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Kunstmuseen in Chinas aufstrebenden Städten
Der Bilbao-Traum

Innenansicht des Guangdong Times Museum
Innenansicht des Guangdong Times Museum | Foto: © Times Museum

Spricht man über eine Stadt und ihr Museum, fällt fast jedem dazu das Guggenheim-Museum in Bilbao ein, welches für die Entwicklung einer ganzen Stadt zum Erfolgsmodell wurde. Die sogenannten chinesischen Städte aus der „zweiten Reihe“, also diejenigen Städte, die erst nach den bekannten Küstenmetropolen wirtschaftlich erschlossen wurden, hegen alle diesen Bilbao-Traum.

Von Luo Ying (罗颖)

Anders als im perfekten Peking oder in Shanghai, wo ein Museum nach dem anderen öffnet, bleibt diesen Städten als einzige Besonderheit nur der Weg, über Museumsgründungen in die Gefilde der modernen Kunst vorzustoßen. Vor allem trifft man auf von der Immobilienbranche initiierte Privatmuseen, wie das OCAT in Shenzhen, das Times Museum in Guangdong (广东时代美术馆), das Jinji Lake Museum in Suzhou (金鸡湖美术馆) oder das Sifang Art Museum in Nanjing (四方美术馆). Außer Steuervergünstigungen für die Registrierung als gemeinnützige Einrichtung ist die Wertsteigerung einer als Museum genutzten Immobilie offensichtlich. „Die Idee war, an Orten, wo es Overseas Chinese Towns gibt, auch Kunstmuseen zu errichten, zum Nutzen der Besucher und der Geschäftseigentümer in OCTs“, sagt Luan Qian (栾倩), Generaldirektor des OCAT (Overseas Chinese Town Contemporary Art Terminal). 2012 wurde dieser Kunstplan umgesetzt, und es entstanden in Shanghai, Peking, Xi'an und Wuhan OCAT-Niederlassungen. Damit wurde das größte Museumskonglomerat Chinas geschaffen. Egal ob im Mutterhaus in Shenzhen oder in einem der neuen Museen, die Gebäude der Museumskette können ewig genutzt werden und bleiben auch nach einer Umnutzung dem Unternehmen erhalten. Verglichen mit ebenfalls aus der Immobilienbrache hervorgegangenen, aber gescheiterten Museen wie der Upriver Gallery in Chengdu (成都上河美术馆), dem Dongyu Art Museum in Shenyang (沈阳东宇美术馆) oder dem Taida Museum of Modern Art in Tianjin (天津泰达美术馆), die schließen mussten, weil kein Kapital mehr floss oder sich die Interessen der Investoren gewandelt hatten, scheinen die heute entstehenden Museen mehr Weitsicht walten zu lassen. Sie wissen, dass zu einem Museum mehr gehört, als nur eine coole Eröffnung und dass man einen langen Atem braucht, um sich hinziehende Kämpfe siegreich zu bestehen.

Hinzu kommt, dass das Guggenheim Museum Bilbao in dem wunderbaren Gebäude von Frank O. Gehry vor allem Ausstellungen mit Werken von Picasso, Cézanne, Kandinsky, Paul Klee oder Anselm Kiefer macht. Dieser Punkt ist Tan Guobin (谭国斌) ganz klar: „Dass es ein Kunstmuseum gibt, bedeutet nicht an sich schon Erfolg, man muss erst sehen, ob es auch eine interessante Sammlung gibt. Wenn nicht, ist es nämlich nur ein leerer Kasten. Ein Kunstmuseum kommuniziert über seine Sammlung und nicht über ein Gebäude.“ Zur Eröffnung seines Tan Guobin Contemporary Art Museums (谭国斌当代艺术博物馆) präsentierte er stolz 88 Kunstwerke, und das war nur ein Bruchteil seiner Sammlung. Die Sammlung ist eine notwendige Bedingung für ein gutes Museum, aber in China ist das nicht immer der Fall. „Durch Ausstellungen eine Sammlung schaffen“ (以展代藏) ist hierzulande ein verbreitetes Phänomen unter Kunstmuseen. Der Direktor des Guangdong Times Museums, Zhao Qie (赵趄), erzählt, dass sein Haus zunächst als „Museum ohne Sammlung“ (无藏品美术馆) seine Arbeit aufnahm und Ausstellungen plante. Das war allerdings gewollt, denn der Plan war, dass Künstler Werke für das Museum schaffen und das Museum mit ihnen eine Sammlung vorzeigen kann. Einen langfristigen Sammlungsplan gibt es gegenwärtig nicht. Experiment, Prozess und Erforschung sind die Schwerpunkte der wechselnden Ausstellungen des Hauses. Wichtig ist, dass die Ausstellungen Austausch- und Kreativplattform für internationales und lokales Wissen sind.

