Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Kurzgeschichte
Der Mann, der die Zeit erhellte (Teil 2)

„Weißt du was? Die Lebensdauer dieser Radioisotop-Batterie beträgt 280 Jahre, doch nun ist sie schon 320 Jahre in Gebrauch. Sie kann jederzeit stillstehen.“

Von Wanxiang Fengnian (万象峰年)

Einige Jahre später wurde der Leuchtenträger beim Erproben eines Testgerätes schwer verletzt. Langsam rann das Blut auf den Boden unter der Leuchte; der Deckel war zersplittert und die Stücke lagen glitzernd in der Blutlache. Eine vor Erregung zitternde Hand hielt die Leuchte hoch, die Füße traten auf die Blutlache und ließen eine lange Spur zurück.

Die Hand vermochte die Leuchte nicht mehr lange zu halten.

Die beschädigte Leuchte gab im Kerzenlicht einen schwachen Schimmer von sich. Wang Chulin erwachte in einem düsteren Zimmer.

Der robuste Mann saß am Bettrand und betrachtete sie mit feierlichem Ernst.

„Dieses Zimmer ist nicht schlecht“, sagte der Mann. „Die andere ist gestorben. Du hast Glück.“

Wang Chulin wusste, dass ihn alle „Papa“ nannten. Nun erinnerte sie sich, wie sie geweckt und mit einer Pistole am Kopf hierher geführt worden war. Es war der Bunker dieses Mannes. Und der Leuchtenträger?

„Hast du Hunger?“ Der Mann legte seine Hand auf die ihre.

Wie von einer Wespe gestochen zog Wang ihre Hand weg und brüllte: „Geh raus!“

Der Mann hob die Hände hoch. „Kein Problem, ich gehe schon.“ Er hielt die Leuchte vors Gesicht und nahm sie mit. Entsetzt sah Wang, wie die Leuchte sich entfernte.

Im nächsten Augenblick war der Mann wieder im Zimmer.

„Wie lange war das?“, fragte Wang.

„Lass mich überlegen – zwei Tage? Drei Tage? Ein Monat? Ist das denn wichtig?“ Der Mann betrachtete sie mit einem vielsagenden Blick. „Hauptsache ich bin wieder da.“

„Gib mir zu essen.“ Diesmal war es Wang Chulin, die davon sprach.

Der Mann ging hinaus, erschien dann wieder, reckte den Kopf und fragte: „Was wolltest du neulich?“

Wang mochte ihm gar keine Antwort geben. Doch sie schluckte den Ärger und sagte: „Gib mir zu essen.“

Der Mann ging wieder hinaus, und als er zurückkam, brachte er eine Schale Reisbrei. Er fütterte ihr den Brei mit dem Löffel.

Dann rieb er sich die Hände, hielt die Leuchte hoch und sagte: „Ich vermute, du weißt, wie man dieses Ding instand hält.“

Wang Chulin ließ sich Werkzeug bringen und nahm die Leuchte auseinander. Teil für Teil überprüfte sie eingehend. Die Leitung war schwer oxidiert. Als sie den Zeitmesser ablas, sog sie entsetzt Luft ein. Er zeigte an, dass der Zeitgenerator bereits 324 Jahre und 6 Monate in Betrieb war.

„Woher kommt diese Leuchte?“, fragte sie.

„Keine Ahnung.“ Der Mann zuckte mit den Schultern. „Ein Kollege hat mich geweckt und gesagt, dass er diese Leuchte gefunden habe. Er hatte nicht im Sinn, sie mir zu geben. Da hab ich sie halt einfach mitgenommen.“

Wang streichelte über das verkratzte Gehäuse. „Weißt du was? Die Lebensdauer dieser Radioisotop-Batterie beträgt 280 Jahre, doch nun ist sie schon 320 Jahre in Gebrauch. Sie kann jederzeit stillstehen.“

Der Mann griff nach der Leuchte und inspizierte sie. „Erzähl mir bloß nicht, dass du mich veräppeln willst.“

„Das ist die einzige Zeit, die die Menschheit noch hat!“ Wangs Stimme zitterte.

„Wer ist die Menschheit?“ Der Mann wog die Leuchte in der Hand, dann hielt er sie Wangs ans Gesicht.

