Fokus: Mauern Mauern - tatsächlich eine „Sicherung gegen Überraschtwerden“?*

EU Beobachter bewachen Georgiens ossetische Grenze im Süden
| © David Urbani

Die Schriftstellerin Nina Bußmann über ihre Erfahrungen mit Mauern und Wänden in Nanjing und Europa.

„Kann man sagen: Ich springe über die Wand“, fragte mich eine Germanistikstudentin in Nanjing, „nein“, antwortete ich, „über eine Mauer, eine Wand ist immer innen“ behauptete ich, im nächsten Moment unsicher, ob das wirklich immer so ist. Wir fuhren mit dem Bus am neuen Campus der Nanjing-Universität entlang, weit jenseits der alten Stadtgrenzen, entlang an Grünstreifen mit Ziergebüsch und Baumsetzlingen und einer weiß getünchten Mauer, die den Campus sichern sollte. Über die Mauer springen wäre für uns eine Abkürzung gewesen, aber dafür schien sie zu hoch, zum Klettern zu glatt. Wir nahmen den Umweg zum Eingang, auf einer sechsspurigen Straße. Frisch asphaltiert, leer lag sie in der Sonne, angelegt für einen Verkehr, der sich vielleicht nur heute nicht zeigte. Vorstadtfriede. Als wartete das alles erst auf Benutzung, auf Flucht oder Angriff. Wir passierten das bewachte Osttor, von der unbenutzten Spielstraße hinein in die Geschäftigkeit des Campusgeheges.

Wände sind nicht immer innen. Schallschutzwände stehen frei an den Autobahnen. Vor kurzem las ich, dass eine Mauer eine massive Wand aus Mauerwerk sei, das heißt aus Mörtel und Steinen zusammengefügt. Jedenfalls eine Wand: Ein freistehendes Bauwerk zur Verhinderung von Flucht oder Angriff.

Man hat mir vorgeschlagen, das Wort Mauer im übertragenen Sinn zu verstehen. Aber mit Metaphern tue ich mich immer schwer, vor allem, wenn es um dicken Stein geht, um Sicherheit und Tod. Ich weiß schon, es gibt digitale Mauern, Mauern in Köpfen, Menschen mauern heute ohne Mörtel und Stein. Einige sind der Auffassung, auf solche Materialien, auf Materie, käme es heute nicht mehr an. Aber es gibt Mauern, über die man nicht klettern kann.

Keine Metapher: Mein Ärger, als ich bei einem meiner Orientierungsläufe durch Nanjing an einer Gated Community vorbei musste, die den Zugang zum Ufer des Muchou-Sees (莫愁湖) versperrte. Die Mauer war nicht sehr hoch. Zwischen den Wohntürmen hindurch, über Garagenzufahrten und Spielplätze und Überwachungskameras hinweg blieb freie Sicht auf den See und den Park. Auf der anderen Straßenseite: Eine Autowäscherei, wo jeweils mehrere junge Männer sich um die SUVs kümmerten, wie man vielleicht früher Elefanten wusch. Ein Geschäft für Klaviere und eines für französische Backwaren und ein paar Schritte weiter Garküchen, vor Balkonen trocknende Wäsche, trocknende Würste, Werkstätten für kleinere bescheidenere Fahrzeuge. Es war interessant, aber ich wollte an den See.

Aus dem Gewimmel der Stadt in den Frieden eines geschlossenen Gartens gelangen! Ohne Begrenzung ist ein Raum vielleicht kein Raum. Sofort geht der Atem ruhiger im Innern der geweißten Mauern, wo jeder Stein, jede Ecke was bedeutet.

An meinem ersten Tag in China bekam ich die Stadtmauer von Nanjing gezeigt. Keine Grenze mehr, aber eine Mauer, wahrscheinlich die höchste, dickste, längste, die ich in meinem Leben gesehen habe. Sie war von der Autobahn aus zu sehen, die vom Flughafen ins Zentrum führt, sie führte an Brachen, Abbruchbauten entlang, durch neue und neuere Wohngebiete, eine längst über ihre alten Befestigungen hinweggewucherte Stadt. Nur am Rand des Parks, den ich noch am selben Nachmittag besichtigte, ordnet die Mauer noch: Östlich die Stadt, die Straßen, die höchsten Hotels; westlich der Xuanwu-See (玄武湖) mit Inselchen, Pagoden, vor Anker lagernden Tretbooten. In Blumenbeeten liegen als Steine getarnte Musikboxen. An den Durchgangstoren der Mauer werden Andenken und Süßigkeiten verkauft. Gegen Eintritt dürfen Touristen die Mauer besteigen, auf ihr entlanglaufen und in sie hinein. In den ehemaligen Waffenräumen informiert eine Ausstellung über Bau und Geschichte. Es sind Fotographien von der Großen Mauer im Norden des Landes zu sehen, der ersten Grenze der Welt, und von Festungen in anderen Erdteilen, in Vorderasien und in Europa. Ich habe eine Menge Mauerwerk gezeigt bekommen. Ich lernte, dass Bauarbeiter früher jeden von ihnen gemauerten Stein mit ihrem Namen versehen mussten. Es war immer jemand verantwortlich, wenn ein Stein nicht hielt.

Es ist nicht mehr üblich, sich mit Erdwällen und Steinwällen, Sperrforts und Senkscharten gegen Anlauf aus der Ferne und gegen das Überraschtwerden zu verschanzen. Die steinernen Befestigungen von früher stehen moosbewachsen in Wäldern, Parkanlagen. Staaten und Staatengemeinschaften haben jetzt effizientere Abwehrmethoden. Statt wuchtiger Durchgangstore: Schleusen, automatische Gesichtsabtastung, Biometrie, Videoüberwachung. An Außengrenzen der Europäischen Union stehen mit Kameras bewehrte Zäune, im Mittelmeer patrouillieren Polizeiboote einer Agentur, um zu verhindern, dass Menschen nach Europa kommen. Die Sprache ist nicht mehr sehr militärisch. Täglich gibt es Tote. Keine fremden Reiterheere, Freibeuter, nein: eine Flut wird hier abgewehrt. So bezeichnet man in Europa neuerdings Menschengruppen, die tun, was Menschen immer schon getan haben, wenn es nötig war: Fortgehen, woanders hingehen.

 


*Anmerkung d. Red.: Die Überschrift ist ein Zitat aus Meyers Konversationslexikon aus dem Jahr 1888 und erläutert den Begriff „Festung“.