Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Maternalismus
Das ewig Weibliche

Fuxi and Nüwa, mid 8th century (Tang Dynasty, Ausschnitt)
Fuxi and Nüwa, mid 8th century (Tang Dynasty, Ausschnitt) | Anonymous

In der alten chinesischen Siegelschrift hat die nach vorn geneigte Gestalt des Schriftzeichens der „Mutter“ (母, mǔ) ihren Ursprung im Gebenden und nicht etwa in der Unterwerfung. Das Prinzip der Mütterlichkeit will sich nicht erhöhen, sondern sich zuwenden. Es nimmt den untersten Platz ein und wirkt im Verborgenen, liegt doch seine Bestimmung darin, etwas auf sich zu nehmen. Mütterlichkeit ist zugleich Basis und Hintergrund; sie ist näher am Ursprung und ist mehr als das dem Männlichen entgegengesetzte Weibliche. Sie ist weder objektiv noch subjektiv, sondern bringt beides hervor.

Von Wang Ge (王歌)

Bis auf den heutigen Tag befindet sich das weibliche Geschlecht an den meisten Orten dieser Welt nach wie vor in einer unterlegenen Position und ist mehr oder weniger offenen Vorurteilen ausgesetzt. Selbst wenn Frauen hofiert werden, schwingt dabei insgeheim immer die Herablassung mit dem „schwachen Geschlecht“ mit. Für Anerkennung und jeden noch so bescheidenen Erfolg müssen Frauen einen ungleich höheren Preis zahlen – und das gilt insbesondere, wenn man nicht nur Frau, sondern auch Mutter ist. Dabei kommen die Ressentiments gegenüber Frauen nicht nur von außen, sondern auch von den Frauen selbst. Die Vorurteile verstärken die Realität sowie ihrerseits die Realität die Vorurteile weiter zementiert.

Zudem steht das Weibliche gleichsam symbolhaft für das „Fremde“ und wird wie Flüchtlinge, Einwanderer, Homosexuelle, ethnische Minderheiten, Ungläubige, Tiere oder die Natur an sich als andersartig wahrgenommen und an den Rand gedrängt. Die Mechanismen der Menschheit, Fremdes auszugrenzen wirken subtil und mit voller Präzision und erzeugen ein hohes Maß an Manipulation, Gewalt, Diskriminierung und Herablassung. Auch wenn es erfreulich ist, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau an einigen Orten und auf mancher gesetzlicher Ebene mittlerweile verankert ist, ist der Weg zur Gleichheit der Geschlechter, also ihrer Umsetzung im Alltag und ihrer Verinnerlichung durch die Menschen, noch lang.

In der feministischen Bewegung lassen sich von ihrer Entstehung bis heute gemeinhin folgende holzschnittartige Muster erkennen: Frauen wollen I. wie Männer werden; II. anders als Männer sein, III. Männliches und Weibliches in sich vereinen; IV. frei zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit wählen oder V. die Normen geschlechtlicher Festlegung ganz hinter sich lassen. Geht man jedoch dem Wesentlichen auf den Grund, so wollen Frauen nichts anderes als in erster Linie als Menschen wahrgenommen werden und anstatt als „minderwertige Wesen“ zweiter Klasse.

Der Feminismus zielt nicht darauf ab, dass Frauen genauso wie Männer behandelt werden, sondern dass sie menschliche Würde erlangen. Tatsache ist, dass selbst vielen Männern nicht die Würde zuteilwird, die ihnen als Menschen eigentlich zustünde.

In diesem Sinne ist Feminismus eine Haltung oder Methode und die Befreiung der Frau nicht weniger als ein Weg zur Befreiung der Menschheit.

Eines Tages, wenn endlich die Zeit reif ist, werden Frauen den eigenen Körper nicht mehr mit männlichem Blick bekritteln und formen, nicht ein Leben nach männlichen Spielregeln führen und sich in ihren Urteilen nicht einer patriarchalen Sprache bedienen. Sie werden in der Lage sein, die zukünftige Menschheit mit weiblicher Hand zu formen. Es ist also an uns zu überlegen: Welche Qualitäten trägt die Frau zur Menschheit bei und inwiefern unterscheidet sie sich dadurch von männlichen Kategorien? Auf was für ein Neuland führt uns das ewig Weibliche und welche alternativen Möglichkeiten bieten Frauen zur Erschaffung einer Gemeinschaft zwischen Welt und Menschheit? 

