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Architektur und Stadtentwicklung
„Trommel- und Glockenturm sind nicht mehr, was sie mal waren“

Dezember 2012, diese Anwohner werden bald umgesiedelt, hinten an der Wand ist auf Plakaten angeschlagen, wer wann seine Sachen packen muss
Dezember 2012, diese Anwohner werden bald umgesiedelt, hinten an der Wand ist auf Plakaten angeschlagen, wer wann seine Sachen packen muss | Foto: Stefanie Thiedig

Geografisch gesehen, liegen Trommel- und Glockenturm am nördlichen Ende der traditionellen Nord-Süd-Achse von Peking, sie waren das alte Zentrum der Zeitansage und markieren weiterhin den nördlichen Punkt des kulturellen Zentrums der Hauptstadt. In der bewegten Geschichte des zeitgenössischen Chinas haben Machtwechsel, die Öffnung nach außen, das Wachstum der Städte, die Kommerzialisierung und der Denkmalschutz ihre Spuren an Trommel- und Glockenturm hinterlassen. Ende 2012 tauchten überall in den Straßen und Gassen rund um Trommel- und Glockenturm Plakate auf, die ein Projekt zur Umsiedlung der Anwohner und Revitalisierung des Ortes ankündigten. Dieses Mal sind die Gegenstimmen besonders laut und anhaltend.
 

Von Yan Dingfei (严定非)

Inkonsequente Verteidiger

Am 26. Dezember 2012 herrschte klirrende Kälte, das Thermometer in Peking war auf minus zehn Grad gesunken. Um acht Uhr abends zog Zhang Baoge (张保革) noch immer seine Runden durch die Hutongs rund um die Türme. Die schwache Straßenbeleuchtung fiel direkt auf Zhang und zeichnete einen mächtigen Schatten. Als er vom Journalisten von Southern Weekly (南方周末) angesprochen wurde, suchte er im schwachen Licht die Umgebung ab, und erst nachdem er sich versichert hatte – „Sie sind wirklich Journalist?“ –, führte er den Journalisten tiefer in ein Gässchen hinein: „Die Abrisstrupps bleiben alle hier, sie machen erst abends um neun Feierabend.“

Haus Nummer 32 im Zhonglouwan Hutong ist gut beleuchtet, denn hier befindet sich das Baubüro des Revitalisierungsprojekts des Platzes zwischen Trommel- und Glockenturm. Durch die Fensterscheiben sieht man mit Papier vollständig beklebte Wände, und auf den ersten Blick könnte man glauben, es handle sich um ein Maklerbüro. „Früher waren die Straßen besser beleuchtet, wenn man jetzt hier hineingeht, kriegt man es wirklich ein bisschen mit der Angst zu tun.“ Zhonglouwan Nummer 20 ist sein Haus, es liegt am nordöstlichen Eck des Glockenturms. Kommt man durch die Tür und geht nach links, streift man im Winter mit der dicken Kleidung fast an der Wand entlang.

Insgesamt wohnt der Drei-Personen-Haushalt von Zhang Baoge bereits 28 Jahre hier, und es ist die größte Wohnung, die er je bewohnt hat – eine Vermessungsfirma hat die Grundfläche auf 28 Quadratmeter berechnet. Nach dem von der Regierung des Pekinger Bezirks Dongcheng festgelegten Enteignungsverfahren beträgt die Entschädigung pro Quadratmeter 40.000 RMB (knapp 5.000 Euro) und man kann sich für 7.000 RMB (850 Euro) pro Quadratmeter eine Sozialwohnung in Shaoyaoju an der nördlichen Vierten Ringstraße kaufen (deren realer Marktwert ebenfalls bei 40.000 RMB liegt.

„Wollen Sie eigentlich hier ausziehen?“ Was diese Frage betrifft, so ist Zhang Baoges Haltung sehr pragmatisch. „Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, dann ist es schon in Ordnung. Mein Sohn ist verheiratet, er kann ja wohl nicht mehr bei uns wohnen?“ Die Rente des Ehepaares beträgt pro Monat etwas mehr als 2.000 RMB (240 Euro), sie konnten es sich nicht leisten, dem Sohn in Peking zur Hochzeit eine Wohnung zu kaufen. Alles in allem ist Zhang Baoge überhaupt kein konsequenter Verteidiger des klassischen Pekinger Hofhauses, das Siheyuan (四合院).

