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Zurück in die Zukunft
Jeff Mills – Preview (1999) – Glen21

Schallplatte
© Axis Records

Der Techno-Pionier Jeff Mills versucht seit Jahrzehnten mit seiner Musik zukünftige Möglichkeitsräume zu erkunden. Auf seiner Platte Preview aus dem Jahr 1999 befindet sich auf der B-Seite ein Interview mit Glen, damals 21, der von Andrea zur Welt von morgen befragt wird. ''Morgen ist der perfekte Anlass, um weiterzumachen'', steht auf dem Label der Schallplatte, und nur 20 Jahre später scheinen einige von Glens Zukunftsvisionen schon längst Realität zu sein.

Von Jeff Mills, Glen, Andrea

TW-01   Glen: Wie das Leben in fünf Jahren sein wird? Zunächst einmal wird die Bevölkerung gewachsen sein, zumindest ein bisschen, und die Umweltverschmutzung wird zunehmen. Aber sonst wahrscheinlich nicht allzu anders.

Andrea: Und in sieben Jahren?

G: Vermutlich wird es noch ein paar mehr Menschen geben und die Umwelt wird noch verschmutzter sein als in fünf Jahren.

A: Und in zehn Jahren?

G: Ich glaube, in zehn Jahren wird man die Veränderung sehen – die Ästhetik wird sich gewandelt haben.

A: Denn dann ist ja schon 2010.

G: Ja, Gegenstände werden eine andere Form haben. Aber ich denke, das Leben selbst wird sich in zehn Jahren nicht dramatisch verändert haben.

A: In 20?

G: In 20 Jahren wird sich wohl der Einsatz der Technik gewandelt haben. Die Art, wie wir miteinander kommunizieren, wird in 20 Jahren eine völlig andere sein.

A: Und fünf Jahre danach, also in 25 Jahren?

G: Ja, dann wird die Technik wahrscheinlich ziemlich abgefahren sein. Ich glaube, dass wir vielleicht auf eine Weise miteinander kommunizieren werden, die noch gar nicht entwickelt worden ist. Den Hauptunterschied wird wohl der Informationsbereich ausmachen und wie Informationen verbreitet werden. Womöglich wird es bis dahin eine Form der non-verbalen Kommunikation geben.

A: Wenn du 25 Jahre zurückschaust, glaubst du dann, dass sich das Leben inzwischen so stark geändert hat, dass in 25 Jahren wieder ein deutlicher Sprung spürbar sein wird?

G: Der wird noch größer sein. Meiner Meinung nach leben wir in einer immer schnelllebigeren Kultur. Die Geschwindigkeit, mit der ein Wandel stattfindet, wird immer höher. Der Unterschied zwischen heute und in 25 Jahren wird viel krasser sein als der Unterschied zwischen heute im Vergleich zu vor 25 Jahren.

A: Droht uns nach 2000 eine Apokalypse?

G: Nein, 2000 ist nur eine Zahl, die wir festgelegt haben, sie hat keine Bedeutung. Es ist nur eine schöne runde Zahl, die man prima feiern kann.

A: Okay, und in 35 Jahren?

G: In 35 Jahren?

A: Zehn Jahre nach der Beschleunigung von 2025.

G: Das weiß ich nicht. Mich wird es dann wohl noch geben. Vielleicht wird es dann langsam brenzlig. 35 Jahre reichen für ein starkes Bevölkerungswachstum.

A: Nun gut, und wie wird sich das Leben auf der Erde in 50 Jahren gestalten, also 2050?

G: 2050?

A: Dann bist du um die 70.

