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Vor Chinatournee
Im Namen der Messer

Messer
Messer | Foto: Leonie Ritz

Kurz vor ihrer Chinatournee sprachen die Bandmitglieder der Band Messer Hendrik Otremba und Philipp Wulf über ihre Beziehung zu Messern und China.

Der Gründer der chinesischen Rockmusik Cui Jian sagte einmal über chinesische Rockmusik, sie sei „wie ein Messer“. Wie findet ihr diesen Vergleich?

Hendrik Otremba (H.): Rockmusik ist in ihren stärksten Momenten irgendwie schon wie ein Messer, sie fördert etwas zutage und bewirkt eine Veränderung. Aber ich mag Musik, die nicht vorhersehbar ist, als Hörer möchte ich überrascht werden. Die Augenblicke in der Musik, die mich wirklich bewegen, sind meistens die, die ich nicht erwartet habe. Für mich sollte Rockmusik daher wie ein Messer sein, aber bitte auch mit Gabeln, Löffeln und Essstäbchen! 

Philipp Wulf (P.): Mir gefällt der Vergleich auch. Meistens vergisst man, dass Rockmusik gefährlich sein kann. Als sich die Rockmusik Ende der 1950er Anfang der 1960er-Jahre herausbildete, hielt man sie tatsächlich für eine Gefährdung der Gesellschaftsordnung. Und obwohl sie an den Umständen eigentlich nichts änderte, löste sie ja vielleicht unter den Zuhörern ein Gefühl der Befreiung aus. Heute ist Rockmusik allgegenwärtig und erscheint daher harmlos, doch eine gewisse Schärfe kann man beibehalten und damit die Leute aus der Fassung bringen.

Zufällig habt ihr euch auch Messer genannt. In welcher Beziehung steht der Name zu eurer Musik?

H.: Ein Messer kann Leben retten, es kann töten, man kann es als Werkzeug verwenden, als Waffe, es ist Teil jeder Kultur und daher etwas sehr Ambivalentes. Und das Wort klingt einfach gut, es ist irgendwie zeitlos – für uns ist es der perfekte Name für eine Rockband, die sich auf gewisse Art dem Punk verbunden fühlt.

Macht es euch etwas aus, als „Postpunk“-Band bezeichnet zu werden? Und wo würdet ihr eure Band in Vergangenheit und Gegenwart der deutschen und internationalen Musikszene verorten?

H.: Wenn Postpunk eine Beschreibung für eine experimentelle Musik ist, die mit der Kraft und Energie der kurzen, als Punk bezeichneten Periode nach neuen Ausdrucksmitteln sucht, habe ich überhaupt kein Problem damit, dort eingeordnet zu werden. Aber ich will nicht nur mit deutschsprachigen Bands in Zusammenhang gebracht werden, bloß weil unsere Texte deutsch sind. Für uns kennt Musik keine Grenzen und ist international. Daher sehen wir uns nicht als deutsche Band. Wir sind vielmehr eine Band vom Planeten Erde, die auf Deutsch singt – was ich gut finde, denn es ist eine Sprache, bei der sich zwischen all den wahnsinnig bürokratischen und technischen Wörtern Schönheit verbirgt. Es gefällt uns, mit Bands aus anderen Ländern verglichen zu werden. Weil wir überwiegend im deutschsprachigen Raum auftreten, kommen wir natürlich meistens mit anderen deutschen Bands in Kontakt, auch wenn die vielleicht auf Englisch singen. Für uns zählen eher Kategorien wie: „Klingen sie gut? Sind das nette Typen?“ Wir sind beispielsweise gut befreundet mit der deutschen Band Die Nerven, die sind wirklich fantastisch und sehr authentisch. Und zurzeit bewegen sich auch noch andere großartige, junge Bands weit abseits des Mainstreams. Mir würde es aber auch nichts ausmachen, mit einer Band mit Frontfrau verglichen zu werden, denn ich finde es bescheuert, in die Männerecke gestellt zu werden. Etwas wie „der Sänger der Messer erinnert mich an Kim Gordon“ fände ich echt toll. Doch das ist noch nie passiert, bis jetzt sind wir nur mit Malaria verglichen worden, weil wir die irgendwie zitiert haben.

P.: Ja, da hat Hendrik den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich möchte nur noch gern hinzufügen, dass ich absolut nichts dagegen hätte, mit Bands wie Sonic Youth verglichen zu werden, und ich gebe offen zu, dass sie uns sehr beeinflusst haben, auch wenn sie natürlich nicht die einzigen waren.

