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Homosexualität
Homophobie in China: Ein Rekonstruktionsversuch

Flamingo
© Anatoliy Gromov

Wenn Schwule und Lesben in China sich einem anvertrauen, hört man viele verschiedene Geschichten: Da gibt es zum Beispiel die, die sich nur vor dem Freundeskreis geoutet haben, Eltern, Verwandte, Arbeitskollegen wissen von nichts, ahnen höchstens was. Manche gehen Vertragsehen ein, meistens mit anderen Homosexuellen. Ein vorgegaukeltes Hetero-Leben den Eltern zuliebe, die nur eine Normalität kennen und akzeptieren.

Von Roman Kierst

Wenn Schwule und Lesben in China sich einem anvertrauen, hört man viele verschiedene Geschichten: Da gibt es zum Beispiel die, die sich nur vor dem Freundeskreis geoutet haben, Eltern, Verwandte, Arbeitskollegen wissen von nichts, ahnen höchstens was. Manche gehen Vertragsehen ein, meistens mit anderen Homosexuellen. Ein vorgegaukeltes Hetero-Leben den Eltern zuliebe, die nur eine Normalität kennen und akzeptieren.
 
1997 wurde gleichgeschlechtlicher Sex in China zwar entkriminalisiert und seit 2001 wird Homosexualität hier offiziell auch nicht mehr als psychische Krankheit eingestuft, in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind Schwule und Lesben aber noch nicht. Homosexuell zu sein bedeutet auch heute oft noch gesellschaftlich stigmatisiert und als anders, als nicht normal wahrgenommen zu werden, vor allem von der Elterngeneration.
 
Dass sich daran so schnell nichts ändern dürfte, ist vor ein paar Tagen leider wieder ziemlich deutlich geworden: Das Pekinger Zentrum für Seuchenprävention nahm den Welt-AIDS-Tag zum Anlass, um schwulenfeindlichen Quatsch per Video im chinesischen Internet zu verbreiten.
 
Woher kommt diese Homophobie eigentlich in einem Land, wo Zuneigung und Sex zwischen zwei Menschen desselben Geschlechts nachweislich über lange Zeit akzeptiert und sogar verbreitet waren, in bestimmten Teilen der Gesellschaft zumindest.
 
Überliefert ist zum Beispiel die Geschichte des geteilten Pfirsichs aus der Zhou-Dynastie. Bekannter noch ist die Geschichte des abgetrennten Ärmels aus der Han-Dynastie. Der junge Kaiser Ai soll mal mit seinem Geliebten im Arm eingeschlafen sein und als er wach wurde, schnitt er sich vorsichtig den Ärmel ab, damit sein Geliebter weiterschlafen konnte.
 
Diese und andere homoerotische Anekdoten tauchen über 2000 Jahre lang immer wieder in der Literatur auf und werden sogar fester Teil der Sprache. Die Wendungen ‘geteilter Pfirsich’ (fentao 分桃) und ‘abgetrennter Ärmel’ (duanxiu 断袖) werden Synonyme für Zuneigung und Sex zwischen Männern.

Pfirsich© Charles Deluvio
Über die Gesellschaft jenseits der Palastmauern erfährt man leider relativ wenig. Auch für Frauen war lange Zeit wenig Platz in einer Geschichte, die von Männern für Männer geschrieben wurde, weshalb der Blick auf Homosexualität im alten China eingeschränkt bleibt. Die meisten gleichgeschlechtlichen Beziehungen damals, besonders am Hof, dürften zugegebenermaßen auch kaum unseren heutigen Vorstellungen von romantisch-egalitärer Partnerschaft entsprochen haben.
 
