Ein Blick auf das chinesische Bilderbuch Ein Blick auf das chinesische Bilderbuch

Aus der fünfteiligen Serie Chinesische Bilder, erschienen im Verlag New Century Publishing House
Aus der fünfteiligen Serie Chinesische Bilder, erschienen im Verlag New Century Publishing House | Foto: © New Century Publishing House

In China entstandene Bilderbücher gewannen in den letzten Jahren immer mehr Bedeutung, viele Verlage haben sich damit befasst, und es gibt nun auch einige namhafte Autoren. Aber für den Anschluss an Europa, Amerika und Japan und zur Integration in den internationalen Kinderbuchmarkt sind noch weitere Anstrengungen nötig.

Der chinesische Begriff für illustrierte Bücher, huiben (绘本, wörtl. „gemaltes Buch“), entstand als Übersetzung aus dem englischen picture book und hat sich in den letzten zehn Jahren in der chinesischen Kinderbuchbranche zu einem Trendwort entwickelt. Zweierlei Gründe gibt es dafür: Zum einen gelangten im Zuge des immer größeren Imports von Buchlizenzen viele japanische, europäische und amerikanische Titel nach China, und rissen sich die chinesischen Verlage besonders um illustrierte Kinderbücher.

Zur Internationalen Kinderbuchmesse in Bologna reisten chinesische Verlage in Scharen an, und vor allem europäische und amerikanische Kinderbücher wurden zum Objekt ihrer Begierde. Zweitens gewinnt die Lektüre im Kindesalter in China an Stellenwert, viele Schulen der Primär- und Sekundarstufe haben die Bedeutung des Lesens auch außerhalb des Klassenzimmers erkannt. So halten Bilderbücher nicht nur in den Kindergärten und Grundschulen Einzug, sie werden auch zur ersten Wahl der Bücher, die Eltern mit ihren Kindern lesen.

In China war es der Verlag 21st Century Publishing House (21世纪出版社), der als erster europäische und amerikanische Bilderbücher importierte. Aber das war vor zehn Jahren, Bilderbücher fanden damals noch keine große Verbreitung, weswegen der Verlag trotz seiner Vorreiterrolle kaum davon profitierte.

Danach haben immer mehr Kinderbuchverlage Bilderbücher aus Europa und Amerika übernommen. Sie machten mehr Marketing und verstärkt Werbung, es entstanden mehr Huibenguan (绘本馆) genannte Läden für den Verleih, den Verkauf und die Lektüre von Bilderbüchern. Das Verständnis für Bilderbücher stieg, und so entwickelten sich ein Markt und ein größeres Lesepublikum.

Nur Kinderbuchverlage bemühen sich bei Bilderbüchern um Eigenproduktionen

Derzeit bringen viele Verlage in China eigenständig kreierte Bilderbücher verschiedenster Art heraus. Doch die qualitativ guten, professionellen und um einen nationalen Stil bemühten Titel kommen von Kinderbuchverlagen. So hat der Verlag Tomorrow Publishing House (明天出版社) mehrere erfolgreiche Bilderbuchserien herausgebracht.

Die Bilderbuchserie Aus der Kinderzeit (小时候) des Verlags Xinjiang Juvenile Publishing House (新疆青少年出版社) ruft Erinnerungen an eine Kindheit in Peking wach und hat damit einen starken regionalen Bezug. Auch die Serie Chinesische Bilder (中国绘) des Verlags New Century Publishing House (新世纪出版社) ist etwas ganz Besonderes, denn die Illustratoren sind bekannte Tusche-Landschaftsmaler der in Guangdong beheimateten Lingnan-Schule. Die Serie fand nach ihrem Erscheinen sofort großen Anklang. Und im Verlag Hope Publishing House (希望出版社) erscheint eine Serie Im chinesischen Stil – Illustrierte Ausgaben bekannter Kinderbücher (中国风•儿童文学名作绘本书系). Dort sind bereits zwei von Mei Zihan (梅子涵) und Bao Dongni (保冬妮) illustrierte Ausgaben erschienen.

Die chinesische Regierung misst der Publikation von Kinderbüchern große Bedeutung zu und gewährt chinesischen Bilderbuch-Eigenproduktionen eine gewisse finanzielle Förderung. So wurde die Serie Bilderbücher aus China (中国原创图画书) des Verlags China Children Press (中国少年儿童出版社) in das Förderprogramm des Chinesischen Publikationsfonds aufgenommen. Für diese Serie wurden klassische Werke der zeitgenössischen Märchenliteratur ausgewählt, und durch die sorgfältige Herstellung wurden sie zu einer festen Größe im Bereich der Kinderliteratur. Der Verlag 21st Century Publishing House baut gerade einen „Stützpunkt chinesischer Bilderbücher des 21. Jahrhunderts“ auf; man entwickelt eine Serie von originär chinesischen Bilderbüchern und ein Angebot an damit zusammenhängenden kulturellen Produkten.