Ihr habt in zwei Jahren zwei Alben veröffentlicht. Das zweite mit dem Titel Die Unsichtbaren wurde sogar auf einer chinesischen Website als eines der zehn besten deutschen Alben des Jahres 2013 gelistet. Würdet ihr gern den Leuten, die sie noch nicht gehört haben, etwas zu den zwei Alben sagen?

H.: Ja. Hört sie euch an, das ist viel sinnvoller, als wenn ich versuche, sie zu beschreiben. Dazu bin ich eh nicht in der Lage.

Eure Musik und eure Texte klingen sehr ernst. Empfindet ihr das auch so?

H.: Ach, ich denke, es gibt auch fröhliche Momente, und bei uns wird viel gelacht. Aber es ist sehr viel einfacher, düstere Songs zu schreiben, denn es gibt unzählige traurige Ereignisse im Leben und üble Sachen in der Welt. Da findet sich einfach mehr Material … Aber gerade konzentriere ich mich auf Texte, die positive Gefühle ausdrücken. Das muss ich wirklich lernen, und es ist viel schwieriger, als über etwas Trauriges zu schreiben.

P.: Doch das Schönste ist für uns vielleicht, in der Band zu spielen, und obwohl uns das echt Freude macht, glaube ich nicht, dass wir jemals eine Spaßcombo sein könnten. Bei Bands, deren Musik vor Ironie und Blödeleien strotzt, bekommt man oft den Eindruck, dass sie für ihr Auftreten nicht beurteilt werden wollen. Man kann sich ja immer damit herausreden, dass alles nur Spaß ist. Ich finde es richtig, seine Sache ernst zu nehmen, wenn man ein wirkliches Anliegen hat.

Alle Bandmitglieder der Messer sind Vegetarier. Was versprecht ihr euch von chinesischem Essen?

H.: Ich hoffe, wir entdecken Gerichte, von denen wir noch nie etwas gehört haben. In Deutschland gibt es viele tolle Chinarestaurants, aber ich schätze, in China ist die Auswahl wohl noch viel größer.

P.: Ich bin wild entschlossen, alles zu probieren, solange keine Tiere dafür leiden mussten.

Habt ihr schon interessante Erfahrungen mit Kultur- oder Sprachbarrieren zwischen verschiedenen Ländern gemacht? Und welche Erwartungen habt ihr an die Tournee in China?

P.: Ich glaube, ich kenne viele solcher Geschichten. Mit der früheren Band von Pascal und mir sind wir durch ganz Europa getourt und wurden manchmal von Bands aus Australien, Japan, Schweden, Finnland oder den USA begleitet. Dann haben wir uns immer irgendwelche blöden Sprüche in unserer jeweiligen Sprache beigebracht, und jeder hat sie immer wieder nachgeplappert wie ein Papagei. Das war total lustig. Aber ich habe keine konkreten Erwartungen an die Chinatournee. Ich will einfach neue Orte kennenlernen und neuen Leuten begegnen. Für mich ist die Chinareise etwas Besonderes, weil mein Großvater in Qingdao geboren wurde. Als mein Urgroßvater mit seiner Frau dorthin zog, um als Missionar zu arbeiten, stand die Stadt schon nicht mehr unter deutscher Herrschaft. Das war wahrscheinlich nicht so einfach. Aber ich will mir die Stadt echt gern anschauen und vielleicht das Viertel suchen, in dem mein Großvater aufwuchs. Ich glaube, er mochte Qingdao wirklich. Er besuchte die Stadt später ein paar Mal und sprach gern chinesisch.

Hendrik, du bist auch ein talentierter Maler. Wirst du die Gelegenheit nutzen, dich in der chinesischen Kunstszene umzusehen und weitere Gemälde mit chinesischen Sujets zu malen?

H.: Wenn wir genug Zeit haben, werden wir das bestimmt. Ich weiß eigentlich nicht viel über chinesische Kunst. Ich bin sicher, dass diese Reise meine Malerei beeinflussen wird, so wie alles andere auch ein Einfluss ist. Ich habe mal den bekannten chinesischen Schauspieler Leslie Cheung gemalt nach einem Standbild aus Wong Kar-Wais Film Happy Together von 1997. Ich freue mich schon auf jedwede Inspiration auf unsere Musik, das Malen, das Schreiben.

Eine letzte Frage: Womit kann das chinesische Publikum bei euren Konzerten rechnen?

P.: Wir werden versuchen, alle Grenzen zu sprengen – Kick out the Jams! Und wir bringen auch unseren Perkussionisten mit, sozusagen den fünften Beatle.

H.: Genau, wir lassen’s krachen!

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