Frei oder einsam? Zum Stand des unabhängigen Animationsfilms in China

Happen, experimentelle Videoanimation, 4-6 Kanäle, 23 Minuten, 2013
Happen, experimentelle Videoanimation, 4-6 Kanäle, 23 Minuten, 2013 | Foto: © Wu Chao (吴超)

Ein unabhängiger Animationsfilm ist ein Animationskunstwerk, das auf einem freien Geist beruht. Während sich die Animationsbranche in China kontinuierlich entwickelt, fristet der unabhängige Animationsfilm ein einsames Dasein. Dennoch gibt es eine Handvoll Leute, die die Ideale des unabhängigen Animationsfilms unermüdlich in die Praxis umsetzen. 

Vor kurzem fand in Peking zum zweiten Mal das von dem bekannten Animationsregisseur Skin3 (皮三) initiierte China Independent Animation Film Forum statt. Dieses Forum, das über eine Woche dauerte und Vorträge, Screenings und einen Wettbewerb umfasste, fand zwar großen Anklang bei den Freunden des unabhängigen Animationsfilms, konnte aber keine Sponsoren an Land ziehen.

Bereits zwei Jahr zuvor hatte ich mit Skin3 über die Probleme des unabhängigen Animationsfilms in China diskutiert. Einer seiner Definitionen des unabhängigen Animationsfilms stimme ich im Großen und Ganzen zu: „Der unabhängige Animationsfilm ist eher eine Haltung und eine Freiheit im Geiste. Er bedeutet unabhängige Gedanken, unabhängiges Schaffen und ein unabhängiges Urteil.“

Es fehlt der Geist der Unabhängigkeit

„Der Geist der Unabhängigkeit“, wenn ich diese Formulierung höre, führt mich das vage in das Jahr 1919 zur Vierten-Mai-Bewegung zurück. Doch verglichen mit der Bewegung von 1919, die von einer Welle der Euphorie getragen wurde, steht heute der unabhängige Animationsfilm ebenso wie der Geist der Unabhängigkeit leider ganz alleine und ohne Unterstützung da, es gibt für ihn keinen Markt.

Natürlich darf nicht verschwiegen werden, dass in China in den letzten Jahren eine Reihe neuer Animationszeichner in Erscheinung getreten ist, deren Vertreter Ray Lei (雷磊), Chen Xi (陈曦), Liu Jian (刘健) oder Wu Chao (吴超) heißen. Ihre Werke wurden bei Animationsfestivals im Ausland gezeigt und haben Preise gewonnen. Durch Filme wie This is Love (这个念头是爱), The Winter Solstice (冬至), Piercing (刺痛我), oder Chasing (追逐) haben wir nicht nur von den einzelnen Regisseuren Kenntnis erhalten, sondern auch erfahren, dass es in China doch noch eine Gruppe von Regisseuren gibt, die sich dem unabhängigen Animationsfilm widmet.

Wäre China ein kleines Land mit einer Million Einwohnern, wäre es für mich ein Grund zum Jubeln, wenn es 100 unabhängige Animationsfilmer gäbe. Tatsächlich aber ist China ein Land mit 1,4 Milliarden Menschen. In diesem Land wird an über 1.000 Hochschulen Animation gelehrt und jedes Jahr gibt es in diesem Fach über 400.000 Absolventen. Dass sich nur ein paar Hundert von ihnen auf den unabhängigen Animationsfilm spezialisieren, empfinde ich als Trauerspiel.

Warum gibt es in China so wenige Regisseure von unabhängigen Animationsfilmen? Wesentlich ist dabei, dass es der gesamten chinesischen Gesellschaft an unabhängigem Geist mangelt. In unserer Gesellschaft gibt es Menschen, die sich nicht ausdrücken können, es gibt diejenigen, die sich nicht trauen, sich auszudrücken, und diejenigen, die sich nicht ausdrücken wollen. Dann gibt es auch Dinge, die sich nicht ausdrücken lassen. Man kann also sagen, dass es für das Fehlen dieses Geistes sowohl subjektive als auch objektive Gründe gibt.

