Lenbachhaus Mehr Platz, mehr Kunst

Matthias Mühling
Matthias Mühling | Foto (Ausschnitt): © Lenbachhaus

2013 wurde das Lenbachhaus in München nach langer Restaurierungsphase mit einem Erweiterungsbau des Architekturbüros Foster + Partners wiedereröffnet. Goethe.de sprach mit dem designierten Direktor Matthias Mühling über die bewegte Geschichte des Museums, Beuys und Fußböden – und darüber, was Museen von Brechts „Dreigroschenoper“ lernen können.

Herr Mühling, 1929 eröffnete die Städtische Galerie im Lenbachhaus. Was war wichtig in den ersten acht Jahrzehnten?

Oft sind Museen ja Gründungen, die auf aristokratische Sammlungen zurückgehen und irgendwann später öffentlich zugänglich gemacht wurden. Das Lenbachhaus ist anders, weil es gleich als Museum gegründet wurde, das Kunst aus München beherbergen sollte. Damit war es von Anfang an sehr wichtig für die Stadt.

Durch die große Schenkung von Gabriele Münter im Jahr 1957 begann eine neue Phase: Da wurde das Lenbachhaus zu einem Museum, das durch den Blauen Reiter eine enorme internationale Bedeutung bekam. 1972 wurde das Museum für die vielen internationalen Gäste während der Olympischen Spiele durch einen Anbau erweitert und gewann dadurch noch mehr an Renommee.

Und dann gab es den Einschnitt mit dem Ankauf der Installation Zeige deine Wunde von Joseph Beuys im Jahr 1979, mit dem wir uns stark um Kunst von internationalem Ruf erweitert haben. In den Siebzigerjahren beginnen meiner Meinung nach die interessantesten Jahre des Museums.

Museum ohne Bildungsschranken

Was wünschen Sie sich jetzt nach der Wiedereröffnung für die nächsten 80 Jahre?

Ich hoffe nicht, dass wir in diesem Museum sitzen werden und denken, wir wüssten, was wir die nächsten 80 Jahre machen müssen. Es sollte aber der Ort sein, genau darüber nachzudenken. Was ich mir besonders wünsche, ist weiterhin eine hohe Identifikation der Menschen mit dem Museum. Selbst Leute, die hier nie herkommen, mögen dieses Haus.

Wir sind volkstümlich, wir sind ein Museum, das keine Bildungsschranken kennt. In dem es immer laut ist, in dem Kinder rumrennen und die Leute wissen, dass man das hier auch darf. Das soll auch so bleiben, das wünsche ich mir. Das Neue Lenbachhaus: Raumansicht „Der Blaue Reiter“; Das Neue Lenbachhaus: Raumansicht „Der Blaue Reiter“; | © Lenbachhaus

Politische Utopie nach 1945

Inzwischen betonen Sie immer häufiger, dass das Lenbachhaus ein bürgerliches Museum sei. Was meinen Sie damit?

Das Bürgerliche ist schon allein dadurch gegeben, dass das Museum von Bürgern für Bürger gegründet wurde. Aber auch die Sammlung selbst ist in ihrem Ursprung bürgerlich. Die Werke in der Alten Pinakothek zum Beispiel waren früher nur für eine kleine Elite gedacht, während die kleinen Landschaftsformate, die wir hier haben, früher in bürgerlichen Haushalten gehangen haben.
Olafur Eliasson , Wirbelwerk, 2012 Installationsansicht Lenbachhaus München, 2013; Olafur Eliasson , Wirbelwerk, 2012 Installationsansicht Lenbachhaus München, 2013; | © 2012 Olafur Eliasson Das Bürgerliche erscheint also einerseits im kleinen Format, aber auch in der politischen Utopie, die das Museum seit 1945 vertritt und die auf die gesellschaftliche Verpflichtung abzielt, politische Themen abzubilden. So haben wir zum Beispiel sehr früh Willie Doherty gezeigt, der viel über den Konflikt in Nordirland gearbeitet hat. Wir haben ihn genau in dem Zeitraum nach 2001 gezeigt, in dem plötzlich wieder vom Clash der Kulturen und Religionen gesprochen wurde.

Neu trifft Alt

Im früheren, dem historischen Eingangsbereich, begrüßen verschiedene Skulpturen von Erwin Wurm die Besucher. Setzt sich hier im Inneren fort, was sich draußen groß ankündigt – Neu trifft Alt?