„Du – du musst sie flicken.“

Im Bunker mangelte es an allem. Manchmal ließ der Mann jemanden Testgeräte bringen, doch er erlaubte Wang nicht hinauszugehen. Auf die meisten ihrer Forderungen ging er nicht ein. Nach dem, was Wang bei ein paar Rundgängen im Bunker erfahren hatte, hielt sich „Papa“ hier an die fünfzig Menschen. Jeder war in ein eigenes Zimmer gesperrt. Die Reparatur des Zeitgenerators ging sehr langsam vor sich. Für jedes Teil, das ausgewechselt werden musste, war ein Aufwand notwendig, als wäre es darum gegangen, den Mond zu besteigen.

„Weißt du, wie viel Zeit ich dir schon gegeben habe?“, fragte der Mann an ihrem Ohr.

Wang wich aus. „Es reicht noch nicht. Ich sehe ja, dass die Zeit auf dem Zähler viel schneller vorangeht als meine Zeit.“ Bei diesen Worten fühlte sie eine Verzweiflung aufsteigen.

„Auch Geduld besteht aus Zeit“, meinte der Mann lächelnd.

Wang Chulin schwieg.

„Ich erzähl dir mal, wie ich diese Zeiten verbringe“, meinte der Mann nun. „Immer wenn ich die Frauen satt habe, gehe ich alleine auf Reisen, mit dem Auto. Wenn eins kaputt ist, nehme ich einfach ein anderes. Ich war an Orten, wo es die schönsten Landschaften gibt. Bin mit dem Auto unten an einen Wasserfall gefahren und habe mir die schäumenden Wasserspritzer angeschaut. Ich habe die entferntesten Gegenden des Kontinents besucht, habe in der ewigen Nacht draußen das Universum gesehen. Das ist zwar schon tot, aber immer noch schön. Manchmal wecke ich ein paar Menschen auf, habe alle möglichen Reaktionen auf die Leuchte erlebt, das ist nichts Neues mehr. Allerdings...“ Der Mann neigte sich wieder näher zu ihr. „Ich möchte dich gern mitnehmen.“

Wang begann zu schluchzen. Unzählige Universen strömten in der Zeit hervor, nahmen alle möglichen geometrischen Formen an, verschlingend, einrollend, heulend.

Wang Chulin hätte nie gedacht, dass sie ein Kind kriegen würde. Als es zur Welt kam, war ihr wie einer Ertrinkenden, die wieder den Himmel über dem Wasser sieht. Es war ein Mädchen, das dem Vater ähnlich sah, und auch der Mutter.

Es war nicht das einzige Kind im Bunker. Alle Kinder waren im selben Raum und wurden zur selben Zeit gefüttert. Über die Frage, wie die Kinder aufgezogen werden sollten, lag Wang ständig im Streit mit dem Mann. Und die Zeit, die sie erhielt, wurde immer weniger. Wenn die Kinder an die vier, fünf Jahre alt waren, begannen sich Unterschiede abzuzeichnen.

Schwächeren, einfältigen oder sonderbaren Kindern wurde das Recht zum Aufwachsen entzogen. Sie wurden in ein Zimmer gebracht, das „leeres Zimmer“ genannt wurde und vollgestopft war mit Kindern. Die Neuen wurden in die Menge hineingezwängt, dann ging der Mann weg und schloss die Tür. Weil die Zeit der Kinder so kurz war, konnte nicht einmal der Schrecken von ihren Gesichtern weichen. Sie sahen nur, wie die Tür unaufhörlich geöffnet und geschlossen wurde, so dass das Licht wie hinter einem Flügelrad flackerte, während fortwährend Kinder hereinströmten, immer weiter, ohne Ende.

Als Wang Chulins Tochter in das „leere Zimmer“ gebracht wurde, stürzte Wang ihr wie von Sinnen nach, und da erblickte sie, wie es drinnen aussah.

„Lass sie heraus, gib mir Zeit, sie aufzuziehen, sonst gibt es niemals eine neue Batterie für deine Leuchte!“

Das Gesicht des Mannes verfinsterte sich; er hielt Wang eine Pistole an die Stirn. „Ich hoffe, ich habe mich eben verhört.“

Wang lachte auf. „Bring mich doch um, dann geht diese Zeit gleich mit zugrunde!“

Der Mann ließ die Pistole fallen und ging. Als er das nächste Mal zurückkam, war auf dem Zeitmesser der Leuchte abermals ein Jahr um.

