf „autoritäre Weltbilder“ aus, die ja europaweit erstarken.

Freiheit bewahren und nutzen

Auch im niedersächsischen Celle ist eine eigene Erklärung entstanden, maßgeblich angeschoben durch Andreas Döring, den Intendanten des Celler Schlosstheaters. Weil die Initiative seinem „Verständnis vom Theater als offenem Raum entspricht – nicht im Sinne der Soziokultur, sondern des Herstellens heutiger Perspektiven“. Eine gesellschaftliche Diversität abzubilden, gehört für ihn „in den oberen Aufgabenkatalog der Kunst“.

Döring lag beim Verfassen der „Celler Erklärung der Vielen“ nicht zuletzt am Herzen, „die Freiheit, die wir in Deutschland seit 75 Jahren genießen, mit Wertigkeiten zu verknüpfen, die es zu bewahren und vor allem auch zu nutzen gilt für eine Zukunftsgestaltung – das ist in meinen Augen eine wichtigere Kraft, als nur gegen Rechtspopulismus zu sein“. 

Unter anderem beruft sich die Erklärung auf Artikel 1 („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) sowie Artikel 5 des Grundgesetzes („Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei“). Anders als etwa in Hamburg, wo der Kultursenator Carsten Brosda die „Erklärung der Vielen“ ausdrücklich unterstützte, meldeten in Celle allerdings politische Vertreterinnen und Vertreter von Stadt und Landkreis Bedenken an und forderten Einrichtungen auf, sich nicht als Unterzeichnende zu beteiligen. Als ein Argument wurde angeführt, rechtsextreme Angriffe auf die Kultur fänden in Celle nicht statt.

Lehren der Geschichte

Dem widerspricht Jens-Christian Wagner, Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, zu denen auch das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen vor den Toren der Stadt zählt. „Mehr als 70.000 Kinder, Frauen und Männer starben dort. Die meisten in Deutschland gebliebenen Kulturschaffenden schwiegen zu den nationalsozialistischen Verbrechen oder beteiligten sich sogar daran“, hält die „Celler Erklärung“ fest.

„Uns erreichen regelmäßig Briefe geschichtsrevisionistischen oder antisemitischen Inhalts“, berichtet Wagner. Zudem mache er in seiner täglichen Arbeit die Erfahrung, dass sich die Grenzen des für sagbar Gehaltenen verschöben. „Bei Gruppenführungen in Bergen-Belsen wird beispielsweise mit provozierenden Fragen gestört, die offensichtlich vorbereitet wurden“. So zögen Besucher in Zweifel, dass in dem Lager gemordet wurde. Oder relativierten die Verbrechen der Nationalsozialisten durch Gleichsetzungen mit der Sklaverei in den USA oder dem russischen Gulag. „Was mir noch mehr Sorgen macht“, sagt Wagner, „ist, dass gerade bei Menschen unter 40 häufig die Relevanz der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus für unsere demokratische Selbstverständigung nicht mehr gesehen wird“. Ein Grund dafür sei die Diskursverschiebung durch den Rechtspopulismus.

Teil eines Netzes sein  

Der Stiftungsleiter betont zudem: „Selbst wenn wir in Celle kein Problem mit Rechtsextremen hätten, müssten wir solidarisch mit denen sein, die in anderen Regionen Deutschlands Opfer ihrer Angriffe wurden und werden“.
 
Auch Annemie Vanackere hält die „symbolische Solidarität“ für wichtig, die von der „Erklärung der Vielen“ ausgehe: „Wird eine Institution attackiert, bekommen es die Angreifer mit 150 Institutionen zu tun“. Ein starkes Signal in einer Gesellschaft, die ansonsten auf Konkurrenz gepolt sei.

„Man fühlt sich als Teil eines Netzes – das hilft“.