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Fokus: Abenteuer
„Wir dachten nur: Endlich ist es vorbei“

Hamburg, Ruinen zerstörter Gebäude.
Hamburg, Ruinen zerstörter Gebäude. | Foto: Bundesarchiv, Bild 183-V00294-3 / CC-BY-SA

Wie Helmut Schmidt 1945 nach Hamburg heimkehrte, seine Familie und seine Frau wiederfand und den Alltag in den Trümmern erlebte. Ein Gespräch mit dem Altkanzler.

 Im Mai 1945 waren weite Teile Hamburgs durch Luftangriffe zerstört. Hitlers Nachfolger, Admiral Dönitz, wollte die Stadt verteidigen. Doch lokale Kommandeure handelten auf eigene Faust eine Kapitulation aus. Helmut Schmidt kam im Sommer aus der Kriegsgefangenschaft in seine Heimatstadt zurück. Er war damals 26 Jahre alt.

Am 3. Mai 1945 wurde Hamburg von den örtlichen NS-Machthabern kampflos den Briten übergeben. Wo waren Sie an diesem Tag?

In englischer Kriegsgefangenschaft auf belgischem Boden, ich lag auf einer Wiese bei Brüssel.

Wann hat Sie die Nachricht von der Besetzung Hamburgs erreicht?

Jedenfalls nicht am gleichen oder am nächsten Tag. Hamburg war für mich damals nicht so wichtig. Das Ende des Krieges war wichtig.

Wann ist der Krieg für Sie persönlich zu Ende gegangen? Als Sie in Kriegsgefangenschaft gerieten?

Innerlich hatte ich das unweigerlich kommende Ende sehr viel früher begriffen. Als Hitler im Juni 1941 den Ost-Feldzug begann, habe ich gewusst, wir würden den Krieg verlieren. Darüber bin ich in einen Streit geraten mit einem Nennonkel, Hermann Ötjen. Er war ein Kollege meines Vaters, war wie dieser nach dem Ersten Weltkrieg Diplom-Handelslehrer geworden. Inzwischen war er ein Nazi, Hauptmann der Reserve. Und ich war ein kleiner Leutnant. Mit dem gab es Streit.

Was war der Anlass?

Ich habe ihm damals vorgehalten: Wir werden diesen Krieg verlieren, und wenn der Krieg zu Ende ist, werden wir – wenn wir Glück haben – in Baracken leben. Der deutsche Baustil wird „Barack“ heißen.

Warum war Ihnen damals klar, dass der Krieg verloren war?

Weil ich einige Geschichtskenntnisse hatte, weil ich das Schicksal Napoleons 1812 vor Moskau deutlich vor Augen hatte.

Hielten damals viele Deutsche den Angriff auf die Sowjetunion für einen strategischen Fehler?

Das waren wahrscheinlich relativ wenige. Ich war allerdings, das muss ich dazusagen, ein geschichtsbewusster Deutscher mit einem halbjüdischen Vater. Das heißt, ich war sicherlich kritischer eingestellt als die Masse. Sie müssen bitte bedenken, mein Leben stand unter diesem Schatten, dass ich einen halbjüdischen Vater hatte. Und dass ich mit niemandem darüber reden durfte, auch nicht mit meinem Vater selber. Nach den Nürnberger Gesetzen war ich ein sogenannter Vierteljude. Ich wusste nicht, dass die Nazis die Juden umbringen würden. Aber dass die Nazis die Juden als Gegner sahen, das war mir ganz bewusst. Ich konnte deshalb kein Nazi werden.

Sie waren im Frühjahr und Sommer 1945 in britischer Kriegsgefangenschaft. Wann und wo sind Sie gefangen genommen worden?

Wann, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich im März oder im April. Aber wo, das weiß ich genau: in einem Dorf vielleicht acht Kilometer nördlich von Soltau, in der Lüneburger Heide. Bis dahin hatte ich mich zu Fuß, immer nachts wandernd, vorgearbeitet. Das letzte Mal an der Front war ich beim Rückzug von der Ardennenoffensive im Januar und Februar 1945.

Da haben Sie sich von der Truppe abgesetzt?

Nein, die Truppe hat sich in alle Winde zerstreut.