Ja, auch das ist eine Verpflichtung, die bereits im Haus angelegt ist: weil Franz von Lenbach schon immer zeitgenössische Kunst mit alten Meistern verbunden hat. Im Eklektizismus des 19. Jahrhunderts steckt ja auch dieses Nebeneinander – und auch der Witz. Deshalb an einigen Orten diese Verbindung von Alt und Neu. Erwin Wurm, Ohne Titel, 2008; Erwin Wurm, Ohne Titel, 2008; | © VG Bild-Kunst Bonn, 2013, Foto: Lenbachhaus

Das „Erlebnis der Zeitgenossenschaft“

Innen zeigt sich diese Verbindung ja auch im Raum mit der Installation „Zeige deine Wunde“ von Joseph Beuys, die jetzt nicht mehr auf einem nackten Betonboden steht, sondern auf hellem Parkett. Pathologie-Raum mit Wohnzimmer-Atmosphäre: War das beabsichtigt?

Hier geht es darum, wie man Beuys heute zeigt. Als Extreme gibt es da einmal die Fetisch-Variante, die versucht, alles im ursprünglichen Zustand zu erhalten. Und dann gibt es die Haltung, die sich gar nicht darum schert. Den Fußboden hat Beuys damals nicht ausgesucht. Das war der ursprüngliche Museumsboden, der in den anderen Räumen ohnehin schon lange geändert war.

Das Neue Lenbachhaus: Raumansicht „Zeige deine Wunde“ von Joseph Beuys; Das Neue Lenbachhaus: Raumansicht „Zeige deine Wunde“ von Joseph Beuys; | © Lenbachhaus Man darf nicht vergessen: Das Erlebnis der Zeitgenossenschaft ist unglaublich wichtig. Der Beuys von heute und der Beuys von 1979 unterscheiden sich total. Das ist das, was ich mit dem Paradox des Museums meine: dass die Werke physisch immer der Gegenwart angehören. Heute kommen kaum noch Menschen rein, die sagen: „Was ist das denn für ein Mist“. Insofern ist diese Form der Konservierung nicht der richtige Weg. Man muss die Auseinandersetzung mit dem Werk lebendig halten.

Sie haben einmal gesagt, Sie wollen im Lenbachhaus intelligente Unterhaltung bieten. Wie haben Sie das gemeint?

Ich sage es mal mit Bert Brecht, der zwei Sachen gewusst hat: Wenn der Arbeiter ins Theater gehen soll, dann muss man erstens dort rauchen dürfen, und zweitens muss alle zehn Minuten ein Gassenhauer von Hanns Eisler kommen. Sonst geht er nach Hause, immerhin hat er zwölf Stunden gearbeitet. Im Theater müssen seine Themen angesprochen werden, und unterhaltsam muss es auch sein.

Brechts Dreigroschenoper ist eine der wichtigsten diagnostischen Arbeiten an der Gesellschaft. Brecht hat die entsprechend richtige Kunstform dazu gefunden, Theater, Musik, Tanz, Sex – das kommt alles vor. Das hat ein unglaubliches Unterhaltungspotenzial. Ich weiß, dass wir das nicht erreichen können. Aber das wäre das Ideal, nach dem man meiner Meinung nach streben sollte.

Haben Sie einen Lieblingsraum im Museum?

Der neue Kandinsky-Raum mit der schwarzen Seide, mit dieser Feierlichkeit, die trotzdem so eine Bauhaus-Genauigkeit hat, das Weiß mit dem Schwarz zusammen: Da gehe ich wahnsinnig gerne rein. Mir gefallen aber sehr viele Räume. Man denkt immer, die Mitarbeiter im Haus kennen alles, aber ich bin über ganz viele Bilder immer wieder überrascht.
Das Neue Lenbachhaus: Raumansicht Kandinsky; Das Neue Lenbachhaus: Raumansicht Kandinsky; | © Lenbachhaus

Die Städtische Galerie im Lenbachhaus wurde 1929 in der ehemaligen Künstlerresidenz des Porträtmalers Franz von Lenbach eröffnet. Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten wurde das Haus mit seinem Erweiterungsbau im Mai 2013 wiedereröffnet. Der Neubau steht auf dem Grundriss von 1972, das Museum ist von der Grundfläche her also nicht gewachsen. Platz wurde durch eine weitere Etage und neue Funktionsflächen dazugewonnen. Dazu gehören ein Vortragssaal, ein großes Restaurant, ein Buchladen, ein riesiges Atrium für 800 Besucher, ein großes Restaurierungsatelier und 400 Quadratmeter zusätzliche Ausstellungsfläche.