Wang Chulin erstritt sich das Sorgerecht für ihre Tochter; bisweilen erhielten sie sogar Zeit für sich. Die Tochter wuchs auf und erwies sich als höchst begabt. Bald hatte sie alle Bücher gelesen, die im Bunker zu finden waren. Manchmal half sie der Mutter bei der Forschungsarbeit. Der Mann sah bei jeder Begegnung älter aus, allmählich fielen ihm Haare und Zähne aus.

Als die Tochter sieben wurde, erschien der Mann blutüberströmt. Er hatte gerade einen Aufstand niedergeschlagen und lag in den letzten Zügen. Mit blutigem Schaum vor dem Mund betrachtete er Wang Chulin und ihre Tochter, dann stieß er hervor: „Ihr habt recht. Die Zeit kann vieles verändern...“ Er reichte ihnen die Leuchte. „Nehmt sie, bevor ich gestorben bin, und geht weg.“

Wang nahm die Leuchte an sich, dann sahen sie und ihre Tochter den Mann schweigend an, bis er seinen letzten Atemzug getan hatte.

Wang bezog mit ihrer Tochter die Holzhütte am Stadtrand. Sie suchte weitere Bücher für sie, feierte ihre Geburtstage, reiste mit ihr in menschenleere Gegenden, wo sie sich Schritt für Schritt durch die Welt tasteten, wie sie einst gewesen war. Auch alle Museen besuchten sie.

Mit der Batterie ging es immer noch nicht vorwärts. Wang Chulin bemerkte, dass der Zeitmesser bereits mehrere Stromunterbrüche verzeichnete und stellte sich darauf ein, dass sie irgendwann nicht mehr aus dem Schlaf erwachen würde, oder irgendwann mit offenen Augen die Ewigkeit erblicken würde.

Kurz nach dem vierzehnten Geburtstag ihrer Tochter erlitt sie eine Blutung, die nicht mehr aufhörte. Sie rief die Tochter, übergab ihr alle zur Forschung nötigen Hilfsmittel, dann gab sie ihr die Leuchte und ermahnte sie: „Geh und suche den Leuchtenträger, falls er noch am Leben ist. Er ist vermutlich die letzte Hoffnung der Menschheit.“

Die Tochter begann verzweifelt zu schluchzen.

Wang streichelte ihr Gesicht, dann lächelte sie. „Geh nur. Er ist vielleicht nicht so vollkommen, wie du dir vorstellst. Aber gib ihm bitte Zeit.“

Der Leuchtenträger erwachte auf einem schneeweißen Bett. Vor ihm stand eine junge Frau um die zwanzig.

War denn die Zeit wieder intakt? Ein Schrecken durchzuckte ihn. Angestrengt hob er den Kopf und sah die neben ihm abgestellte Leuchte. Das war zwar keine allzu gute Lage, aber es war doch nicht allzu schlecht.

Die junge Frau erklärte dem Leuchtenträger, wie es um die Sache stand.

„Ich habe mir im Selbststudium fünf Jahre lang medizinisches Wissen angeeignet. Meine Mama konnte ich nicht retten, dafür habe ich dich zum Leben erweckt.“ In ihrer Stimme lag ein leiser Vorwurf, auch eine leichte Hoffnung.

Der Leuchtenträger ließ den Blick auf der jungen Frau weilen, staunend über dieses Meisterwerk der Zeit. Ihm schien, dass sie die Zeit viel besser verstehen müsse als er. Anschließend bemühte er sich aufzustehen. Er wollte keinen Augenblick verlieren.

Sie nahmen das Forschungsprojekt wieder in Angriff und brachten ausreichend Geduld dafür auf. Viel Zeit wurde dafür ausgegeben, in Erwartung, dass sie neu erblühen würde. Jemand kümmerte sich nun um den Hof des Instituts, Moos und frisches Gras begannen zu wachsen. Später brachten sie für das Projekt gar fünf, sechs Leute zusammen. Wenn die Zeit durch den menschlichen Körper fließt, hinterlässt sie ihre Spuren. Diese Spuren sind unsichtbar, und doch sind sie heftiger als die höchsten Berge und die größten Meere.

Der Leuchtenträger tauchte wieder auf. Plötzlich war er um vieles älter und hatte erschreckende Narben im Gesicht.