Die Ardennenoffensive war verloren, und die Truppe löste sich auf?

Ja, sie löste sich auf, jeder versuchte, nach Hause zu marschieren. Und wenn jemand aus Oberbayern war, dann ist er nach Süden gelaufen; und wenn jemand aus Hamburg war oder aus Bremen, dann ist er nach Norden gelaufen. Zum Schluss waren wir noch drei Leute. Und in Neustadt am Rübenberge haben wir uns voneinander verabschiedet; der eine wollte nach Hannover, der andere wollte nach Bremen, und der Schmidt wollte nach Hamburg.

Wie sind Sie von den Briten behandelt worden?

Anständig. Aber die hatten nichts zu essen für uns.

Als Sie im Spätsommer 1945 aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause gekommen sind, welches Bild bot sich Ihnen, zurück in Hamburg?

Das Bild kannte ich schon. Denn ich war 1943 nach der Bombenkatastrophe in Hamburg gewesen, drei Tage lang wurde Hamburg bombardiert ...

... im August 1943, die „Operation Gomorrha“.

Richtig. Ich war im August 1943 von der Truppe unerlaubt für einen Tag nach Hamburg gefahren. Ich war damals in Kühlungsborn, an der mecklenburgischen Ostseeküste. An dem Tag verdunkelte sich der Himmel. Und dann kam das Gerücht, das ist Hamburg, Hamburg brennt, das sind keine Wolken, das ist Rauch. Daraufhin haben meine Frau und ich beschlossen – meine Frau war auch da –, ich sollte unerlaubterweise nach Hamburg gehen und gucken, ob unsere Eltern noch da sind.

Waren die Eltern noch da?

Ja, sie waren noch da. Meine Eltern lebten in einer Schrebergartenlaube in Sasel. Lokis Eltern habe ich nicht getroffen, die lebten in einer anderen Schrebergartenlaube, die waren auch ausgebombt, genau wie meine Eltern und wie mein Bruder. Aber an ihre Wohnung hatten sie mit Kreide geschrieben: „Wir sind in Neugraben.“ Das heißt südlich der Elbe. Da bin ich nicht hingegangen. Aber ich nahm an, dass sie lebten, sonst hätten sie das nicht an die Wand gemalt.

Wo war Loki während der Angriffe?

Loki hatte Urlaub und war nach Kühlungsborn gegangen. Ich war damals nach Rerik abkommandiert worden, einem Schießplatz in der Nähe von Kühlungsborn. Ich wohnte in der Zeit bei Loki. Wir waren glücklich, dass wir zusammen waren. Da haben wir uns für das Schicksal des Krieges nicht sonderlich interessiert.

Als Sie 1945 nach Hamburg heimkehrten und die Stadt sahen: War das ein Gefühl der Befreiung?

Nein, das Gefühl war: Gott sei Dank, es ist vorbei!

Wann haben Sie die Niederlage Deutschlands zum ersten Mal als Befreiung empfunden?

Gefühlsmäßig habe ich das relativ früh begriffen. Richard von Weizsäckers Rede im Jahre 1985, die noch einmal die ganze Vorgeschichte des Krieges und der Verbrechen aufblätterte, hat es mir dann wahrscheinlich ins Bewusstsein gehoben.

Ganz in der Nähe des Dorfes in der Lüneburger Heide, in dem Sie gefangen genommen worden sind, lag das Lager Bergen-Belsen, das die Briten gerade befreit hatten.

Ja.

Hatten Sie davon irgendeine Ahnung?

Nein! Wohl aber hat der Mann, der mich verhörte, mich ausgefragt wegen Bergen-Belsen. Ich wusste nichts davon.

Wussten Sie überhaupt etwas von der systematischen Vernichtung der Juden in Konzentrationslagern?

Nein.

Das haben Sie erst in der Kriegsgefangenschaft erfahren?

In der Kriegsgefangenschaft ein bisschen und im Wesentlichen danach, in den folgenden Jahren.

Haben die Briten Ihnen in der Kriegsgefangenschaft Bilder gezeigt oder Filme?

Nein, nichts. Die haben sich um uns überhaupt nicht gekümmert. Sie schämten sich, weil sie für uns nichts zu essen hatten.

