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Rückblick
Sci-Fi in China: Eine kurze Geschichte

Screenshot The Synthetic Man 1988
Screenshot The Synthetic Man 1988 | © Changchun Film Studio

Science-Fiction in China wird scheinbar erst seit einigen Jahren von einem Massenpublikum wahrgenommen. Im Zuge der Popularität von Liu Cixins Trisolaris-Romanreihe und der Verbreitung des Science-Fiction-Films Die wandernde Erde begannen immer mehr Menschen Verständnis für Science-Fiction zu entwickeln und entdeckten erst zu diesem Zeitpunkt, dass Science-Fiction in China eigentlich eine bereits über hundertjährige Geschichte besitzt.

Von Yu Lei (宇镭)

Vor Beginn der Neuzeit (Vor 1840)

Die Frage, ob es in Chinas Altertum Science-Fiction gab, war genauso wie die Frage, ob es damals in China Wissenschaften gab, einmal ein kontroverses Thema. In China gibt es eine lange Tradition der Kultur des Fiktionalen. Ob es sich nun um den Klassiker der Berge und Meere (Shanhaijing), den Bericht von absonderlichen Dingen (Bowuzhi) und andere über den kognitiven Bereich der Menschen hinausgehende Schilderungen von astronomischen, geographischen und biologischen Neuigkeiten handelt; oder um Vorstellungen der Kunst mechanischer Apparaturen, die mit dem Buch Liezi einsetzen; oder um ultimative Reflexionen über die Beziehungen zwischen Mensch und Universum im Buch Zhuangzi und anderen Werken; oder um all die daraus abgeleiteten Mythen und Legenden: Jedes Mal fällt es nicht schwer, Entsprechungen zu den Themen zu finden, die sich in der späteren Science-Fiction des Westens finden.

Das Wissenssystem zur Erkenntnis der Welt, das die Menschen in China entwickelten, und das später im Westen entstandene Wissenssystem, das man dort „Wissenschaft” nannte, weisen allerdings erhebliche Unterschiede in der Zielrichtung auf. Wegen des seit Beginn der Neuzeit tiefgreifenden Einflusses des letzteren auf die Welt, wird dieser Unterschied bei Konfrontationen, Zusammenstößen und Fusionen unaufhörlich betont. Daher werden Werke, die gänzlich auf der Kulturtradition des Fiktionalen im antiken China basieren, eher selten zur Science-Fiction gezählt. Aber es wird anerkannt, dass sie im Verlauf der chinesischen Indigenisierung der Science-Fiction eine wichtige kulturelle Ressource darstellte.

Die späte Qing-Dynastie (1840-1911) 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, im Zuge der Bewegung zur Verbreitung westlicher Wissenschaften nach Osten, drang westliche Science-Fiction auf allen möglichen Wegen ins China der späten Qing-Dynastie ein. 1872 druckte die Zeitung Shanghai News (Shen Bao) die Erzählung Rip Van Winkle des amerikanischen Schriftstellers Washington Irving ab, die das früheste in China veröffentlichte Werk westlicher Science-Fiction ist. Bis zu Anfang des 20. Jahrhunderts gelangten durch Übersetzungen aus dem Japanischen noch viele weitere Science-Fiction-Texte nach China, zum Beispiel zahlreiche Werke von Jules Verne. Diese Erzählungen und Romane wurden damals in China als „Wissenschaftsgeschichten” bezeichnet, und mitten in der Begeisterungswelle für das Übersetzen und Lesen solcher Wissenschaftsgeschichten fingen chinesische Autoren damit an, eigene Science-Fiction-Werke zu verfassen.

1904 veröffentlichte ein Schriftsteller namens Huangjiang Diaosou in einer Zeitschrift seinen Roman Die Mondkolonie, der bis heute als das erste nachweisbare Science-Fiction-Werk gilt, das auf chinesischem Boden entstanden ist. In diesem Roman reist der nach Übersee ausgewanderte chinesische Protagonist zusammen mit seinem japanischen Freund in einem Ballon rund um die Welt, auf der Suche nach seiner Ehefrau, die er aus den Augen verloren hat. Zuletzt begibt er sich zu einer Kolonie auf dem Mond. Die Produktion von Wissenschaftsgeschichten aus China wuchs im Verlauf der folgenden fünf bis sechs Jahre explosionsartig an. In dichter Folge erschienen neue Romanwerke und Zeitschriften und erlangten einen weitreichenden gesellschaftlichen Einfluss. Zu den bekannten Werken zählen Xu Nianzis Neue Geschichten von Herrn Prahlhans (1905), Eine neue Geschichte vom Stein (1905) von Wu Jianren, Bao Tianxiaos Chronik vom Untergang der Welt (1908), Elektrische Welt von Gaoyang Bucaizi (1909), Lu Shi'es Das neue China (1910) und viele andere.

