Deutsche Fotografen in China Vergessene Bilder

„Edelsteinpagode“: Heinz von Perckhammer (1895-1965): „Peking” (1928)
„Edelsteinpagode“: Heinz von Perckhammer (1895-1965): „Peking” (1928) | Foto: Yingyi Shidai Sammlung

Wie der bekannte Fotohistoriker Terry Barnett feststellt, stammen frühe Fotografien in China ausschließlich von ausländischen Fotografen, weshalb diese Bilder nun überall außerhalb Chinas verstreut sind. James Zeng-Huang stellt einige frühe deutsche Fotografen in China vor. 

Seit Beginn der chinesischen Fotoauktionen im Jahr 2006 tauchten in der Fotografie eine Reihe bislang unbekannter früher Fotografen auf. In „Vergessene Bilder“ werden mehrere deutsche Fotografen vorgestellt, die von 1860 bis 1940 in China waren. Wer war der erste der deutschen Fotografen in China? Was ist ihr Beitrag zur Geschichte der Fotografie in China?

Ernst Ohlmer (1847-1927)

Ohlmer war der erste deutsche Fotograf, der die chinesische Fotografie-Geschichte prägte. Seine zwölf Aufnahmen von den Ruinen des Sommerpalastes aus dem Jahr 1860 gehören zu den frühesten Fotografien der Gebäude europäischen Stils im Sommerpalast. Diese Bilder waren lange Zeit unveröffentlicht geblieben, bis es im Jahr 1932 dem chinesischen Wissenschaftler Teng Gu, die Bilder aus dem Archiv Ernst Boerschmanns zu erhalten, worauf er diese nach China brachte und über die Shanghai Commercial Press im Jahr 1933 publizieren ließ, so dass dieses wichtige Bildmaterial endlich an die Öffentlichkeit gelangte. In dem neuerlich erschienenen Buch „Geschichte der chinesischen Fotografie: 1842-1860“ wird Ohlmer außerdem als einer der frühesten Fotografen in Xiamen und in Taiwan beschrieben. Eingehendere Forschungen zu Ohlmer haben gerade erst begonnen, und es wird sich zeigen, ob er tatsächlich der früheste deutsche Fotograf in China war.
Ernst Ohlmer (1847-1927): „Ruinen des alten Sommerpalasts“ (1933, Shanghai) „Ruinen des alten Sommerpalasts“ (1933, Shanghai) Courtesy: Yingyi Shidai Sammlung

Ernst Boerschmann (1873-1949)

Der deutsche Architekt Ernst Boerschmann kam 1902 nach dem Boxeraufstand als Architekt zum deutschen Kontingent der Internationalen Besatzungsbrigade und kehrte 1904 nach Deutschland zurück. Später beschäftigte er sich eingehend mit traditioneller chinesischer Architektur und bereiste in den Jahren 1906 – 1909 mit Unterstützung der deutschen Regierung zwölf Provinzen, wobei er mehrere tausend Aufnahmen von Palästen, Tempeln und typischer Wohnarchitektur machte. Diese wurden später in verschiedenen wissenschaftlichen Publikationen herausgegeben; am bekanntesten ist sein 1923 erschienenes Buch „Baukunst und Landschaft in China“. Dieser Fotoband spielt in der traditionellen chinesischen Architekturgeschichte eine wichtige Rolle, nicht zuletzt weil viele jener Bauwerke und Landschaftsbilder im Wandel der chinesischen Geschichte nahezu gänzlich verschwunden sind. In neuerer Zeit findet Boerschmann auch in der Fachwelt der chinesischen Fotografie immer mehr Beachtung.
Ernst Boerschmann (1873-1949): „Baukunst und Landschaft in China“ (1923) „Baukunst und Landschaft in China“ (1923) Ernst Boerschmann (1873-1949): „Baukunst und Landschaft in China“ (1923) | Courtesy: Yingyi Shidai Sammlung
 

Heinz von Perckhammer (1895-1965)