Haben Sie damals gedacht, die Deutschen würden für ihre Schuld schrecklich büßen müssen?

(schweigt lange) Ich habe damals nicht in politischen Kategorien gedacht. Dass die Deutschen insgesamt schuldig waren, war nicht meine Vorstellung. Die Nazis waren schuldig.

Wenn Sie in moralischen Kategorien denken: Wie weit waren die Deutschen in ihrer Gesamtheit mitschuldig oder mitverantwortlich?

Die Deutschen in ihrer Gesamtheit waren nicht mitschuldig, wohl aber waren alle Deutschen verantwortlich für das, was andere Deutsche angerichtet hatten.

Keine Kollektivschuld, aber eine kollektive Verantwortung?

Eine kollektive Verantwortung dafür, dass dergleichen sich niemals wiederholen darf.

Wie war das Wiedersehen mit Loki, als Sie nach der Kriegsgefangenschaft nach Hause kamen?

Es war in Neugraben. Da waren meine Schwiegereltern in ein Schrebergartenhäuschen gezogen. Da bin ich hingegangen, weil ich dachte, Loki dort zu treffen. Das stellte sich dann auch als richtig heraus. Und ich habe bei der Annäherung an diese Hütte den Familienpfiff geflötet. Und dann kam sie rausgelaufen, und wir sind uns um den Hals gefallen!

Wie lange hatten Sie sich nicht gesehen?

Relativ kurze Zeit. Es war die Zeit der Feldpost. Und meistens ging die Feldpost verloren. Wir hatten die Briefe nummeriert. Und in Brief Nummer 13 oder 17, irgend so eine krumme Zahl, erwähnte Loki den Tod unseres Sohnes.

Ihr Sohn Helmut Walter starb im Kriegswinter 1944/45, noch nicht mal ein Jahr alt.

Daraufhin habe ich Urlaub bekommen, das muss zu Beginn des Jahres 1945 gewesen sein. Mein Kommandeur sagte: „Ich gebe Ihnen Urlaub für vierzehn Tage, aber sowie Sie Ihre Frau gesehen haben, kommen Sie wieder! Und Sie versprechen mir, Sie kommen gleich wieder.“

Das haben Sie auch gemacht?

Ja, das habe ich gemacht. Ich kannte den Hamburger Luftgaukommandeur. Er hieß Heino von Rantzau. Das war derselbe General, der mir ein halbes Jahr vorher entgegengehalten hatte, als ich einmal als Beobachter zu einem der Prozesse vor dem Volksgerichtshof abkommandiert worden war: „Na, Schmidtchen, was haben die Braunen jetzt wieder angestellt?“ Loki und ich haben von Rantzau aufgesucht mit dem Petitum: Können Sie uns nicht einen Marschbefehl nach Bernau geben? Ich wollte unbedingt an das Grab unseres Jungen. Er hat seinen Adjutanten gefragt: Was kostet das, wenn das rauskommt? Das kostet Sie den Kopf, Herr General, hat der Adjutant geantwortet. Darauf hat von Rantzau gesagt: Dann machen wir das so!

Was war bei Kriegsende aus Ihren Angehörigen geworden? Aus Ihren Eltern, Ihrem Bruder, Lokis Familie? Wie hatten sie den Krieg überstanden?

Alle heil und gesund! Aber entfernte Verwandte waren umgekommen. Sowohl mein Bruder als auch mein Schwager kehrten etwas später nach Hause zurück.

Ihr Bruder war auch in der Wehrmacht?

Ja, natürlich. Mein Schwager auch. Wir waren alle als Soldaten eingezogen worden.

Sind viele Ihrer Jugendfreunde gefallen oder bei Luftangriffen ums Leben gekommen?

Bei Luftangriffen keiner. Die waren alle Soldaten.

Sind viele gefallen?

Eine ganze Menge sind gefallen. Auch von den Jungs, die ich als Rekrut in Bremen-Vegesack kennengelernt hatte. Ich hatte mich in Hamburg gemeldet. Dann wurde ich am selben Tag in einen Lkw gepackt und nach Vegesack gefahren. Und von den Jungs auf meinem Zimmer – „Stube“ hieß das bei Preußens – sind auch viele gefallen.