Dass Science-Fiction im damaligen China der späten Qing-Dynastie Popularität erlangte, hat zahlreiche Gründe. Viele prominente Persönlichkeiten unterstützen die Wissenschaftsgeschichten. Mit unterschiedlichen Absichten: Der berühmte Schriftsteller Lu Xun zum Beispiel hielt sie wegen ihrer populärwissenschaftlichen Funktion für wichtig und hoffte, das Volk mit ihrer Hilfe auf eine höhere Kultivierungsstufe heben zu können. Der namhafte Politiker Liang Qichao dagegen schätzte die philosophische und soziale Funktion der Wissenschaftsgeschichten und träumte davon, mit ihnen Chinas gesellschaftliche Zukunft zu entwerfen. 

Die Erzählung löste eine breite Welle der Begeisterung für astronomische Beobachtungen aus und gilt als das früheste Science-Fiction-Werk des neuen China.

Die Republikzeit(1911-1949) 

Als die späte Qing-Dynastie zu Ende ging, die Lage mit der Gründung der Republik instabil wurde und Kriegswirren ausbrachen, sank Chinas einheimische Science-Fiction-Produktion - da sich die gesellschaftlichen Hoffnungen der Science-Fiction zerschlagen hatten - auf einen immerhin gleichbleibenden Tiefstand. In dieser Phase waren es von der westlichen Science-Fiction hauptsächlich die Romane von H. G. Wells, die China beeinflussten, sowie US-amerikanische Science-Fiction-Magazine, die sich von den ausländischen Konzessionsgebieten Shanghais und anderer Städte verbreiteten. Zu den zahlreichen Werken des berühmten chinesischen Schriftstellers Lao She zählen auch einige Science-Fiction-Romane, darunter sein dystopischer Roman Die Stadt der Katzen, in dem der Protagonist auf den Mars reist, wo er gefährliche Abenteuer übersteht und auf eine Welt der Katzen stößt. Mit den beschriebenen Schwächen und Fehlern der Katzen spottet Lao She über gesellschaftliche Probleme des damaligen China. Der populärwissenschaftliche Autor Gu Junzheng schuf durch das Studium und die Nachahmung von Science-Fiction-Erzählungen aus amerikanischen Zeitschriften dagegen eine Reihe von Geschichten, die zwar in China spielen, sich aber im Stil stark den kommerziellen Werken der europäischen und amerikanischen Science-Fiction annähern. Ein Beispiel ist seine Erzählungssammlung Unterhalb des Nordpols, mit der er eine gewisse gesellschaftliche Wirkung erzielte.

Die Anfangszeit der Volksrepublik China (1949-1956) 

Aufgrund der Veränderungen des innerstaatlichen Umfelds und des Einflusses der Erwartungen, die die Menschen hinsichtlich der Zukunft des Landes und der Gesellschaft hegten, veränderte sich die Ausgangslage für die Produktion von Science-Fiction nach der Gründung des neuen China enorm. Science-Fiction aus der Sowjetunion und die Werke von Jules Verne wurden in großen Mengen eingeführt und verbreitet, Wissenschaft und Technologie galten als wichtige Bausteine für die zukünftige Verwirklichung des Kommunismus in China, und Science-Fiction wurde in einem gewissen Maß als eine Art Populärwissenschaft verstanden.

1954 veröffentlichte der Astronom und populärwissenschaftliche Autor Zheng Wenguang, dem man später den Ehrentitel „Vater der Science-Fiction des neuen China” gab, in Chinas Jugendzeitung die Geschichte Von der Erde zum Mond. Darin wird erzählt, wie drei Jugendliche, die darauf brennen, den Weltraum zu erforschen, ein Raumschiff stehlen und sich auf den Weg zum Mars machen. Die Erzählung löste eine breite Welle der Begeisterung für astronomische Beobachtungen aus und gilt als das früheste Science-Fiction-Werk des neuen China. Zheng Wenguang veröffentlichte danach noch eine ganze Reihe von überaus populären Romanen über die Erforschung des Weltraums, die seine Position in der Geschichte der chinesischen Science-Fiction begründeten.

