Daten-Visualisierungen Die Geschichten jenseits der Zahlen

„Wenn aus Daten Bildern werden“
„Wenn aus Daten Bildern werden“ | Bild (Ausschnitt): © Colourbox | | Bild (Ausschnitt): © Colourbox

Daten-Visualisierungen stellen einen Akt der Interpretation dar. Bei der Transformation, Filterung und Darstellung der Daten gibt es Spielräume zur Verfälschung. Die zentrale Frage ist: Wie bilden Daten-Visualisierungen die Realität ab?

Damit Daten ihre Wirkung erzielen, müssen sie sowohl in einer anschaulichen wie einer aussagekräftigen Form präsentiert werden. Für Daten in ihrer Rohform würde sich kaum jemand interessieren, geschweige denn, dass sie überhaupt verständlich wären. Dieses Problem gehört in allen datengetriebenen Bereichen zu den täglichen Herausforderungen. Heute werden aus den Ergebnissen von Datenanalysen weitreichende politische wie wirtschaftliche Entscheidungen abgeleitet. Daten stellen deswegen ein mächtiges Instrument dar. Da die Entscheidungsträger nicht gleichzeitig auch Datenanalysten sein können, ist ein Wissenstransfer zwischen diesen beiden Polen nötig. Der Akt der Visualisierung nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein.
 

Für die Überzeugungskraft einer Visualisierung ist nicht nur ihr Inhalt wichtig, sondern wie dieser dargestellt wird. Diese Aufgabe übernimmt der sogenannte „Data Artist“, der sowohl über Kenntnisse in Informatik, Statistik und Datenbankanalyse verfügen muss, als auch künstlerische Fähigkeiten und Grafikdesignkenntnisse benötigt. Je überzeugender die Ästhetik einer Grafik, desto besser ihre Wirkung: Die folgende Grafik ist Teil einer komplexen Zoom-Animation, die das Zusammenspiel aller Medienkanäle untersuchte. Der rosa Kreis ist etwa zehn mal so groß wie der graue, müsste aber nur vier mal so groß sein, wenn das tatsächliche Zahlenverhältnis abgebildet würde (Abb 1.0).

Die Ästhetik der Visualisierung verfolgt mit rein ästhetischen Mitteln, die „Übergröße“ von Online-Angeboten wie Youtube gegenüber herkömmlichen Medien (Abb 1.1 und 1.2). Mit den Zahlen haben die Grafiken wenig zu tun.
 

  • TV-Plattformen - Abb 1.1 (Quelle: http://mediacon.mabb.de/#toggle-zoom-2) © mediacon.mabb.de
    TV-Plattformen
  • Webseiten, YouTube & Facebook - Abb 1.2 (Quelle: http://mediacon.mabb.de/#toggle-zoom-7) © mediacon.mabb.de © mediacon.mabb.de
    Webseiten, YouTube & Facebook - Abb 1.2 (Quelle: http://mediacon.mabb.de/#toggle-zoom-7) © mediacon.mabb.de

Wenn aus Daten Bildern werden

Im Bereich von Echtzeitanalyse und Big Data geht es um Datenmengen, die sich wegen ihrer schieren Menge der Wahrnehmbarkeit entziehen. Ohne Informationsdesign gibt es keine Erkenntnisse aus den Daten. Neben den gängigen Formen der Visualisierung wie Balken-, Kreisdiagramme, Kartogramme, Graphen und Netzwerkstrukturen sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Spezielle Grafiktools erlauben fast jede denkbare Form der Darstellung. Dennoch gilt hier, dass die Grenzen der Darstellbarkeit die Grenzen der aus den Daten gewinnbaren Einsichten sind. 

Die aufleuchtenden Punkte auf der Landkarte von Nigeria zeigen angeblich die steigende Anzahl von Entführungen in den letzten Jahrzehnten.

