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Fokus: Abenteuer
Wer in das Meer der Wirtschaft abtaucht, kann sich verschlucken

„Wer in das Meer der freien Wirtschaft abtaucht, kann sich verschlucken.“
„Wer in das Meer der freien Wirtschaft abtaucht, kann sich verschlucken.“ | Foto: Thomas Sauvin - Beijing Silvermine

Der Autor Jiao Jian (矫健) kehrte der Schriftstellerei in den 1990er Jahren den Rücken, um als Geschäftsmann „ins Meer einzutauchen” (下海), wie der Schritt in die freie Wirtschaft damals genannt wurde. Hier erzählt er von seinem Abenteuer in einer fremdartigen und chaotischen Welt.
 

Von Jiao Jian (矫健)

Die Gemeinde Danshui (淡水) liegt an der Bucht von Daya (大亚), im Osten der Provinz Guangdong. In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde der Ort wie die Insel Hainan zu einem Eldorado für Immobilieninvestoren. Auch ich ließ mich damals vom Geist der Zeit mitreißen und kehrte den Büchern den Rücken. In der nordchinesischen Küstenstadt Yantai packte ich meine Koffer und stieg in den Flieger. Um Erfahrungen zu machen, muss man sich schließlich ins Leben stürzen. Ausgestattet mit einem ersten kleinen Vermögen, das ich an der Börse gemacht hatte, ging die Reise auf den Rat von Freunden hin direkt nach Danshui.

In Danshui spekulierten alle mit Grundstücken, und das vom kleinen Mann auf der Straße bis hin zum hochoffiziellen Kader. Die zahllosen Firmen in den Bürogebäuden liefen zwar unter allen möglichen Branchen, aber im Grunde genommen widmeten sich alle dem gleichen Business. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen kleinen Laden für Tabak und Spirituosen. Auch wenn das Geschäft kaum breiter als ein Handtuch war, zog doch eine am Eingang aufgestellte Tafel die Blicke auf sich: Riesenangebot an Grundstücken. Greifen Sie zu! Vor dem Laden kurvten Typen mit Motorrädern auf und ab, um Kundschaft zu werben und diese direkt zu den Objekten zu fahren. Kam das Geschäft nicht zustande, wurde der Klient einfach irgendwo in der Pampa abgesetzt. Dann war da noch die Geschichte mit der Nutte. Sie soll, während sie mit einem Kunden zugange war, einen Katasterplan aus dem BH gezogen haben, um ihn dem Freier unter die Nase zu halten. Es war der schiere Wahnsinn!

Die Spekulation trieb den Bodenpreis in schwindelerregende Höhen. Aus dem ganzen Land reisten die Geschäftemacher mit ihren Geldkoffern in Danshui an. In ihrem Schlepptau folgten Prostituierte, Kleinganoven sowie eine Flut von Wanderarbeitern. Menschen und Grund, alles spielte verrückt und auch ich verlor die Bodenhaftung.

Das Prozedere der Grundstücksspekulation lief im Detail folgendermaßen ab: Über einen Mittelsmann bekundeten Verkäufer wie Käufer ihr Interesse an einem Geschäft. Die eine Partei legte die sogenannten „Vier Dokumente“ (四大件) auf den Tisch: Baugenehmigung, Katasterplan, Originalbelege und eine Ausweiskopie des ursprünglichen Grundbesitzers. Die andere Partei öffnete den kleinen schwarzen Geldkoffer und ließ sauber gebündelte Banknoten aufblitzen. Das kannte ich noch aus Shanghai, als ich mit Aktien von Startups gehandelt hatte. Die großen Grundstücke waren rar in der Gemeinde, doch am beliebtesten waren ohnehin die kleinen Parzellen mit 80 bis 100 Quadratmetern. Erschwingliche Leckerbissen, die man leicht weiter verticken konnte. Das hatte mit einer lokalen politischen Richtlinie zu tun: Jeder Bauer konnte sich zum Handel freigegebenen Baugrund zuteilen lassen. Als die Grundstückspreise stiegen und die Landwirte die Goldgrube erkannt hatten, verkauften sie Stück für Stück ihren Grund. Nun begannen die Vier Dokumente unter uns Auswärtigen zu zirkulieren. Um sich die Transaktionssteuer zu sparen, ließ der Käufer das erworbene Eigentum meist gar nicht auf seinen Namen eintragen, sondern stieß das Bauland gleich an den nächsten Interessenten ab. Die Grundstücke gingen von Hand zu Hand wie der Ball in einem Basketballspiel. So schnell, dass die ursprünglichen Grundbesitzer den Überblick verloren und nie wussten, bei wem ihre Parzelle letztlich hängen blieb.

Nur unter diesen Umständen konnte es zu dem Missgeschick kommen, das mir eines Tages zustieß: Man klaute mir ein Grundstück.