Die Familie des Österreichers Heinz von Perckhammers Familie führte ein Fotostudio. Seit seiner ersten Berührung mit China reiste er wiederholt im Land umher und publizierte Fotobände wie „Peking“, „Von China und Chinesen“, sowie „Edle Nacktheit in China: Künstlerische Aktaufnahmen“. In dem preisgekrönten Werk „Autopsie – Deutschsprachige Fotobücher 1918 bis 1945“ von 2012/13 werden „Peking“ und „Von China und Chinesen“ vorgestellt, der Band „Edle Nacktheit in China“ hingegen bleibt unerwähnt, obschon dieses 1928 publizierte Buch mit Aufnahmen aus dem Rotlichtviertel in Macao die älteste Publikation von Aktaufnahmen in der chinesischen Geschichte der Fotografie darstellt und von hohem künstlerischen Wert ist. So kann ein Werk in verschiedenen Ländern und Kulturen einen ganz unterschiedlichen Stellenwert erhalten.
Heinz von Perckhammer (1895-1965): „Edle Nacktheit in China“ „Edle Nacktheit in China“ (1928) Heinz von Perckhammer (1895-1965): „Edle Nacktheit in China“ | Courtesy: Yingyi Shidai Sammlung

Alfons Mumm von Schwarzenstein (1859-1924)

Von Schwarzenstein, der Nachfolger des im Boxeraufstand ermordeten deutschen Gesandten Clemens von Ketteler, war zweifellos der außergewöhnlichsten ausländische Fotograf in China. Er war besonders künstlerisch begabt und publizierte 1901 im Eigenverlag den Fotoband „Peking“ in einer Auflage von 500 Exemplaren; heute ein äußerst wertvolles Sammelstück. Was er sonst noch fotografierte und wo sich seine Fotografien heute befinden, bleibt der weiteren Forschung überlassen.
Alfons Mumm von Schwarzenstein (1859-1924): „Peking“ (1901) „Peking“ (1901) Alfons Mumm von Schwarzenstein (1859-1924): „Peking“ (1901) | Courtesy: Yingyi Shidai Sammlung

Publikationen der Deutschen Alliierten

Nach dem Boxer-Aufstand wurden von den in China stationierten Deutschen Alliierten mehrere Fotobände über China herausgegeben, darunter die „Geschichte des Tempels Tja Tai Tse“ und „Peking und Umgebung“, beide mit einzuklebenden Bildern in beschränkten Auflagen. Diese Publikationen sind historischer sehr wertvoll und haben auch hohen Sammlerwert. Die Fotografien der 1905 publizierten „Geschichte des Tempels Tja Tai Tse“ stammen von einem Leutnant namens Jobst aus dem Zweiten Ostasiatischen Infanterie-Regiment; das Buch wurde im Presseverlag der Deutschen Armee in Tianjin zusammengestellt, im Deutschen Infanterie-Regiment in Tianjin redigiert und in einer Auflage von 530 Exemplaren herausgegeben. Der im Jahr 1906 erschienene Fotoband „Peking und Umgebung“ stammt von dem deutschen Leutnant Karl Boy-Ed und enthält insgesamt 30 Abzüge; die Auflage beträgt 720 Exemplare. Dies stellt uns unwillkürlich vor die Frage: Gab es weitere Fotografen in den Truppen der Deutschen Alliierten? Was wurde sonst noch fotografiert und wo befinden sich heute noch Negative?
Karl Boy-Ed (1872-1930): „Peking und Umgebung“ (1906) „Peking und Umgebung“ (1906) Karl Boy-Ed (1872-1930): „Peking und Umgebung“ (1906) | Courtesy: Yingyi Shidai Sammlung

Fuhrman und Melchers’ Fotoband „China: Das Land der Mitte. Der Tempelbau“

Das Buch „China: Das Land der Mitte. Der Tempelbau“ von Ernst Fuhrmann und Bernd Melchers erschien im Jahr 1921 in zwei Bänden. Der erste Band enthält 147 Fotoseiten über Tempelarchitektur, Statuen und religiöse Gegenstände, sowie alltägliche Szenen aus der Zeit zu Beginn der Republik China (1912-1949). Im zweiten Band finden sich auf 74 Seiten Fotos von Tempelarchitektur, dazu 45 Seiten mit Abbildungen von Buddhastatuen aus dem Lingyin-Tempel in Hangzhou. Dieses Buch ist ein wichtiges Dokument für die Erforschung der frühen chinesischen Tempelarchitektur.
Ernst Fuhrmann und Bernd Melchers: „China: Das Land der Mitte. Der Tempelbau“ (1921) „China: Das Land der Mitte. Der Tempelbau“ (1921) Ernst Fuhrmann und Bernd Melchers: „China: Das Land der Mitte. Der Tempelbau“ (1921) | Courtesy: Yingyi Shidai Sammlung

