„Radikal minimal“ Wohnen auf kleinstem Raum

„Collini Bay Resort“ bei Hotel Shabby Shabby in Mannheim vom Architekturbüro Yallayalla
„Collini Bay Resort“ bei Hotel Shabby Shabby in Mannheim vom Architekturbüro Yallayalla | Foto: Arthur Bauer

Minihäuser ganz groß: Warum die Zukunft des Wohnens radikal minimal ist und sie Appartements auf einem Friedhof plant, erklärt die Architektin Gudrun Sack vom Büro Nägeli Architekten in Berlin.

Frau Sack, gibt es in Deutschland einen Trend zu Minihäusern, zum Wohnen auf kleinstem Raum?

Nein, von einem Trend kann man nicht sprechen. Denn im internationalen Vergleich gibt es in Deutschland, auch in der Metropole Berlin, immer noch sehr, sehr viel Platz. Trotzdem sind Miniwohnungen und -häuser für viele Planer ein Thema, das aus drei Gründen immer wichtiger wird. Erstens nimmt auch hierzulande der Druck auf den Wohnungsmarkt zu, die Bodenpreise steigen. Zweitens ist ein ständig wachsender Flächenverbrauch nicht nachhaltig. Und schließlich hat die Digitalisierung unsere Lebensweise so verändert, dass beim Raumangebot zunehmend Qualität statt Quantität zählt. Als Studentin hatte ich noch zwei große Zeichentische in meinem Zimmer stehen, heute arbeite ich mit einem Laptop, für den ich eigentlich gar keinen Tisch mehr brauche.

Welche Beispiele gibt es für radikal minimale Raumlösungen?

In der interdisziplinären Kunst- und Architekturszene gibt es immer wieder temporäre Aktionen, die sich mit innovativen, bezahlbaren Wohnformen beschäftigen und so die gesellschaftliche Relevanz des Themas widerspiegeln. Zum Beispiel „Shabbyshabby Apartments“, eine Aktion, mit der die Gruppe „raumlabor“ auf die Wohnungsnot in München aufmerksam macht. 

Radikal minimal kann man aber auch dauerhaft wohnen. In München-Freimann vermietet das Studentenwerk sechs Wohn-Würfel, die auf jeweils 6,4 Quadratmeter Platz zum Schlafen, Arbeiten, Duschen und Kochen bieten. In Berlin wurde ein Studentendorf aus Schiffscontainern errichtet, mit einer Wohnfläche von jeweils 26 Quadratmetern. Auch Menschen, die in Hamburg oder Berlin auf Hausbooten leben, wissen, wie man sich aufs Wesentliche beschränkt. Wer minimal wohnt, ist gezwungen, achtsam mit dem Raum umgehen, denn jede Ecke ist wertvoll. Unser Büro baut zurzeit in Berlin, auf einem aufgelassenen Friedhof nah am zentralen Alexanderplatz, kleine Maisonette-Appartements. Die Wohnwürfel sind zwischen 40 und 60 m² groß, eine Einheit kostet rund 100.000 Euro.

Wer sind die Nutzer?

Die Käufer und Nutzer sind Menschen, die wenig Kapital, aber viel kreatives Potenzial haben – darunter zum Beispiel eine Köchin und Musikerin. Sie und ihre Baugruppen-Nachbarn wohnen mitten in Berlin und beschränken sich dafür bewusst auf einen sehr begrenzten, aber vielseitigen nutzbaren Raum. Sie sind Pioniere. Mit einem anderen Wertesystem als üblich bereiten sie den Weg für neue Formen des Wohnens. Nicht zuletzt kann man sich Mini-Appartements, ob als Eigentum oder zur Miete, finanziell leichter leisten. Angesichts unsicherer Jobs sind sie für viele deshalb auch eine Möglichkeit der Lebenssicherung.

Sind die Wohnwürfel auch für Familien mit Kindern geeignet?

Die zweigeschossige Würfeleinheit kann alleine als Galeriewohnung bewohnt werden, indem man die flexible Holzbalkendecke in Teilen demontiert  – oder in bis zu vier kleine Räume unterteilt werden. Somit ist der Würfel dann auch als Familienwohnung geeignet.

Grundsätzlich geht es uns um eine andere Raumauffassung, darum, neue Wohn-Typologien zu entwickeln, die zu den sich verändernden Lebens- und Arbeitsweisen und zu unterschiedlichen Lebensphasen passen. Das heißt vor allem: weg vom Zweizimmer-Küche-Bad-Schema, hin zu kompakten, flexiblen Räumen und intelligenten, robusten Grundrisstypologien. Die brauchen wir nicht nur, weil sich unsere Lebens- und Arbeitsweisen verändern. In den Städten werden auch Flächen frei, die nach bisheriger Auffassung eher nicht zum Wohnen geeignet sind: Flussufer, stillgelegte Bahngleise, oder – wie bei unserem aktuellen Projekt – Friedhofsareale.

Kompakte Räume, robuste Typologien: Was genau verstehen Sie darunter?

Ein auf das Wesentliche reduzierte Basiswohnen, zu dem man dann je nach Bedarf weitere Räume dazuschalten und auch wieder abgeben kann. Zusammen mit einer Wohnungsbaugesellschaft planen wir in Berlin-Pankow gerade ein „Stundenplanhaus“. Die Bewohner mieten zu ihrer kleinen Basiswohnung so viele (Mini-)Einheiten dazu, wie sie brauchen. Wenn das jugendliche Familienmitglied zum Beispiel einen eigenen Raum braucht, die Oma unters eigene Dach geholt werden soll oder ein Gemeinschaftsraum fürs Arbeiten benötigt wird.

Zu anpassungsfähigen Bautypologien gehört auch, Wohnen und Arbeiten nicht mehr getrennt, sondern zusammen zu denken. Im 2011 eröffneten Hybrid House, das wir für die Internationale Bauausstellung Hamburg geplant haben, lassen sich Büroflächen ohne große bauliche Veränderungen in Wohnungen umwandeln und umgekehrt. Präzise geplante kompakte Räume machen das Bauen und Wohnen nachhaltiger, einfach weil sie für die Bewohner langfristig und vielseitig nutzbar sind.

Vielen Dank für das Gespräch!