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300 Millionen Raucherinnen und Raucher
Die Raucherrepublik

Zwei von Chinas 300 Millionen Raucherinnen und Rauchern
Zwei von Chinas 300 Millionen Raucherinnen und Rauchern | Foto: © Lui Chen

Als weltweit größter Konsument und Produzent von Tabak und als Land, in dem die Hälfte der männlichen erwachsenen Bevölkerung raucht, geschieht jede Veränderung der Tabakkultur Chinas auf langen, verschlungenen und oft außergewöhnlichen Wegen.

Von Lui Chen

Zu den jüngsten Initiativen des Nichtraucherschutzes durch den Staatsrat und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas gehört der Versuch, das Rauchen im öffentlichen Raum zu verbieten. Bei mehr als 300 Millionen Rauchern, die jeden Winkel der Nation vollqualmen, muss man kein Chinaexperte sein, um zu erkennen, dass sich ein Rauchverbot wahrscheinlich nicht in jeder Imbissbude und öffentlichen Einrichtung des Landes auch wirklich durchsetzen lässt. Trotzdem werden die Bestrebungen positiv aufgenommen, die Einstellung zu einer Gewohnheit mit tiefsitzenden, komplexen Wurzeln zu verändern.

In China regte sich bereits im 17. Jahrhundert während der Ming-Dynastie der Widerstand gegen das Rauchen. Damals forderte Kaiser Chongzhen (崇祯) die Hinrichtung aller Tabakkonsumenten. Während der Qing-Dynastie verschärfte sich die Situation noch, und nun drohte selbst denjenigen, die lediglich in Besitz von Tabak waren, die Enthauptung. Trotz dieser drakonischen Maßnahmen erfreute sich Tabak in rauchbarer und verzehrbarer Form in ganz China bis zum Anfang des 20. Jahrhundert großer Beliebtheit. Im 19. Jahrhundert gelangten Filterzigaretten aus den USA zusammen mit Werbung ins Land, die Zigaretten als Importschlager für die gehobene Gesellschaft pries und sich oft das glamouröse Shanghai zu Anfang des 20. Jahrhunderts zum Motiv nahm.

Später versuchten sowohl die Kuomintang unter Chiang Kai-shek als auch die Genossen unter Mao, dem Volk das Rauchen abzugewöhnen. Die Parteiführung war davon wohl ausgenommen, denn Mao Zedong und Deng Xiaoping waren als Raucher bekannt und posierten regelmäßig auf offiziellen Fotografien mit einer Zigarette in der Hand. Die in China allgegenwärtige Marke Zhongnanhai (中南海) wurde eigens für Mao hergestellt, und Deng war ein Kettenraucher, der überliefertermaßen an jedem Tag seiner Amtszeit die exklusiven Panda-Zigaretten (熊猫牌) paffte.

Mit Einführung der freien Marktwirtschaft gewann die Profitorientierung rasch an Boden, und die Herstellung und der Konsum von Zigaretten stiegen rasant an. Das von der Regierung unterstützte Tabakmonopol China Tobacco (中国烟草) mit einem Marktanteil von etwa 90 Prozent sorgt mit seinem Einfluss dafür, dass der Tabakhandel durch niedrige Besteuerung, einfache Zugänglichkeit und kaum eingeschränkte Werbung einer nur geringen Kontrolle unterliegt. (Dennoch ist es Zigarettenherstellern verboten, im Fernsehen und in Zeitschriften zu werben.)

Hunderte Millionen von Rauchern brachten in jeder Region Chinas eigene Zigarettenmarken und eine entsprechende Raucherkultur hervor. In der Provinz Sichuan raucht und baut man Tabak der Marken Pride (娇子) und Panda an. Im Norden sind Hao Mao (好猫, Gute Katze) aus Xi’an und Zhongnanhai aus Peking en vogue. In der Tabak-Hauptanbauregion Yunnan in Südchina lässt der Zigarettenhersteller Yuxi (玉溪) Schulen, Straßen und Parks errichten, und Hongta Shan (红塔山) ist über seine Heimatprovinz hinaus zur beliebtesten Zigarettenmarke des Landes avanciert.

