Christian Y. Schmidt im Interview Lachen tröstet

Christian Y. Schmidt
Christian Y. Schmidt | Foto (Ausschnitt): Guo Yanbing; © Goethe-Institut China

Am 7. Januar 2015 wurden bei einem terroristischen Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ zwölf Menschen getötet, unter Ihnen auch der Redaktionsleiter Stéphane Charbonnier und drei weitere Zeichner. Christian Y. Schmidt war einst Mitglied der „Titanic“-Redaktion. Wir haben ihn nach seinen Reaktionen auf das Attentat gefragt.

Sie haben lange in der Redaktion des Satiremagazins „Titanic“ gearbeitet. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ hörten?

Als erste Reaktion habe ich auf Facebook gepostet: „Das Berufsrisiko steigt. R.I.P., Kollegen.“ Und so ist das ja wohl auch. Als ich in den Neunziger Jahren in der Redaktion der Titanic in Frankfurt gearbeitet habe, war das Risiko, dafür umgebracht zu werden, jedenfalls geringer.

Satire ist gut darin, den Finger in die Wunde zu legen. Kann sie auch trösten?

Nein und ja. Satire prangert erst einmal etwas an. Sie attackiert Missstände, Lügen, Unterdrückung, Dummheit und so weiter, und gibt sie gleichzeitig der Lächerlichkeit preis. So ist selbst die subtilste und eleganteste Satire immer auch aggressiv. Für den von der Satire Attackierten hält sie jedenfalls keinen Trost bereit.

Anders verhält es sich mit dem Satire-Konsumenten, der unter den Missständen, Lügen, der Unterdrückung und der Dummheit leidet. Das alles wird zwar durch die Satire nicht abgeschafft. Aber dadurch, dass die Satire den Satire-Konsumenten in die Lage versetzt, über die Missstände, die Dummheit und so weiter zu lachen, wird er auch getröstet.

Unser absurdes Leben, das für jeden von uns mit dem Tod endet, wäre ja gar nicht auszuhalten, wenn wir uns nicht immer wieder über diese Absurdität lustig machen könnten. Der Tod kann ausgelacht werden. Das ist ein großer Trost.

Einige Zeitungen drucken nun bewusst Karikaturen von „Charlie Hebdo“ auf ihren Titelseiten. Ist dies aus Ihrer Sicht eine gute Reaktion, um den Wert der Pressefreiheit zu verteidigen?

Ja, eigentlich sollten das alle Zeitungen machen, auf der ganzen Welt. Dabei geht es aber nicht nur um die Pressefreiheit, die ja auch von ganz anderen Seiten gefährdet wird. Es geht zunächst einmal ganz praktisch darum, die Schöpfer von Karikaturen, die zum Beispiel den Propheten Mohammed zeigen, zu schützen. Die islamistischen Terroristen können einfach nicht alle Zeitungsredaktionen der Welt angreifen, dafür sind sie zu wenige.

Außerdem geht es darum zu zeigen, dass eine Religion wie der Islam nicht dem ganzen Rest der Welt seine Überzeugungen aufzwingen kann. Wenn die Moslems sagen, es  sei verboten, den Propheten Mohammed abzubilden, dann kann man ihnen nur erwidern: Das gilt für die, die an den Propheten glauben. Für den Rest der Menschheit gilt das nicht. Das heißt, auch die Moslems müssen sich daran gewöhnen, dass man ihre religiösen Überzeugungen einfach ignoriert, missachtet oder sich darüber lustig macht, genauso wie sich andere Religionen daran gewöhnen mussten.

Ich weiß natürlich, dass es etliche Chinesen gibt, die das anders sehen. In China ist Satire kaum verbreitet, was sicher auch daran liegt, dass hier in der Regel Auseinandersetzungen weniger konfrontativ geführt werden. Doch auch China ist vom islamistischen Terror bedroht, und wird sich mit dieser Bedrohung in den nächsten Jahren auch gedanklich stärker auseinander setzen müssen.

Christian Y. Schmidt ist ein deutscher Autor, der mehr in Peking lebt als in Berlin. Er war viele Jahre lang Redakteur des Satiremagazins Titanic und ist heute Senior Consultant der Zentralen Intelligenz Agentur, einem Unternehmen „an der Schnittstelle von Journalismus, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst“. Im Jahr 2008 veröffentlichte Schmidt das Chinareisebuch „Allein unter 1,3 Milliarden“, das es bis auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte und 2014 als Neuauflage im Kahl-Verlag erschien.