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Nachhaltigkeit
Solidarische Landwirtschaft in China

 
© Visual China

Es gibt Familien, die durch eine bestimmte vorausbezahlte Summe an sogenannte Crop-Sharing-Bauernhöfe das Recht erwerben, deren landwirtschaftliche Erzeugnisse zu konsumieren. Damit schenken sie den dortigen Bauern gleichzeitig ihr Vertrauen und erklären sich mit dem Konzept eines gesunden und nachhaltigen Anbaus einverstanden.

Von Yue Cheng

Man produziert dort nach dem Prinzip „regional und saisonal“ frisches Gemüse ohne den Einsatz irgendwelcher synthetischer Pflanzenschutz- oder Düngemittel und anschließend werden dieses Gemüse und andere agrarische Produkte dann direkt an jeden Haushalt geliefert. Obwohl dieses Modell in China vorläufig nur für eine Minderheit der gewaltigen Masse an Verbrauchern ein Teil ihres Alltags geworden ist, bietet es den Menschen mehr Auswahl sowie mehr Gelegenheiten zum Nachdenken über alle möglichen Probleme in den Bereichen Landwirtschaft und Ernährung.

Das Modell nennt sich Solidarische Landwirtschaft (Community Supported Agriculture). Ein Jahrzehnt ist es her, dass Shi Yan es nach China brachte und während dieser zehn Jahre hat sie immer mehr Menschen dazu motiviert, den Weg der ökologischen Landwirtschaft zu beschreiten. Die Postdoktorandin der Tsinghua-Universität, die Mitglied der Gemeinschaft der „Young Global Leaders“ des Weltwirtschaftsforums ist, aber sich selbst schon immer als „Bäuerin“ verstanden hat, hat mit uns über ihre Arbeit und den gegenwärtigen Zustand der ökologisch-nachhaltigen Landwirtschaft in China gesprochen.
 
Was ist Solidarische Landwirtschaft? Wie funktioniert das Modell?
 
Die erste Solidarische Landwirtschaft ist eigentlich um das Jahr 1971 herum in Japan entstanden. Der Hintergrund dafür waren damals ebenfalls gravierende Probleme mit der Lebensmittelsicherheit und der Umweltverschmutzung im Land.  Daraufhin wandten einige Verbraucher und Produzenten direkt ein solches Modell an. Im Japanischen heißt es Teikei, in chinesischen Schriftzeichen wird es tí-xié (提携) geschrieben. Ganz offensichtlich besagt der Kern des Modells daher, dass die Produzenten das Leben und die Sicherheit der Verbraucher garantieren müssen und umgekehrt die Verbraucher das Leben der Produzenten. Zwischen beiden Parteien sollte eine Beziehung bestehen, in der man nicht wechselseitig den Preis nach unten drückt oder einfach lediglich nach ökonomischem Output strebt. Um 1986 herum wurde das Modell dann auf Europa, Nordamerika und einige andere Länder und Regionen übertragen. Und in den USA legte man dann einen neuen Namen für das Modell fest: Community Supported Agriculture (CSA).

Die Crop-Sharing-Bauernhöfe, die wir jetzt bewirtschaften, halten sich ebenfalls an die zentralen Ideen von Teikei und der CSA. Auf der einen Seite betreiben wir eine organische Produktionsweise, um die ökologische Vielfalt und den Wert des Bodens wiederherzustellen. Auf der anderen Seite klären wir Verbraucher über die Idee des Konsums auf, also darüber, was wirklich gute Lebensmittel sind. Und dann hoffen wir, über diese Art von gesundem Konsumverhalten eine gesunde Produktion auf den Weg zu bringen und nachhaltige Herstellungsmethoden etablieren zu können. Gerade weil es jetzt solche Formen des Konsums gibt, gibt es auch Bauern, die den Wunsch haben, daran teilzunehmen. Am Ende können noch mehr junge Leute aufs Land zurückkehren, was als Resultat zu einer wirklichen Renaissance der Dörfer und zu einem Aufschwung auf dem Land führen würde.