Als das Rauchen in China bei keinem Anlass mehr wegzudenken war, wurde die angebotene Zigarette zu einem Eisbrecher, der das Gespräch zwischen Fremden und Bekannten erleichterte, und eine einzigartige Raucherkultur entstand im Land. Zigaretten zu verschenken, galt als Höflichkeitsbezeigung, als Geste, die es dem Gegenüber ermöglichen sollte, sich in Gesellschaft wohlzufühlen. Hochzeitsgästen offerierte man teure Marken auf Silbertabletts, und der Fahrradmonteur bekam eine Zigarette als Zeichen der Wertschätzung seiner Arbeit. Zudem wurde das Rauchen mit männlicher Identität assoziiert und förderte die Akzeptanz und das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Männern. Zigaretten wurden ebenso wie der weit verbreitete Alkohol zum physischen Ausdruck von Respekt und Anerkennung.

Die Informationskampagnen rund um das Rauchen haben auch auf Chinas Kultsymbole und Prominente groteske und ungewöhnliche Auswirkungen. Im umstrittenen China Tobacco Museum in Shanghai, das gemeinhin als Ort der Aufklärung für junge Besucher gilt, ist eine Fotografie von Lu Xun (鲁迅) ausgestellt, dem berühmten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Darunter findet sich die Aufschrift: „In schwierigen Zeiten war Tabak Lu Xuns ständiger Begleiter.“ In seinen Memoiren berichtete Lu Xun hingegen von seinem Wunsch und anschließendem Scheitern, mit dem Rauchen aufzuhören, bevor er mit 55 Jahren an Tuberkulose starb. 2012 sah sich die Familie des Nobelpreisgewinners Mo Yan (莫言) genötigt, Gerüchte zu dementieren, denen zufolge er in Zigarettenwerbung für China Tobacco Shandong Industrial Co. auftreten sollte. Auf einem Raucherforum im Internet fand sich eine Fotografie Mo Yans mit der Edel-Zigarettenmarke Taishan (泰山) und der Bildunterschrift: „Mo Yan hält drei Zigaretten in der Hand – eine für Schweden, eine für seine Heimatstadt Gaomi und eine als Inspiration fürs Schreiben.“ Experten der Tabakaufsichtsbehörde vermuteten, dass die Zigarettenfirma selbst die Gerüchte in Umlauf gebracht habe. Mo Yans Familie ließ wiederum auf Microblogs verlauten, Mo Yan habe niemals und werde auch niemals Tabakprodukte konsumieren.

Heute sterben jährlich mehr als 1,4 Millionen Festland-Chinesen an Krankheiten, die sich auf das Rauchen zurückführen lassen. Damit zeichnen sie für ein Drittel der weltweiten, durch Rauchen verursachten Todesfälle verantwortlich. Erkenntnisse aus dem International Tobacco Control Policy Evaluation Project zeigen, dass die Mehrheit der chinesischen Raucher nicht weiß, dass der Konsum von Nikotin zu Schlaganfällen und Herzkrankheiten führt. Angesichts der erdrückenden Beweise für die mit dem Rauchen einhergehenden Gesundheitsrisiken kann die Regierung nicht länger wegschauen. Eine Reihe chinesischer Provinzen und Städte hat Gesetze und Vorschriften erlassen, die das Rauchen im öffentlichen Raum verbieten, doch sie werden besonders in ländlichen Regionen kaum durchgesetzt. Anfang 2014 wurde bekannt gegeben, dass Partei- und Regierungsvertretern aller Rangordnungen das Rauchen in der Öffentlichkeit untersagt sei. Dr. Bernhard Schwartländer, der Vertreter der Weltgesundheitsorganisation in China, hält weitere Maßnahmen für nötig, wie anschauliche Warnhinweise auf Zigarettenpackungen mit großen Bildern. Diese hätten sich in anderen Ländern als äußerst effektiv erwiesen, wohingegen die derzeit üblichen reinen Textbotschaften schwach und unwirksam seien.

Aufgrund der hohen Steuereinnahmen aus dem Verkauf von Tabak und der Anzahl der Arbeitskräfte in der Tabakindustrie gestaltet sich die Tabakpolitik der chinesischen Regierung weiterhin schwierig. Die Sorge der Regierung um die Gesundheit der Bevölkerung steht häufig wirtschaftlichen Interessen gegenüber. Und das bedeutet, dass in naher Zukunft in China die Zahl von 300 Millionen aktiven Rauchern bei steigender Tendenz und 740 Millionen passiven Rauchern wohl nicht sinken wird.

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