Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Porträt
Vera Tollmann

Vera Tollmann
Vera Tollmann | Foto: Vera Tollmann

Vera Tollmann, 1976 in Oberhausen geboren, studierte Angewandte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim und Liverpool. Heute arbeitet sie als freie Kulturkritikerin und Kuratorin in Berlin. Zur medialen Inszenierung des Klimawandels und der Rhetorik der Nachhaltigkeit ko-kuratierte sie u.a. die Ausstellungen Nachvollziehungsangebote (Wien, 2007) und Katastrophenalarm (Berlin, 2008).

Im Winter 2008-2009 unternahm Vera Tollmann eine vom Goethe-Institut geförderte Recherchereise für Kuratoren nach China. Das aus dem Aufenthalt entwickelte Screening-Programm Case Study China wurde im Oktober 2009 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin gezeigt. Die räumlich installierten Videoarbeiten von europäischen und chinesischen Künstlern thematisierten die sozialen und ökonomischen Veränderungen in chinesischen Großstädten mit jeweils kulturspezifischen Referenzen. Das Format Case Study China ist als Serie angelegt und wird 2012 fortgesetzt. So wird sich Vera Tollmann im März 2012 zu weiteren Recherchen in China aufhalten.

Ab April 2012 arbeitet sie zusammen mit dem Moving Image Lab zur Entwicklung und Erforschung von Bewegtbild-Formaten der Leuphana Universität Lüneburg an einer neuen Ausgabe der Konferenzreihe Video Vortex. Im Sommersemester 2012 unterrichtet sie Online-Journalismus an einer privaten Hochschule in Berlin.

Vera Tollmann schreibt regelmäßig für die Kunstmagazine Springerin und Kunstforum sowie für die Wochenzeitung der Freitag

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Für meine aktuelle Publikation China. Der deutschen Presse Märchenland 2 habe ich Feuilletonberichte über die Festnahme und spätere Freilassung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei(艾未未) im Jahr 2011 zu einem Pressespiegel montiert, Texte, die sich mit einer auffälligen Gewissheit dazu äußern, was in China los ist. Aus der Montageform ergeben sich einige witzige Passagen. Gleichzeitig ist das Heft eine Hommage an den 2011 verstorbenen Hamburger Sozialwissenschaftler Günter Amendt und seine 1968 erschienene Flugschrift China. Der deutschen Presse Märchenland

Heute nun beobachte ich jedenfalls weiter, wie in den deutschen Medien über China berichtet wird. Es gibt immer wieder neue tolle Belege, die zeigen, dass die Medien in Ai Weiwei einen Fetisch gefunden haben: Ais handschriftliche Zusage zur Gastprofessur an der Berliner Universität der Künste wurde als geradezu auratischer Lebensbeweis abgedruckt, und sogar Google Earth-Satellitenbilder von rätselhafter, aber ästhetischer Infrastruktur in China ließen Journalisten an den Künstler Ai Weiwei denken. Der Autor und Kunstkritiker Ludwig Seyfahrt hat das in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung so beschrieben: „Wenn die Medienlandschaft sich auf eine Person geeinigt hat, zählt niemand anderer mehr“. Damit stellen die Medien vor allem ihre Selbstbezüglichkeit aus.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Als Kind habe ich den Kostümfilm Der letzte Kaiser gesehen, den Bernardo Bertolucci 1987 gedreht hat, und war in einigen dieser überdekorierten China-Restaurants. Das war aber natürlich Exotismus und Folklore. 2006 war ich dann zum ersten Mal in China, und natürlich war alles ganz anders. In der Verbotenen Stadt gab es ein Starbucks-Café und neben Bertoluccis Monumentalepos fand ich in einem dieser DVD-Shops den viel aufregenderen China-Film eines anderen italienischen Regisseurs: Chung Kuo – Cina von Michelangelo Antonioni aus dem Jahr 1972.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

In China hat sich für mich ein „window of opportunity“ geöffnet, und zwar die Möglichkeit, den eigenen kulturellen Kontext distanzierter wahrzunehmen, und so eben auch die Medien und die Berichterstattung über China. So wie es der französische Philosoph und Sinologe François Jullien mit dem „Umweg über China“ erklärt: Zweifel haben bedeutet, sich zu trennen von der Meinung der Eltern, der allgemeinen Öffentlichkeit, also von allen Vorurteilen. China wirft also vor allem viele Fragen auf!