Auf der einen Seite betreiben wir eine organische Produktionsweise, um die ökologische Vielfalt und den Wert des Bodens wiederherzustellen. Auf der anderen Seite klären wir Verbraucher über die Idee des Konsums auf, also darüber, was wirklich gute Lebensmittel sind.

Wie beurteilen Sie die ökologischen Probleme, mit der Chinas Lebensmittelbranche zu kämpfen hat?

Ich denke, diese Probleme dürften negative Effekte sein, die auf der raschen Industrialisierung und Verstädterung Chinas beruhen. Auf der einen Seite ist für die Verbraucherinnen in den Städten das Problem der Lebensmittelsicherheit entstanden. Dagegen sind, was die Umwelt auf dem Land betrifft, die Verschmutzung von Boden und Wasser, inklusive des Niedergangs der Dörfer, in denen sich weit mehr ältere als jüngere Menschen mit Landwirtschaft beschäftigen, tatsächlich alles negative Effekte, die unsere rasche Industrialisierung und Urbanisierung mit sich gebracht haben. Die CSA nun ist, denke ich, zumindest einer von mehreren Lösungsansätzen, und sie ist zudem ein sehr wichtiger Lösungsansatz, denn sie kann viel mehr Menschen zum Nachdenken bringen.

Tatsächlich hat das CSA-Modell auch in China mittlerweile noch vielfältigere Ausdrucksformen angenommen: Als wir zum Beispiel ganz zu Anfang damit begannen, den ersten CSA-Bauernhof zu bewirtschaften, fingen wir allmählich auch damit an, im ganzen Land Konferenzen zur CSA abzuhalten. In Wirklichkeit bezeichnen wir das CSA-Modell in China nun eher als sozial-ökologische Landwirtschaft: Zunächst ist es ein vergesellschaftlichtes Modell. Das bedeutet, dass wir darin nicht nur die Produzentenrolle haben, sondern dass auch die Verbraucher ein sehr wichtiger Bestandteil sind. Und dann gibt es auch noch einige andere Nutznießer, die mit dem Modell zusammenhängen. Aber es ist definitiv nicht wie in der Vergangenheit, wo es sich zum Beispiel nur um einen landwirtschaftlichen Betrieb oder einen einzelnen Bauern handelte, der verkaufte, was er produzierte. Dieser Prozess hingegen erfordert die Beteiligung und Unterstützung von mehr Verbrauchern, und genau darin besteht die Vergesellschaftung. Daher haben wir von Beginn an CSA-Konferenzen abgehalten und dort zahlreiche neue Ideen und Modelle verbreitet, Bauernmärkte eingeschlossen. Außerdem das partizipative Garantiesystem (PGS) sowie Slow-Food-Verbrauchergenossenschaften, Schulungen zu Ernährung und Landwirtschaft und sogar nachhaltiges Design. Auf unseren jährlichen CSA-Konferenzen sind all diese Dinge als wichtige Themen zur Sprache gekommen und haben in der Folge viele unterschiedliche Modelle vergesellschaftlichter ökologischer Landwirtschaft hervorgebracht.
  © Visual China
Worin liegt für Sie der Schlüssel zum Erfolg des CSA-Modells?
 
Ich glaube, eine Bedingung ist, dass in Chinas Agrarbereich auf der Anbieterseite jetzt ebenfalls diese Art von Reform vorangetrieben wird. Also eine Reform, deren Entwicklungsrichtung sich von den ursprünglichen Agrarprodukten, die überwiegend keinen Schaden anrichteten, zu grünen, organischen Produkten hinbewegt. Die Antriebsseite dieser Reform sollten die städtischen Verbraucher sein, die Veränderung ihrer Idee von Konsum sowie ihres Konsumbewusstseins. Genau darin liegt die größte Stärke der CSA, weil sie das einzige Modell sein dürfte, das Produzenten und Verbraucher in die gesamte Interessenkette miteinbezieht und beide als teilnehmende Subjekte und Kräfte betrachtet.
 