Beim Community Action Center, wie es sie in jeder Nachbarschaft gibt, handelt es sich um eine Nichtregierungsorganisation, die bei Konflikten in der Nachbarschaft schlichtend eingreift. Die Verantwortlichen dieses Zentrums sind damit betraut worden, eine Studie rund um Trommel- und Glockenturm zu erstellen, „die allermeisten Bewohner wollen wegziehen“, so das bisherige Ergebnis. Um Fairness bei der Enteignung in der Umgebung der Türme zu demonstrieren, betont die Regierung des Bezirkes Dongcheng sowohl auf Weibo als auch in den Enteignungsdokumenten, dass es ihr darum gehe, „die beengte Wohnsituation rund um Trommel- und Glockenturm zu verbessern“.

Der im Denkmalschutz tätige Freiwillige Zeng Yizhi (曾一智) versteht diese Bewohner, aber manchmal kann er seine Wut auch nur schwer verbergen: „Wie kann man angesichts so hoher Entschädigungssummen nicht in Versuchung geraten?“ Wird nun wirklich abgerissen oder doch nicht? Bewohner, Regierung und Denkmalschützer bilden ein sehr komplexes Kräftedreieck.

Wessen Siheyuan?

Wenn Zhang Baoge von dem Haus spricht, in dem er seit fast 30 Jahren wohnt, dann nicht ohne einen gewissen Stolz. Er erklärt uns, dass es im ganzen Gebiet rund um die beiden Türme nur mehr zwei echte Siheyuans gibt: Nummer 20 ist einer davon, der andere ist Doufuchi Hutong Nr. 15, das frühere Wohnhaus von Yang Changji (杨昌济). Mao Zedong (毛泽东) und Cai Hesen (蔡和森) haben ebenfalls gut einen Monat lang hier in einem kargen Raum gewohnt.

Die Veränderungen in den Siheyuans begannen im Jahr 1958 mit der sozialistischen Umgestaltung des Privateigentums. Die Regierung begann damit, die Siheyuans einheitlich zu vermieten, zu verwalten, zu renovieren und zahlte den Besitzern sogar eine gewisse Miete. Es handelte sich also um staatlich verwaltete Mietwohnungen. Mit Ausbruch der Kulturrevolution, als den Besitzern unter staatlicher Verwaltung der „kapitalistische Schwanz“ abgeschnitten wurde, ging das Eigentumsrecht an die Behörden über – was das Eigentumsrecht am Gebäude selbst betraf, so wurden die Übergabeformalitäten jedoch nicht geklärt. Diese Tatsache bildet bei Konflikten rund um die Siheyuans im Stadtgebiet von Peking bis heute einen beträchtlichen Unsicherheitsfaktor.

Nehmen wir Haus Nummer 20 als Beispiel: Der Besitzer dieses Siheyuans gehörte den sogenannten „Fünf schwarzen Kategorien“ (黑五类 waren Landbesitzer, reiche Bauern, Antirevolutionäre, „schlechte Elemente“ und Rechtsabweichler, Anm. d. Übers.) an, er wurde während der Kulturrevolution vertrieben und die Besitzurkunde des Hauses ging an die Regierung – das Haus wurde also öffentliches Eigentum. Obwohl Zhang fast 30 Jahre lang im Haus Nummer 20 gewohnt hat, hat er keinerlei Eigentumsrechte an seiner Wohnung.

Ein Makler, der Siheyuans vermittelt, hat angedeutet, dass sich nur 40 Prozent der Pekinger Siheyuans in Privateigentum befinden, bei denen die Besitzverhältnisse geklärt sind. Die restlichen 60 Prozent stehen in „öffentlichem Besitz“.

Am 12. Dezember 2012 erließ die Stadtregierung von Peking eine Mitteilung bezüglich der Enteignung der Häuser, die in der für die Revitalisierung des Platzes zwischen Trommel- und Glockenturm vorgesehenen Zone liegen. Die Frage der Besitzverhältnisse der Siheyuans liegt nun einmal mehr auf dem Tisch. In dieser Mitteilung heißt es, dass 66 Hofhäuser, die direkt an den Platz zwischen Trommel- und Glockenturm angrenzen, enteignet werden sollen. Song Qinghua (宋庆华) ließ anklingen, dass die Besitzverhältnisse bei den Häusern im Zhonglouwan Hutong extrem kompliziert seien, weil es neun Arten von Gebäuden in privatem beziehungsweise öffentlichem Besitz gibt. Zeng Yizhi macht sich große Sorgen: „Bei den sogenannten Gebäude in öffentlichem Besitz sind die Eigentumsrechte keineswegs übergeben worden, die Politik für Privathäuser muss erst noch umgesetzt werden. Wenn die Enteignungen beginnen, wer schützt dann die legitimen Rechte und Interessen der wirklichen Hausbesitzer?“

Ein zweites Qianmen?

