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Porträt
Wang Xiang und sein Theater

Wang Xiang in seinem Theater
Wang Xiang in seinem Theater | Foto: © Wang Xiang

Die Südliche Trommelgasse ist durchdrungen von den zwei Seiten der Pekinger Kultur: der Liebe zur Kunst und ihrer autoritären Kontrolle. Wang Xiang bewegt sich zwischen diesen Polen und kommt sich manchmal selbst wie in einem Theaterstück vor.

Von Wang Tianting(王天挺)

Auf einer Dachterrasse der zweistöckigen Häuser der Südlichen Trommelgasse (南锣鼓巷) Ecke Östliche Baumwollgasse (东棉花胡同) bringt Wang Xiang seine Kamera in Position, mit der er jedes Interview aufnimmt. Aber vorher gibt er dir noch zwei Visitenkarten: die des Theaters mit nur seinem Namen drauf, und eine andere, die ihn als Arzt einer Dentalklinik ausweist. „Ich weiß, dass mein Leben nicht allzu lang sein wird.“ Sein Herz ist das Problem, ihm wurden bereits sechs Stents gesetzt, trotzdem trinkt er Kaffee. In der Südlichen Trommelgasse herrscht der übliche Nachmittagslärm, auf den umliegenden Dächern spielen Katzen.

Die Enten wissen zuerst, wenn im Frühling die Wasser warm werden

Als er vor 20 Jahren das erste Mal hierher kam, war das eine kleine ruhige Straße. Es gab lediglich einen Stand, an dem Youtiao (油条) – in Öl gebackene Teigstangen – verkauft wurden. Geht man die Nanluoguxiang Richtung Norden, wird sie von acht anderen Gassen gekreuzt, das sieht aus wie eine Fischgräte. Seit alters her waren die Straßen der Stadt schachbrettförmig angeordnet, das Straßengeflecht glich einem großen Tausendfüßer und wurde auch so genannt. Als Zahnarzt eröffnete Wang Xiang in der Chrysanthemengasse (菊儿胡同) eine Mundhöhlenambulanz. Erst um das Jahr 2002 wurde hier das erste Café eröffnet.

Immer mehr Studenten der naheliegenden Theaterakademie besuchten die (neuen) Cafés und nach und nach entwickelte sich ein Viertel von hoher Kunstaffinität. Deshalb wollte Wang Xiang hier ein Theater eröffnen. Schon immer war er ein großer Theaterfan. Das Stück Kopenhagen hatte er mehr als 40 Mal gesehen und um einem Freund zu helfen, der einen geeigneten Probenraum suchte, riss er bei sich zu Hause sogar eine Wand ein.

Die Olympischen Spiele 2008 stärkten das Nationalbewusstein vieler Chinesen, Wang Xiang aber sah neben den großartigen Perspektiven auch steigende Mietpreise, wachsende Ungleichheit, Zwangsabriss von Häusern und zunehmend billige Unterhaltung. Es mangelte an geistiger Nahrung und das machte ihm Angst, aber er musste erkennen, dass das den meisten Menschen nicht bewusst war. „Es gibt das Sprichwort 'Die Enten wissen zuerst, wenn im Frühling die Wasser warm werden' und so eine Ente bin ich: eine recht sensible Ente mit weicher Haut am Bauch, im Besitz ihres Verstandes und mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen. Während ich so umherschwamm, merkte ich, dass die Wassertemperatur nicht mehr stimmte und schloss daraus, dass das Wasser verschmutzt wurde, dass hier etwas bereits seinem Ende entgegen ging."

Vom Theater-Fan zum Theatermacher

Fast ein Jahr suchte er einen geeigneten Ort für das Theater. Meist kam er gar nicht zu Wort und wurde gleich von den potentiellen Vermietern hinauskomplimentiert. Schließlich entdeckte er ein Hofhaus mit etwa sieben Mietparteien. Der Platz war knapp, deshalb baute er in einer Ecke eine kleine Hütte, das war die Küche. “Die Viereckshöfe in Peking sind Staatsbesitz, also gehören sie niemandem, aber jeder kann drin wohnen.” Die Menschen in so einem Hof grüßen sich nicht, die Nachbarn beobachten und überwachen sich gegenseitig, so dass es nicht einfach ist, sich dort einzumieten oder gar Veränderungen durchzuführen. Sie rief allein drei Mal die Polizei.