Es fehlt eine Bühne für den unabhängigen Animationsfilm

Abgesehen von den Regisseuren fehlt es dem unabhängigen Animationsfilm in China auch an einer Plattform, um sich zu präsentieren. Momentan sind die wichtigsten Kanäle, über die ich von neuen Werken des unabhängigen chinesischen Animationsfilms höre, die Festivals im Ausland. Zumeist erfahre ich erst, wenn ein chinesischer Film bei einem Festival aufgenommen wurde, von der Existenz des Regisseurs und von seiner Arbeit, von seinen Gedanken und seinen technischen Innovationen. Auf chinesischen Animationsfestivals mache ich solche Entdeckungen selten, und das, obwohl in ganz China jährlich mindestens 80 solcher Festivals stattfinden.

Das China Independent Animation Film Forum von Skin3 und die Shenzhen Independent Animation Biennale (独立动画双年展) waren in den vergangenen zwei Jahren die wichtigsten Bühnen, auf denen sich der unabhängige Animationsfilm in China präsentieren konnte. Beide Plattformen haben allerdings gegenwärtig keine Verbindung zur Regierung, wobei unklar ist, ob die Organisatoren die Regierung meiden oder die Regierung ihrerseits nichts mit den Organisatoren zu tun haben will.

Es fehlt ein System, das den unabhängigen Animationsfilm unterstützt

Während in vielen Ländern unabhängige Animationsprojekte von der Regierung finanziell unterstützt werden, tun sich Animationsfilmer in China schwer, Fördergelder von der Regierung zu erhalten. Dies ist ein Hauptgrund für die prekäre Existenzgrundlage der Regisseure. Dabei greift die chinesische Regierung der Animationsbranche insgesamt gegenwärtig stark unter die Arme. Sie tut das aus zwei Überlegungen: Zum einen möchte man für „kulturelle Sicherheit“ sorgen, zum anderen will man, dass die Branche Gewinne abwirft. Für unabhängige Animationsfilme, die weder zur kulturellen Sicherheit beitragen und auch keinen allzu großen kommerziellen Wert haben, zeigt die Regierung kein Interesse.

Wu Chao ist eine Regisseurin, deren Arbeit ich relativ konstant und mit großer Freude verfolgt habe. Schon ihr Debütfilm Chasing war äußerst vielsagend. Bei ihrer neuen experimentellen Arbeit Happen werden unterschiedliche Inhalte parallel auf drei verschiedene Leinwände projiziert, wodurch sich eine räumliche Betrachtungssituation ergibt. Wu Chao kam nach ihrem Auslandsstudium in Frankreich zurück nach China und unterrichtet momentan an einer Bildungseinrichtung in Guangzhou. Als Außenstehender habe ich den Eindruck, dass das Personalverwaltungssystem chinesischer Hochschulen für sie eine Einschränkung bedeutet. Sie muss relativ viel Zeit und Energie darauf verwenden, Aufsätze zu veröffentlichen und ihre akademische Karriere voranzutreiben, auch wenn sie das vielleicht gar nicht interessiert. In China fehlen Mechanismen, die den Erfolg unabhängiger Animationsfilmer bemessen könnten. Eine Regisseurin kann noch so innovative Werke produziert haben, letztlich muss sie sich den chinesischen Gegebenheiten anpassen, sich in das traditionelle Bewertungssystem eingliedern und sich mit Tausenden mittelmäßigen, aber die Klaviatur des Systems beherrschenden Mitstreitern an armseligen Beförderungsnormen abarbeiten.

Soweit zu meinen Beobachtungen über den Entwicklungsstand des unabhängigen chinesischen Animationsfilms, sie mögen etwas pessimistisch sein. Unabhängige chinesische Animationsfilmer finden zurzeit nur innerhalb ihrer eigenen kleinen Kreise Achtung und Anerkennung, außerhalb davon werden sie nicht wertgeschätzt.

Nichtsdestotrotz können wir aus dem von Skin3 ins Leben gerufenen China Independent Animation Film Forum Kraft schöpfen. Ich wünsche mir aus vollstem Herzen eine Fortsetzung dieser Veranstaltung und hoffe, dass das nächste Forum in zwei Jahren seinen eigenen Sponsor finden wird.