Ausstellung in Berlin Blumen für Ai Weiwei

Ai Weiwei, 2012
Ai Weiwei, 2012 | Foto: © Gao Yuan

Jedes Ding hat eine Geschichte. Man muss ihm nur zuhören. Manche werden vom Lärmen der Gegenwart übertönt, manche sind unter Schichten der Zeit verstummt. Erzählt der alte dreibeinige Hocker da vom Glück der Abendsonne in einem nordchinesischen Dorf oder von den Rückenschmerzen des Handwerkers, der sein Leben lang darauf saß? Rund 6.000 solch geschichtsträchtiger Holzschemel hat Ai Weiwei (艾未未) nun im Lichthof des Berliner Gropius-Baus zu einer Fläche arrangiert. Wie ein Archäologe kratzt er an der Patina, um ihre Geschichten zum klingen zu bringen. Die schrundigen Sitzteller bedecken wie ein Teppich aus schwebenden Pixeln den Fliesenboden des Gebäudes.

Ironie in Video

An diesem selbst so geschichtsträchtigen Ort wird Ai Weiweis bislang größte Werkschau auf über 3000 Quadratmetern ausgerichtet. Die Ausstellung Evidence, was etwa juristisches Beweismittel bedeutet, eröffnete auf den Tag genau drei Jahre, nachdem der regimekritische Ai Weiwei im April 2011 wegen angeblicher Steuerhinterziehung für 81 Tage inhaftiert wurde.

Seine Zelle hat er als Kunstwerk originalgetreu nachgebaut. Der betretbare, klinisch weiße Kubus in den Maßen 7,2 x 3,6, Metern wirkt fast wie ein luxuriöses Apartment, wären da nicht die Schaumstoffisolierungen an den Wänden, die mit Klarsichtfolien abgeklebten Sanitäranlagen, das Wissen um die permanente Überwachung und das nie verlöschende Gleißen der Glühbirne. Viel ironischer als die aufwändige Nachbildung kommt Ai kurzes Musikvideo Dumbass (Trottel) daher, in dem er die Haft wie ein Popstar nachspielt.

Unbequem für das Regime wurde der Künstler und Menschenrechtsaktivist schon 2008, als er den Blog Citizens‘ Investigation ins Leben rief. Dort wurden die Namen der rund 5.200 Kinder recherchiert, die unter den billig errichteten Schulgebäuden beim Erdbeben in Sichuan verschüttet wurden. Die Website wurde gesperrt, Ai wurde von Sicherheitskräften tätlich angegriffen, was er wiederum übers Internet publik machte. Seitdem wird er schikaniert, totalüberwacht, an der Ausreise gehindert – was der global vernetzte Künstler immer öffentlichkeitswirksamer medial verarbeitet.

Seit den staatlichen Einschüchterungsmaßnahmen ist er der berühmteste chinesische Künstler – jedenfalls in Deutschland. Wir Deutschen lieben Opfer von politischer Unterdrückung – solange wir nicht selbst die Täter sind. Quasi über Nacht wurde Ai Weiwei zum Gastprofessor der Universität der Künste in Berlin ernannt, er ist Mitglied der Akademie der Künste, ein Atelier in Stadtmitte besitzt er auch schon und bei der letzten Biennale von Venedig repräsentierte Ai Weiwei sogar Deutschland.

Auch dass er bei der Berliner Ausstellung nicht anwesend sein darf, stilisiert der gewitzte Kunstunternehmer inzwischen zum Kunstwerk: „Mein Lieblingsstück ist die Tatsache, dass ich nicht an der Ausstellung teilnehmen darf“, sagte er im Vorfeld. Und natürlich trägt die Freiheitsbeschränkung maßgeblich zu seiner Aura als politischer Künstler bei. Die Installation Untitled etwa besteht aus der simplen Ansammlung von Festplatten und USB-Sticks, die aus dem Atelier seiner „Fake-Design“-Firma beschlagnahmt, durchsucht, registriert und ihm wieder zurückgegeben worden waren.

Handschellen aus Jade

Von vergleichbar schlichtem Realismus ist es auch, wenn Ai symbolische Gegenstände in kostbarem Material nachbilden lässt: Handschellen aus Jade, Kleiderbügel aus Kristallglas, eine Gasmaske aus Marmor. Schreckliches wird so in Schönheit verwandelt. Und umgekehrt: Indem er antike Vasen aus der Han Dynastie mit metallischem Autolack anstreichen lässt, profanisiert er ihre hochkulturelle Ästhetik.

Skulpturale Eleganz

Das Konzept ist einfach und so heißt das Resultat auch einfach Konzeptkunst. Man erkennt sie meist daran, dass unter den sachlichen Werktiteln eine längere Erklärung steht. Denn ein Urinal auf einem Sockel, mit dem Ais Vorbild Duchamp vor fast 100 Jahren provozierte, setzt heute keinen Erkenntnisprozess mehr in Gang. Ais elegante Spirale aus 150 chromblitzenden Fahrrädern, die sich in die Lichtkuppel der Treppenhaus-Rotunde hinaufschraubt, ist ohne die Legende vom unschuldig zu Tode verurteilten Fahrradfahrer Yang Jia eben nur eine dekorative Skulptur.

Na und? Ai Weiweis zwölf Tierkreiszeichen (Zodiac Heads) etwa spielen mit solchen Fragen nach Rolle und Bedeutung von Kunst. Die vergoldeten Bronzeköpfe sind Nachbildungen europäischer Skulpturen aus dem Alten Sommerpalast bei Peking. Der wurde im Opiumkrieg von Europäern geplündert. Hase und Ratte fanden sich kürzlich auf einer Auktion in Frankreich wieder. Sind sie nun chinesische oder europäische Kunst, wem gehören sie, was bedeutet nationales Kulturgut überhaupt noch?

Ohne Worte, allein mit den Sinnen versteht man, was die brachial verbogenen Armiereisen aus dem Erdbebengebiet von Sichuan erzählen. Ganz egal, ob es die realen Fundstücke aus rostigem Stahl sind oder ihre künstlerische Transformation zu seltsam zerbrechlich wirkenden Zeichen aus Marmor – diese Objekte erzählen ihre Geschichte von Schuld und Schmerz, und die trifft direkt ins Herz. Ganz gleich auch, ob Ai Weiwei seine Ästhetik des Widerstands als überwältigende Materialschlacht oder als schlichten Minimalismus inszeniert, immer erzählt er eine Geschichte davon „was wir haben, was wir verlieren, was wir erinnern, was wir vergessen“.