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der Boom unabhängiger Verlage
Unter der Krise hinwegtauchen

Verlegerin Daniela Seel bringt bei der Veranstaltung „Andere Bücher braucht das Land“ im Literaturhaus München die eigene Ware unters Volk
Verlegerin Daniela Seel bringt bei der Veranstaltung „Andere Bücher braucht das Land“ im Literaturhaus München die eigene Ware unters Volk | Foto: © Literaturhaus München

Bücher machen, die andernorts keine Chance haben: eine gute Zeit für Independents.

Von Wiebke Porombka

Wo von der Buchbranche die Rede ist, da läuft dies seit Jahren fast ausnahmslos auf einen Krisenbefund hinaus. Zum einen ist es der Druck anderer Medien, der den Büchern das Leben schwer macht. Hinzu kommt der steigende Einfluss von Konzernen wie etwa Random House oder Bonnier, durch die der Renditedruck der einzelnen Verlage immer mehr ansteigt. Eine weitere Folge: Überlegungen aus den Marketing-Abteilungen haben, wenngleich nicht die Hoheit über inhaltliche verlegerische Entscheidungen, so doch aber in der jüngsten Vergangenheit immer mehr Gesicht bekommen.

Zwangsläufig zum Scheitern verurteilt?

Schaut man nur auf diese grobe Skizze der Bedingungen des Büchermachens und des Büchervertreibens, könnte es auf den ersten Blick überraschen, dass sich in den vergangenen Jahren auffallend viele kleine Verlage gegründet haben. Der Lyrikverlag luxbooks etwa oder der Hamburger Mairsch Verlag. Verlage wie Voland & Quist, die ihren Büchern stets ein Hörbuch beilegen, kookbooks oder der Verbrecher Verlag gehören fast schon zu den alten Hasen im Betrieb. Sind das allesamt Projekt idealistischer Spinner, die im rauen Wind der Branche zwangsläufig zum Scheitern verurteilt sind? Im Gegenteil.

Auf den zweiten Blick nämlich erscheint der Boom junger Verlage durchaus folgerichtig. Dass die technischen Möglichkeiten zum Büchermachen mittlerweile leicht und günstig zugänglich sind, ist die Voraussetzung für die neuen Verleger. Antrieb aber ist ein anderer: Sie wollen die Bücher machen, die andernorts keine Chance haben, weil sie nicht marktgängig genug erscheinen.

Nicht nur Verlag, sondern Künstlernetzwerk

Eine der profiliertesten unter den unabhängigen Verlegern ist Daniela Seel. Sie hat vor mittlerweile zehn Jahren den kleinen Verlag kookbooks gegründet, der auf zeitgenössische Lyrik spezialisiert ist und dessen kleine Bände sich nicht nur inhaltlich, sondern auch äußerlich, durch ihre mit filigranen Graphiken versehenen Cover von der Masse der Neuerscheinungen abheben.

Wenn Daniela Seel über ihre Arbeit als Verlegerin erzählt, dann betont sie stets, dass die Ursprungsidee nicht einfach die Gründung eines Verlags war: „Wir haben als Künstlernetzwerk angefangen, Ende der 90er Jahre in Berlin. Zu dem Kreis gehörten auch Musiker, bildende Künstler. Und wir haben dann miteinander Textwerkstätten und andere Veranstaltungen organisiert.“ Der kookbooks Verlag ist ein Kind dieser spartenübergreifenden Aktivitäten.

Zwar steht nicht bei allen Independents, wie die kleinen Verlage auch genannt werden, die Verbindung verschiedener Disziplinen im Mittelpunkt. Sehr wohl aber kann man immer wieder feststellen, dass die meisten sich etwa bei der Covergestaltung nicht an den Gepflogenheiten der Buchbranche orientieren, sondern sich von Einflüssen aus der Musik oder anderer urbaner Trends inspirieren lassen. Etwas Ähnliches gilt für die Inhalte.

Den eigenen Kopf haben

Junge Verlage haben, um es etwas salopp zu sagen, das Ohr viel dichter an der Schiene der Gegenwart. Und sie haben ihren eigenen Kopf, der sich nicht an dem orientieren muss, was Marketing-Experten für ein gerade gut zu verkaufendes Buch halten. Das liegt natürlich nicht zuletzt daran, dass kleine Verlage eben wirklich auch klein sind. Häufig gegründet als Ein- oder Zwei-Mann- oder Frau-Unternehmen haben sie keinen Apparat im Rücken, durch den Entscheidungen erst hindurchlaufen müssen, bevor sie umgesetzt werden. Zugleich werden auf diese Weise auch die Personalkosten gering gehalten.

Die Selbstausbeutung, die man als unabhängiger Verleger dafür auf sich nimmt, ist die Kehrseite der Medaille. Nicht selten müssen die unabhängigen Büchermacher ihr Auskommen neben ihrer Verlagsarbeit noch auf anderen Wegen bestreiten. Aber diesen Preis der Freiheit nehmen sie gern auf sich.

Weil die jungen Verlage es sind, die immer wieder neue und überraschende Ideen in den Buchmarkt bringen, sind sie relativ rasch zu einem Lieblingskind des Feuilletons geworden. An Aufmerksamkeit fehlt es ihnen ganz sicher nicht. Für die größeren Verlage wiederum stellen sie eine Art Kreativpool da, aus dem man sich gern bedient. Sei es gestalterisch oder inhaltlich. Oder durch die Abwerbung von Autoren durch die höheren Vorschüsse, die ein großer Verlag zu zahlen imstande ist.

Bücher müssen gesehen werden

Denn die beschränkten finanziellen Möglichkeiten der unabhängigen Verlage bleiben natürlich ein Problem. Die beste Presse nützt nichts, wenn die Bücher nicht in die Läden kommen. In die großen Buchhandelsketten schaffen es die kleinen Verlage in der Regel ohnehin nicht. Aber auch, um in den „kleinen“ Buchhandel zu kommen, bedarf es eines guten Vertriebssystems. Jörg Sundermeier, Verleger des Verbrecher Verlags, ist überzeugt, dass auch kleine Verlage auf diese Weise Bestseller produzieren können. „Das Geheimnis ist Mundpropaganda. Wenn Buchhändler und Leser ein Buch weiterempfehlen, ist das die beste Voraussetzung für einen Erfolg.“ Alan Benetts Die souveräne Leserin aus dem Wagenbach Verlag ist so eine Erfolgsgeschichte.

Um mehr Aufmerksamkeit auf die Bücher unabhängiger Verlage zu lenken, hat Daniel Beskos vom Mairisch Verlag deshalb im März 2013 den Indiebookday ins Leben gerufen. Eine Art Feiertag für unabhängige Verlage soll der sein, an dem man ein Buch aus einem unabhängigen Verlag kauft – und nicht zu vergessen: etwas darüber im Netz postet.

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