G: Dann bin ich alt! Ich werde um die 70 sein. Na ja, ich hoffe, dass es schön und ruhig wird, aber ich glaube nicht daran. Keine Ahnung, die Leute werden dann wahrscheinlich ziemlich heftige Musik hören. Mich würde mal interessieren, was die Jugend hört, wenn ich 70 bin. Was für ein Gedanke!  Die Musik unserer Großeltern klingt so spießig. Ich möchte einfach mal wissen, wozu die Jugend tanzt, wenn ich 70 bin. Das wird bestimmt lustig. Ich weiß nicht, ich habe das Gefühl, dass es schneller sein wird, ich denke, das Leben wird weniger natürlich sein, wir werden uns immer weiter von der Natur entfernen, wir werden entfremdeter von der Natur leben, vermutlich immer weniger natürliche Nahrung zu uns nehmen und immer mehr industriell verarbeitete Lebensmittel essen, wir werden vermutlich Anbauflächen einsparen müssen, alles wird drinnen und als Hydrokultur gezüchtet werden, so etwas in der Art, keine Felder mehr, alles wird mit Gebäuden zugepflastert sein. Und die Autos werden schnell sein. Wenn wir noch Autos fahren dürfen, werden sie in 70 Jahren schnell sein. Vor 70 Jahren waren Autos noch ganz schön langsam. In 70 Jahren werden die richtig unterwegs sein. Das wird spannend! Keine Ahnung.

A: Und was ist in hundert Jahren?

G: In hundert Jahren?

A: Denkst du, für die Menschen heute wäre die Welt dann noch wiedererkennbar?

G: Würden wir sie noch erkennen? Ich glaube, dann gibt es keine einzelnen Städte mehr, dann ist alles nur noch eine einzige, riesige Metropole. Womöglich fangen wir in hundert Jahren auch an, die Menschen auf andere Planeten umzusiedeln, weißt du? Vielleicht ist es uns bis dahin gelungen, andere Teile des Sonnensystems zu besiedeln. Und einige werden vielleicht umgesiedelt, ob sie nun wollen oder nicht, keine Ahnung. Möglicherweise gibt es dann anstelle von reichen und armen Stadtvierteln reiche und arme Planeten. Und nur die Superreichen können es sich leisten, noch auf der Erde zu wohnen. Oder die Reichen wollen die Erde so schnell wie möglich verlassen, weil sie so verschmutzt und abgefuckt und so ist. Ich weiß es nicht, aber das wäre interessant. Ich glaube, in hundert Jahren geschieht alles sehr schnell. Wenn das Bevölkerungswachstum anhält, werden wir in hundert Jahren tatsächlich zu anderen Brennstoffen greifen müssen. Wir können nicht unbegrenzt fossile Brennstoffe verheizen, ich meine, bis dahin sind die Ressourcen ausgeschöpft. Ich weiß nicht, wahrscheinlich wird man sehr viel mehr Elektrizität nutzen, und wir werden neue Technologien zur Stromerzeugung erdacht haben. Ja, ich glaube, viel mehr wird strombetrieben sein. Statt Energie aus fossilen Brennstoffen zu gewinnen, werden wir neue Arten der Stromerzeugung entwickeln. Und alles wird von Strom angetrieben, die Verkehrsmittel, die Unterhaltungstechnik, alles.

A: Wie wird die Unterhaltungstechnik sein?

G: Absolut personalisiert, interaktiv. Die Unterhaltungstechnik wird zunehmend interaktiv, die Menschen wollen immer mehr Kontrolle darüber. Anfangs konnte man nur Ton und Bild besser regulieren und zwischen mehr Fernsehkanälen auswählen. Ich glaube, nun wird die Technik auf alle Sinne ausgeweitet, man wird sich direkt einstöpseln können, verstehst du? Statt nur Bilder zu sehen und Töne zu hören, wird man in der Lage sein tatsächlich Emotionen und Gefühle zu übertragen und es wird …. Man wird sich direkt anschließen können, ein Headset aufsetzen und …

A: Aber das ist ja heute fast schon möglich, also in hundert Jahren …

G: Ja! In hundert Jahren wird es, glaube ich, ganz normal sein, sich ein Headset aufzusetzen und dem Alltag zu entkommen, weißt du? Die virtuelle Realität wird … Die virtuelle Realität gibt es heute ja eigentlich nicht, es ist eine schöne Vorstellung, über die Science-Fiction-Fans schreiben, aber es handelt sich nicht wirklich um virtuelle Realität. Es sind nur zwei kleine Displays, die man sich am Kopf befestigt. Es wird erst virtuelle Realität sein, wenn Gerüche und Emotionen elektronisch im Gehirn getriggert werden können, von außen getriggert. Man kann sich einfach einstöpseln und spüren, was ein anderer erlebt hat; es wird möglich sein, Empfindungen und Gefühle elektrisch aufzuzeichnen.