Zu den berühmten Science-Fiction-Autoren dieser Zeit gehören außerdem unter anderem Tong Enzheng, Xiao Jianheng, Chi Shuchang, Liu Xingshi. Ihre Werke handeln von internationalen Beziehungen, den Wundern kommender Technologien, Zukunftsperspektiven auf die Gesellschaft, der wissenschaftlichen Erklärung geheimnisvoller einheimischer Legenden und anderen Themen. Die Science-Fiction-Texte dieser Periode sind ausnahmslos Kurzerzählungen. Wenn man sie liest, kann man die Anfangszeit der Gründung des sozialistischen Landes sehr deutlich nachempfinden und die optimistische Haltung spüren, die die Menschen gegenüber der Gesellschaft, der Technik und der Zukunft einnahmen. Nach 1966 kam die Produktion von chinesischer Science-Fiction aus politischen Gründen vorübergehend zum Stillstand.

Das Streben nach pluralistischen Werten, die diese Science-Fiction-Werke vermittelten, ging weit über den Bereich der naturwissenschaftlichen Ausbildung hinaus.

Die 80er Jahre (1976-1989)

Petroproteine, die erste chinesische Science-Fiction-Erzählung nach dem zehnjährigen Chaos der Kulturrevolution, stammt von Ye Yonglie und erschien 1976. Sie markiert den zweiten Höhepunkt chinesischer Science-Fiction auf dem Festland seit der späten Qing-Dynastie. In den folgenden Jahren feierten seine Kurzgeschichte Das Wunder auf dem höchsten Gipfel der Welt, die von der Auferstehung der Dinosaurier erzählt, und der von einem Besuch im China der Zukunft handelnde utopische Roman Ein kleiner Vielwisser spaziert durch die Zukunft gewaltige Erfolge. Das zuletzt genannte Werk erreichte eine Auflage von drei Millionen Exemplaren. Die darin geschilderten Szenen aus dem China des 21. Jahrhunderts wurden in den Herzen junger Menschen zum Idealziel „der Umsetzung der vier Modernisierungen". Den gesellschaftlichen Einfluss, den dieses Buch damals ausübte, kann man auf dem Gebiet der Science-Fiction nur noch mit den Werken Liu Cixins aus den letzten Jahren vergleichen.

Damit einhergehend begannen eine Menge älterer Science-Fiction-Autoren aus der Zeit vor der Kulturrevolution erneut mit dem Schreiben. 1978 erschien in der Mainstream-Literaturzeitschrift Volksliteratur Tong Enzhengs Kurzgeschichte Todesstrahlen auf der Koralleninsel. Darin wird von chinesischen Wissenschaftlern erzählt, die nach ihrer Rückkehr aus dem Ausland auf einer kleinen Insel Forschungen zu neuen Energieformen und Waffen betreiben. Um die Wissenschaft von der Kontrolle durch das Kapital zu befreien, kämpfen sie gleichzeitig gegen Feinde, die im Dienste ausländischen Kapitals auf die Insel geschickt wurden. Die Kurzgeschichte wurde 1980 für den Film adaptiert und kam in die Kinos. Ihre Verfilmung gilt als Meilenstein in der Geschichte des chinesischen Science-Fiction-Films. 1979 wurde Zheng Wenguangs Weltraum-Erkundungsroman Der Flug zum Sternbild des Schützen veröffentlicht, der von drei Studenten handelt, die auf einer Raumschiffexpedition das Sonnensystem durchqueren und dabei einem Schwarzen Loch entkommen. Die technisch stringente Geschichte besitzt einen großartigen Rahmen und behandelt im Hintergrund auch noch das Thema der internationalen Politik und nationaler Schicksale während eines Weltkrieges.
Foto "Death Ray on the Coral Island" © Shanghai Animation Film Studio In dieser Zeit beschränkte sich die nach China eingeführte Science-Fiction-Literatur des Auslands längst nicht mehr auf Werke aus der Sowjetunion. Vielmehr trat die Science-Fiction der englischsprachigen Welt erneut ins Blickfeld der chinesischen Leser. 1980 erschien als erste im neuen China übersetzte Anthologie mit westlichen Science-Fiction-Erzählungen das Buch Das Bermudadreieck und die Ufos. Darin aufgenommen waren zahlreiche berühmte Texte englischer und US-amerikanischer Autoren, einschließlich Isaac Asimov und Arthur Charles Clarke. Eine große Menge junger Schriftsteller wie Wang Xiaoda oder Zheng Yuanjie begann daraufhin nacheinander mit dem Schreiben, und in allen Teilen des Landes entstanden zahlreiche Science-Fiction-Zeitungen und Science-Fiction-Magazine.

