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Unabhängige Buchläden in China
Mehr als nur Bücher?

Eine Leserin stöbert im Guangzhouer Buchladen Fang Suo Commune
Eine Leserin stöbert im Guangzhouer Buchladen Fang Suo Commune | Foto: © Fang Suo Commune

Das Internet macht die Lektüre bequem, aber bringt uns auch eine unerträgliche Leichtigkeit des Seins . Unabhängige Buchläden, die in ganz China aus dem Boden sprießen, ermöglichen jungen Menschen über das Lesen die Begegnung und den Austausch mit anderen. Man kann so über das Buch in die Realität eintauchen.

Von Ning Xiaoxiao (宁宵宵)

Der Geist der Zeit hat die traditionelle Realwirtschaft in vielen chinesischen Städten zersetzt. Der klassische Tante-Emma-Laden, Imbissbuden und kleine Kulturbuchhandlungen sind im Verschwinden begriffen. In einer mittelgroßen chinesischen Kreisstadt findet man abgesehen von dem staatlich geführten Xinhua Bookstore und den Bücherständen, in denen Lehrbücher und Lernhilfen angeboten werden, kaum mehr einen Buchladen. In den Metropolen und Provinzhauptstädten hingegen breiten sich unabhängige Buchläden allmählich aus. Jeder von ihnen hat seinen eigenen unverwechselbaren Stil und sie dienen als Treffpunkt der urbanen Jugend.

In einer Realität, in der sich Webportale, um Kunden zu gewinnen, gewaltige Preisschlachten liefern, haben freie Buchläden, die nur Bücher verkaufen, schlechte Überlebenschancen. Was also können sie darüber hinaus anbieten?

Librairie Avant-Garde: Der Exot im Reich der Mitte

Im Oktober 2013 kürte CNN die Librairie Avant-Garde (先锋书店) in Nanjing zu „Chinas schönstem Buchladen“. Der Laden zeichnet sich nicht durch prächtige Lampen oder eine aufwändige Ausstattung aus, sein Markenzeichen sind die gelben Streifen am Boden. Die Buchhandlung verbirgt sich nämlich in einer ehemaligen Tiefgarage. Dieser 4.000 Quadratmeter große Buchladen war früher einmal ein Luftschutzkeller und wurde in den 1990er Jahren zu einer Parkgarage für die Regierung umgebaut. Qian Xiaohua (钱晓华), dem Gründer der Buchhandlung, gefiel die Lage nahe der Nanjing University. Er spekulierte darauf, dass seine neuen und guten Bücher möglichst schnell ihre Liebhaber finden würden.

Bei der Auswahl der Bücher ist Qian Xiaohua streng, denn sein Credo ist, dass „eine gute Buchhandlung den humanistischen Geist einer Stadt fördern muss“. Auch Bücher, die sich nicht so gut verkaufen, werden in der Librairie Avant-Garde an prominenter Stelle ausgestellt, wenn sie den Geist und das Klima unserer Zeit verkörpern. Nachdem er die Librairie Avant-Garde 17 Jahre geführt hat, versucht Qian Xiaohua seine Marke nun auch an Orten mit touristischen Sehenswürdigkeiten einzuführen: In der ehemaligen Residenz von Song Meiling, der Ehefrau von Chiang Kai-shek, im Nanjing Museum (南京博物院) oder in der Altstadt von Huishan (惠山) nahe der Stadt Wuxi (无锡). Ziel dieser unterschiedlichen Versuche ist es, neue Leserkreise zu erschließen und die eintönig gestalteten Touristenzentren durch kulturelle Highlights zu bereichern.

Durchhaltevermögen

Anders als Qian Xiaohua, der seine gesamte Energie in seine Buchhandlungen investiert, haben viele Buchladenbesitzer in kleineren und mittelgroßen Städten noch einen zweiten Beruf oder eine andere Position. Sie sind beispielsweise Hochschulprofessoren, Schriftsteller oder einfach Geschäftsleute mit einem Faible für Kultur. Cai Chaoyang (蔡朝阳) hat in Shaoxing, Jiangsu Provinz, die Buchhandlung mit dem Namen Xin Qingnian (新青年书店), übersetzt „Neue Jugend“ gegründet. Qian ist einerseits Chinesischlehrer an einer Mittelschule und andererseits ein Autor, der die offiziellen Schulbücher des Volkserziehungsverlags (PEP) kritisiert.

Dank der Kontakte von Cai Chaoyang veranstalten viele Bestsellerautoren, wenn sie auf ihrer Signier- und Verkaufstour in Shaoxing vorbeikommen, ihr Event in der Buchhandlung Neue Jugend. Auch die ansässigen Intellektuellen und Studenten organisieren hier regelmäßig ihre Treffen und Veranstaltungen. Trotzdem können die täglichen Erlöse aus dem Buchverkauf die Miete nicht decken. Der Grund dafür, dass die Buchhandlung Neue Jugend innerhalb von Shaoxing mehrmals umgezogen ist, waren vor allem die steigenden Mieten. Weil der unternehmerische Druck immer größer wird, hat sich Cai Chaoyang dazu entschlossen, im Obergeschoss seines Buchladens eine Jugendherberge zu eröffnen. Nun können sich hier alle möglichen Leser von außerhalb einquartieren. Die Herberge hat schneller Gewinne abgeworfen als der Bücherverkauf.

