Fokus: Kunstkriterien Was ist gute Kunst? Eine Frage, die beim Menschen beginnt

Zhang Huan

Wie kann man heute noch beurteilen, welche Formen von „Kunst“ auch tatsächlich „gute Kunst“ sind und eine echte Bedeutung haben? Der Kunstkritiker und Kurator Wang Chunchen meint: Die Menschen müssen sich auf das eigentliche Wesen des Menschen und den Ursprung der Kunst besinnen.  

Wenn man heutzutage eine Antwort auf diese Frage geben soll, so ist das tatsächlich eine äußerst schwierige Aufgabe. Das heißt aber nicht, dass wir nicht in der Lage wäre, eine Antwort zu finden, aber sobald wir eine Antwort geben, taucht sofort eine andere Antwort auf, die die vorher gegebene sofort wieder für ungültig erklärt. 

Die Frage „Was ist Kunst?“ wurde bereits in der Vergangenheit äußerst kontrovers diskutiert, und bis heute gibt es keine allgemein anerkannte Definition dessen, was „Kunst“ ist. Wenn wir also die Frage „Was ist gute Kunst?“ beantworten wollen, so ist die Antwort zwangsweise umstritten und anfechtbar.

Andererseits jedoch tauchen überall auf der Welt Produkte, Verhaltensweisen und Aktivitäten auf, die „Kunst“ genannt werden; ständig finden „Kunst“-Ausstellungen statt, und überall gibt es unzählige Museen und Sammler, die verschiedenste Dinge sammeln, die als „Kunst“ eingestuft werden. „Kunst“ unterscheidet sich im Grunde nicht von einem Gewerbe, von einer Aktivität, die einen numerischen Wert schafft, die ständig Neuerungen und Entwicklungen hervorbringt. Gleichzeitig werden aber auch die widersprüchlichen, konfliktbeladenen Definitionen von Kunst ständig fortgeschrieben – es ist nicht so, dass wir nicht genug über Kunst wüssten: Wir wissen schon viel zu viel!

Wir leben in einer Zeit, in der es keine Mäßigung im Wissen gibt, die uns keine Beschränkung des Wissens erlaubt. Vielleicht weil es so leicht geworden ist, Informationen zu beschaffen, und die Transportmöglichkeiten so effizient geworden sind, tendiert Kunst auf globaler Ebene dazu, immer uniformer zu werden. Ist das der Beginn einer Epoche, in der die Kunst universell wird? Betrachten wir Kunst als kulturellen Ausdruck? Oder als eine Art Wirtschaftsaktivität? Wenn wir letztere Interpretation undifferenziert anerkennen und aktiv fördern, dann würde das bedeuten, dass „Kunst“ vollkommen abgehoben ist und keine reale Bedeutung mehr besitzt.

Trotzdem braucht unsere Gesellschaft insgesamt etwas, was wir „Kunst“ nennen. Aber was diese Gesellschaft braucht, ist eine Kunst, die sich auf einer anderen Dimension bewegt. In der momentanen Situation befindet die Kunst sich in einem Kontext, in dem sie getadelt, hinterfragt und negiert wird: Was „Kunst“ genannt wird, ist bereits zu einer Methode, zu einer Art des aktiven Ausdrucks der heutigen Gesellschaft geworden. Eine Vorbedingung für ihre Existenz ist Bedeutung, ein Modus ihrer Existenz ist alles das Allesdurchdringende, Beliebige. Weil sie in erster Linie die Bedeutung betont, wird sie hinterfragt und als etwas angesehen, das die Grenzen der „Kunst“ sprengt, das etwas macht, was Nicht-Kunst ist. Zweitens nutzt sie bedenkenlos alle Medien und Methoden, die, egal wie man sie betrachtet, mit „Kunst“ nicht viel zu tun haben und daher als verdächtig gelten. Diese beiden Umstände sind der Grund dafür, warum Kunst heutzutage unter Verdacht steht, aber sie bilden auch die Ausreden dafür, warum die Kunst heute als „Problem“ gilt.

Tatsächlich ist die derzeitige Situation gar nicht so kompliziert, es braucht einfach sogenannte Experten, die Kunst angemessen kritisieren können. Zusätzlich muss das öffentliche Bewusstsein der gesamten Gesellschaft wieder erkennen, dass Kunst eine Methode ist, um Ideen aus neuen Perspektiven heraus auszudrücken. Erst wenn es einen solchen Konsens gibt, ist es möglich zu beurteilen, und zwar mit künstlerischen Praktiken, welche „Kunst“ von Bedeutung ist. Vorbedingung für diese Beurteilung ist, dass es keine Beschränkung durch ein Medium oder eine Methode gibt. Anders ausgedrückt: Die sogenannte Kunst ist eine geistige Kraft, eine Methode der Äußerung. In der heutigen Zeit hat die Kunst in erster Linie mit dem existenziellen Wert des Menschen zu tun, mit den geistigen Bestrebungen eines Menschen, der eine künstlerische Aktivität verfolgt.

Warum? Weil wir in einer Zeit leben, in der die Menschheit durch den Prozess der Globalisierung gezwungen ist, für viele gesellschaftliche Themen und Probleme gemeinsame Antworten und Lösungen zu finden. Das heißt, die Welt als gesellschaftliches Gebilde ist eine Welt, die neu geformt werden muss. Das ist eine Tatsache, der niemand auf dieser Welt, egal wo er lebt, entrinnen kann. In einer solchen Situation kommt uns die Kunst zu Hilfe: Sie kann erzählen, erklären, betonen, Metaphern und Symbole finden, sie kann uns konfrontieren und diese Welt mit all ihren Fragen erschaffen.