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Bei meinem letzten Aufenthalt in Peking im Mai 2011 habe ich den chinesischen Medienkünstler Feng Mengbo (冯梦波) in seinem Studio besucht. Er sei jetzt durch mit den neuen Medien, sagte er. Ganz müde sei er davon. Seinen Sony-Hund Aibo hat er gegen einen echten kleinen, flauschigen Pudel eingetauscht, der kaum größer als ein Stofftier ist und auf den Namen Lego hört. Der Künstler interessiert sich nach den Modellwelten in Computerspielen nun für die Dioramen der 1920er Jahre in Naturkundemuseen. In China gibt es also auch „Post-Internet“-Künstler und nicht nur Maler, von denen es heißt, sie arbeiteten sich an der westlichen Malereigeschichte ab.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Etwas unerfreulich war, dass 2011 unser Flug von Peking in die Innere Mongolei wegen Nebel nicht am eigentlichen Zielort landen konnte, sondern stattdessen in der Hauptstadt Hohhot auf unbestimmte Zeit zwischenlandete. Dort verbrachten wir dann einige Stunden im Terminal. Unsere chinesische Freundin sagte uns, dass für Chinesen „Air China“ schon gleichbedeutend sei mit „always cancelled“.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Das ist eine einfache Frage: Wasserspinat, Algensalat, Bohnen mit dem leicht betäubenden Sichuan-Pfeffer und Peking-Ente. Aber schon eine Ei-Tomate-Suppe zum Frühstück kann ich nur empfehlen!

7) Was ist für Sie „typisch Chinesisch“?

Das, was François Jullien als „Situationspotential“ beschreibt: die Fähigkeit, aus den jeweiligen Umständen heraus zu entscheiden, das ist einfach ein taktileres Vorgehen. Das anarchische Verhalten aller Verkehrsteilnehmer im Straßenverkehr ist auch typisch. Alles schiebt sich langsam vorwärts und irgendwie kommen dann Autos, Fahrräder und Fußgänger elegant aneinander vorbei. Diese Art der Fortbewegung macht eindeutig mehr Laune als von den selbsternannten Privatpolizisten angepfiffen zu werden, die in Berlin patrouillieren.

Überhaupt ist es interessant zu beobachten, wie sich bestimmte Auffassungen eben nicht widersprechen, wie eine kommunistische Regierung und hyperkapitalistisches Wirtschaften. Bei dem Philosophen und Medientheoretiker Byung-Chul Han findet man eine Erklärung für dieses Phänomen: „Die Chinesen sehen im Kapitalismus offensichtlich keinen Widerspruch zum Marxismus. Ja, der Widerspruch ist keine chinesische Denkkategorie. Das chinesische Denken entwickelt mehr Neigung zum Sowohl-als-Auch als zum Entweder-Oder.“

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Neben der Essenskultur beeindruckt mich Shanzhai am meisten. Shanzhai ist eine Kulturtechnik in China und beschreibt den Markt an Fake-Produkten. Darunter finden sich alle möglichen iPhone-Versionen mit der Aufschrift „Made in Shenzhen“ oder das „iPhone 5“. Die Firma Apple ist erst beim „iPhone 4“. Da sind die chinesischen Anbieter eben der Zeit voraus. Auf diese Weise können Leute mit Mobiltelefonen ins Internet, die sich sonst kein Smartphone leisten könnten. Denn die Shanzhai-Produkte sind viel billiger und noch dazu an lokale Bedürfnisse angepasst, zum Beispiel haben sie Steckplätze für zwei Sim-Karten und entsprechend zwei Tasten zum Entgegennehmen eingehender Telefonanrufe.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit einem Mitglied des Volkskongresses und zwar an dem Tag im Herbst 2012, an dem der Nachfolger von Hu Jintao (胡锦涛) gewählt wird. Oder mit dem Chefredakteur der englischsprachigen Global Times ...

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Shanzhai, damit Originale nicht mehr so ernst genommen werden! In China gilt das Nachahmen von Meisterwerken als kluges Handeln. Die Revolution von Shanzhai besteht darin, dass gewöhnliche Leute Technologien benutzen können, die eigentlich nur eine Elite bezahlen kann, weil Shanzhai die globale Produktion lokalisiert. Solange es an Kaufkraft für die überteuerten westlichen Originalprodukte mangelt, solange lebt der Schatten-Markt. Im schattigen Berlin gibt es eine große Nachfrage für den Shanzhai-Lifestyle!

Top