Die Nähe zu den Autoren verführt zum Bücherkauf

„Für das gesamte Jahr 2014 haben wir für die Nachmittage an allen Nachmittagen bereitsVeranstaltungen geplant. Käme für Sie, damit wir ins Geschäft kommen, auch ein Vormittag oder ein Abend in Frage?“ Diese Antwort bekommt man mit hoher Wahrscheinlichkeit zu hören, wenn man im Bookstore Fangsuo Commune (方所) im Guangzhouer Shopping-Mall Taikoo Hui eine Lesung oder einen Salon für eine Buchpräsentation organisieren will. Diese Trend-Buchhandlung, die erst vor zwei Jahren eröffnet wurde, kombiniert inhaltlich die vier Bereiche Mode, Ausstellung, Lifestyle und Bücher und wurde zu einem neuen Markstein des kulturellen Lebens in Guangzhou.

Fast alle wichtigen Autoren und Künstler haben hier schon Vorträge gehalten, um Werbung für ihre Werke zu machen. Am attraktivsten ist für die kulturinteressierte Jugend an Fangsuo Commune die Nähe zu Informationen aus dem Ausland und der Kultur aus Hongkong und Taiwan. Hier findet man Zeitschriften und Bücher aus Hongkong und Taiwan und Design-Gadgets, die man sonst nirgendwo kaufen kann.

Auch für die Pekinger One Way Street Library (单向街) ist die Kultur das Verkaufsargument, doch liegt bei ihr der Fokus auf intellektuellen Debatten und Interaktion. Pekinger Bücherfreunde kommen gerne zu den Salons der One Way Street Library und weil die Werbekanäle der Buchhandlung bestens funktionieren, drängen zu jeder Veranstaltung ein paar hundert Zuhörer in den überfüllten Event-Bereich. Jeder Salon animiert das Publikum dazu, ein Buch des Redners zu kaufen und es sich signieren zu lassen. Wenn die Besucher ein oder zwei Stunden lange einen Vortrag hören, trinken sie an der Bar gerne einen Kaffee, einen Tee oder einen Softdrink und unterstützen so den Buchladen.

In Peking gibt es Buchläden und Büchercafés jeglicher Größe. Abgesehen von den Läden, die von ihren Besitzer einzig aus Liebe zum Lesen geführt werden, steigern auch sonst fast alle ihre Popularität über Kulturveranstaltungen. Wochenende für Wochenende finden über die ganze Stadt verteilt dutzende Events statt. Inzwischen ist dies auch ein wichtiger Faktor, der zum kulturellen Charme Pekings beiträgt.

Ausländische Buchläden in China

Die Buchhandelskette Page One aus Singapur hat in Peking schnell Fuß gefasst. Innerhalb von drei Jahren hat Page One Filialen auf teurem Pflaster eröffnet, etwa im China World Trade Center Guomao, im Indigo-Mall und im Vergnügungsviertel Sanlitun. In punkto Verkaufsfläche und Innenausstattung können inländische private Buchläden diesen Filialen kaum das Wasser reichen. Die Buchhandlung, die in Singapur schon auf eine dreißigjährige Geschichte zurückblickt, hat sich auf den Verkauf von Design-Büchern, Büchern in englischer Sprache oder in chinesischen Langzeichen spezialisiert. 70 Prozent der Bücher sind englischsprachig. Zielgruppe sind vor allem in Peking lebende Ausländer und die gut verdienende obere Mittelschicht. Die Geschäftsführung ist der Meinung, dass hiesige chinesische Buchläden dieser zahlungskräftigen Bevölkerungsgruppe, die vor allem in teuren Gegenden wie dem China World Trade Center oder im Vergnügungsviertel Sanlitun unterwegs sind, nichts bieten. Nur wenn man eine Buchhandlung in einem modernen Geschäftsviertel eröffne, könne man dieses moderne Publikum, das über ein hohes Konsumpotential verfügt, erreichen.

Der Verkauf eines ausländischen Buches bringt mitunter mehr ein als drei chinesische Bücher. Weil die ausländischen Verlage ihre Fixpreise im Allgemeinen relativ hoch ansetzen, streichen auch die Buchhandlungen entsprechend dicke Gewinne ein. Im Internet lässt sich für die Produkte schwer etwas Vergleichbares finden, weshalb man die Bücher nicht einfach schnell zuhause online bestellen kann. Selbst im sündhaft teuren Sanlitun kann sich Page One gegenwärtig gut über Wasser halten, für die Zukunft wird sogar anvisiert, den Laden rund um die Uhr zu öffnen.

Verbringt man einen halben Tag in einer Buchhandlung, wird einem auffallen, dass es sehr unterschiedliche Typen von Lesern gibt: Da gibt es diejenigen, die auf gut Glück in den Buchladen kommen. Fällt ihnen irgendein Buch ins Auge, kramen sie womöglich ihr Handy heraus, um den Buchtitel zu notieren. Oder sie scannen den Barcode ein, um dann sofort online eine Bestellung aufzugeben; dann gibt es diejenigen, die sich im Buchladen einen Vortrag anhören. Sie halten sich meist eine ganze Weile dort auf und kaufen letztlich auf jeden Fall etwas, um ihre Unterstützung zu zeigen. Dabei spielt es keine Rolle, zu welchem Typ man gehört: Unabhängige Buchläden erzeugen einfach Träume für Menschen, die Bücher lieben. Ihre Existenz erinnert uns daran, dass Lesen das Leben besonders macht.

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