Dennoch scheinen die vielen Hinweise in Literatur, später auch in juristischen und anderen Quellen das Bild einer Gesellschaft zu zeichnen, in der man auch Menschen desselben Geschlechts schön finden und begehren durfte, in der Sex zum Lustgewinn, auch gleichgeschlechtlicher, innerhalb bestimmter Grenzen nicht nur akzeptiert, sondern auch verbreitet war. Den ersten christlichen Missionaren sollen im 16. Jahrhundert angesichts der sexuellen Freizügigkeit und Homoerotik in chinesischen Städten regelrecht die Hüte von den Köpfen geflogen sein. In Europa loderten da noch die Scheiterhaufen.
 
Homophobie in China jetzt aber mit einem ‘Import’ christlicher sexueller Moralität ab dem 16. Jahrhundert zu erklären wäre zu einfach, so eine große Rolle hat die Kirche in China nie gespielt. Auch die chinesischen Moral- und Ethiklehren wie Konfuzianismus und Co. scheinen frei zu sein von schwulenfeindlicher sexueller Moralität.
 
Bibel und Konfuzius sind also nicht schuld, was dann?

Moderne, Nationalismus, Moralität

Homophobie scheint in China ein Phänomen der Moderne zu sein. Kurzer historischer Exkurs: Das chinesische Reich befand sich am Ende des 19. Jahrhunderts in einer schweren inneren Krise. Es gab Umweltkatastrophen und wirtschaftliche Probleme, gleichzeitig machten England, das Deutsche Reich und andere imperialistische Aggressoren Druck von außen. Die Krise läutete das Ende der letzten Dynastie ein und führte ein paar Jahre später schließlich zu einer weitreichenden geistigen Erneuerungsbewegung zur Stärkung der chinesischen Nation. Die Intellektuellen der 4.-Mai-Bewegung, die dieses Jahr übrigens den 100. Jahrestag gefeiert hat, wollten das innere Chaos endlich beenden und die Nation im neuen weltpolitischen Gefüge nach außen wieder stark machen.
 
In diesem historischen Kontext der nationalen Schwächung und Demütigung wurde die Jahrtausende alte Denktradition Chinas mit den Lehren von Yin und Yang, Konfuzianismus und Co. verworfen und Naturwissenschaft sollte neue diskursive Grundlage werden. Denn die Ausländer, so dachte man, seien durch ihre ‘Kultur der Fakten’ so mächtig geworden. Zur Stärkung der Nation wollte man jetzt eine eigene Kultur der Fakten schaffen. Der chinesische ‘Herr Ungefähr’ aus der gleichnamigen Kurzgeschichte von Hu Shi aus dem Jahr 1924 sollte nun ‘Herr Exakt’ werden und sich endlich wieder durchsetzen können.

Woher kommt diese Homophobie eigentlich in einem Land, wo Zuneigung und Sex zwischen zwei Menschen desselben Geschlechts nachweislich über lange Zeit akzeptiert und sogar verbreitet waren, in bestimmten Teilen der Gesellschaft zumindest.

Durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse über die menschliche Anatomie wurde der Mensch neu entdeckt. Der Körper und die Organe waren jetzt nicht mehr Ausdruck einer universellen kosmischen Ordnung, sondern Ergebnis biologischer Prozesse, die man wissenschaftlich analysieren und manipulieren konnte. Ebenso wurde die Bevölkerung als zu analysierende und manipulierende Größe neu entdeckt. Evolutionstheorien und abgeleitete sozialdarwinistische Vorstellungen vom Kampf ums Überleben waren en vogue.
 
Genau an der Schnittstelle zwischen dieser Kontrolle des Körpers im Einzelnen und der Bevölkerung im Gesamten liegt———Sex. Und genau deswegen wurde Sex plötzlich zum Objekt biopolitischer Kalkulation und Manipulation. Man wollte gesunde Körper für eine gesunde Bevölkerung für eine starke chinesische Nation.
 
