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Frauenbewegung in Deutschland
Zwischen Gleichheit und Eigenart

In zwei Lager gespalten: die deutsche Frauenbewegung;
In zwei Lager gespalten: die deutsche Frauenbewegung; | Foto (Ausschnitt): © Franck Thomasse/Fotolia

Die deutschen Feministinnen sind seit Langem in zwei Lager geteilt. Kann eine neue Generation den Graben überwinden?

Noch vor wenigen Jahren hätte man dem deutschen Feminismus hinterherrufen mögen: „Ruhe sanft!“. Die Frauenbewegung der 1990er- und 2000er-Jahre war so gut wie tot und Feminismus ein „Unwort“. Hochschul-Seminare in Geschlechtergeschichte fielen mangels Nachfrage aus. Studentinnen erklärten, sie würden sich niemals als Feministinnen bezeichnen, das Wort habe einen „peinlichen Beigeschmack“. Mittlerweile füllen sich die Hörsäle wieder, und zwar ebenso mit Männern wie mit Frauen. Nicht nur Wissbegier treibt sie an – es ist vor allem der Wunsch spürbar, für Geschlechtergerechtigkeit Stellung zu beziehen. Da steht, so scheint es, eine neue Generation am Start, die auf Antworten wartet.

Doch wie sehen die feministischen Antworten auf grundlegende Fragen in Deutschland heute aus? Die größte Rolle im öffentlichen Diskurs spielen nach wie vor „sexual politics“, Fragen der sexuellen Identität und Selbstbestimmung. Und das nicht erst seit der Silvesternacht 2015, als in Köln und anderen Städten Frauen massiv sexuell belästigt wurden. Die daraufhin initiierte Twitter-Kampagne #ausnahmslos war eine Wiederauflage der Kampagne #aufschrei von 2013. Die Initiatorinnen plädierten für einen besseren Schutz der sexuellen Selbstbestimmung und mehr Prävention.

Gewalt und Sexualmoral als beherrschende Themen

Die Forderungen, auch die nach einem verschärften Sexualstrafrecht, wiederholen fast wortgleich Anliegen der sogenannten „Zweiten Frauenbewegung“ der 1970er-Jahre. Nach wie vor protestieren deutsche Frauen offenbar vor allem dann, wenn es um Sexualmoral und Gewalt geht. Themen jenseits von Pornografie, Prostitution und Vergewaltigung, allen voran die Verwirklichungschancen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst, haben vergleichsweise wenig Aufregungspotenzial. Und das, obwohl Deutschland bei der Geschlechtergerechtigkeit im Vergleich westlicher Länder regelmäßig auf einem der hinteren Plätze landet.

Um sich diese Besonderheit des deutschen Feminismus zu erklären, ist ein Rückblick auf die Geschichte der Bewegung hilfreich. Sie gründet in der Aufklärung und Menschenrechtsdiskussion des späten 18. Jahrhunderts. Damals übertrugen Aufklärerinnen allgemeine Gleichheitsforderungen auf die Lage der Frauen. Gleichzeitig entfaltete sich die bürgerliche Industriegesellschaft mit ihren Anforderungen an die Leistungs- und Integrationsfähigkeit jedes Einzelnen, was den Ausbau allgemeiner Bildung und den Ruf nach Mitbestimmung auch für Frauen nach sich zog.

Die Frage nach der geeigneten Strategie

In dieser historischen Konstellation entstand ein Problem, das bis heute zur westlichen Moderne gehört: die Teilung in zwei Sphären, in Privat und Öffentlich, Gefühl und Vernunft, Differenz und Gleichheit. Diese komplementären Bereiche wurden am Geschlechtersystem konkret: Frauen waren zuständig für das Innen, das Private, das Gefühl, Männer für das Außen, die Öffentlichkeit, die Vernunft. Für Feministinnen stellte sich die Frage, welche Strategie geeigneter sei: die Betonung des Gleichheitsversprechens oder der polaren Geschlechtscharaktere.

Die „Erste Frauenbewegung“ des 19. und frühen 20. Jahrhunderts betonte die weibliche Eigenart und suchte über „typisch weibliche“ Berufe in Pflege und Fürsorge einen Zugang zur Öffentlichkeit. Die „Zweite Frauenbewegung“ nach 1968, dem Jahr des Aufbruchs und der Proteste, war eher mit dem universalistischen Prinzip erfolgreich. Mit Alice Schwarzer, der in Deutschland dominierenden Figur der Bewegung bis heute, setzte sich jene Fraktion durch, die auf Gleichheit und Aufklärung setzte.

Eine mögliche Erklärung für die Betonung der sexuellen Identität als Schnittmenge zwischen „Differenzfeministinnen“ und „Gleichheitsfeministinnen“ ist, dass sie zwischen den bis heute unversöhnten Lagern vermittelt. Der Kampf gegen sexuelle Gewalt wurde gewissermaßen zum kleinsten gemeinsamen Nenner. Ein weiterer Grund für die Betonung der „sexual politics“ ist, dass in Deutschland massive Ängste vor sexueller Gewalt bestehen. Diese dürften auch ein Erbe der Massenvergewaltigungen nach dem Zweiten Weltkrieg sein, die bis heute nicht ausreichend aufgearbeitet wurden. Mit der Zuwanderung Hunderttausender Männern aus anderen Kulturen meldet sich das Verdrängte zurück. Die sexuelle Gefährdung wirkt sogar als Klammer zwischen nationalen, fremdenfeindlichen und feministischen Positionen.

Programmatische Vielfalt ist gefragt

Wegen der Weiterentwicklung der Debatte und personeller Kontinuitäten wohnt der feministische Pioniergeist seit 1945 anderswo. Die USA hatten Betty Friedan, Frankreich hatte Simone de Beauvoir. Die deutschen Achtundsechzigerinnen importierten zwar den Sexismus-Begriff und die Patriarchatstheorie, verloren aber in der Theorieentwicklung den Anschluss.

Die neue Szene, die sich nicht zuletzt über das Internet äußert und vernetzt, hat derweil noch keine prägenden Figuren. Nötig wären Frauen und Männer, die nicht nur medial glänzen, sondern eine programmatische Vielfalt repräsentieren – damit sich junge Menschen nicht nur auf den Minimalkonsens „sexual politics“ verständigen. Die deutsche Frauenbewegung kommt erst wieder richtig in Gang, wenn sie ihr Menschenbild und ihr historisches Erbe diskutiert.
 

Buch

Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs ist der Titel eines Buches von Miriam Gebhardt. Auf Basis vieler neuer Quellen umreißt die Autorin erstmals historisch fundiert das Ausmaß der Gewalt bei Kriegsende und in der Besatzungszeit.

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