Repräsentative Autoren und Illustratoren von Bilderbuch-Eigenproduktionen

Die Intention der Verlage, in China entstandene Bilderbücher herauszubringen, hat die Kreativität auf diesem Sektor angeregt. Natürlich gibt es auch Autoren und Illustratoren, die aus eigener Initiative Bilderbücher schaffen.

Bei vielen europäischen und amerikanischen Bilderbüchern stammen Bilder und Text von einem Autor. In China ist das nur bei wenigen Autoren der Fall, wie zum Beispiel bei Zhou Xiang (周翔). Als Herausgeber der Zeitschrift Oriental Dolls Magazine (东方娃娃) machte er aus ihr eine Cartoon-Zeitschrift, und er verfasste und illustrierte selbst eine Reihe von einflussreichen Bilderbüchern. Cai Gao (蔡皋) ist Buchillustratorin, aber sie hat sich gleichzeitig als Bilderbuchautorin einen Namen gemacht; ihr Buch Ein Fuchsgeist in der Wildnis (荒原狐精) wurde letztes Jahr im Ausland preisgekrönt. Die Stoffe entstammen überwiegend Volksmärchen, die sie in ihrer Bildsprache nacherzählt.

Bao Dongni ist ebenfalls eine Autorin originärer Bilderbücher und eine Kindergeschichten-Verfasserin von Rang. Sie hat die Cartoon-Zeitschrift Superbaby (超级宝宝) ins Leben gerufen, die wegen zu geringer Auflage leider nach zwei Jahren ihr Erscheinen einstellen musste. Doch der von ihr betriebene Kleine Bilderbuchladen von Miss Rumphius (花婆婆绘本小铺) wurde zu einem Begriff auf dem Markt der originären Bilderbücher. Bei ihren Bilderbüchern schreibt sie in der Regel erst die Geschichte und sucht dann einen geeigneten Illustrator. Dann entsteht das Projekt in enger Abstimmung und Zusammenarbeit.

Auch das Brüderpaar Xiong Lei (熊磊) und Xiong Liang (熊亮) sollte im Zusammenhang mit der Eigenproduktion von Bilderbüchern nicht unerwähnt bleiben. Beide schreiben und malen. Auch Yu Liqiong (余丽琼) ist eine hervorragende Bilderbuchautorin, ihr Werk Wieder vereint (团圆) wurde zusammen mit Zhou Xiangs Morgenmarkt in Hehuazhen (荷花镇的早市) in die Xinyi-Serie originärer Bilderbücher (信谊原创图画书) aufgenommen. Wegen seiner Betonung herzlicher Verwandtschaftsbeziehungen hat dieses Buch viele Leser berührt.

Auf dem Gebiet der chinesischen Bilderbuch-Eigenproduktion sind noch große Anstrengungen nötig

Trotz der zunehmenden Zahl der Titel und des höheren Stellenwerts der originären Bilderbücher bei den Verlagen sind noch große Anstrengungen nötig, wenn in nächster Zeit der Anschluss an das kreative Niveau Europas und Amerikas und die Integration in den internationalen Kinderbuchmarkt erreicht werden soll.

Zum einen unterscheiden sich Bilderbücher von textorientierten Kinderbüchern: sowohl die Ansprüche an die Illustrationen als auch an den Text sind sehr hoch. Wenn Bild und Text nicht genau aufeinander abgestimmt sind und die Geschichte nicht synchron erzählen, dann kann kaum ein gelungenes Bilderbuch entstehen. Hier liegt die zu überwindende Hauptschwierigkeit für die Bilderbücher aus chinesischer Produktion: bei manchen sind die Bilder in Wirklichkeit nur bessere Illustrationen bzw. Begleitmaterial zum Text. Damit sind sie noch keine echten Bilderbücher.

Zweitens muss man dem Teufelskreis der Nachahmung entkommen. Nicht wenige originär chinesische Bilderbücher verharren bei der Nachahmung japanischer und europäisch-amerikanischer Bilderbücher und haben noch keine charakteristische Eigenständigkeit ausgebildet. Das Erscheinungsbild der Kinder in manchen Bilderbüchern entspricht zum Beispiel dem von europäischen und amerikanischen Kindern, sogar ihre Namen sind Übersetzungen ausländischer Namen wie „Jack“ oder „Peter“.

Außerdem bieten nur sehr wenige chinesische Kunstakademien eine Ausbildung zum Kinderbuch-Illustrator an, und Dozenten, die Lehrveranstaltungen zur Kreation von Bilderbüchern abhalten, sind äußerst dünn gesät. Der Mangel an einer entsprechenden Ausbildung behindert die Entwicklung der Eigenproduktion von Bilderbüchern. Deswegen sollten an den Ausbildungsstätten für Bildende Kunst die entsprechenden Studiengänge geschaffen und auf Bilderbücher spezialisierte Kreative herangezogen werden.

Das Bilderbuch ist ein Gesamtkunstwerk, das der gemeinsamen Anstrengung von Kinderbuchautoren, Künstlern und Verlagsleuten bedarf. Es ist zu hoffen, dass es immer mehr originär chinesische Bilderbücher geben wird, und dass sie einer immer besseren Zukunft entgegensehen!