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Plädoyer der Abweichung

Neuhardenberg
Neuhardenberg | [Foto]

Er sei nicht an einer Teilnahme interessiert, ließ Durs Grünbein im Vorfeld wissen. Er möchte lieber „schweigend ein paar unverhandelbare Ideale vertreten“. Monika Maron war sich sicher, dass sie es später fürchterlich bereuen, aber doch einfach erstmal zusagen würde. Sie werde den chinesischen Kollegen ganz einfache Fragen stellen: „Welche Bücher darf ich lesen und wie kann ich meine Meinung öffentlich äußern?“ 

Von Peter Anders

Eigentlich scheinen die Fronten klar, die Rollen verteilt. Was ist dann überhaupt schwierig am deutsch-chinesischen Dialog? „Warum verstehen wir einander nicht?“ Harvard-Professor Homi K. Bhabha, der schon mittels der postkolonialen Agenda die Re-Positionierung der europäischen Erkenntnissysteme maßgeblich vorangetrieben hatte, sieht im Nicht-Verstehen, in der Auseinandersetzung mit dem, was fremd erscheint, die „inhärente Voraussetzung, um Konfrontation zu überwinden.“ In der „via negativa“ sei der Wunsch angelegt, einen Schritt nach vorne zu gehen. In Neuhardenberg läutet er das Ende der Konsenskultur im Sinne „homogener Verständigung“ ein und plädiert für die Konvergenz als Orientierung auf eine heterotope Dynamik des Verstehens, „allerdings nicht auf Kosten der Leugnung verschiedener Geschichten, Kulturen und Identitäten“.
 
Die Zeit der Heterotopien beschwört auch Alexander Kluge, in der „dicht neben einem unmöglichen Zustand ein neuer Zustand immer möglich ist. Und da muss ich Ihnen sagen, da gucke ich so neugierig wie einst Leibniz auf China guckte.“ Bis Monika Maron wieder an die Bürgerrechte erinnert. Und von Li Yinhe, die seit Jahren Petitionen für die Homo-Ehe beim Volkskongress in China einreicht, und dem Autoren Xiao Kaiyu Antworten bekommt – so einfach sei das nicht, für die Menschenrechte in China zu kämpfen. Was Thea Dorn auf den Plan ruft. Sie werde solidarisch im Kampf um die Menschenrechte sein bis zu dem Punkt, an dem sie von den Dissidenten aufgefordert werde, ihren Protest einzustellen, da er ihnen schade. Die politischen Forderungen stellen dann allerdings die dem System durchaus nicht feindlich gesonnenen chinesischen Kollegen auf: Die Zensurbehörde gehöre abgeschafft, man verlange Publikationsfreiheit. Der euphorische Moderator Georg Blume ruft, dass wir nicht vergessen sollen, wessen wir hier bei einer von der Kommunistischen Partei sanktionierten Veranstaltung Zeuge werden: „Das war der Schrei der Dichter nach Menschenrechten! Das haben wir gehört! Das haben wir alle gehört!“ 
 
Für dieses Maß an Abweichung von der Parteilinie hatte zuvor François Jullien den Ton gesetzt. „Abweichung“ verstehe er als „Aufforderung zur Selbstreflektion über das Menschliche, die den reziproken Blick des einen durch den anderen eröffnet.“ Durch Abweichungen entstehen Denkräume, wird ein neues Verständnis vom Gemeinsamen initiiert. Wobei uns Wang Hui, der wohl führende Intellektuelle Chinas, an die Dimensionen des Gemeinsamen erinnert, denen die chinesische Gesellschaft ausgesetzt ist. An die Bewältigung der Konsumbedürfnisse der „Neuen Armen“, der 300 Millionen Wanderarbeiter, die ohne unabhängige Gewerkschaftsvertretung und in gemeinsamer Sache von Kapital und Politik ausgebeutet werden. Wir müssen, folgen wir den chinesischen Denkern, vieles neu begreifen: Nach Wang Hui sind es die Begriffe Arbeit und Würde, bei dem Philosophen Zhao Tingyang ist es ein neues Verständnis der Menschenrechte, von dem Helmut Lachenmann sagt, es mute ihm angesichts der darin verankerten Vergeltungsgerechtigkeit „gespenstisch“ an. Widerständige Denkräume mag auch Mo Yan im Sinn gehabt haben, als er 2009 auf der Frankfurter Buchmesse erklärt: „Ein Schriftsteller soll seine Kritik und seinen Ärger über die dunklen Seiten der Gesellschaft und die Hässlichkeit der menschlichen Natur äußern, aber dazu gibt es keine einheitliche Form. Manche wollen ihren Protest auf der Straße artikulieren, aber wir sollten auch jene tolerieren, die sich in ihr Zimmer zurückziehen und die Literatur nutzen, um ihrer Meinung eine Stimme zu verleihen.”
 
Das zweitägige Gespräch in Neuhardenberg fokussiert und bietet zugleich Raum für Abschweifung. Gedankensplitter gruppieren sich um zentrale Begriffe, es gibt Annäherungen und Abstoßungen, intensive Begegnungen. Die Internationalität der Perspektiven schafft ein Verständigungssystem, das vor der Vereinnahmung der Denkräume im Interesse der eigenen Mission schützt. Wäre schön, wenn die Analyse der Gewohnheiten unseres Denkens und Wahrnehmens zunächst einmal weitgehend frei von Ideologie ist. Dann würden wir verstehen, dass es auch in China Zwischentöne und ein Ringen um die richtigen Antworten im Schatten der Partei gibt.  
 

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