Zu der Zeit führte ich ein kleines Unternehmen, das unter dem Namen „Asia“ (亚细亚) firmierte. Als ich mich bei einem auswärtigen Termin befand, nutzte einer meiner Mitarbeiter die Gunst der Stunde. Er brach meine Schublade auf und entwendete die Dokumente eines Grundstücks, das ich mir im Bezirk Tuhu (土湖) gekauft hatte. Weil Bauland und die Vier Dokumente zwei paar Stiefel waren, reichten ihm die paar Papiere, um meinen Grund weiter zu verkaufen. Es herrschte also höchste Alarmstufe. Damals hatte ich gemeinsam mit Zhou Meisen (周梅森), Schriftsteller aus Nanjing und derzeitiger Vizepräsident des Schriftstellerverbands der Provinz Jiangsu, ein Drehbuch verfasst, das von dem bekannten Regisseur Wu Yigong (吴怡弓) unter dem Titel A Confucius Family (阙里人家) verfilmt worden war. Ausgerechnet bei der Filmpremiere, man hatte Zhou Meisen und mich auf die Bühne gebeten und ehrte uns mit Beifall und Blumen, erreichte mich das Telegramm: Man hat dir ein Grundstück geklaut! Das klang so absurd, dass die Filmcrew es für einen Scherz hielt: Wie könne man ein Grundstück klauen? Man könne einem ja nicht den Boden unter den Füßen wegziehen. „Davon versteht ihr nichts“, meinte ich mit einem bitteren Lachen, „in Danshui verhält sich der Boden wie ziehende Wolken und fließendes Wasser“.

Ich eilte zurück nach Danshui und erstattete sofort Anzeige. In Danshui gab es jedoch Abertausende von Zugereisten und dazu zigtausend Kriminelle auf der Flucht. Die Polizei war so hoffnungslos unterbesetzt, dass sich schon die Akten von den schweren Fällen auf dem Schreibtisch stapelten. Ich jedoch hatte nur ein Grundstück verloren. Damals wuchs Danshui in rasendem Tempo und glich einer Großbaustelle. Man kam kaum hinterher, den neuen Straßen Namen und den Häusern Hausnummern zu verpassen. Da konnte ich lange warten!Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Auch wenn mir klar war, dass die Vier Dokumente bereits auf dem Markt zirkulierten, gab ich eine Verlustanzeige auf. Dann teilte ich meine Angestellten zur Nachtwache über das Grundstück ein. Eine Nachtschicht übernahm ich mit einer dünnen Decke ausgestattet höchstselbst. Überwältigt blickte ich in den mit Sternen übersäten Himmel und dachte über den Sinn des Lebens nach. Wer hätte gedacht, dass mir die freie Wirtschaft so übel mitspielen würde. Wie real und ernst das Leben sein konnte, hatten wir auch als Schriftsteller erfahren. Aber eine Situation, wie sie mir nun wiederfuhr, wäre undenkbar gewesen. Die Welt wurde zu einem Vexierspiegel. Alles stellte sich auf absurde Art verzerrt dar. Wer hätte gedacht, dass ich einmal auf der nackten Erde liegen würde, um ein Stück Boden zu bewachen, das quasi spurlos verschwunden war?Am Flussufer bewegten sich zwei Schatten und das Quaken der Frösche wurde für kurze Zeit leiser. Alarmiert stand ich auf und hüstelte. Die Schatten hielten unter einer Bananenstaude inne, um dann schnell das Weite zu suchen. Nachdem mich die ungebetenen Gäste so aus meinen Gedanken gerissen hatten, bekam ich es plötzlich mit der Angst zu tun: Was wenn sie mir im Schlaf einen Ziegelstein über den Kopf zogen? Dann hätte ich vielleicht nicht nur ein Grundstück verloren. Kurzentschlossen rollte ich meinen Matte zusammen, nahm meine Decke und räumte das Feld.

Nun war es an der Zeit, dass Zhou Meisen auf den Plan trat. Mein Freund war im Zeichen des Affen geboren und hatte tatsächlich etwas von dem gewieften Affenkönig.

Ein Anruf genügte und Meisen nahm den nächsten Flieger nach Guangzhou. Das war kein reiner Freundschaftsdienst, denn er besaß selbst Anteile an der Firma. Meisen griff zur Feder und schrieb einen langen Brief an das Parteikomitee der Stadt Huizhou (惠州). Er trug so dick auf und formulierte so treffend, dass die Stadtregierung den Eindruck gewinnen musste, dass sich die Schriftsteller, die als Investoren nach Danshui angereist waren, vom nächsten Hochhaus stürzen würden, wenn man nicht sofort etwas unternähme. Meisen machte ein zufriedenes Gesicht: „Diese Bombe ist scharf, mein Freund, bring sie an Ort und Stelle!“

Danshui war eine Gemeinde im Bezirk Huiyang (会阳县). Huiyang wiederum unterstand dem Verwaltungsbereich der Stadt Huizhou. Wir wandten uns also an den Schriftstellerverband von Huizhou, dessen Präsident sofort zum städtischen Parteikomitee eilte, um dem Generalsekretär das Schreiben zu übergeben.

Ab da lief alles wie geschmiert. Der Polizeipräsident lud uns zum Essen ein, das Katasteramt stellte uns umgehend alle erforderlichen Dokumente für das Grundstück in Tuhu aus und sogar der Dieb wurde gefasst! Ein Ende der Geschichte, dass wir dankbar mit viel Alkohol begossen.

Wer in das Meer der freien Wirtschaft abtaucht, kann sich verschlucken. Doch aus Schaden wird man klug. In der Anfangsphase der Reform- und Öffnungspolitik waren die Märkte noch ungeregelt und Chaos somit unvermeidbar. Das Rechtssystem war unausgereift. Jeder befand sich auf wackeligem Boden. Während es nur wenigen gelang reich zu werden, fielen die meisten auf die Nase. Dabei gilt eine Wahrheit wohl immer und überall: In schwierigen Zeiten haben es die kleinen Leute besonders schwer!

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