Fokus: Kunstkriterien Was macht einen Akt der Gegenwartskunst „gut"?

Fotografien aus der Reihe „Sternenbilder“ des deutschen Künstlers Thomas Ruff in der Sammlung Boros, Berlin
Fotografien aus der Reihe „Sternenbilder“ des deutschen Künstlers Thomas Ruff in der Sammlung Boros, Berlin | Foto: © ImagineChina

Über die Bewertung von Kunst hat Lu Xinghua, zeitgenössischer Philosoph, seine eigenen Ansichten: Gute zeitgenössische Kunst soll unsere Vorstellungen darüber, was gute Kunst sei, in größtmöglichem Ausmaß umstürzen und zerstören.

„Was ist gute Gegenwartskunst?“ Im heutigen Kontext sollte diese Frage wohl so gestellt werden: Was macht einen Akt der Gegenwartskunst „gut“?

Wie viele Bewertungskriterien spielen mit, wenn wir etwas als „gut“ bezeichnen? Das „gut“ des schaffenden Künstlers selbst? Das „gut“ aus einem Künstlerzirkel? Das „gut“ von Seiten der Medien oder vorbeigehenden Betrachtern? Das „gut“ aufgrund von Vergleichen quer durch die Kunstgeschichte? Das „gut“ von den Fachkollegen einer Jury? Das „gut“ aufgrund von Marktwerten? Müssen wir auch noch das „gut“ von Seiten der Kritiker, und das der Philosophen hinzufügen? Und lassen sich denn all diese Bewertungskriterien gegeneinander austauschen? Im Folgenden werden Kriterien beschrieben, die ein einzelner zeitgenössischer Philosoph verwendet, um einen Akt der Gegenwartskunst als "gut" oder "schlecht" zu beurteilen.

Im Heute die „Gegenwart“ schaffen

Was macht einen Akt der Gegenwartskunst „gut"? Ich werde nun aufgrund meiner persönlichen ästhetischen Vorstellungen, meinem Verständnis der Kunstgeschichte und meinen Erwartungen an die zeitgenössische Kunstpolitik einige Kriterien aufstellen, anhand derer Qualität gemessen werden kann. Außerdem bemühe ich mich dabei einen Hintergrund aus ästhetischen Kriterien der Vergangenheit, verschiedenen Ländern und anderen Menschen zusammenzufügen, vor dem sich die Qualität ermessen lässt. Und wenn ich etwas als „gut“ oder „schlecht“ bezeichne, spiele in gewissem Sinne auch ich Theater vor dem Bühnenbild stillschweigend akzeptierter Traditionen. Doch lassen Sie mich jene große Frage erst einmal selbst beantworten: Was ist gute Gegenwartskunst? Die Antwort: Nur wenn wir in unserem Jetzt eine „gegenwärtige“ Kunst schaffen, ist es gute Gegenwartskunst; es geht nicht darum, ein Werk der Gegenwartskunst zu produzieren, sondern eine neue „Gegenwart“ zu schaffen, die wir in unser Heute voller Konsens und Ansichten hineinzwängen, um das Jetzt zu lähmen, es außer Betrieb zu setzen, es aufzulösen, so dass wir es schließlich neu umreißen und neu konstruieren können, eine neue Epoche schaffen, die uns in einer neuen Zeit leben lässt. Was in unserem Heute die „Gegenwart“ erschafft, das ist gute Gegenwartskunst. Was macht einen Akt zeitgenössischer Kunst „gut"? Dies ist als würde man fragen: Wie muss ein Akt der Gegenwartskunst geartet sein, damit er wie Gegenwartskunst aussieht, damit er den Kriterien genügt, „gut“ ist? Wie kann ein Akt der Gegenwartskunst zu guter Gegenwartskunst werden und in dieser Gegenwart eine Art „Gegenwärtigkeit“ schaffen?