„Was ist denn passiert?“, fragte der Häftling.

„Das ist nicht in einem Satz gesagt. Eins nach dem andern.“

Einmal fragte er den Häftling: „Wie ist für dich die Zeit?“

„Manchmal ist sie da, manchmal nicht.“

„Und jetzt?“

„Ist sie da.“

„Bist du mir böse, dass ich dir Zeit gebe und damit auch Leid?“

Der Häftling lächelte. „Wozu sollte ich dir böse sein. Du leistest mir ja immer Gesellschaft; hier ist es viel besser als im Gefängnis. In jenem vollautomatisierten Gefängnis habe ich nie einen lebenden Menschen zu Gesicht bekommen. Dort existiert die Zeit nicht.“

„Ich habe dir also nicht genügend Leid gegeben?“

„Was du mir gegeben hast, ist eine Strafe. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, aber es ist tatsächlich etwas anderes. Ich habe mich längst gewöhnt, es zu nehmen wie es kommt, dort in jenem weißen Gefängnis, nachdem mein Stamm aus den Bergen vertrieben worden war.“ Er stockte. „Ich hätte nie gedacht, dass ich Zeit erhalten würde.“

Beim nächsten Mal brachte der Leuchtenträger Bier mit.

Manchmal war auch die junge Frau dabei, und sie sprachen über die Welt da draußen und über den Fortgang ihrer Forschungsarbeit. Weil es nur einen einzigen Zeitgenerator gab, ging die Arbeit langsam voran, doch immerhin schon viel schneller als zuvor.

Bei einem Mal bat der Häftling den Leuchtenträger um Entschuldigung.

Und ein anderes Mal war es schließlich so weit, dass der Leuchtenträger zum Häftling sagte: „Deine Strafzeit ist um.“

Zu jener Zeit war der Häftling einundvierzig Jahre alt, die Frau vierundvierzig, und der Leuchtenträger schon vierundachtzig.

Der Leuchtenträger kam ins Krankenhaus, zum Bett, auf dem seine Exfrau lag. Innerlich nannte er sie immer noch seine Frau. Der verbleibende Strom auf dem EKG-Monitor zeigte eine Welle und erlosch.

Seine Frau öffnete leicht die Augen und erkannte den Mann vor ihr. „Wie kommt es... dass du so alt geworden bist?“

„Nein, nein, du siehst nur nicht klar.“ Sein Blick verschwamm in Tränen. „Ich komme vom Labor. Der Gewehrschütze ist bereits im Gefängnis, ich werde ihn das abbüßen lassen. Sobald es dir wieder gut geht, lass uns doch wieder heiraten. Wenn irgendwas ist, gibt es halt Streit. Wir haben ja ein ganzes Leben lang Zeit zum Streiten.“

„Ja, gut...“, sagte seine Frau schwach, und mit dem Finger strich sie dem Leuchtenträger eine Träne weg.

Seine Frau sah aus, als ob sie schlafen würde. Die Abendsonne schien auf ihr Gesicht.

Halb zu seiner Frau, halb zum Häftling und der jungen Frau gewandt, oder auch nur zu sich selbst, murmelte der Leuchtenträger: „Es gibt so wenig Zeit. Doch wir sind alle Lebewesen, die in der Zeit leben!“

Die flickenübersäte Leuchte wechselte von einer zerfurchten Hand hinüber zu einer Hand voller Hornhaut und einer feingliedrigen, geschwärzten Hand.

Im Zimmer standen nun der Leuchtenträger, der schon nicht mehr Leuchtenträger war, der Häftling, der kein Häftling mehr war, und die junge Frau, die nicht mehr jung war. Ersterer sprach zu den beiden anderen: „Ihr sollt gut zueinander schauen. Geht und sucht nach einem Menschen, der es verdient, Zeit zu erhalten.“

Der Leuchtenträger legte sich auf das Krankenbett und schmiegte sich an seine Frau. Während die beiden Silhouetten am Rand des Raumes verschwanden, wusste er nicht, ob es noch eine nächste Sekunde geben würde. Er blickte in die Abendsonne, darauf hoffend, dass sie im nächsten Augenblick unterging. Er würde den Tod empfangen, und der Welt würde die Zeit wiedergegeben.

Zurück zu Teil 1

Top