Am 16. Dezember 2012 hat der Stadtplaner Wang Peng (王鹏) auf seinem Weibo-Account einen Hashtag mit dem Titel „Schützt die Pekinger Zentralachse“ eingerichtet. Am 28. Dezember haben der Vizevorstandsvorsitzende der Stiftung zur Förderung der Kultur des Antijapanischen Krieges (中国抗战文化基金), Jia Yuanliang (贾元良), der Historiker Zhang Lifan (章立凡) und der Künstler Xu Yong (徐勇) aufWeibo zu einer Unterschriftenaktion zum Schutz von Trommel- und Glockenturm aufgerufen. Weibo und andere soziale Medien stehen an vorderster Front, wenn es darum geht, die beiden Türme zu verteidigen.

Bis heute hat die Regierung des Bezirks Dongcheng den Masterplan für die Sanierung und Revitalisierung von Trommelturm und Glockenturm nicht veröffentlicht. Sie hat lediglich auf Weibo bekanntgegeben, dass „aufgrund historischer Veränderungen die Umgebung von Trommel- und Glockenturm und deren historisches Erscheinungsbild zum Großteil zerstört und dieser Raum widerrechtlich besetzt wurden. Die Sanierungs- und Revitalisierungsmaßnahmen orientieren sich an Kartenmaterial aus der späten Qing-Dynastie und aus den Anfängen des Neuen China, aber kopieren nicht einfach die damaligen Modelle. Im Zuge einer öffentlichen Ausschreibung wurde eine Architekturfirma bestimmt, dank derer in Zusammenarbeit mit verschiedenen involvierten Stellen das historische Aussehen der Altstadt bewahrt werden kann.“ Die Befürchtungen der Architekten konzentrieren sich genau auf diese Schlüsselbegriffe: „bewahren“, „sanieren“ und „revitalisieren“.

Im „Plan zum Schutz von 25 historischen denkmalgeschützten Zonen im alten Peking“ sind die Siheyuans rund um den Platz zwischen Trommel- und Glockenturm alle als „sanierungsbedürftig“ ausgewiesen (einige wenige davon auch als „schutzwürdig“): „Nur jene historischen Gebäude, bei denen die typische traditionelle Aufteilung des Raums klar erkennbar ist, die traditionelle Bauformen aufweisen und deren architektonische Qualität als ‚durchschnittlich’ eingestuft wird, werden renoviert und neu errichtet, damit sie den Anforderungen eines modernen Lebens gerecht werden“.

Wang Peng fürchtet, dass das Gebiet rund um Trommel- und Glockenturm zu einem zweiten Qianmen werden könnte. „Das sogenannte ‚Qianmen-Modell’ besteht darin, dass das Alte demoliert und etwas Neues hingestellt wird“, erklärt der Parteisekretär der School of Architecture an der Tsinghua-Universität, Bian Lanchun (边兰春).

Um die Meinung der Bürger zu erfahren, hat die Regierung des Bezirks Dongcheng im Jahr 2010 die Leiterin des Community Action Centers, Song Qinghua, beauftragt, eine öffentliche Diskussionsveranstaltung zu organisieren. Song hat mit Hinblick auf das Thema der Diskussionen, die am 19. und 29. Mai 2010 stattfanden, die Nachbarschaften Zhonglouwan und Baochaonan im Viertel Andingmen für dieses Pilotprojekt ausgewählt. Unter Berücksichtigung von Faktoren wie Wohn- und Besitzverhältnissen, Einkommenssituation und Altersstruktur wurden Bewohner von öffentlichen und privaten Gebäuden dieser Viertel sowie Vertreter des Handelssektors zur bürgerpartizipatorischen Versammlung eingeladen.

Zwei Jahre sind seit damals vergangen. „Die Vorschläge seitens der Bürger waren sehr kreativ“, sagt Song Qinghua fast sentimental. Was zum Beispiel die Umgestaltung des Gebiets rund um Trommel- und Glockenturm betrifft, so schlugen die Bürger im Unterschied zum aktuellen Enteignungsplan vor, die ursprünglichen Häuser umzubauen oder die Häuser auszusiedeln und an einen anderen Ort zu transferieren. Sie sprachen sich dagegen aus, „alles über einen Kamm zu scheren, sie verlangten nach einer individuellen Behandlung“. Außerdem machten Bewohner darauf aufmerksam, dass ihr Wohngebiet wegen seines kulturellen Flairs geschützt sei und sehr oft Chancen zur Verbesserung der Wohnbedingungen nicht wahrgenommen würden. Daher sollte die Regierung bei solchen kulturellen Schutzgebieten eine gewisse Großzügigkeit an den Tag legen.
 

Gekürzte Version des erstmals in der Southern Weekly (南方周末) erschienenen Artikels vom 03.01.2013.

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