Chinas unabhängige Veröffentlichungen Die Möglichkeiten des Publizierens ausloten

„Zehn Tage in Krakau“, Fotobuch
„Zehn Tage in Krakau“, Fotobuch | Foto: ©Jia Zazhi

In unserer Zeit fortschreitender Digitalisierung ist die Situation für unabhängige Publikationen in China nicht gerade rosig, aber auch nicht hoffnungslos. Dank der Lust am Ausprobieren und Experimentieren sind diese Publikationen heute in ihren Formen und Konzepten vielfältiger denn je.

Jeder sagt, dass die Printmedien zum Untergang verurteilt sind und den digitalen Medien die Zukunft gehöre. Aber wie ehedem werden neue Zeitungen und Zeitschriften gegründet und Bildbände herausgegeben. Diesbezüglich schrieb die englische Zeitschrift Monocle einmal, wenn der Inhalt nicht stimme, sollte man dafür nicht der Zeit die Schuld geben. Kleine Zeitschriften abseits des Mainstreams erreichen eine immer größere Leserschaft, denn in einer Zeit, da quasi die ganze Menschheit in sozialen Medien eine öffentliche Platform findet, und Meinungsführern eine immer wichtigere Position zufällt, sind die Rezipienten glücklich, andere, vielfältige und unterschiedliche Stimmen zu vernehmen.Das Auftauchen der sogenannten kleinen Zeitschriften hat historische Gründe, die aus der Verlagspolitik resultieren. Eine Privatperson hat in China keine Möglichkeit einen neuen Verlag zu registrieren, geschweige denn, die für eine Veröffentlichung nötige ISBN oder ISSN-Nummer zu bekommen und über Buchläden, Zeitungskioske, Amazon oder andere bekannte Vertriebskanäle auf den Markt zu kommen. Das ist anders als die Situation für kleine oder unabhängige Verlage in anderen Ländern. Trotz dieser Politik gibt es in den letzten Jahren immer wieder junge Leute, die auf Printmedien setzen und diese im Selbstverlag herausbringen. So entstehen Zeitschriften in begrenzter Auflage, Bildbände oder handgefertigte Künstlerbücher. Sie werden über unabhängige Buchläden, über Online-Märkte wie Taobao oder direkt vertrieben. Mit dem Boom der sozialen Netzwerke konnten die eher im Untergrund agierenden unabhängigen Verleger eine gewisse Öffentlichkeit erlangen, um ein größeres Publikum zu erreichen. Die unabhängigen oder kleinen Publikationen sind klein, weil sie sich schon aufgrund ihrer Inhalte nur an ein begrenztes Publikum richten. Erzählungen, Gedichte, Graphic Novels oder auch neue Themen wie Architektur auf dem Land und organisches Leben erreichen viel weniger Leute als Mainstreamthemen wie Essen, Trinken und Mode.

Schauen wir uns einige Projekte der letzten Jahre in China an, kann keine Rede sein von Boom oder Krise, sie haben einfach immer existiert. Einige sind eingegangen, andere wurden neu gegründet, das hat sich immer ausgeglichen. Und wenn irgendwo mal daüber berichtet wurde, tauchte in der Folge plötzlich eine ganze Reihe von Berichten über unabhängige Medien auf. Was auch passiert, sie sind nach wie vor da. Es sind meist Initiativen Einzelner oder loser Gruppen, die nicht gewinnorientiert arbeiten, somit ist die Dauer solcher Publikationen immer eine große Frage, denn Druck, Redaktion und Vertrieb kosten viel Geld und Energie. Natürlich gibt es wie früher viele unabhängige Ein-Mann-Betriebe, die handgefertigte Publikationen herstellen und sie in Ausstellungen oder auf speziellen Märkten oder Messen für unabhängige Verlage zeigen. Im folgenden möchte ich ein paar unabhängige Verlage für Bildpublikationen sowie einige Druckerzeugnisse mit begrenzter Auflage vorstellen.

Der Siegeszug der Bild-Publikationen

Das aus einem Blog für Fotografie hervorgegangene Institut für Fotopublikationen Jia Zazhi (假杂志社) widmet sich der Entdeckung und Förderung junger chinesischer Fotografen. Mit Bildbänden von Sun Yanchu (孙彦初), Liu Yuan (刘垣), Taca Sui (塔可), Yang Yuanyuan (杨圆圆) und Thomas Sauvin eroberten sie den Markt für unabhängige Fotopublikationen im In-und Ausland. Mit der Teilnahme an Fotofestivals und Buchmessen wurden sie zum Aushängeschild chinesischer unabhängiger Fotoverlage.Das sich der Breitenbildung widmende OFPiX-Studio wurde von der Universitätsprofessorin Ren Yue (任悦) ins Leben gerufen. Sie gründete die Website Raum 1416 (1416教室), auf der sie beispielsweise Hometown - Photography as Adventure (摄影如奇遇之还乡), ein Projekt, dessen Ergebnis ein Schuber mit 17 Fotobroschüren ist, ankündigte. Das Hometown Photography Project (还乡计划) wird bis heute online fortgesetzt.

Das gemeinsam von Redakteuren und Fotografen gegründete Same Studio präsentierte fast unbemerkt mehrere Zeitschriften zur experimentellen Fotografie, wie das in- und ausländische Fotografen versammelnde Lifestyles, das Magazin Food Issue des jungen Fotografen Ren Hang oder das von einem der Same-Gründer, Yuan Xiaopeng (袁小鹏), stammende Same Paper vol. 1: Free Park. Sie experimentieren dabei mit Papiersorten, Formaten und Möglichkeiten der Abbildung. Anders als Jiazazhi Press, die ganz geradlinig Fotobücher machen, spielen die dünnen Same-Hefte mit der visuellen Gestaltung von Magazinen.

