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Nachhaltigkeit
Trend ist, was tierfrei ist

Vegan
© colourbox.com

Chinas Großstädte liefern jede Menge Stoff für Geschichten. Es sind nicht nur die vielen Menschen überall, die das Auge nie ruhen lassen, es sind auch die vielen Trends, die es zu entdecken gibt – zum Beispiel Veganismus im sonst so fleischbesessenen China.

Von Dr. Sofia Delgado

Es wird viel geschrieben im Chat „Vegans of Beijing1“. Die Mitgliederzahl hat ihr Limit von 500 erreicht, es gibt bereits Folgegruppen auf WeChat. Man kennt sich in den Chats, jeder hilft jedem, um in der Megastadt vegan leben zu können. 

Jack Kleinman, Hauptansprechpartner bei Vegans of Beijing hat die Gruppe vor einigen Jahren ins Leben gerufen. Sie bezeichnen sich als ein Basisnetzwerk, das sich der Förderung eines auf Pflanzen basierten Lebensstils widmet. Die Mitglieder veranstalten wöchentliche Meetups oder Filmabende. Sie arbeiten mit Restaurants zusammen, um deren vegane Optionen auf der Speisekarte zu verbessern. Was vor einigen Jahren mit wenigen Teilnehmenden begann, wächst von Jahr zu Jahr. Dennoch bleibt die Gesamtzahl der Veganen in China marginal gering. 2017 konsumierten die Chinesen mehr Fleisch als jede andere Nation. 74 Millionen Tonnen Schwein, Rind und Geflügel werden immer noch jedes Jahr gegessen, so viel wie nirgendwo anders. Doch die Zahl der Chinesen, die auf Fleisch verzichten möchten, wächst ebenfalls. Laut Xinhua gibt es ungefähr 50 Millionen Menschen in China, die bereits vegan leben. 

Vegan zu leben wird hauptsächlich in den chinesischen Großstädten und insbesondere bei jungen Leuten immer populärer. An erster Stelle ist es ein gesundheitlicher Aspekt, der zum Umdenken führt. Die aktuelle Schweinepest und Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre lassen die Menschen an der Sicherheit der heimischen Produkte zweifeln. Neben pragmatischen Gründen gewinnen aber auch die Tierrechte immer mehr an Bedeutung. Auch die Regierung greift das Thema auf. Seit diesem Jahr, so VegNews, seien Tierversuche erstmals keine Pflicht mehr für Kosmetikherstellung in China sowie für importierte Kosmetikprodukte. Wie die chinesische Agentur Gansu Province National Medical Products Association berichtet, betreffe dies insbesondere die Tierversuche vor der Produkteinführung. 

Für die Tierschützer Chinas ist dies ein Schritt in die richtige Richtung. Denn viele Non-Profit-Organisationen wie Mercy For Animals von Fiona Wong, die mit Kampagnen für mehr Tierrechte in China kämpfen, arbeiten eng zusammen mit der veganen Szene. Auch bei TACN (Towards a Compassionate Nation) geht es um die Tiere. Die Organisation besteht hauptsächlich aus freiwilligen Helfern, verbessert die Lebensbedingungen der Tiere und propagiert ein gesünderes Leben ohne Fleisch. 

Veganismus ist eine Lebensphilosophie, die sich damit beschäftigt, wie der Mensch mit seinen Ressourcen, der Natur und den Mitgeschöpfen umgehen möchte.

 

Veggi-Vibe in den Großstädten 

Vieles ist gar nicht neu, traditionelle vegane Rezepte, die vor allem aus der Küche der buddhistischen Mönche entsprungen sind, haben bereits eine lange Tradition. Soja, Seitan und andere vegane Zutaten sind in China keine Fleischersatzprodukte wie in anderen Ländern, sondern gelten als vollwertige Nahrungsmittel. 

Die Voraussetzungen sehen gut aus, dass China in einigen Jahren eine führende Rolle in der veganen Szene spielen könnte. Die älteren Generationen sind bereits mit der Tradition der Fleischersatzprodukte vertraut und viele Jüngere folgen immer mehr einem weltweiten Trend. Zahlreiche Events und Aktivitäten zeigen eine lebendige vegane Szene. Im Juni 2017 fand die größte Konferenz zum Thema vegane Lebensweise in China statt. Unter dem Motto „Natural Organic and Healthy Nutrition Conference“ kamen laut Livekindly über 50.000 Menschen in die chinesische Hauptstadt. Aktive Gruppen wie die Vegans of Beijing gibt es auch in anderen großen chinesischen Städten. Jedes Jahr werden mehr und mehr Events veranstaltet. Weit über 100 sind es bereits, darunter Kochkurse, Workshops, Präsentationen in Schulen und Universitäten, um die Vorteile eines pflanzenbasierten Lebens den Menschen näher zu bringen. 