Die Mütterlichkeit der Daoisten  

Die chinesische Mythologie kennt zwei Schöpfungsmythen. In der männlichen Version teilt Pangu (盘古) das Urchaos in Himmel und Erde und wird zum Schöpfer der dinglichen Welt. In der weiblichen Version erschafft Nüwa (女娲) den Menschen, transformiert und gebiert die Myriaden Dinge und flickt die Löcher im Himmelszelt. Anders als Pangu bringt Nüwa die Dinge in Ordnung und fügt sie zu einem Ganzen. Dieses Gleichgewicht zwischen Yin und Yang macht das Wesen der chinesischen Kultur aus, auch wenn sich die weibliche Linie im Verlauf der chinesischen Geschichte weniger in den Vordergrund spielte, weil das Wirken im Verborgenen dem ontologischen Charakter weiblicher Existenz entspricht.
Nüwa repairs the heaven Nüwa repairs the heaven | Xiao Yuncong (蕭雲從), 1596-1673
Der Konfuzianismus forderte von den Frauen die „drei Folgsamkeiten und vier Tugenden“
(三从四德) und erzeugte damit das Klima für die tausendjährige Devotion und Unterdrückung der Frau in China. Nicht so der Daoismus. Der Daoismus trägt das weibliche Gen in sich und predigt die Gleichheit aller Wesen. Doch nicht nur das, er gesteht der Mütterlichkeit auch eine besondere ontologische Bedeutung zu: „Die Pforte der mystischen Urmutter ist der Anbeginn von Himmel und Erde“ (sechstes Kapitel des Daodejing道德经). Mütterlichkeit und „dao“ (道) stehen beinahe auf einer Stufe und sind gleichbedeutend. „Es gab etwas bevor Himmel und Erde aus dem Chaos entstanden. Es war leer, einsam und unveränderlich. Ein Kreislauf, der sich nicht erschöpft. Man könnte ihn die Mutter des Universums nennen. In Ermangelung eines besseren Namens nenne ich ihn das dao.“ (Kapitel fünfundzwanzig des Daodejing)
 
Inwiefern unterscheiden sich Mütter und Frauen? In der alten chinesischen Siegelschrift hat das Schriftzeichen für „Mutter“ zwei zusätzliche Punkte, die für die Milch gebende Brust stehen. Dabei verleiht der Aspekt des Stillens der Gestalt des Zeichens, das eine kniende Frau darstellt, eine andere Bedeutung. Die nach vorne geneigte Gestalt der „Mutter“ hat ihren Ursprung im Gebenden und nicht etwa in der Unterwerfung. Das Prinzip der Mütterlichkeit will sich nicht erhöhen, sondern sich zuwenden. Es nimmt den untersten Platz ein und wirkt im Verborgenen, liegt doch seine Bestimmung darin, etwas auf sich zu nehmen. Mütterlichkeit ist zugleich Basis und Background; sie ist näher am Ursprung und ist mehr als das dem Männlichen entgegengesetzte Weibliche. Sie ist weder objektiv noch subjektiv, sondern bringt beides hervor.
In der alten chinesischen Siegelschrift hat das Schriftzeichen für „Mutter“ zwei zusätzliche Punkte In der alten chinesischen Siegelschrift hat das Schriftzeichen für „Mutter“ zwei zusätzliche Punkte |    
Die Mutter gebiert Leben, aber sie ist nicht der Schöpfer. Sie legt die Basis, gewährt Räume und hilft der nachkommenden Generation sich frei zu entfalten, auf Gedeih und Verderb. Sie stellt nichts Besonderes dar, ihr größter Verdienst liegt in ihrer Unscheinbarkeit, ihre wahre Größe in ihrer Bescheidenheit. Zhuangzi (庄子) spricht in seinem Kapitel Unbekümmertes Wandern (逍遥游) davon: „Der höchste Mensch ist ohne Selbst, der spirituellste Mensch ohne Verdienst, der weiseste Mensch ohne Renommee“. Worum es eigentlich geht, ist das „Ermöglichen“. 