Wie sich herausstellte, stimmte fast alles an dieser Visualisierung nicht: Zum einen zeigte die Karte nicht die Zahl der tatsächlichen Entführungen, sondern nur Berichte über Entführungen, die online verfügbar sind. Die auffällige Häufung in der Hauptstadtregion entspricht ebenfalls nicht der Realität. Konnte in einem Bericht kein Ort gefunden werden, wurde der Bericht über eine Entführung automatisch Abuja zugeordnet. Während auf der einen Seite die Ästhetik der Visualisierung überzeugend Erkenntnisse vermittelt, wird es auf der anderen Seite immer schwerer den faktischen Gehalt der Aussagen zu überprüfen.

Form und Funktion vs. Schönheit und Inhalt

Informationen in eine prägnante graphische Form zu bringen, ist nur die halbe Miete. Datenjournalisten und Data Artists stellen vielfach unter Beweis, dass Daten durchaus in eine wahrhaft schöne Form gebracht werden können. Dabei übernimmt die Ästhetik die Funktion, den Blick des Betrachters zu lenken, zu steuern und zu beeinflussen. Durch die Art der Darstellung können bestimmte, weniger wichtige Aspekte der Realität in der Grafik stärker betont werden. Die Wahl der Farbe und der Proportionen lassen Dinge markanter und auffälliger erscheinen.

Die Überfülle an farblich unterschiedlich markierten Verbindungen, die in der animierten Netzwerkvisualisierung besteht (Abb. 2.0), suggeriert eine komplette Vernetzung von allen möglichen Geräten und Quellen.

Abb. 2.0 (Quelle: http://mediacon.mabb.de/#ausgangssituation)

Bei genauerem Hinsehen (Abb. 2.1) finden sich darunter auch unsinnige Verbindungen wie die zwischen den drei, in sich abgeschlossenen Systemen iOS, Windows Phone und Android. Die Ästhetik der Darstellung hatte bei der Visualisierung einen höheren Stellenwert als das Ziel, die tatsächlichen Relationen abzubilden.


Abb. 2.1 (Quelle: http://mediacon.mabb.de/#ausgangssituation)

Lesegewohnheiten und Spielräume zur Manipulation

Auch kulturspezifische Seh- und Lesegewohnheiten prägen die Wahrnehmung von Visualisierungen. Werden etwa Texte in einem Kulturraum von links nach rechts und von oben nach unten gelesen, gilt Entsprechendes auch beim Lesen von Grafiken. Darüber hinaus sind weitere Konventionen wirksam: Eine Entwicklung nach rechts bedeutet in der Regel eine in die Zukunft gerichtete Bewegung. Die Richtung nach oben lässt auf eine Zunahme schließen. Klingen diese Feststellungen zunächst banal, so bieten sie doch ein Potenzial für gewollte Manipulationen oder ungewollte Fehler.

Zählen und Erzählen – Geschichten jenseits der Bilder

Visualisierungen von Daten sind also kein 1:1 Übersetzungsvorgang, um die abstrakten Bits und Bytes zu veranschaulichen. Sie sind vielmehr Teil eines Auswertungsprozesses, verfolgen bestimmte Ziele und lassen Raum zur Auslegung. Die Art der Darstellung ist eng damit verknüpft, welche Geschichte mit den Daten erzählt werden soll. Die Visualisierungen sind demnach der Ort, an dem das reine Zählen in Erzählen umschlägt. Erzählbar ist jedoch nur noch, was zuvor zählbar und in Daten messbar ist. Damit geht auch etwas verloren. Der Data Scientist Klaas Bollhoefer sagt: „Daten spiegeln nur ein Stück weit die Realität wider, in der sie produziert wurden, aber sie sind kein komplettes, geschweige denn objektives Abbild der Realität.“ Damit sind Daten-Visualisierungen die Abbilder eines Abbilds. Sich an dieses doppelte Abbildverhältnis zu erinnern, lohnt sich besonders dann, wenn Visualisierungen zur einzigen Entscheidungsgrundlage werden. Vielleicht erzählen die Fakten jenseits der Zahlen und Bilder eine andere Geschichte.