Wenn man Kunst sammelt, hat man nie genug Geld, sagt man. Das gilt auch für Museen. Für das fast gänzlich von Tan Guobin gestemmte Contemporary Art Museum Changsha rechnet er uns vor, dass allein für die laufenden Kosten und kulturelle Bildung das Museum mehr als 10 Millionen Yuan im Jahr braucht. In dieser Summe ist das Geld für Ausstellungen noch nicht enthalten. Tan Guobin hofft, dass die Regierung einen Teil der Kosten tragen wird, außerdem wirbt er bei großen Unternehmen in Hunan um Unterstützung. Die verbleibenden 60 Prozent trägt er selbst. Die von ihm ins Leben gerufene Biennale Art Changsha (艺术长沙) findet bereits zum vierten Mal statt, und sein größtes Problem im Moment ist es, das Geld dafür zusammenzubringen. Ohne Unterstützung aus der Wirtschaft bleibt seine Hoffnung, dass die Regierung dieses für die Stadt einzigartige Kunstfestival übernimmt.

Auch wenn es schwierig ist, ein Museum zu betreiben, insbesondere wenn es keine Künstler vor Ort, keine Galerien und keinen Markt gibt, ist der Museumstraum der Städte aus der zweiten Reihe nicht zu stoppen. Jedes Museum muss sich Gedanken machen, wie es sich in den Lebensrhythmus einer Stadt einpasst und wie es die Lücke zu einem wenig kunsterfahrenen Publikum schließen kann. Die zur Hälfte traditionelle, zur Hälfte zeitgenössische Orientierung des Kunstmuseums Xi'an (西安美术馆) ist der starken Tradition der Stadt geschuldet, in der die zeitgenössische Kunst nur eine marginale Rolle spielt. Das Tan Guobin Contemporary Art Museum wiederum veranstaltete zu seiner Eröffnung ein Feuerwerk an den Ufern des Xiang-Flusses und wollte damit Kunst und Stadtbewohner einander näher bringen. Auch wenn das Feuerwerk erloschen ist, hofft Tan doch, wenn sich das Museum erst etabliert hat, mehr Künstler nach Hunan zu locken und die Sammlerszene vor Ort zu vergrößern.

Es ist schwer zu sagen, ob das Guggenheim-Museum den Bilbao-Mythos erst erschaffen hat oder ob es die einzigartige Stadt ist, die mit ihrem ungewöhnlichen Charme dazu beitrug. Im Zuge des Museumsbooms in den Städten aus der zweiten Reihe hoffen private Sammler, das lokale Kunstpotential zu aktivieren, Regierung und Immobilienbranche wollen ihrerseits mithilfe von Kunst die Ökonomie ankurbeln, und den Museen soll ihre Popularität einen Platz in Büchern über moderne Kunst sichern.

Diese Kunstmuseen rennen alle dem Traum von Bilbao hinterher, und wie beim Marathon zählen am Ende Kraft und Ausdauer, um zu gewinnen.
 

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