Gleichzeitig wurde jedoch der enorme gesellschaftliche Einfluss der Science-Fiction erstmals wachsam verfolgt: Viele Werke sprengten den ursprünglichen Rahmen der Populärwissenschaft und äußerten häufiger Überlegungen zu sozialen und philosophischen Fragen. Ab den späten achtziger Jahren begann man daher, gegen die Science-Fiction-Literatur politisch zu Felde zu ziehen, sodass sie innerhalb von fünf oder sechs Jahren fast gänzlich aus China verschwand.

Die 90er Jahre(1990-1999) 

In den späten 80er Jahren verschwanden zwar nacheinander viele chinesische Zeitschriften und Magazine mit Science-Fiction, aber eine Zeitschrift aus Sichuan namens ''Wissenschaft, Literatur und Kunst'' hatte Glück und überlebte. 1991 nannte sie sich in ''Science Fiction World'' um. Sie nutzte die neue Phase von Chinas Reform- und Öffnungspolitik und beschritt den Weg der Wiederbelebung von Science-Fiction aus China. Innerhalb der folgenden ein bis zwei Jahrzehnte wurde sie zum Synonym für chinesische Science-Fiction.

Über Science Fiction World betrat in dieser Zeit eine Gruppe von völlig neuen Science-Fiction-Autoren die literarische Bühne. Ihre Arbeiten waren vom Stil her jeweils unterschiedlich und trugen eine deutliche persönliche Note. Zu den Autoren, die zum Science-Fiction-Flügel der „Neuen Generation“ wurden, gehören die vier Schriftsteller Liu Cixin, Han Song, Wang Jinkang und He Xi. Sie verfassten eine große Anzahl von Werken, deren Einfluss sehr weit reichte. Bis heute hat ihre Produktivität nicht nachgelassen. Sie repräsentieren das höchste Niveau der gegenwärtigen chinesischen Science-Fiction-Literatur und gelten als ihre "vier Himmelskönige". Zu den Science-Fiction-Autoren der neuen Generation, deren Debüt in diesen Zeitabschnitt fällt, gehören außerdem Xing He, Yang Ping, Liu Wenyang, Ling Chen, Zhao Haihong, Pan Haitian und andere.

Im selben Zeitraum umkreiste Science Fiction World als Zielgruppe die jugendliche Subkultur, vor allem Mittelschüler. Sie bildete Autoren- und Lesergemeinschaften heran, machte Science-Fiction populär, indem sie starkes Gewicht auf die naturwissenschaftliche Ausbildung im China der neuen Epoche legte, und veröffentlichte große Mengen von Science-Fiction-Werken aus dem Ausland. Das Streben nach pluralistischen Werten, die diese Science-Fiction-Werke vermittelten, ging weit über den Bereich der naturwissenschaftlichen Ausbildung hinaus. In dieser Zeit gelang es der Science-Fiction-Literatur noch nicht, in das Blickfeld der Mainstream-Kultur zu treten, sondern sie war nur eine Genreliteratur für einen kleinen Leserkreis. Aber sie hatte bereits die Saat für die Massenbeliebtheit von Science-Fiction ausgestreut, die zehn bis zwanzig Jahre später folgen sollte.

Im Jahr 1999 bestand das Aufsatzthema der nationalen Hochschulaufnahmeprüfung aus einem Stoff der Science-Fiction: Wenn man Gedächtnis transplantieren könnte... Dies rückte Science-Fiction-Themen in den Fokus landesweiter Aufmerksamkeit. Die monatliche Absatzmenge von Science Fiction World erreichte 400.000 Exemplare, und das Magazin wurde zur auflagenstärksten Science-Fiction-Zeitschrift weltweit. Zu den Kandidaten, die in diesem Jahr die Hochschulaufnahmeprüfung ablegten, gehörten unter anderem Guo Fan, der spätere Regisseur des Films Die wandernde Erde, und dessen Produzent Gong Ge'er.