Der Begriff, von dem man im Bereich Ernährung und Landwirtschaft mittlerweile noch häufiger spricht, lautet Ernährungssystem. Im Grunde genommen sollte unsere Arbeit in der nachhaltigen Entwicklung des gesamten Ernährungssystems bestehen. Zum Beispiel umfasst die städtische Landwirtschaft - von der ökologischen Landwirtschaft auf der Produktionsseite bis zur Reduzierung von Abfällen auf der Verbraucherseite, der Frage, wie man noch nachhaltiger isst und trinkt, und Dingen wie Schulungen zur Ernährung - eigentlich alle Aspekte unserer Arbeit und ist ein äußerst breit gefächerter und ganzheitlicher Kreislauf, von den Samenkörnern bis zum Esstisch. Daher braucht man tatsächlich ein Zusammenspiel von vielen Voraussetzungen, einschließlich politischer Festlegungen, der Unterstützung durch die Bevölkerung, der Ankurbelung des Marktes und anderer Dinge. Diese Aspekte sind ein wesentlicher und unheimlich komplexer Faktor.
 
Wer nutzt die Crop-Sharing-Bauernhöfe?
 
Die Konsumentengruppen des Ernte-Sharings bestehen aus einzelnen Familien. Das gemeinsame Merkmal dieser Gruppen ist meistens, dass sie im Großen und Ganzen alle Kinder zu Hause haben, sich mehr Sorgen um die Gesundheit machen und ungefähr zwischen 30 bis 45 Jahre alt sind. Außerdem ist es wahrscheinlich, dass sie ein relativ hohes Ausgebildungsniveau erreicht haben.
 
Wieviele Kunden haben Sie mittlerweile? Und kann es passieren, dass das Angebot die Nachfrage nicht deckt? 
 
Momentan haben wir ungefähr 1.100 Haushalte als Mitglieder. Zu Engpässen kann es gelegentlich kommen, da das Angebot von Gemüse immer saisonabhängig ist. Um Tomaten als Beispiel zu nehmen: Wenn sie gerade erst reif werden, dann gibt es nur eine relativ geringe Menge davon, sodass zu diesem Zeitpunkt nur ein kleiner Teil unserer Mitglieder Tomaten bestellen kann. Unsere Lebensmittel vergeben wir nach einem Bestellsystem, das sich nach der vorhandenen Menge des Gemüses auf dem Feld richtet. Wenn es zum Beispiel heute fünfzig Portionen Tomaten gibt, dann kommen bei uns auch fünfzig Portionen in die Regale. Danach beginnen um acht Uhr die Bestellungen, und wer zuerst bestellt, der bekommt seine Ware auch zuerst. Bei einigen Lebensmitteln deckt das Angebot daher tatsächlich nicht den Bedarf.
 
Auf den Crop-Sharing-Bauernhöfen wird jetzt außerdem einiges an Erziehungsarbeit zum Thema Nahrungssmittel geleistet, wie zum Beispiel das Projekt „Kinder der Erde“ sowie Besuchstage auf Bauernhöfen. Welche Bedeutung haben diese Aktivitäten?
 