Außer den kleinen Verlagen und Studios, die sich dem Thema Fotografie zuwenden, veröffentlicht eine immer größer werdende Zahl an Fotografen eigene Bücher oder Foto-Magazine im Selbstverlag. Der Vorreiter auf dem Gebiet der Privat-Fotografie,  ID 223 (编号223), vertreibt sein Reisefoto-Tagebuch und Bildbände über offizielle Verlage, daneben veröffentlicht er in dem von ihm gegründeten Magazin Versatile in loser Folge noch privatere und experimentelle Werke. Der Fotograf und Designer Dong Pan (董攀) aus Xiamen bringt fast regelmäßig zum Jahresende eine Ausgabe seines Magazins Nothing.cn – Mit dem Leben spielen (Nothing.cn 玩生活) heraus. Die bislang sieben Ausgaben sind eine Art Jahresrückblick in analogen schwarz-weiß-Fotos mit Texten dazu, die er im Freundeskreis als Neujahrsgeschenk verteilt. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von selbstverlegten Bänden junger Fotografen wie Lin Shu (林舒), Yang Hongxun (杨弘迅), Ren Hang (任航) oder You Li (游莉), die unregelmäßig erscheinen.

Der eher laue Zeitschriftenmarkt

Im Gegensatz zu sich rasant vermehrenden Bildpublikationen ist die Gründung neuer Zeitschriften oder ihre kontinuierliche Herausgabe nicht so einfach. Eine Zeitschrift erfordert eine größere Mitarbeiterzahl, ihre Inhalte sind oft vielgestaltig, der geistige Input ist größer, aber ihr Verkaufspreis liegt meist unter 50 Yuan. Im Jahr 2007 erschien die erste Ausgabe des Lifestyle-Magazins TOO, welches von der Autorin gemeinsam mit dem Photographen ID 223 (编号223) gegründet worden war. In der Folge gab es Projekte zu Mode und Fotografie,  aber die Zeitschrift musste eingestellt werden. Von der Zeitschrift Salt (盐巴), dem Magazin für natürliches Leben aus Xiamen, erschienen in den letzten Jahren 5 Ausgaben, jede enthält 40-50 Seiten bei einer Auflage von 300 bis 500, die sich gut verkauft. Food – Really Want (吃的 Really Want) ist ein neues Feinschmecker-Magazin aus Peking in lockerem visuellem Stil, seine stattliche Seitenzahl wird durch Sattelhaftung zusammengehalten und die Auflage von 700 Exemplaren wird in Shanghaier Läden kostenlos verteilt. Die Dreamer Factory aus Hangzhou schließlich präsentierte mit ihrem neuen Taschenbuch: P.S. Under the rose eine Mischung aus Buch und Zeitschrift in neuartiger unkonventioneller Machart.

Grafische und handwerkliche Experimente

Einige Fans kleiner Publikationen wählen den Weg des Do It Yourself, um die eigenen Werke mit Gleichgesinnten zu teilen. Damit wird gleich auch das Problem der Auflagen von mehr als 100 Stück bei professionellen Druckereien umgangen und man hat größere Freiheiten beim Experimentieren mit Druckverfahren. Foren zum Comicschaffen und persönliche Werkausgaben sind vor allem in alternativen Comic-Kreisen sehr angesagt. Der in Peking lebende Illustrator und Künstler Yan Cong (烟囱) ist Herausgeber von Special Comix (SC) und Erzählsucht (叙述癖), die eine Plattform für junge Grafiker und ihre Werke bilden. Special Comix wurde bereits auf einem internationalen Comicfestival ausgezeichnet. Erzählsucht hingegen ist ein frühes Beispiel für die Nutzung preiswerter schwarz-weiß-Kopien und kleiner Formate. Bis heute erschienen neun Ausgaben. Der Shanghaier Illustrator Zhou Yunchou (周运畴) gründete unter dem Namen Milchpulver-Zhou (奶粉周) sein eigenes Magazin Lost-zine (丢哪zine). Zur Vervielfältigung benutzt auch er einen Kopierer, auf dem er allerdings noch während des Vervielfältigungsprozesses zeichnet, so dass jedes Heft einzigartig ist. Der in Peking lebende Künstler Wen Ling (温凌) stellte mittels Kopierer und farbigem Papier die selbstgebundenen Bücher One Day in My Life und 54boy her. Das Ergebnis war von bestechender visueller Einfachheit. Für Maler und Grafiker mit ausgeprägten handwerklichen Fähigkeiten sind diese selbstgemachten Bücher die unabhängigste und freieste Form zu publizieren.

Die Ausstrahlung unabhängiger Publikationen auf die Umgebung

Infolge der wachsenden Popularität unabhängiger Publikationen entstanden kleine Druckwerkstätten wie Press Matter (印物所) oder Pausebread Press (加餐面包). Sie experimentieren mit verschiedenen Drucktechniken und versuchen so, dem Gedruckten den Zauber des Originals zu verleihen. Der hinter Pausebread Press stehende Buchladen Bananafish Books gab zum Beispiel Fotobände von Chen Siran (陈思然) oder Wakaba Noda heraus. In diesem Jahr eröffneten sie eine Druckwerkstatt für Risographie in Shanghai. Sie drucken Kataloge, Kunstzeitschriften, Bildbände und beteiligen sich an der Herausgabe eines neuen Magazins.

Ein anderer Aspekt sind die vielen Fotofestivals überall in China, auf der Guangzhouer Buchmesse gibt es Veranstaltungen zu Bildpublikationen und für unabhängige Publikationen wurde ein Extra-Segment eingerichtet. So langsam bildet sich ein eigener kleiner Markt heraus, der diese Zeitschriften, Bücher und ihre Konzepte einem breiteren Publikum bekannt macht.