Die wandernde Erde „Die wandernde Erde“ © China Film Company Limited Zu Anfang des 21. Jahrhunderts(1999-2010) 

Das am Ende des 20. Jahrhunderts gestellte Aufsatzthema der Hochschulaufnahmeprüfung brachte viele junge Autoren und Leserinnen dazu, die Welt der Science-Fiction zu betreten. Mit dem Übergang Chinas ins Internet-Zeitalter entstanden wenige Jahre später in allen großen Städten des Landes zahllose Science-Fiction-Vereinigungen und Online-Foren, und es bildete sich eine mit markanten Eigenheiten ausgestattete von Jugendlichen gebildete Kulturgruppe heraus. Langsam kam eine Anzahl von noch jüngeren, um die 1980er Jahre herum geborenen Science-Fiction-Autoren zum Vorschein. Zu diesen Autoren gehören Chen Yifan, Hao Jingfang, Xia Wei, Jiang Bo, Chi Hui, Fei Fei, Chang Hao und andere. Ihre frühesten Werke erschienen ebenfalls in Science Fiction World, aber ihr Einfluss begann sich bereits auf Gruppen und Plattformen anderer kultureller Bereiche auszudehnen. Die Arbeiten dieser Schriftsteller haben sowohl eine noch stärkere individuelle Färbung als auch einen noch zeittypischeren Charakter, und sie trugen zahlreiche literarische Genres und Erzähltechniken von außerhalb des Science-Fiction-Bereichs in die Science-Fiction hinein. Dennoch ist die momentan führende Persönlichkeit der chinesischen Science-Fiction nach wie vor Liu Cixin, der vor der Jahrtausendwende mit dem Schreiben von Science-Fiction begonnen hat. Ab 2006 wurden die ersten Fortsetzungen seines Opus Magnus, des Romans Die drei Sonnen, in Science Fiction World veröffentlicht.

Zur selben Zeit gab es neben Science Fiction World auch noch viele andere Science-Fiction-Publikationsplattformen wie Kyushu Fantasy, Global Science Fiction Exhibition und Science Fiction King. Und nacheinander fingen zahlreiche außerhalb des Science-Fiction-Bereichs angesiedelte literarische Zeitschriften ebenfalls damit an, Science-Fiction zu veröffentlichen. Aber die Publikation von Science-Fiction sowie der Hauptaustragungsort von Debatten verlagerte sich bereits langsam auf Online-Foren und elektronische Magazine, während viele Fans sogar begannen, Experimente mit Science-Fiction-Filmen zu machen.

In den letzten Jahren(2010-) 

Um das Jahr 2010 herum veränderte sich das Umfeld der chinesischen Science-Fiction noch einmal erheblich. Zum einen ist Science Fiction World mit der gewachsenen Zahl von Publikationsplattformen nicht länger das einzige Synonym für chinesische Science-Fiction; zur Bündelung der Stärken der Science-Fiction wurde der Nebula Award der Vereinigung für chinesischsprachige Science-Fiction ins Leben gerufen, und einmal im Jahr wird eine Konferenz zu chinesischer Science-Fiction abgehalten, um über die innerhalb eines Jahres erschienenen Science-Fiction-Werke in chinesischer Sprache Bilanz zu ziehen. Zum anderen begann sich Liu Cixins Trisolaris-Romanreihe im Zuge der Popularität neuer Webtools wie dem Mikroblogging-Dienst Weibo oder dem mobilen Internet in großem Umfang zu verbreiten und zog die Aufmerksamkeit eines Massenpublikums auf Science-Fiction. Diese Aufmerksamkeit erreichte mit der Verleihung des Hugo Awards für Die drei Sonnen einen Höhepunkt.

Die Popularität von Science-Fiction fällt genau mit dem in den letzten Jahren entstandenen Aufschwung bei der Vermarktung kultureller Produkte in China zusammen. Es begannen große Mengen an Kapital in den Science-Fiction-Markt zu fließen, einige Managementunternehmen für Science-Fiction wurden gegründet und zahlreiche Manuskript-Wettbewerbe zu Science-Fiction-Themen veranstaltet. Nach und nach wurden erste akademische Forschungsarbeiten zu Science-Fiction veröffentlicht, und auch der Austausch zwischen Chinas Science-Fiction-Szene und dem Ausland intensivierte sich. Während noch jüngere Science-Fiction-Autoren zum ersten Mal ihre Talente zeigten, fingen zahlreiche andere Schriftsteller damit an, das Management ihrer Werke und die Honorarverhandlungen durch Vertragsschließungen in die Hände von Science-Fiction-Kulturunternehmen zu legen. Die Produktion von bereits für den Film adaptierten Science-Fiction-Geschichten wurden auf die Tagesordnung gesetzt und es wurden Diskussionen über das „Jahr eins des chinesischen Science-Fiction-Films“ geführt, das 2019 mit der Premiere des Films Die wandernde Erde Realität wurde.

Welche Richtung Chinas Science-Fiction nun einschlagen wird, bleibt abzuwarten.

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