Shanghai auf Zelluloid Stummfilme und die Kultur der Metropole

Am Filmset von „Die Göttin“ in Shanghai, 1934;
Am Filmset von „Die Göttin“ in Shanghai, 1934; | Foto: Unbekannt

Die Shanghaier Filmkultur der Zwanziger und Dreißiger Jahre wird Schritt für Schritt wiederentdeckt. Nicht zuletzt wegen eines Überraschungsfundes in einem norwegischen Archiv.

Der 25. Juni 2014 war für Shanghaier Kinoliebhaber ein besonderer Tag. Zur Eröffnung des Internationalen Filmfestivals Shanghai (SIFF, 上海国际电影节) zeigte das Shanghaier Filmmuseum (上海电影博物馆) einen restaurierten Stummfilm, der vor 80 Jahren in Shanghai produziert worden war. Die freudige Begeisterung im Vorführungssaal wurde begleitet von sinfonischen Klängen des Shanghai Light Music Orchestra (上海轻音乐团). Die überraschten Zuschauer konnten so selbst erleben, dass man die Filme während der Stummfilm-Ära nicht in völliger Stille anschaute, sondern dabei musikalische Unterhaltung durch ein Ensemble oder vom Grammofon genießen konnte. Schon seit 1926 begann sich das amerikanische und europäische Filmpublikum daran zu gewöhnen, dass die Figuren auf der Leinwand sprechen konnten, und durch die Magie des Tons brach für den Film eine neue Zeit an. Die Ära des Stummfilms endete aufgrund von finanziellen und technischen Grenzen in China hingegen erst in den frühen 1930er-Jahren.Die „Errettung der äußeren Wirklichkeit“

Ein klassisches Beispiel aus dieser Ära war der Film Die Göttin (神女). Der Titel bezieht sich auf einen alten euphemistischen Ausdruck aus der Literatur und bezeichnet eine Frau am Rande der Gesellschaft, die für Geld ihren Körper verkauft. Der junge Regisseur des Films, Wu Yonggang (吴永刚), beweist in diesem Debüt sein meisterliches Können. Das tiefe Mitgefühl gegenüber einer Prostituierten aus der Unterschicht bringt er mithilfe filmsprachlicher Stilmittel in nahezu vollendeter Weise zum Ausdruck: So werden beispielsweise ein Paar Männerfüße in den Fokus gerückt, die auf ein anderes Paar Füße, unverkennbar die einer Frau, zugehen, und danach sieht man, wie die beiden Fußpaare sich zusammen entfernen. Die ganze Sequenz ist ein indirekter und dennoch eindrucksvoller Hinweis auf den bedauernswerten Werdegang der weiblichen Hauptfigur. Konzentrierte Bilder und technische Virtuosität zeigen deutlich Wu Yonggangs Souveränität gegenüber dem aus dem Westen stammenden visuellen Medium Film. Gleichzeitig können wir auch sein chinesisches künstlerisches Naturell erkennen. Fast intuitiv gelingt es ihm, das traditionelle chinesische Ästhetikverständnis und ihre Vorliebe für Andeutungen mit der dem Film innewohnenden Funktion der „Errettung der äußeren Wirklichkeit“ (so die Bezeichnung des deutschen Kulturwissenschaftlers Siegfried Kracauer) zu verbinden.

Die Premiere von Die Göttin fand am 12. Dezember 1934 statt, und zwar im Xinguang Theater (新光大戏院) im Stadtzentrum Shanghais, in nächster Nähe zur Einkaufsstraße Nanjing Lu (南京路), wo immer viel Betrieb herrschte. An dieser Stelle befindet es sich heute noch. Und auch wenn es schon bessere Tage gesehen hat, kommen doch immer noch viele Cineasten, um Filme zu genießen und damit auch auf ein Stück der mit dieser Stadt so eng verbundenen Filmgeschichte zurückzublicken. Nur wenige Straßen vom Xinguang entfernt in der Fuzhou Lu (福州路) ist einer der Orte, an dem die Chinesen vielleicht am frühesten mit dem Medium Film in Berührung gekommen sind. In den zehn Jahren von 1897 bis 1907 konnte das Shanghaier Publikum in Teehäusern Filme sehen, wobei viele der Filmvorführenden aus Europa oder Amerika kamen. Das größte dieser Teehäuser war der Pavillon Grüner Lotos (青莲阁). Jetzt befindet sich dort eine Fremdsprachenbuchhandlung. 1908 beendete der spanische Geschäftsmann Antonio Ramos (雷玛斯), der im Grünen-Lotos-Pavillon Filmvorführungen veranstaltet hatte, seine Teehaus-Karriere und gründete in Hongkou (虹口) nördlich vom Suzhou-Fluss (苏州河) in der Zhapu Lu (乍浦路) Shanghais erstes Kino. Vielfach ist man auch der Auffassung, dass dieses Kino das erste in China war.

„Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“

Fünf Tage nach der Wiederaufführung von Die Göttin, am 20. Juni 2014, wartete auf die Cineasten auf dem Internationalen Filmfest in Shanghai eine weitere Überraschung: Ein verloren geglaubter chinesischer Stummfilm erschien auf der Leinwand. Gefunden wurde er in der Norwegischen Nationalbibliothek in Mo i Rana, Provinz Nordland in Norwegen, und es wurde bestätigt, dass es sich um eine Produktion der Shanghaier Filmgesellschaft (上海影戏公司) aus dem Jahr 1927 mit dem Titel Die Spinnennetzhöhle (盘丝洞) handelt. Bei der geringen Anzahl von in China produzierten Filmen aus den 1920er-Jahren liefert dieser Fund uns sicherlich neue Erkenntnisse über die Geschichte des frühen chinesischen Films. Der Regisseur der Spinnennetzhöhle, Dan Duyu (但杜宇), war auch der Gründer der Shanghaier Filmgesellschaft; in der Geschichte des chinesischen Films wie auch der modernen Kunst hat er einen festen Platz. Mit chinesischer und westlicher Malerei kannte er sich gleichermaßen gut aus, und er war ein Meister auf dem Gebiet der Werbegrafik und der yuefenpai-Kalenderposter (月份牌). In den 1920er-Jahren wurden viele Zeitschriften mit Titelblattillustrationen und Zeichnungen von ihm gedruckt. Angeregt durch die moderne Metropole Shanghai entwickelte Dan Duyu außerdem ein starkes Interesse an Fotografie und Film, also am – um mit Walter Benjamin zu sprechen – „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Wie es heißt, legte er damals mit Freunden Geld zusammen, so dass 1000 Yuan zusammenkamen, kaufte von einem Ausländer, der Shanghai verlassen und in seine Heimat zurückkehren wollte, eine Filmkamera der Marke Ernemann und fasste den Entschluss, eine Filmproduktionsfirma zu gründen. Im Januar 1922 lief der erste Streifen der Shanghaier Filmgesellschaft öffentlich auf der Leinwand, einer der frühesten Spielfilme, die in China selbst produziert wurden.

Die Shanghaier Filmgesellschaft verfügte nur über einen engen finanziellen Rahmen und war im Grunde ein Familienunternehmen. Alle wichtigen technisch-künstlerischen Aufgaben wurden von Verwandten und Freunden von Dan Duyu wahrgenommen. Doch als 1927 Die Spinnennetzhöhle erschien, strömten die Shanghaier plötzlich in Scharen herbei, an der Kasse gab es einen nie dagewesenen Ansturm, und aus Südostasien kam eine Anfrage nach Kopien nach der anderen. Ein Freund von Dan Duyu erinnerte sich, dass die Shanghaier Filmgesellschaft mit Die Spinnennetzhöhle einen Gewinn von 50.000 Yuan einspielte, was für damalige Verhältnisse eine außerordentlich hohe Summe war. Dank dieses Gewinns konnte Dan Duyu nun das Filmatelier der Firma großzügig ausbauen und Autos sowie weitere Geräte und Requisiten anschaffen. Außerdem begann er mit der Planung für den nächsten Film, ein aufwändigeres Opus mit historischen Kostümen mit dem Titel Yang Guifei (杨贵妃).

Was die Gründe für den Erfolg der Spinnennetzhöhle betrifft, so war ein Erfolgsfaktor der dargestellte Stoff, der dem sehr bekannten und beliebten Fantasy-Roman Die Reise nach dem Westen (西游记) entnommen ist. Zudem lagen um 1927 Filmadaptionen fantastischer Geschichten mit historischem Einschlag gerade im Trend, vielen Filmgesellschaften diente die Reise nach dem Westen als Vorlage für ihre Produktionen. Ein weiterer Erfolgsfaktor war Dan Duyus Talent, Schauspieler zu bekannten Stars zu machen. Die weibliche Hauptrolle im Film Spinnennetzhöhle war mit seiner Frau Yin Mingzhu (殷明珠) besetzt, der berühmten „Frau F. F.“ (F.F 女士) von der Shanghaier Strandpromenade. „F. F.“ war eine Abkürzung für „foreign fashion“. Und so sah sie aus, der chinesische Filmstar der ersten Generation: ehemalige Schülerin einer kirchlich geprägten Schule, fließende Englischkenntnisse, bestens vertraut mit dem modernen Lebensstil in Europa und den USA, moderne Kleidung, offenes Wesen, außerdem konnte sie reiten und Auto fahren. Dan Duyu und sie waren damals vielleicht das erste Paar in den Filmkreisen, bei denen beide ein Auto besaßen.

Besonders interessant ist übrigens, dass das in Norwegen entdeckte Exemplar der Spinnennetzhöhle zum Teil von den detaillierten Beschreibungen in der damaligen Shanghaier Presse abweicht. Beispielsweise sind einige Filmszenen mit Frauenfiguren in enganliegenden Kleidern herausgeschnitten worden, bei denen sich die Körperlinien genau abzeichnen. Daran wird deutlich, dass die Kriterien bei der Filmzensur in den europäischen Ländern damals teilweise viel strenger als in Shanghai waren. Was die Entdeckung der Spinnennetzhöhle in Norwegen auch zeigt: Schon früh, in den 1920er-Jahren, kamen durch die Globalisierung nicht nur die Shanghaier Bürger in den Genuss der materiellen Kulturerzeugnisse des Westens, sondern die Europäer fanden ihrerseits Gefallen an kulturellen Produkten aus Shanghai.

Shanghai hat als die erste Stadt in China, die ein internationales Filmfestival gegründet hat, ein enorm großes Filmpublikum. Filmkultur und -begeisterung haben hier Tradition, die in der besonderen Shanghaier Filmgeschichte wurzelt.

Shanghaier Moderne

Da die Aufführung der beiden Werke aus der Stummfilmzeit beim diesjährigen Festival eine besonders starke Resonanz hatte, stellt sich die Frage nach der tieferen Bedeutung. Ein Grund dafür mag das Interesse an der Geschichte dieser Filme selbst sein. Doch entscheidender ist die Tatsache, dass hier ein enger Bezug zur Revision und Diskussion der letzten 20 Jahre über Phänomene der Moderne in Shanghai hergestellt werden kann. In Shanghai bildete sich ausgehend von der modernistischen und kosmopolitischen Kultur der Stil der „Shanghaier Moderne“ (上海摩登) heraus. Die beiden Filme, die dort während dieser Zeit produziert wurden, sind daher ausgezeichnetes Material für den Beleg der Moderne in China.