Unsere Bauerhöfe müssen an sich als gemeinnütziges Unternehmen betrachtet werden. Im Verlauf unserer landwirtschaftlichen Tätigkeiten haben wir festgestellt, dass uns nicht allein die Preise darin einschränken, ökologisch zu produzieren und zu konsumieren, oder jene Faktoren, die wir alle vordergründig für die Gründe der Beschränkung halten, sondern die Vorstellung, die ein jeder vom Wert der Lebensmittel hat, unsere Vorstellungen von gesundem Essen und Trinken. In diesen Dingen liegt die Beschränkung. So wie bei unserem Projekt „Kinder der Erde“, wo wir zum Beispiel die Hujialou-Grundschule besuchen, um den Kindern Kurse zur Lebensmittelerziehung zu geben, hegen wir die Hoffnung, dass die Kinder von klein auf lernen, woher unsere Lebensmittel kommen und wie sie hergestellt werden. Ideen dieser Art wollen wir vermitteln. Wenn ein solches Kind dann später erwachsen geworden ist, hat es ein ganz anderes Wissen über Lebensmittel.

Zu unseren Aktivitäten gehört auch eine Ausbildung für Neubauern. Im letzten Jahr haben wir sie bereits das zwölfte Mal durchgeführt. Und mehr als insgesamt 100 neue Landwirte haben unser einwöchiges Training absolviert. Im gerade zu Ende gegangenen Zeitraum waren es ungefähr 25 Personen. Dieser Teil richtete sich hauptsächlich an Erwachsene und war eine Art Training zu neuen Formen der Ernährung und neuen Werten im Leben.

Wir sind sowohl ein ökonomisches System als auch eine große Gemeinschaft.

Kann man mehr Leute in den ökologischen Landbau einbeziehen, indem man gängige Irrtümer unter Bauern berichtigt?
 
Aber natürlich. Die Veränderung der Vorstellungen ist ungeheuer wichtig. Kürzlich hat ein Dozent der Chinesischen Volksuniversität namens Chen Weiping eine Untersuchung durchgeführt, da eigentlich viele Menschen, einschließlich Vertretern aus der Politik, der Meinung sind, dass es wahrscheinlich technologische und andere hemmende Gründe sind, die die Landwirte davon abhalten, ihre Pflanzen auf umweltfreundliche und organische Weise anzubauen. Aber durch seine Untersuchung fand er heraus, dass es in Wirklichkeit immer noch die Vorstellungen sind, die den größten Einfluss ausüben, oder das, was man als System bezeichnet. Der Begriff System bezieht sich auf das informelle System, also auf Ideen, Werte und die Kultur. Deren Auswirkungen sind gewaltig: Viele Bauern glauben beispielsweise, dass sie ohne den Einsatz von Pestiziden und Kunstdünger nicht das Geringste produzieren würden. Andere halten das Modell der Solidarischen Landwirtschaft für absolut undurchführbar. Aber tatsächlich hat keiner all das je ausprobiert. Also nochmal zur Veränderung der Vorstellungen: Das ist genau wie bei unserer Ausbildung für die neuen Bauern, die an sich ebenfalls Ideen verändert. Der neue Bauer, von dem wir sprechen, meint mehr als nur einen jungen Menschen. Die „Neuheit“ soll vielmehr in den Vorstellungen liegen, entsprechend der Neuheit einer nachhaltigeren Anbaumethode gegenüber den nicht nachhaltigen Anbaumethoden der Vergangenheit.
 
Welches sind die Pläne für die Zukunft der Crop-Sharing-Bauernhöfe?

Wir sind sowohl ein ökonomisches System als auch eine große Gemeinschaft. Dieses ökonomische System werden wir bestimmt weiterentwickeln und uns dann von unseren Qualitätsprodukten leiten lassen. Gleichzeitig werden wir auch weiterhin neue Landwirte und den Verkauf ihrer Produkte unterstützen. Auf der anderen Seite steht unsere eigene Gemeinschaft aus Produzenten und Konsumentinnen, einschließlich der neuen und alten Bauern auf ihren Höfen. Hier sollen die Lebensqualität der Gemeinschaft und unsere Arbeitsbedingungen in den Dörfern verbessert werden. Darüber hinaus werden wir durch eine solche Gemeinschaft die politische Transformation noch stärker vorantreiben, sowie einige gesellschaftlich organisierte Aktivitäten, mit denen wir soziale Ideen fördern.

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