Ellen Catleen

Im Jahr 1934 publizierte die Journalistin Ellen Catleen einen eigenständigen Fotoband mit dem Titel „Peking Studies“, der anhand von 101 Fotografien, verbunden mit Karikaturen, die Geschichte eines Mr. Pim erzählt, der in Begleitung eines Mr. Wu Peking durchstreift und am Ende die Stadt zufrieden verlässt. Die Illustrationen in diesem Band stammen aus der Feder des österreichischen Emigranten Friedrich Schiff. Catleen, die nach ihrer Hochzeit mit dem niederländischen Botschafter den Namen Kolban-Thorbecke annahm, war auch eine sehr gute Fotografin; im Jahr 1935 erschien ihr Fotoband „People in China“. Ob dies wohl die frühesten Fotobücher über China einer deutschen Fotografin sind?
Ellen Catleen (1902-1973): „Peking Studies“ (1934) „Peking Studies“ (1934) Ellen Catleen (1902-1973): „Peking Studies“ (1934) | Courtesy: Yingyi Shidai Sammlung

Hedda Hammer Morrison

Hedda Hammer Morrison studierte in München Fotografie und arbeitete von 1933 bis 1938 am Hartung Studio in Peking. Von dort aus bereiste sie Orte wie Yungang, Zhengding, Rehe, den Berg Huashan, die Provinz Hebei, die Städte Weihai, Qingdao, Baoding und Qufu, den Berg Taishan und die Stadt Nanjing. Legendär ist ihre Anstellung unter der japanischen Marionettenregierung und Chiang Kai-shek, außerdem entwickelte sie Abzüge von Edward Snow, einschließlich der berühmten Fotografie von Mao Zedong mit der achteckigen Kappe. Im Jahr 1985 erschien von ihr noch der Fotoband „A Photographer in Old Peking“. Ihr Nachlass ging an die Bibliothek des Harvard-Yenching Instituts.

Weiße Flecken in der Forschung

Frühe Fotografien aus China befinden sich heute überall verstreut im Ausland, und besonders in der Zeit nach den Opiumkriegen fiel fotografisches Material in China wegen Kriegswirren und politischen Kampagnen der Zerstörung anheim. Nur wenige der deutsche Fotografen, die in China gearbeitet haben, sind dank ihrer Publikationen späteren Generationen zugänglich geblieben, weitaus mehr dürften im gnadenlosen Lauf der Geschichte untergegangen sein. Wer waren diese Fotografen? Was fotografierten sie und aus welchen Motiven? Viele Fragen bleiben chinesischen Forschern bis heute unbeantwortet.
Obschon die Erforschung der bereits bekannten Fotografen noch in den Anfängen steckt, lässt sich aus den vorhandenen Dokumenten schliessen, dass deutsche Fotografen, abgesehen von Ernst Ohlmer, zwar wenig zur Fotografie der späten Qing-Dynastie (1644-1911), sehr viel jedoch zur Fotografie der Republikzeit (1912-1949) beigetragen haben. Zu untersuchen bleibt im Weiteren, inwiefern sich die Stellung dieser Fotografen in Deutschland selbst von ihrer Stellung innerhalb der chinesischen Fotografiegeschichte unterscheidet, wo sich ihre Originaldokumente befinden, und ob ihr Stellenwert bezüglich der „rekonstruierten Geschichte der Fotografie der Republikzeit“ sowie der zur Zeit in Bearbeitung befindlichen „Chinesischen Geschichte der Fotografie“ an Wichtigkeit gewinnen wird.
Aus historischen und ideologischen Gründen ist die Erforschung deutscher Fotografen in China in der Vergangenheit nahezu unbeachtet geblieben, so dass für Interessierte an der chinesischen Geschichte von Fotografie und Film immer noch viel Raum bleibt, vergessene Kulturgüter und visuellen Reichtum ausfindig zu machen.
 
Heinz von Perckhammer (1895-1965): „Von China und Chinesen“ (1930) "Von China und Chinesen" (1930) Heinz von Perckhammer (1895-1965): „Von China und Chinesen“ (1930) | Courtesy: Yingyi Shidai Sammlung

James Zeng-Huang ist Fotoberater von Huachen Auctions und Master-Absolvent der Newhouse School of Public Communications der New York Syracuse University. Er bereiste 1998-99 Deutschland und publizierte den dokumentarischen Fotoband „Bosnien-Herzegowina: Überleben im Kriegsfeuer“. Zeng-Huang ist Herausgeber des „Handbuchs für Bild-Layout“ sowie über zehn weiterer Bildbände und Publikationen.