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Porträt
Song Yuzhe (宋雨喆)

Song Yuzhe (宋雨喆)
Song Yuzhe (宋雨喆) | Foto: © Song Yuzhe (宋雨喆)

Song Yuzhe (宋雨喆), geboren im nordchinesischen Changchun, gründete 1998 die Rockband Mutuigua (木推瓜), löste sich später von der Rock’n’Roll-Szene und verließ Peking. Auf weiten Reisen studierte und sammelte er unterschiedlichste Musikstile und gründete nach mehrjährigen bereichernden Erfahrungen im Jahr 2009 die Band Dawanggang (大忘杠). Im Frühjahr 2013 gab der große Musikproduzent Jaro in Deutschland sein Album Wild Tune Stray Rhythm (荒腔走板选段) heraus und im selben Jahr erhielt er den Preis der deutschen Schallplattenkritik. 2014 schloss er in China einen Vertrag mit Treemusic (树音乐), arbeitete mit Musikern verschiedener Herkunft und Stilrichtungen und ging auf Konzerttournee in Europa, unter anderem am TFF Rudolstadt, dem größten Folk- und Weltmusikfestival Deutschlands.

Was hat Sie dazu bewogen, Musiker zu werden?

Als Teenager liebte ich Rock’n’Roll. Ich habe deshalb als 17- oder 18-Jähriger die Schule geschmissen und die Band Mutuigua auf die Beine gestellt. Damals war ich Feuer und Flamme und steckte alle meine Energie hinein, bis ich mit 24 total ausgebrannt war. Ich hatte keinen Antrieb mehr und konnte einfach nicht länger auf diese Weise weiter gaukeln. Zudem gab es auch noch organisatorische Schwierigkeiten in der Band, so dass ich schließlich alles verkaufte, etwas Geld borgte und Peking verließ, um mit dem Rucksack durch Tibet und Xinjiang zu reisen. Ich komme aus dem Norden und deshalb mag ich die hingabevolle Musik „ohne Dach“ am liebsten. Auf dieser Reise überlegte ich immerzu, was ich eigentlich machen wollte, und ob es Musik sein sollte oder nicht. Ich begann mir vieles anzuhören, habe auch ein bisschen was gesammelt. Eigentlich habe ich über Jahre hinweg nicht wirklich gefunden, was ich suchte. Etwa einen Ort, an dem ich mich hätte niederlassen können, einen Menschen, dem ich hätte folgen können, oder auch nur irgendeine musikalische oder künstlerische Ausdrucksweise. Zwischendurch machte ich sporadisch auch ganz andere Dinge, arbeitete zum Beispiel für jemanden als Toningenieur für eine Filmserie oder fotografierte. Etwa um das Jahr 2008 kamen mir schließlich ohne bestimmte Absicht neue Ideen zur Musik. Da nahm ich mit Mutuigua wieder Kontakt auf und fand schließlich zu einer eigenständigen musikalischen Ausdrucksweise. Damals mit Mutuigua hatte ich alle Kräfte auf Expressivität und Befreiung gesetzt, es gab kein wechselseitiges Zirkulieren, daher kam es auch leicht zu geistiger und körperlicher Erschöpfung. Mit Dawanggang hingegen wurde die Musik für mich zu einem Mittel innerer Vervollkommnung, da ging es nicht mehr nur um expressiven Ausdruck. Diese Hingabe, sei es nun an einen Gott der Musik oder an das, was in China mit „Himmel und Erde“ bezeichnet wurde, diese Aufopferung für etwas Größeres – Himmel und Erde, deine Gottheit oder „Dao“ – damit lässt sich ein Sinn für das Ewige bewahren, und die Bühne ist dann nur ein weiterer Ort auf dem Weg zur Vervollkommnung. Solange dein innerer Zustand gut ist, ist es auch in Ordnung, wenn es mal Fehler gibt.

Können Sie etwas über Ihre Beziehung zu Deutschland sagen? Wie gehen Sie um mit dem anderen Verständnis zur Musik von Dawanggang im deutschen Publikum?