A: Das ist eine schöne Idee!

G: Kann schon sein. Aber glaubst du nicht, dass man damit einfach nur eine Art… Die Leute werden sich daran gewöhnen, in diesen künstlichen Welten zu leben. Sich einfach anzuschließen und allem zu entfliehen, das wird die ultimative Droge sein.

A: Und in 500 Jahren?

G: Wer weiß das schon? Ich meine, wenn man einmal 500 Jahre zurückschaut, wenn man jemanden aus der Zeit von vor 500 Jahren in die Gegenwart beamen würde, würde er sich hier überhaupt nicht zurechtfinden. In den letzten 500 Jahren ist die Kultur schnelllebiger geworden. Wenn man also einen Blick 500 Jahre nach vorn wirft, wird sie so kurzlebig sein, dass … wer weiß … Ich meine, es ist schwierig, da eine Vorhersage zu treffen. Ich glaube, die Menschen werden sich vielleicht beinah schon auf telepathischem Niveau verständigen. Ich denke, die Kommunikation wird sich wandeln, ob nun technisch gestützt oder nicht. Womöglich werden die Menschen telepathisch mithilfe eines elektronischen Hilfsmittels kommunizieren, eine Art Verstärker, der die Hirnströme liest und sie in das Gehirn eines anderen überträgt. Das ist in 500 Jahren bestimmt machbar. Und wenn das passiert, wenn man genügend Menschen miteinander verschaltet, dann reden wir von einem Superbewusstsein, dann handeln die Menschen als mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile.

A: Ist das etwas Gutes oder Schlechtes?

G: Wer weiß? Wer weiß denn schon, was in 500 Jahren passiert? Wenn es uns in 500 Jahren noch gibt. Ich hoffe nur, wir sind vernünftig genug, um gut auf uns aufzupassen. Aber wenn sich die Kommunikation so schnell weiterentwickelt, wie ich glaube, dann werden wir als Menschen in 500 Jahren fast schon unser eigener Gott werden. Wir werden ultra intelligent sein, weil wir in der Lage sind, jeden einzelnen menschlichen Verstand an einen Supercomputer anzuschließen. Das wird das ultimative neuronale Netzwerk sein. Vergiss das Internet, da vernetzt man nur seinen Computer. Wenn man sein Gehirn an das Internet anschließen kann, was erreicht man dann? Man hat ein riesiges menschliches Gehirn geschaffen! Man hat ein allmächtiges Superwesen geschaffen, fast so, als ob man überall auf dem Planeten allgegenwärtig wäre. Wie Gaia oder so, ein lebendiges Wesen. Keine Ahnung, 500 Jahre sind …  Ich denke, dann wird es auf der Welt kaum einen der Bodenschätze mehr geben, den wir zum Überleben brauchen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir in der Lage sein werden … Nachdem wir alles recycelt haben, werden wir alles aus dem Boden ausgegraben haben, was wir nur können. Also wenn wir nicht das Magma anzapfen, um daraus Rohstoffe zu gewinnen, werden wir uns wohl im Weltraum nach Bodenschätzen umsehen müssen. Wir werden auf anderen Planeten Anlagen errichten, um die benötigten Ressourcen zu gewinnen. Ich bin mir sicher, dass so etwas passiert, wir werden andere Planeten urbar machen. Aber man kann nicht Millionen Tonnen Aluminium in den Weltraum bringen. Also werden wir es im Weltraum abbauen und produzieren. Alles wird sich in 500 Jahren von der Erde ins Weltall verlagern.

TW-01  

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