Die Kunst dieser Zeit ist nicht eine Kunst, die sich der existenziellen Bedeutung des Menschen entzieht; sie ist auch nicht eine Kunst, die nach zahlenmäßig erfassbarem Marktgewinn strebt, sondern sie ist eine Kunst, die sich der Verbindung zwischen ihrer selbst und der Welt annimmt. Sie mag voller Leiden und Zorn sein, sie mag sich ihrer körperlich-seelischen Komplexe entledigen, sie mag Selbstgespräche führen und der Welt ihre eigene Geschichte erzählen; aber es gibt einen Punkt: Sie darf sich den Trends nicht anbiedern, sie darf sich nicht zur Schau stellen und auf Vorteil bedacht sein, und sie darf schon gar nicht den Geist der Freiheit verdunkeln. Sie kann in den metaphysischen Sphären die Welt erforschen, aber sie darf nicht in den irdischen Niederungen auf Profit spekulieren. Kunst heißt deswegen Kunst, weil sie eine derjenigen menschlichen Ausdrucksformen auf dieser Welt ist, die geistige Bedeutung hat; sie ist das Reservat des letzten Idealismus, den das Unbewusste der Menschheit noch nicht aufgegeben hat.

Wenn wir daher heute über Kunst sprechen und echte Kunst machen, müssen wir zuerst die Menschen, die Kunst machen, respektieren; ihre Existenz hat eine Bedeutung für diese Welt. Wenn es an Respekt und Verständnis für diese Menschen fehlt, dann können wir Kunst auch nicht verstehen, dann gibt es keinen Ansatzpunkt, von dem aus man über Kunst sprechen könnte, weil die Kunst in ihrer Vielfalt, Komplexität und ihren Moden scheinbar keinen Prinzipien folgt. Aber wenn wir angesichts der gemeinsamen Probleme, denen sich die Menschheit gegenüber sieht, an den Ursprung unseres Wesens und der Kunst zurückkehren wollen, dann müssen wir sagen, dass sogenannte gute Kunst eigentlich von jenen stammt, die sich der Menschen auf der Welt annehmen und über die Fragen dieser Welt reflektieren. Sie sind eine Gruppe von Menschen, die in ihrer inneren Verfasstheit an heimatlose Wanderer erinnern, aber keineswegs in einer Bequemlichkeit versinken, in der sie ihre Selbstachtung aufgeben, und sie sind schon gar nicht Menschen, die um des Geldes willen Vernunft und Ideale über Bord werfen.

Die Existenz der Kunstwelt sollte den Zweck haben, diese Menschen, die sich der Welt annehmen, zu erinnern, hochzuhalten, zu schützen. Pessimistisch gesprochen, wäre diese Welt ohne echte, bedeutungsvolle Kunst wohl um vieles dunkler. Weil dem so ist, kann das, was Kunst genannt wird, noch so vielfältig, chaotisch, grenzüberschreitend oder amateurhaft sein – es hat trotzdem eine entlastende Funktion – denn letzten Endes ist die Welt der Kunst mit der Welt der Menschen aufs Engste verbunden, da es nur dank der Besonderheit der Kunst eine Interpretation und symbolhafte Deutung der Bedeutung der Welt gibt. Dadurch erst können wir einen Standpunkt einnehmen, wenn wir Kunst betrachten, und einen Zufluchtspunkt für unser Gewissen finden.

So gesehen, ist Kunst nicht kompliziert, und die Widersprüchlichkeit von Kunst klärt sich, weil wir uns nicht länger den Kopf zerbrechen über das, was reine Kunst ist oder nicht Kunst ist, sondern einmal mehr den Wert und die Bedeutung des Menschen bejahen. Diese Bejahung ist echt, sie ist nicht verlogen oder virtuell. In der Realität gibt es viele vorgebliche „große Meister“, die zwar alles andere als das sind, aber aus dem hohen Status, den sie landläufig genießen, Profit schlagen und sich daher auch mit dem Heiligenschein der Kunst schmücken. Die Kunst ist mit Sicherheit die Kunst des wahren Ich, die nur in der abgeschlossenen Welt des Inneren ihre Freiheit und ihr Glück finden kann.

Eine Beurteilung, eine sogenannte Bewertung von Kunst ist daher nur aus der zeitlichen Distanz möglich. Das Fairste auf dieser Welt ist nach wie vor die Zeit: Sie kennt kein praktisches Gewinndenken, keine Zwietracht, sie fällt ihr Urteil in vollkommener Freiheit, sie kann es zwar wieder umstoßen, aber nicht beschönigen und verschleiern, und auch ihre Überzeugung nicht aufgeben.

Was die Menschen in der heutigen Welt betrifft, so sollte sie beim Schaffen, Genießen, Erforschen und Bewahren von Kunst von einem idealistischen Geist durchdrungen sein; als künstlerisch Tätige sollten sie den Prinzipien, die eine bedeutsame künstlerische Existenz ausmachen, treu bleiben und diesen echten Menschen der Kunst entdecken und wertschätzen.