Fokus: Öffentlicher Raum Shoppen bis in alle Ewigkeit

Einkaufszentrum von Berlin
Einkaufszentrum von Berlin | Foto: Christian Y. Schmidt

Christian Y. Schmidt vergleicht den sehr speziellen öffentlichen Raum deutscher und chinesischer Shopping Malls.

Chang Rae Lees großartiger dystopischer Roman On Such a Full Sea – aufgrund der Dummheit der Verlage bis heute nicht ins Deutsche übersetzt – spielt über weite Strecken in einer chinesischen Stadt, die an der Stelle des ehemaligen Boston auf dem nordamerikanischen Kontinent liegt, und in denen die Bewohner ihre ganze Freizeit in unterirdischen Shoppingmalls vertändeln.

Zu diesem Setting hat sich der koreanischstämmige Amerikaner Lee – dessen Buch zunächst ein dokumentarischer Roman über Arbeiter bei Foxconn werden sollte – wahrscheinlich von chinesischen Shoppingsmalls inspirieren lassen, die er während der Recherchen zu seinem Buch in Shenzhen selbst sah. Schließlich kann man bereits heute in diesen Malls sein halbes Leben verbringen.

In den oberen Stockwerken liegen meist eine ganze Reihe von Kinderparadiesen, wo man den quengelnden Nachwuchs wenigstens für ein paar Stunden loswerden kann. Anschließend lässt man sich bei einem der Friseure die Haare schneiden oder bei Kosmetiktanten die Nägel lackieren. Dann geht man shoppen – unnötigen Krimskrams, Elektronik, Klamotten – und kauft schließlich die Lebensmittel für die Woche im Supermarkt, der im Basement liegt.

Ist man damit fertig, werden die Kinder wieder abgeholt, und man geht zusammen essen: Entweder teurer in den besseren Restaurants, die im obersten Stockwerk liegen, oder billiger im Foodcourt, der sich eigentlich immer im Untergeschoss befindet.

Zwischendurch wird noch kurz vor der Eventbühne im Erdgeschoss stehen geblieben, wo gerade eine Mädchenband spielt, ein Cosplay-Wettbewerb stattfindet oder ein großes Glücksrad aufgebaut ist, an dem man nur einmal drehen muss, um einen BMW-Mini zu gewinnen. Den Shopping-Mall-Tag beschließt man sodann bei einem Blockbuster im Kino, ohne zwischendurch auch nur eine Sekunde an der – meist ohnehin nicht ganz so frischen – Luft gewesen zu sein.

Auch ich habe einen nicht unerheblichen Teil meines chinesischen Lebens in Shopping Malls verbracht. Die Ginza Mall, die East Gate Plaza und Raffles City an der Dongzhimen-Kreuzung in Peking sind so etwas wie meine zweiten Wohnzimmer. Ich esse hier zu Mittag, trinke Kaffee und gehe in den Gym oder ins Kino. Inzwischen  kenne ich in diesen Malls selbst die verstecktesten Verbindungsgänge. Und waren mir anfangs die künstlich beleuchteten und belüfteten Welten nicht ganz geheuer, stellte ich irgendwann fest, dass ich gerne in sie eintauchte: Besonders, wenn es draußen ungemütlich wird – zu kalt, zu heiß, zu schwül, zu smoggig – fühle ich mich in den Malls ganz wunderbar geborgen.

Das ist wohl der Grund, weshalb man mich auch in Berlin immer öfter in Shopping Malls findet, packt mich dort bei meinen Deutschlandaufenthalten einmal das Heimweh nach China. Dazu habe ich mehr und mehr Gelegenheit, denn gerade in den letzten Jahren sind in der deutschen Hauptstadt die prächtigsten Shopping Malls errichtet worden: 2007 beispielsweise die „Alexa“ am Alexanderplatz – die Mall mit den meisten Besuchern in Berlin – und 2014 die pompöse „Mall of Berlin“, die 2017 mit 135.000 qm die größte Mall Deutschlands werden will.

