Fokus: Mauern Mauerfall: 25 Jahre später

The border crossing at Bornholmer Strasse on November 10, 1989
The border crossing at Bornholmer Strasse on November 10, 1989 | Photo: Bundesarchiv, CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

25 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die Spuren der Teilung Berlins bis heute erkennbar.

„Und das hier war wirklich Osten?“ Die Touristen, die gerade über den einstigen Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße geradelt sind, können es kaum glauben.

Gekommen sind sie aus einem Viertel mit heruntergewirtschafteten Sozialwohnungen, in dem Vieles ärmlich wirkt. Das war früher Westen. Nun stehen sie, ein paar hundert Meter weiter, zwischen den topsanierten Altbauten des Prenzlauer Bergs. Das war früher Osten. Die 25 Jahre, die seit dem Mauerfall am 9. November 1989 vergangen sind, haben ausgereicht, um die Welt auf den Kopf zu stellen: Der Osten sieht aus, wie Besucher sich den Westen vorstellen, und umgekehrt. Doch sind die Spuren der Teilung wirklich verschwunden?

Seit ein paar Jahren wohne ich in Prenzlauer Berg, in einem der Häuser unweit der früheren Grenze. Jeden Tag schaue ich auf einen Rest der Hinterlandmauer, der bis heute steht und die Sicht über die Gleise Richtung West-Berlin versperrte. Dass hier bis vor 25 Jahren an den bröckelnden Fassaden die Einschusslöcher des Krieges zu erkennen waren, dass die Wohnungen Außenklo und Ofenheizung hatten, und dass hier Mitarbeiter der Staatssicherheit jeden überwachten, der eine kritische Haltung zum Staat einnahm, das alles kenne ich nur aus Büchern und Filmen. Ich weiß zwar, dass diese Stadt einmal durch eine Mauer geteilt war, und dass diese direkt vor meiner Wohnung verlief. Aber ich überschreite diese ehemalige Grenze fast täglich, ohne darüber nachzudenken. Die Einheit ist für mich normal. Vielen Berlinern, die erst nach 1989 in die Stadt kamen oder später geboren wurden, geht es ähnlich.

Die Teilung scheint für uns Geschichte. Doch zu sehen ist sie bis heute. Wer aus dem Weltall nachts auf Berlin schaut, der wird den Westteil der Stadt von einem fast weißen Licht beleuchtet sehen, während der Osten in ein wärmeres Orange getaucht ist. Das liegt daran, dass immer noch unterschiedliche Straßenlaternen im Einsatz sind. Auch publizistisch bleibt Berlin geteilt: Im Westen liest man vorwiegend die alte West-Tageszeitung Tagesspiegel, im Osten wird die Berliner Zeitung abonniert. Dort ist auch weiterhin populärer, die Kinder früh in eine Kita zu schicken, wie es in der DDR üblich war, während man sie im Westen lieber zu Hause betreute. Und Forschungen haben gezeigt, dass sich alte Berliner bei ihren Wegen durch die Stadt bis heute am Verlauf der Mauer orientieren.

25 Jahre haben ausgereicht, um die Bausubstanz in Ost-Berlin zu sanieren, die Straßen neu zu teeren und die meisten Spuren der DDR zu beseitigen. Wo am Grenzübergang Bornholmer Straße einst die Panzer parken, steht heute ein Supermarkt, der Palast der Republik wurde abgerissen, das große Lenindenkmal abgetragen und in einem Wald bei Treptow vergraben. Doch die Unterschiede in der Sozialisation, im Alltag, die sind geblieben. Menschen auf zwei Seiten einer Mauer haben Unterschiedliches erlebt. Die Frage ist, ob es schlimm ist, dass man das bis heute merkt.

Am Abend des 9. Novembers markierten leuchtende Ballons im Rahmen einer Kunstaktion die einstige Grenze. Für viele wurde so wieder ins Bewusstsein geholt, dass diese Stadt einmal geteilt war. Manche wurden so aber auch daran erinnert, dass diese Trennung Geschichte ist. Das Zusammenwachsen ist ein Prozess. Abgeschlossen ist er noch nicht.