Schließlich entstand hier sein Blackbox-Theater mit 86 Plätzen, das Penghao. Die Bühne war fest installiert, die Zuschauersitze beweglich, die Preise moderat. Kaum jemand kann sich vorstellen, welche Mühen und Ausgaben in so einem nichtstaatlichen Theater stecken. Wang Xiang wurde vom Theaterliebhaber zum ernsthaften Theaterbetreiber. Er musste mit Handwerkern und Zulieferern, Feuerwehr, Hygiene- und Umweltamt verhandeln, die Abnahme des Theaters dauerte neun Monate. Nur vier Monate später fand die erste Premiere statt, da war die Spielerlaubnis noch nicht erteilt. Auf dem Weg zu ihm teilten ihm die Kulturgesetzeshüter, eine Anti-Pornografie- und Anti-Piraterie-Einheit mit, dass ihn eine saftige Strafe erwarte. Aber Wang Xiang rief kurzerhand beim Leiter des Kulturkommitees des Viertels an, und als die Gesetzteshüter kamen, war keine Rede mehr von Strafe.

Im Wahnsinn überleben

Die Südliche Trommelgasse ist durchdrungen von den zwei Seiten der Pekinger Kultur: zum einen der Liebe zu exqiuisiter und zugleich gut verkäuflicher Kunst; und zum anderen ihrer autoritäten Kontrolle, vor der man auf der Hut sein muss. Wang Xiang bewegt sich zwischen diesen Polen und manchmal kommt ihm das Ganze selbst wie großes Theater vor. „Manchmal will ich es ihnen allen zeigen, aber das würde ich nicht überleben. Es wäre Wahnsinn etwas gegen diese Heuchelei, Falschheit und Niedertracht zu unternehmen.“

In Peking ist die Überwachung der kleinen Theater Teil des städtischen Überwachungsnetzes. Die Oststadt, wo das Penghao und andere Theater liegen, ist in 17 Wohngebiete aufgeteilt, das sind wiederum 205 kleinere Einheiten, die in 589 soziale Überwachungsraster unterteilt sind. Jedes Wohngebietsnetz hat eine Leitung, die für die Kontrolle nach innen verantwortlich ist. Den sogenannten Kulturwächtern obliegt die Überwachung sämtlicher kultureller Angelegenheiten. Die für die Theater abgestellten Leute sind Idealisten voller Verantwortungsgefühl, sie besitzen politische Schärfe und die  Fähigkeit, traditionelle Theaterstile zu unterscheiden, erstatten Bericht an die Kulturwächter, wenn sie merken, dass man nicht mit ihnen sprechen will, und der wird dann bis zum Kulturkommittee des ganzen Stadtbezirks weiter nach oben gereicht.

Die Kontrolle beginnt schon bei der Zensur der Stücke. Wang Xiang hatte einst das Ein-Personen-Stück C promotet, aber die Zensoren kritisierten seine Struktur und meinten, es würde nur die ohnehin knappen Spielstätten der Stadt blockieren. Nach der Aufführung wurde das Stück mehrmals wieder gespielt und von Beobachtern zum besten Stück des Theaterfestivals gewählt. Sein Leben, so Wang Xiang, bewege sich am Rand des Absurden. Das zeigte sich auch, als das Theater mit Videoüberwachung ausgestattet werden sollte. Die Aufpasser änderten zunächst zig mal die Rede zur Eröffnung des Theaterfestivals, die Arbeiter, die sie mit der Installation der Videoüberwachung beauftragt hatten, zweigten heimlich Baumaterialien für sich ab … Aber Wang Xiang redete mit diesen Leuten, für die Theater das Allerletzte war: „Ich sollte der Macht, diesem Teufel und allen Zurückgebliebenen die Hosen runterziehen und ihnen mit Kunst und Literatur den Hintern versohlen.

“Wang Xiang ist nicht immer so. 2009 brachte er nach gut einem Monat das Stück Geschichten aus der Trommelgasse (南 锣鼓巷的故事) zur Aufführung. Mehr als 2000 Anwohner aus der Nachbarschaft sahen kostenlos das Stück, auch die Nachbarsdame war darunter. „Zu Beginn war das Theater von Lärm erfüllt, die Leute unterhielten sich, telefonierten, was auch immer. Drei Minuten später war es still.“ Darauf ist er zu Recht stolz.
 

Wang Xiang ist der Gründer und künstlerische Leiter des Penghao-Theaters, des ersten nichtstaatlichen Theaters in China. Er finanzierte seine Gründung 2008 mit 1.200.000 RMB und in den darauf folgenden Jahren mit mehr als 600.000 RMB seines Einkommens als Arzt. Für Gastauftritte nimmt er keine Miete, sondern unterstützt Literatur, Kunst, soziales Zusammenleben. Selbst produzierte er Stücke wie Die Maske des Mädchens aus der Seine (塞纳河少女面膜), Die Möwe bin ich (我是海鸥) oder Geschichten aus der Trommel-Gasse (锣鼓巷的故事) .

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