 © Simon Matzinger

 

Auch das POP Plant Based Festival im September 2018 zog innerhalb von drei Tagen über 10.000 Besucher an. Veranstaltungen wie Plantopia, Vegan Fiesta, Vegan Art Exhibition Across China oder der World Plant Milk Day, der am 22. August 2018 stattfand, zeigen, wie breit die vegane Szene mittlerweile aufgestellt ist. 

Neuinterpretationen der veganen Küche 

Die neue, vegane Küche gilt es zu entdecken. Einem noch zu großem Teil unaufgeklärten Publikum müssen die neuen Produkte, neuen Geschmäcker und die Vielfalt der Küche vorgestellt werden. Die Gourmetmesse in Shanghai hat sich im April 2019 erstmals mit einer tierfreien Küche präsentiert. Internationale Köche aus renommierten Häusern kamen zusammen, um dem Publikum neue pflanzenbasierte Gerichte zu präsentieren, die in Textur, Aussehen und Geschmack den tierischen Produkten sehr nahe kommen. Es gilt die Tradition und Moderne kulinarisch zu vereinen. Beyond Meat und Impossible Foods, zwei amerikanischen Unternehmen ist dies bereits gelungen. Sie waren das Vorbild für die Veranstalter in China. 2018 erhielten sie von dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen in der Kategorie Wissenschaft und Innovation den „Champion of the Earth Award“ für pflanzenbasierte Alternativen zu Fleisch. 

Vegans of Shanghai (VOS) ist die Veranstalterin der Gourmetmesse und möchte die vegane traditionelle Küche in den Mainstream-Markt einführen. Sie arbeiten mit veganen Produktherstellern zusammen mit dem Ziel, mehr vegane Fleischalternativen auch in die konventionellen Restaurants zu bringen. Dafür ist es wichtig, die Bedürfnisse der Kunden zu kennen. Die Produkte können später entsprechend der Nachfrage produziert und ersetzt werden.

Clean Meat - Fleisch aus dem Labor 

Junge Unternehmen wie Avant Meats aus Hongkong haben die Bedürfnisse der Konsumenten erkannt und gehen neue Wege in der Lebensmittelherstellung. Zellbasiertes Fleisch und Fisch (In-vitro-Fleisch), quasi aus der Retorte, soll in naher Zukunft den Hunger nach tierischen Produkten der Kunden stillen. Es sind keine veganen Produkte, dennoch unterscheidet sich der Prozess der Herstellung grundsätzlich von den bisherigen. 

Kein Tier muss mehr leiden, keine Fischpopulation in Zukunft mehr ausgerottet werden. Produziert werden Fleisch und Fisch im Labor unter kontrollierten Bedingungen mittels Zelltechnologie. Avant Meats sind keine Produzenten von veganen Lebensmitteln,  finden jedoch auch Anklang in der veganen Szene, da Massentierhaltung und damit einhergehend die Tierquälerei vermieden werden. Die neuen Produkte des Unternehmens werden mit Fokus auf die Bedürfnisse der asiatischen Kunden entwickelt. In zwei bis drei Jahren möchte Avant Meats marktreif sein. Andere Hersteller experimentieren mit Ersatzprodukten für Leder und Seide, um auch diese Tiererzeugnisse weitestgehend zu ersetzen. 

Eine dynamische Entwicklung 

Mariya Kuznetsova ist vor etwa drei Jahren Veganerin geworden. Sieben Jahre hat sie in Peking gelebt, bevor Sie 2018 nach Deutschland zog. In Peking war sie die regionale Koordinatorin von TACN (Towards a Compassionate Nation), eine gemeinnützige Organisation, die in Großbritannien registriert ist. 

In den vergangenen drei Jahren ist viel passiert. Die Restaurants scheinen auf die steigende Nachfrage zu reagieren und kulinarische Antworten zu liefern. „Vor ein paar Jahren war es nicht möglich, veganes Eis oder Desserts ohne Eier oder Milch in Peking zu finden“, erinnert sie sich. Jetzt sei es kein Problem mehr. Die Menschen beginnen sich mit pflanzlicher Ernährung zu beschäftigen, viele davon aufgrund der gesundheitlichen Bedenken, aber auch aufgrund der Tatsache, dass Veganismus ein Trend ist. 
„Während im Westen Veganismus mit Tierrechten und Umwelt in Verbindung gebracht wird, denken noch viele Menschen in China, dass man aufgrund seiner Religion keine tierischen Produkte isst“, erklärt sie. Aufklärung ist hier gefragt. 

Veganismus ist eine Lebensphilosophie, die sich damit beschäftigt, wie der Mensch mit seinen Ressourcen, der Natur und den Mitgeschöpfen umgehen möchte. Die jungen Aktiven möchten unbedingt, dass sich diesbezüglich etwas ändert. Vegan leben ist für sie ein wichtiger Schritt.

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