Wie herrlich ist es, wenn ich diese Malls durchstreife und dabei feststelle, dass sich die deutschen und chinesischen Malls von Jahr zu Jahr ähnlicher werden: Zara, Muji, Boss, Esprit, H&M, Swarowski, Vero Moda, Jack & Jones, Only usw.; Filialen dieser Ketten finden sich auch in praktisch jeder Pekinger Mall. Wie angenehm, dass die neuen Malls inzwischen auch alle einen Foodcourt haben, der auch genauso heißt. Musste ich vor zehn Jahren einem Deutschen diesen Begriff noch langwierig erklären, verspeist derselbe Mensch mittlerweile in einem solchen Arrangement wie selbstverständlich seine Currywurst und oder die süß-saure Suppe „Peking Art“ vom „Asia Pavillon“. Sogar auf den flüchtigen Blick ins Nagelstudio muss ich nicht verzichten: Wie in Peking sitzen hier die jungen Mädchen akkurat in einer Reihe und warten darauf, bunter gemacht zu werden.

Es gibt natürlich auch immer noch den einen oder anderen Unterschied zwischen einer deutschen und einer chinesischen Mall. Der größte: Die deutschen Malls sind voller. Das überrascht, denn ansonsten verhält es sich an jedem anderen Ort in China genau umgekehrt. Für die Leere in den chinesischen Malls gibt es im Wesentlichen zwei Gründe: Einerseits wurden in China in den letzten Jahren zu viele Shopping Malls gebaut – zum Teil in unmittelbarer Nachbarschaft voneinander – , andererseits kaufen die technikaffinen Chinesen inzwischen viel häufiger im Internet ein als die eher technophoben Deutschen.

Das Resultat: Viele Malls, die zuletzt in Peking gebaut wurden, füllen sich auch gar nicht mehr mit Geschäften. Erst nach Jahren des Leerstands ziehen in diese „Toten Malls“ schließlich diverse billige Jakobs ein, die mit Porzellan, Teppichen oder industriell gefertigten Gemälden handeln, sowie ganze Legionen von Nagelstudios und Friseuren, Nachhilfe- und Sprachschulen, billige Garküchen, kleine Kioske und Spirituosenläden.

Diese Entwicklung jedoch gefällt mir besonders gut, denn in diesen Malls, deren Gänge nach einiger Zeit zugewucherten Höhlen gleichen, ist es noch ein bisschen heimeliger. Und während, langsam, aber stetig, auch immer mehr Deutsche zum Einkaufen ins Internet abwandern, ist der Trend zum Shopping-Mall-Bau ungebrochen . Und so ist es bloß eine Frage der Zeit, bis auch hier an jeder zweiten Ecke eine Mall steht, die eine solche Metamorphose vollzogen hat.

Wenn es so weit ist, werde ich wohl nur noch aus den Malls herauskommen, um von China nach Deutschland zu fliegen. Und wenn dann noch in Ermangelung von Grundstücken in den Städten in den Basements und Tiefgaragen der toten Malls preisgünstige Friedhöfe eingerichtet werden sollten – schließlich ist hier noch Platz – , dann will ich wohl auch dort die liebe lange Ewigkeit verbringen. Ob diese Mall dann in Deutschland oder China liegt: Wu suo wei, wie man bei uns in Peking sagt, egal.

Christian Y. Schmidt ist ein deutscher Autor, der mehr in Peking lebt als in Berlin. Er war viele Jahre lang Redakteur des Satiremagazins Titanic und ist heute Senior Consultant der Zentralen Intelligenz Agentur, einem Unternehmen „an der Schnittstelle von Journalismus, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst“. Im Jahr 2008 veröffentlichte Schmidt das Chinareisebuch „Allein unter 1,3 Milliarden“, das es bis auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte und 2014 als Neuauflage im Kahl-Verlag erschien.