Für mich ist es ein großes Glück, dass ich nach Deutschland gehen, den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhalten und dort so viele gute Musiker kennenlernen konnte. Es waren Leute unterschiedlichster Art, und die Zusammenarbeit mit ihnen hat die Musik von Dawanggang enorm bereichert. Das Grundkonzept dieser Band ist ja gerade, dass Menschen mit ganz verschiedenem musikalischem Hintergrund spontan ihre Freiheit entfalten können; da geht es um etwas Übersinnliches. Doch letztlich wird die Musik nach dem Gefühl des Publikums beurteilt. In Deutschland habe ich unter anderem auch Feedback erhalten, das mich erstaunte. Professionelle Kritiker fanden, für eine solche Musik müssten neue Begriffe geschaffen werden, sie wäre keiner Stilrichtung zuzuordnen, behelfsweise könnte man von einer Art „hörbarem Film“ sprechen. Es gab gute Kritik für die von uns benutzen Musikinstrumente und auch für die stilistische Kreativität und das Experimentelle. Das Publikum in Deutschland hatte guten Geschmack und war richtig begeisterungsfähig; dass sie die Songtexte nicht verstanden war nicht wirklich hinderlich. Die Texte sind für mich persönlich wichtiger als für das Publikum, denn sie sind sozusagen die tragende Säule dessen, was ich zum Ausdruck bringen will. Das rein Musikalische hingegen ist etwas, das mit dem Göttlichen in Verbindung treten kann, das im zwischenmenschlichen Bereich kommuniziert, das die Texte übersteigt. Wenn man die Songtexte versteht, ist es natürlich umso besser, ansonsten aber denke ich, dass die Musik auch ein gewisses Maß an Missverständnis erträgt. Normalerweise beschreibe ich am Anfang kurz den Hintergrund und die Atmosphäre; damit baue ich eine Szene auf, in die das Publikum mit eintritt. Es geht mir nicht einfach darum, eine Stimmung auszudrücken, denn von meiner religiösen Weltsicht her gesehen mache ich ohnehin keinen krassen Unterschied zwischen gut und schlecht, richtig und falsch – dies sind Dinge, die sich überwinden lassen. Ich wünsche mir, dass Dawanggang dazu beitragen kann, die innere Freiheit eines jeden Menschen zu entfalten, gleichgültig woher er kommt und welcher Kultur er angehört.

Können Sie etwas zu Ihren Zukunftsplänen sagen?

Zurzeit schreibe ich an einem Musical. Eigentlich stammen alle Stücke auf dem Album Wild Tune Stray Rhythm (荒腔走板选段) aus Musicals. Ich habe drei Musicals geschrieben, aber alle sind noch unfertig. Der große Rahmen und die Grundstruktur sind da, aber der Arbeitsaufwand ist einfach zu groß, ich kann sie nicht fertig machen. Darum habe ich erst mal ein paar Stücke ausgewählt und zu einer CD zusammengestellt. Die Musicals, die ich machen möchte, sind eigentlich enorm große Vorhaben. Ich habe bereits einen passenden Ort in Yunnan gefunden, der etwas vom antiken Griechenland hat, weiß auch welche Schauspieler ich brauche, doch der ganze Plan ist einfach zu groß. Außerdem ist auch die Finanzierung noch nicht gelöst. Das Ganze trage ich nun schon an die acht Jahre lang mit mir herum. In diesem Jahr werde ich erst einmal den musikalischen Teil fertigstellen, auf Tournee gehen und eine eigene CD mit mehr folkloristischen Sachen aufnehmen. Das sind meine Pläne außerhalb von Dawanggang, und da geht es mir darum, meine persönliche Lebenserfahrung, Empfindungen und Gedanken auszudrücken. Musikalisch sind diese Sachen simpler, darum ist es wichtig, dass das Publikum die Texte versteht. Doch mit Dawanggang geht es mir längst nicht mehr darum, nur persönlichen Stimmungen Lauf zu lassen – in meiner Vorstellung ist Dawanggang etwas, in dem das rein Persönliche und die Idee einer kleinen Band überwunden werden. Man könnte sogar vergessen, wer die Teilnehmer der Band sind, obschon jeder Spieler und jeder Ton enorm wichtig ist. Doch die Band könnte auch weitermachen, wenn ich nicht da wäre, könnte weiterhin Neues kreieren und die leblose Notation zu neuem Leben bringen. Jedes Mal wenn ich total erschöpft bin und zum Weitermachen fast keine Kraft mehr habe, denke ich an die gewaltigen Pläne, die mir vorschweben. Diese Ideen und Wünsche geben mir die Kraft, voranzugehen.

Bezogen auf den Weg der Vervollkommnung ist für mich Musik nicht etwas, das mich ein Leben lang auf der Bühne halten wird. Ich habe auch noch geistige und religiöse Ziele, die ich weiter verfolgen und studieren will, um die Dinge besser verstehen zu lernen. Später, wenn ich mal von meinen Eltern den letzten Abschied genommen habe, meine Kinder groß sind und meine Frau versorgt ist, wenn ich all diese Dinge des irdischen Lebens abgeschlossen habe, dann werde ich mich ganz meinen religiösen und geistigen Zielen widmen.

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