Was konnte von dem, was Sie in Hamburg besaßen, gerettet werden?

Nichts – alles war weg!

Welcher Verlust hat Sie am meisten geschmerzt?

Gar keiner! Das hat man hingenommen. Das war was ganz Normales. Die Hälfte der Hamburger hat damals ihre Behausung verloren. Meistens waren es Mietwohnungen.

Was ist aus den Nazis, die Sie kannten, Lehrer oder Nachbarn, geworden?

Ich kannte kaum Nazis, natürlich außer dem Onkel, von dem ich vorhin gesprochen habe, Hermann Ötjen. Und ich kannte zwei, die beide tot sind. Das waren enge Freunde aus der Schulzeit. Die hießen Kurt und Ursel. Ursel wurde eine überzeugte Nazisse! Sie hat Tränen vergossen, als Hitlers Tod bekannt wurde.

Als Sie nach Hamburg zurückgekehrt waren, wie haben Sie in den Alltag zurückgefunden?

Zunächst fiel ich morgens immer wieder um, weil ich völlig unterernährt war. Ansonsten haben wir versucht, im Wald Holz zu klauen, haben versucht, frisch gelegte Saatkartoffeln wieder auszubuddeln, damit wir etwas zu essen hatten. Ich erinnere mich, dass wir einen Tag lang in unseren selbst gebauten Betten geblieben sind, weil wir weder was zu essen noch was zu brennen hatten.

Wie lange hat diese Zeit gedauert, in der Sie nicht genug zu essen hatten?

Kann ich nicht sagen. Der eigentliche Hungerwinter jedenfalls kam erst ein Jahr später.

Im November 1945 haben Sie Ihr Studium aufgenommen. Eigentlich wollten Sie Architektur und Städtebau studieren.

Das habe ich aber nicht gemacht. Weil ich die Vorstellung hatte, dass man Architektur nicht nur auf einer technischen Hochschule studieren darf, sondern dass man gleichzeitig eine Kunstakademie besuchen muss. Dafür kamen nur München oder Wien infrage. Und beide Städte waren unerreichbar weit weg und außerdem zu teuer. Ich habe, als ich im November 1945 an die Uni ging, das Fach gewählt, das den geringsten Zeitaufwand zu verlangen schien, das war Volkswirtschaft.

Ein Fach, das Sie gar nicht interessierte?

Hat mich nicht sonderlich interessiert.

Hat das Fach denn später Ihre Begeisterung geweckt?

Nein. Ich habe nicht viel gelernt. Ich habe im Wesentlichen versucht, ein bisschen Geld zu verdienen.

Womit?

Mit Steuererklärungen, die ich zum Beispiel für Einzelhändler und Tankstellenpächter gemacht habe. Das Geld habe ich dann in Lebensmittel vom Schwarzmarkt umgesetzt. Im Wesentlichen habe ich davon gelebt, dass meine Frau als Lehrerin die Familie ernährt hat.

Gab es, auch wenn Sie das Fach nicht sonderlich interessierte, einen Professor, der Sie dann doch gefesselt hat?

Zwei Leute waren von Bedeutung. Der eine war Eduard Heimann. Der war inzwischen Amerikaner geworden und kam für ein oder zwei Semester nach Hamburg. War ein sehr interessanter Mann. Der andere war Karl Schiller. Das war der Einzige, der wusste, worüber er redete, die anderen Professoren waren furchtbar wichtigtuerisch und herablassend.

Wichtigtuerisch konnte Karl Schiller auch sein.

Ja, aber der wusste, wovon er redete. Der hatte den Keynes intus. Für die anderen war Keynes ein Fremdwort.

Welche politischen Hoffnungen haben Sie mit dem Neubeginn 1945 verbunden?

Gar keine konkreten politischen Hoffnungen.

Wann begann das denn, dass Sie sich gemeinsam mit anderen an den politischen Neuaufbau gemacht haben?