Mit bestehenden Maßstäben brechen

Damit haben wir den Fokus der Diskussion bereits verengt: Gegenwartskunst ist Kunst, die eine „Gegenwärtigkeit“ erschaffen will; sie will unser Jetzt untergraben, uns in einer neuen Zeit leben lassen, in der wir nicht vom Zeitalter des globalen Kapitalismus monopolisiert und beherrscht werden. Um „gut“ zu sein, muss ein Akt der Gegenwartskunst all unsere vorgefassten Meinungen darüber, was gute Gegenwartskunst sei, untergraben, auf den Kopf stellen, umstürzen und abschaffen. Nach diesem Umsturz werden unsere ursprünglichen Vorstellungen von gut und schlecht nicht länger passen. Ein guter Akt der Gegenwartskunst muss nach eigenen Gesetzen funktionieren, jedes Mal seine neuen Regeln aufstellen, immer wieder eigenständig dastehen: Ein heiliger Gewaltakt im Sinne der Zerstörung von Götzenbildern, in dem Umsturz und Aufbau gleichzeitig vonstattengehen. Und aufgrund seiner Eigenständigkeit und seinem Schneid wird er einst von Kunsthäusern und Archiven aufgehoben werden. Ein guter Akt der Gegenwartskunst wird nicht durch die Rangfolge zwischen Kunstwerken oder Künstlern in Sammlungen bestimmt. Ein guter Akt der Gegenwartskunst kristallisiert sich zum Kunstwerk, Kunstprojekt oder zur Installation einer Sammlung, denn diese gehören mit zu den utopischen Projekten der Menschheit. Sie sind in gleichem Masse „gut“ und „grandios“ wie andere utopische Projekte. Wenn wir über die Bewertung eines Aktes der Gegenwartskunst diskutieren, müssen wir uns an diesen ästhetischen Grundsatz der Gleichheit halten. Im Kontext dieses Essays kann dieser ästhetische Grundsatz der Gleichheit so formuliert werden: Jedermann soll gleich gut künstlerisch wirken, gleichermaßen in seine eigene „Gegenwart“ eindringen, denn erst einmal einzudringen ist das wichtigste. Wie Nietzsche sagt, sollte jedermann in der zweiten Hälfte seines Lebens als Künstler auftreten und aus seinem Leben ein grandioses Drama machen. Der Philosoph Alain Badiou stellt Kunst, Politik, Wissenschaft und Liebe einander gegenüber und sieht sie als vier Eingänge, durch die das zeitgenössische Subjekt in die Bahn des eigenen Lebens eintritt. Zunächst muss Kunst entstehen bevor ein Akt der Kunst als gut oder schlecht beurteilt werden kann. Und dieses „gut“ oder „schlecht“ bezieht sich nicht auf die Qualität eines Kunstwerks, sondern auf die Qualität des Lebens oder Schicksals als Kunstwerk. Stellen wir also die Kunst in analogen Bezug zu den anderen drei Bahnen des Lebens: Wenn Kunst wirklich als Kunst dasteht, richtig Kunst ist, vollkommen als Kunst wirkt, dann würde dies im Bereich der Politik dem Ausbruch einer Revolution gleichkommen, in der Wissenschaft einem erkenntnistheoretischen Fortschritt, in der Liebe der Entfesselung der Sehnsucht. Ein Akt der Gegenwartskunst soll sein wie ein Liebesakt, ein wissenschaftliches Experiment oder ein politisches Projekt, soll Abenteuer sein. Wäre dann ein guter Akt der Gegenwartskunst ein noch tieferes, noch radikaleres Abenteuer?

Ein gemeinsames Mittel der Vielen

Ein guter Akt der Gegenwartskunst muss gleichzeitig diffamieren und besetzen. Er muss zu einem gemeinsamen Mittel aller werden, experimentieren, dem Imperium widerstehen, es untergraben. Er beruft das Volk in eine künstlerische Installation hinein und präsentiert es sich selbst. Dabei erfährt er Selbstvertrauen und Stärke, legt sich einen Heiligenschein zu, erfährt einen neuen Atem der Gemeinschaft. Ein guter Akt der Gegenwartskunst ist ein persönliches Produkt der autonomen Freiheit von Kunstschaffenden und will im Raum eines Staates frei einen autonomen Raum erschaffen. Die autonome Installation eines Kunstschaffenden ist ein anderes Land. Er lädt uns ein, sein Land zu betreten; er lässt uns neue Gesetze entwerfen, von neuem zum Volk werden. Allerdings kann er lediglich im Staat anderer sein eigenes Reich aufbauen. Daher kann er auch nur dieses eigene Reich zur Installation machen, was wir dann Installationskunst nennen. Darin enthalten ist nicht nur das Werk eines Kunstschaffenden, sondern die Werke aller Zeiten, Werke von Zeitgenossen und vor allem auch die Werke all der namenlosen Anderen, wie auch alle möglichen vom Künstler eingeladenen zeitgenössischen Readymades. In einer solchen Installationskunst sollte der Künstler sein Publikum nicht als Einzelpersonen betrachten, sondern als sein „Volk“. Denn in den paar Dutzend Menschen, die im Raum der Ausstellungshalle auftreten, spiegelt sich das Geflecht der Vielen, das in alle Menschen verwoben ist. Und diese Vielen sind es, die der Künstler in seine Installation einzuladen vorgibt, auch wenn sein Publikum nur aus einigen wenigen besteht. In einem Akt der Gegenwartskunst macht er das Publikum zum Volk.