Sex zum Lustgewinn, insbesondere gleichgeschlechtlicher, sei gegen die Natur, führe zu Entkräftung und Erschöpfung des Körper und gefährde die Gesundheit der Kinder, wurde jetzt argumentiert. Das fluide Verständnis von Sexualität wich nach und nach biopolitischen Hetero-Normen. Dank neuer Drucktechnologie bekamen das auch alle mit. Es gab Lehrbücher in neu gegründeten Schulen und Universitäten, sexualpädagogische Handbücher, Informationsblätter, Broschüren, Zeitungen, Magazine und Poster. Es gab regelrechte Informationskampagnen, auf dem Land wie in der Stadt. Li Baoliang stellt in seinem sexualpädagogischen Lehrwerk aus dem Jahr 1937 am Ende prägnant fest, dass Sex zum reinen Lustgewinn die ‘schädlichste und unproduktivste Sache auf Erden’ sei. Sex hatte man jetzt nur noch im Ehebett, um Kinder zu kriegen.
 
Diese mit dem Beginn der Moderne einsetzenden biopolitischen Diskurse haben nach und nach das produziert, was die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Judith Butler als Heterosexuelle Matrix bezeichnet: Ein Raster aus Hetero-Normen, das wenig Platz lässt für schwules und lesbisches Leben.
 
In dieser heteronormativen chinesischen Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts wurde Homosexualität nun zur Abweichung, die es zu korrigieren galt. Wenn darüber gesprochen oder geschrieben wurde, dann wie über eine Krankheit.

Homophobie heute

Diesen Ballast haben Schwule und Lesben bis heute zu tragen. Zwar steht Homosexualität seit Jahren nicht mehr auf der chinesischen Liste der psychischen Erkrankungen CCMD (Chinese Classification of Mental Disorders), aber die diskursive Verbindung zu Krankheit existiert bis heute, wie die schwulenfeindliche Panikmache des Pekinger Zentrums für Seuchenprävention am Welt-AIDS-Tag wieder gezeigt hat.
 
Dennoch sind im Zuge der Reform und Öffnung seit Anfang der 1980er auch neue diskursive und soziale Räume entstanden, die erstmals queere Identitäten möglich gemacht haben. In Peking, Shanghai oder Chengdu zum Beispiel gibt es längst Bars und Klubs, Selbsthilfegruppen und Foren für LGBT und andere queere Menschen. Diese Räume sind und bleiben allerdings fragil. 2018 zum Beispiel verschwanden auf einmal sämtlicher gay content vom chinesischen Twitter-Pendant Weibo. Komplett gelöscht. Einfach so. Erst nach einem massiven Aufschrei der Empörung im chinesischen Internet wurde die Entscheidung rückgängig gemacht. Dieses Jahr dann wieder, plötzlich war der Hashtag #les mit allen dazugehörigen Threads weg, dazu noch alle Regenbogenflaggen in Nutzerprofilen. Die wenigsten werden sich wundern, dass unter diesen Umständen viele Schwule und Lesben ihre Sexualität in China nach wie vor verbergen.
Homophobie© Elvin Ruiz
Der 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Filmemacher Rosa von Praunheim erklärte im Jahr 1971 mit seinem gleichnamigen Dokumentarfilm, ‘nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt.’ Er kritisierte die eskapistische Lebensweise vieler Homosexueller, den Rückzug aus der Öffentlichkeit. Er plädierte dafür, aktiv für mehr Akzeptanz und Toleranz zu arbeiten und trug maßgeblich zum Beginn der politischen Schwulen- und Lesbenbewegung in Deutschland bei.
 
Auch Homosexuelle in Chinas Großstädten sind längst auf dem Weg zu mehr Toleranz und Akzeptanz. Wie dieser Weg in Zukunft aussehen wird, ob sie dabei out and proud sein können oder wollen wie die europäischen und amerikanischen Homosexuellen oder ob im chinesischen Kontext der Weg ein anderer ist, bleibt abzuwarten. Ein leichter wird es vermutlich nicht, denn die Macht der Hetero-Normen ist ungebrochen.

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