Der freie Wille der Liebe 

Die westliche Zivilisation gründet auf einer starken Subjektivität –  dem Fundament des „Ego“. Freiheit ist das Verdienst, das diese Zivilisation der Welt geschenkt hat. Das Herz der mütterlichen Philosophie hingegen ist die Liebe. Im Vergleich zur Freiheit ist Liebe noch näher am Ursprung. Liebe schenkt Freiheit. Es ist die Liebe, die den Menschen frei macht, auch wenn er sich die Freiheit nach wie vor gegen Widerstände erstreiten muss; es ist die Liebe, die den Menschen gleich macht, auch wenn die Gleichberechtigung weiterhin durch Umverteilung gestärkt werden muss. Die Mütterlichkeit bringt einen anderen Blickwinkel als die Freiheit des Subjekts ein, aus ihrer ontologischen Perspektive schenkt sie ungeachtet aller Gegebenheiten neues Leben. Sie wird nicht müde, den Nihilismus des Lebens in seinem Werden und Vergehen zu überwinden.

Mit der Mütterlichkeit als Basis kann die Frau eine neue Philosophie begründen, eine neue Ethik, eine neue Politik. Die Menschen kämpfen für Freiheit und Gleichberechtigung, doch sie greifen dabei nur für ihresgleichen Partei und grenzen andere aus. Das gilt für Parteien von rechts oder links und in der Mitte, für Extremisten wie für Konservative. Jeder knüpft seinen Einsatz an bestimmte Bedingungen und Rückvergütungen. Dabei ist die ursprüngliche Bedeutung von Macht zu „dienen“ – „dienen wie ein Hund oder ein Pferd“, lautet eine chinesische Redensart, aber man zäumt das Pferd von hinten auf und statt anderen zu dienen, knechtet und kontrolliert man sie.

Die Mütterlichkeit bringt einen anderen Blickwinkel als die Freiheit des Subjekts ein, aus ihrer ontologischen Perspektive schenkt sie ungeachtet aller Gegebenheiten neues Leben. Sie wird nicht müde, den Nihilismus des Lebens in seinem Werden und Vergehen zu überwinden.

Warum kann man keinen Vorschuss auf die Liebe geben? Keine Mutter würde zu ihrem Kind sagen, liebe mich zuerst, bevor ich dich wieder liebe. Mutterliebe ist per se eine vorbehaltslose Liebe. Mütterlichkeit folgt der Gefühlslogik der Liebe und nicht der Machtlogik des Zuteilens. Wenn Realisten das Rezept der „Liebe“ als weltfremd belächeln, dann wahrscheinlich, weil sie um deren Mühsal wissen. Das Nachdenken über die Liebe und die Praxis der Liebe erfordern immer einen freien Willen.

Bis heute definiert sich die Frau meist selbst innerhalb einer männlichen Denkweise, Logik und Sprache. Die Festlegung des Körpers erfolgt aus dem männlichen Begehren heraus und verwendet patriarchale Konzepte (wobei sich das sogenannte Patriarchat hier natürlich als Metapher versteht) – ähnlich wie man Erfolg und Respekt an Macht und Vermögen bemisst. Die Gleichung der Quantifizierung ist die Grundformel der patriarchalen Gesellschaft; 0, 1 und = sind der Quellcode dieser Formel, deren höchste Errungenschaft die Künstliche Intelligenz ist, die heute so viel Staub aufwirbelt.

