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Umwelt
Gift in der Kleidung?

Foto (Ausschnitt): franky242
Foto (Ausschnitt): franky242 | Foto: © colourbox.com

Wie kann es sein, dass ein T-Shirt genau so viel kostet wie eine Kinokarte? Wieso zahlt man für ein Kleid weniger als für einen Besuch beim Friseur? Fast Fashion – Mode so billig, dass man zugreifen muss. Den Kunden gefällt es, die Läden sind voll, die Branche boomt. Nur – wie solche Preise zustande kommen, fragen sich die wenigsten. Eine Hamburger Ausstellung blickt seit März 2015 hinter die Kulissen und befasst sich kritisch mit dem Kreislaufsystem Bekleidung: „Fast Fashion – die Schattenseiten der Modeindustrie".

Von Volker Thomas

Die Textilindustrie ist heute so globalisiert wie kaum ein zweiter Industriezweig. Neunzig Prozent der in Europa getragenen Kleidung kommt aus Billiglohnländern, aus Bangladesch, Kambodscha, Vietnam, China. In Europa selbst gibt es kaum noch Textilindustrie. Seit dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch im Frühjahr 2013, bei dem mehr als 1.100 Textilarbeiterinnen und -arbeiter ums Leben kamen, kämpft die Branche gegen ihr schlechtes Image: katastrophale Arbeitsbedingungen, eine verheerende Umweltbilanz, Löhne unter dem Existenzminimum und giftige Chemikalien in Stoffen, die Allergien und Krankheiten verursachen. Modefirmen legten sich Sozialstandards auf, Marken bekannten sich zu „Selbstverpflichtungen" und Unternehmen zur verantwortlichen Unternehmensführung: Corporate Social Responsibility (CSR). Doch wer diese Standards zum Beispiel in Ländern wie Bangladesch oder China durchsetzt und ihre Einhaltung kontrolliert, das steht immer noch auf einem anderen Blatt.

Das schlechte Gewissen

In Europa hielt sich das schlechte Gewissen der Verbraucher in Grenzen: Zu stark scheint der Konsumdruck und zu schwach die Macht, durch den eigenen Konsum etwas verändern zu können. „Der Verbraucher ist […] ein Pharisäer, der immer auf die bösen anderen zeigt, sich selbst aber schnell in die Büsche schlägt, wenn er etwas tun oder lassen müsste", sagt Claudia Langer, die „Utopia" gegründet hat, ein Internetportal für ethischen Konsum. Durchschnittlich kauft der Deutsche 70 Kleidungsstücke im Jahr – ob da nun jedes einzelne fair produziert und gehandelt wurde, lässt sich schwer überblicken.

Doch wenn es um die eigene Gesundheit und die der Kinder geht, wird es kritisch. Die Umweltschutzorganisation „Greenpeace" hat im Herbst 2014 eine Untersuchung veröffentlicht, nach der Kinderschuhe und Kinderkleidung, die bei Discountern zu Schnäppchenpreisen angeboten werden, toxische Stoffe enthalten. Die Chemikalien schädigen laut Greenpeace das Immunsystem und die Fortpflanzungsfähigkeit. Und nicht nur das: Die Abbauprodukte dieser chemischen Zusatzstoffe sind in den Herstellungsländern hochgiftig für Wasserorganismen. Etwa zwei Drittel der chinesischen Gewässer sollen offiziellen chinesischen Quellen zufolge bereits mit umwelt- und gesundheitsschädlichen Chemikalien, die vor allem aus der Textilindustrie stammen, kontaminiert sein. Allein in China hätten 320 Millionen Menschen keinen Zugang mehr zu sauberem Trinkwasser.

Schnelle Reaktion

Die Supermarkt-Discounter Lidl und Aldi reagierten schnell: Der Zeitplan von Lidl sieht vor, dass bis Ende Juni 2016 alle verkauften Textilien frei von gefährlichen Schadstoffen sind. 80 Prozent der Lidl-Lieferanten sollen zudem bis Ende 2015 Daten zu ihren Abwässern offenlegen. Aldi verpflichtete sich, bis zum Jahr 2020 alle umwelt- und gesundheitsschädlichen Chemikalien aus der Textilproduktion zu verbannen. Die Supermärkte Rewe und Penny und der Hamburger Handelsriese Tchibo haben ihre Produktion bereits umgestellt. Tchibo will ein Rücknahme- und Recycling-Programm einführen. Was wenige wissen: Lidl, Aldi und Tchibo gehören zu den zehn größten Textileinzelhändlern in Deutschland.

Der Kampagne unter dem Namen „Detox" haben sich weitere 24 Firmen angeschlossen, darunter Sportartikelhersteller wie Puma, Adidas und Nike sowie Textilriesen wie H&M, Esprit und Mango. Ob diese Bekenntnisse Erfolg haben, wird sich allerdings erst in den kommenden Jahren bei Nachprüfungen zeigen.

Pionier Textilindustrie

Doch die Textilindustrie ist trotz der ökonomischen und ökologischen Belastungen aus den Billiglohnländern in Asien nicht mehr wegzudenken. Sie gilt in vielen Entwicklungsländern als Pionierindustrie, die andere Wirtschaftsunternehmen nach sich zieht, also auch dazu beiträgt, dass sich der Lebensstandard langsam hebt – wenn die sozialen Standards und die Umweltschutzbestimmungen nicht ständig unterlaufen werden.

Die Ausstellung in Hamburg zeigt zwar Bilder von Näherinnen am Rande der Erschöpfung, marode Fabrikhallen, verseuchte Flüsse. Aber sie weist auch auf Auswege hin: von nachhaltig produzierter Mode über Konzepte zur Wiederverwertung bis hin zu neuen Fasern und innovativen Technologien. Für die Fast-Fashion-Ausstellungsmacherin Claudia Banz ist durch Billigangebote und Discounterware die Wertschätzung von Kleidung abhanden gekommen. „Die Wertschätzung dafür, dass in der Kleidung auch Arbeit steckt, dass da Menschen dahinter stehen, das ist verloren gegangen", sagt sie.

Ein Ausweg?

Der Verbraucher allein wird das alles nicht ändern können Denn bevor er seine Entscheidung trifft, sind Dutzende von Entscheidungen bereits gefallen: auf den Farmen, wo Baumwolle angebaut und mit Pestiziden behandelt wird, in den Fabriken, wo sie mit toxischen Chemikalien gefärbt wird, in den Herstellungsländern, wo die Stoffe verarbeitet und zusammengenäht werden, in den Regierungsbehörden, die eigentlich die ökonomischen und ökologischen Standards kontrollieren sollten, in den Konzernzentralen, wo die Ware aufgekauft wird, beim Discounter, der sie zu Billigpreisen an den Markt bringt.

Eine Umkehr – das zeigt die Ausstellung in Hamburg – ist nur zusammen mit mutigen Politikern, Gewerkschaftern und Unternehmern möglich. Nur so kommt eine Allianz zusammen, die dem rücksichtslosen Geschäft mit „Fast Fashion" Regeln und Grenzen setzt.

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