Das war Zufall. 1952 war ich inzwischen Leiter des Amtes für Verkehr. Der Chef der Hamburger Hafen- und Lagerhausgesellschaft, Ernst Plate, wollte mich in den Vorstand seiner Gesellschaft holen, ich sollte sein Nachfolger werden. Und das wollte ich auch. Das heißt, er stellte mir eine Laufbahn vor Augen, die als Hafendirektor hätte enden können. Aber Karl Schiller, der als Senator nun mein Vorgesetzter war, hat mich nicht freigegeben. Da bin ich aus Daffke in den Bundestag gegangen, 1953. Mir hatten drei verschiedene SPD-Wahlkreise angeboten, bei ihnen zu kandidieren. Und dann habe ich mir den ausgesucht, der am dichtesten bei war.

War Schumacher ein Grund dafür, dass Sie in die SPD eingetreten sind?

Nein. Der Grund dafür, dass ich in die SPD eingetreten bin, war ein Oberstleutnant in der Kriegsgefangenschaft, Hans Bohnenkamp. Unter seinem Einfluss bin ich schon 1945 in Neugraben zu den Sozis gegangen und dann Anfang 1946 eingetreten. Wir haben 1946 für den ersten Wahlkampf zur Bürgerschaft Plakate gemacht.

Welcher Hamburger Politiker hat Sie damals beeindruckt?

Max Brauer! Ich habe zu denen gehört, die in Planten un Blomen geschrien haben: Max, hierbleiben!

Weil er überlegte, nach Amerika zurückzukehren?

Ja, er war noch Amerikaner.

Wann haben Sie Herbert Wehner kennengelernt?

1949. Karl Schiller war damals Hamburger Wirtschaftssenator. Er pflegte die hamburgischen Bundestagsabgeordneten – zu denen gehörten zum Beispiel Wehner, Peter Blachstein, aber auch Gerd Bucerius – jeden Monat zu sich zu bitten, um ihnen die ökonomische Lage zu erklären. So habe ich Wehner kennengelernt. Der war meistens schweigsam. Einer der Beweglichsten war Gerd Bucerius.

Bucerius saß für die CDU im Bundestag.

Ja. Seither kannten wir uns.

Sie haben gesagt, Sie seien „aus Daffke“ in die Politik gegangen. Wann hatten Sie das Gefühl, das sei der richtige Weg für Sie?

Zunächst habe ich gedacht, es wäre ganz interessant, mal für vier Jahre in den Bundestag zu gehen. Das ist alles. Und dann wurde plötzlich ein Thema akut, das ich faszinierend fand, nämlich die Wiederbewaffnung der Deutschen durch die Alliierten. Gemeinsam mit Fritz Erler war ich einer derjenigen, die auf sozialdemokratischer Seite – ähnlich wie es solche Kollegen auch aufseiten der CDU, der CSU und der FDP gegeben hat – um Gottes willen verhindern wollten, dass die alte Wehrmacht wieder aufgebaut wurde.

Wenn Sie heute nach 70 Jahren auf das Ende des Krieges zurückblicken: Gibt es immer noch Narben, die nicht verheilt sind?

Wenn man heute hier aus meinem Bürofenster guckt, sieht man eine grüne Wiese. Neben dem Haus der ZEIT hat ursprünglich mal das Johanneum gestanden, später wurde das Schulgebäude von der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt, bis es ausgebombt worden ist. Die Trümmerfläche hat es gegeben bis in die Zeit meiner Zugehörigkeit zu dieser Zeitung. Dann wollte der damalige Baudirektor einen Stahl-Glas-Kubus dahin setzen. Ich habe in der ZEIT einen Aufsatz dagegen geschrieben.

Das sind die äußeren Narben.

Meine Generation wird die Narben mit ins Grab nehmen.
 

Helmut Schmidt war von 1974 bis 1982 deutscher Bundeskanzler. 1953 zog er für die SPD erstmals in den Bundestag ein und  amtierte ab 1961 als Hamburger Senator. 1971 wurde er vom damaligen Kanzler Willy Brandt ins Bundeskabinett berufen, wo er zunächst Verteidigungs- und später Wirtschafts- und Finanzminister wurde. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges war Helmut Schmidt in Bremen stationiert. 1941 kämpfte er in einer Panzerdivision an der Ostfront. Er war an der Blockade Leningrads beteiligt, durch die mehr als eine Million Leningrader ums Leben kamen, und an der Offensive gegen Moskau.


 

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