Die Quantifizierung der Welt führt zur Quantifizierung unseres Körpers und unserer Erkenntnis und schließlich zu dem, was Zhuangzi als „Maschinenherz“ (机心) bezeichnet. Einzigartigkeit, die sich nicht quantifizieren lässt, wird bei lebendigem Leibe vermessen, zerteilt und zu Zahlen und Planziffern gemacht. Die vier Grundrechenarten sind uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir in einem scheinbar gleichberechtigten Verhältnis auf ewig einen scheinbar gleichwertigen Handel eingehen. Was die Mutter ihren Kindern angedeihen lässt, ist kein gleichwertiger Handel, sondern ein Geschenk, das seinem Wesen nach sogar durch Asymmetrie bestimmt ist. So kann Weiblichkeit oder Mütterlichkeit nach dem eigenen Maß am Aufbau einer Gemeinschaft der Menschheit mitwirken.

Lässt man die Techniken menschlicher Herrschaft Revue passieren, so wurden früher zahlreiche Mechanismen der Angst eingesetzt, um die Menschen gefügig zu machen. Heute verlieren Regime, die sich auf Gewalt und Angst stützen, an Kraft. Dass die ausgleichende Gerechtigkeit an die Stelle der strafenden Gerechtigkeit tritt, wird zum Konsens historischer Erfahrungen. Selbst im Strafrecht steht der Beweis für die Legitimität der Strafe noch aus. Das Ziel der Gerechtigkeit liegt nicht darin Geschehenes zu sanktionieren, ja nicht einmal darin, Schlimmeres zu verhüten, sondern in der zukunftsorientierten Wiedergutmachung. In der Mutterliebe etabliert sich eine sittliche Haltung der Großmut. „Wie würde das seine / ihre Mutter sehen?“ Von dieser Frage ausgehend versuchen wir für die Situation jedes Menschen, ja sogar jedes Lebewesens Verständnis aufzubringen und sie zu verbessern. 

Die Unschuld der Kinder 

Die Idee der Produktivität zieht sich durch die menschliche Geschichte. Das Bruttoinlandsprodukt bildet seit langem die Messlatte für den Fortschritt souveräner Staaten. Mittlerweile übersteigt unsere blinde Produktionswut die Belastbarkeit der Erde. Man denke nur an die Abfälle, die täglich in der Erde begraben werden müssen, den Plastikmüll in den Ozeanen, die Luftverschmutzung oder die permanente Versklavung und Tötung der Tiere – die Reihe ließe sich fortsetzen. Produktion ist an sich ein sehr maskulines Konzept, sie möchte gefügig machen, kontrollieren und unterdrücken, sie möchte sehen und fühlen.

Doch die Bestimmung des Menschen ist nicht die Produktion und die Produktivkraft der Zukunft sind nicht Produkte und Hightech, sondern der Mensch, die Bildung und die Selbsterziehung der Menschheit. Der Kern der mütterlichen Philosophie liegt in einer Haltung der Kultivierung. Entscheidend für die Entwicklung der Menschheit ist nicht, wie viele Produkte wir herzeigen und wie viele messbare Erfolge wir vorweisen können, das Endprodukt liegt in der Selbsterziehung und Selbstformung jedes Menschen. Der Grund, warum alle Welt diese Art der Kultivierung missversteht, ist, dass die Bildung instrumentalisiert und für eine „Logistik des Wissens“ gehalten wird, wobei verhärtetes Wissen nur eine andere Form der Unwissenheit ist.

Der Maternalismus ist vielleicht zu schlicht und allzu menschlich. Durch mütterliche Eigenschaften den Charakter des Menschen verändern zu wollen, grenzt womöglich an Selbstüberschätzung. Dabei neigt Mütterlichkeit nicht zu Kraftprotzerei. Mütterlichkeit gehört zur Weiblichkeit wie zur Männlichkeit. Das größte Tabu der Mutterliebe liegt darin, die eigenen Kinder im physischen oder geistigen Sinne zu Sklaven zu machen und sie zu instrumentalisieren. Sie hat Angst, den Sohn vorzuführen oder der Tochter Gewalt anzutun oder sie zu missachten. Sie schützt die schwächsten Kinder und verneint das Gesetz des Stärkeren. Mütter würden sich wünschen, dass Männer und Frauen so unschuldig wie Kinder sind und zur schönsten Version ihrer selbst werden.
 

Top