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Die deutsche Auswärtige Kulturpolitik im Umbruch
„Nation Branding“ oder künstlerischer Austausch?

„Nation Branding“ oder künstlerischer Austausch? – Die deutsche Auswärtige Kulturpolitik im Umbruch
„Nation Branding“ oder künstlerischer Austausch? – Die deutsche Auswärtige Kulturpolitik im Umbruch | [Photo]

„Die Pflege der Beziehungen auswärtiger Staaten ist Sache des Bundes“, heißt es in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland in Artikel 32. Auswärtige Kulturpolitik ist also in erster Linie Außenpolitik. Doch das Politikfeld wandelt sich. Festzustellen gilt: Die Quantitäten sind beeindruckend. Noch nie gab es so viele deutsche Kulturinstitute im Ausland, noch nie war Deutschland weltweit so vernetzt wie heute, noch nie hat es einen so vielfältigen Kulturaustausch gegeben. 

Von Prof. Wolfgang Schneider

Kultur-Dialog statt Kultur-Export?

Konzeptionelle Überlegungen zur Kulturpolitik, insbesondere zum Kulturaustausch, hat es schon viele gegeben. Zu erinnern wäre an die Leitsätze des Auswärtigen Amtes vom Dezember 1970: „Die Auswärtige Kulturpolitik wird sich künftig intensiver als bisher mit den kulturellen und zivilisatorischen Gegenwartsproblemen befassen. Der Kulturbegriff muss daher weiter gefasst werden.“ Zu verweisen wäre zudem auf die rund 300 Feststellungen und mehr als 100 Empfehlungen der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages von 1975, in denen unter anderem ausführlich dargelegt wird, dass die Auswärtige Kulturpolitik nicht mehr auf einseitigen Kulturexport beschränkt bleiben kann, sondern sich den kulturellen Wechselbeziehungen und der partnerschaftlichen Zusammenarbeit öffnen muss. Und zu zitieren wäre allemal die damalige Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, Hildegard Hamm-Brücher, die 1982 in ihren „Zehn Thesen zur kulturellen Begegnung und Zusammenarbeit mit Ländern der Dritten Welt“ als allgemeine Prinzipien die Gegenseitigkeit von Kulturbeziehungen, die Gleichwertigkeit der Kulturen, die Integration aller Bereiche zwischenmenschlicher Lebensgestaltung und Kommunikation sowie die Ermutigung und den Ausbau der Zusammenarbeit mit nicht-staatlichen Trägern anmahnt. 

Zu überprüfen wäre also die gestrige Praxis internationaler Kulturbeziehungen anhand einer heutigen Theorie für eine Auswärtige Kulturpolitik für morgen. Zweibahnigkeit statt Einbahnstraße, hieß es: Stimmt das? Vom Kulturexport zum Dialog der Kulturen, so sollte sich’s entwickeln: Mit Erfolg? Von der Kooperation zur Koproduktion, war gemeint: Ist’s denn so? Projekte und Prozesse statt Präsentation und Produkte, das wird propagiert. Internationale Netzwerke anstelle zentralisierter Mittlerstrukturen sowie die gezielte Intervention in kulturellen Spannungslagen, entnimmt man den Diskursen. Aber wie steht’s denn nun um das Verhältnis von Anspruch und Wirklichkeit?

Noch im Jahr 2000 ging es in einer Konzeption des Außenministers Joschka Fischer um Demokratieförderung und um die Verwirklichung der Menschenrechte; Konfliktprävention und Friedenssicherung waren die Stichworte bei Rot-Grün und es wurde der Dialog, der Austausch und die Zusammenarbeit beschworen. Der amtierende Außenminister Guido Westerwelle stellt das nicht in Frage – zumindest nicht in öffentlichen Reden oder gar Schriften. Aber er verkündet für Schwarz-Gelb neue Richtlinien. „Es geht für Deutschland darum, Einflüsse in der Welt zu sichern“, heißt es Ende 2011 und der neokoloniale Beigeschmack lässt aufhorchen. Ein Aufschrei blieb aus. Aber Kultur und Politik sind sensibilisiert. Denn Auswärtige Kulturpolitik wird nun einfach mit Cultural Diplomacy gleichgesetzt. Und manche befürchten die Instrumentalisierung der Künste. 

„Cultural Diplomacy“ als Good Governments?

Cultural Diplomacy ist der häufig benutzte Terminus, eine Übertragung ins Deutsche hat noch nicht stattgefunden. In der amerikanischen Politikwissenschaft wird der Begriff gerne in Abgrenzung zum Cultural Imperialism definiert. Milton C. Cummings schreibt recht allgemein von „…the exchange of ideas, information, art, lifestyles, value systems, traditions, beliefs and other aspects of cultures…“. 

Ausgangspunkt jeglichen Austauschs ist die Anerkennung der anderen Gesellschaft als Kulturstaat, ein Faktum, das in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eigentlich erst mit Artikel 35 des Einigungsvertrages zwischen BRD und DDR aktenkundig wurde. Seit 1990 werden zudem immer wieder Debatten geführt, ob es einer diesbezüglichen Grundgesetzänderung bedarf. Zuletzt formulierte die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages einen Vorschlag. „Der Staat schützt und fördert die Kultur“, sollte es in einem zusätzlichen Artikel 20b heißen. Eine politische Einigung wurde bisher nicht erzielt, die Selbstverständigung findet eher im akademischen Bereich statt. Dort ist von der Kulturgesellschaft die Rede, von Kulturbürgern und von einer Kulturpolitik, die sich als Governance versteht, also Diskurs und Teilhabe ermöglicht, das Zusammenwirken von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren initiiert und kooperative Handlungsformen entwickelt. Der Staat soll statt alles selbst zu machen, stärker eine aktivierende Rolle spielen, Initiator, Moderator und Förderer von Netzwerken sein. Cultural Diplomacy braucht demnach Good Governance. 

Im zwischenstaatlichen Bereich werden in diesem Zusammenhang Fragen aufgeworfen, die sich mit der Ökonomisierung der Gesellschaften beschäftigen, die die Globalisierung gleichermaßen als Chance und Risiko begreifen und die Auswirkungen einer weltweiten Mediatisierung kritisch diskutieren. Cultural Diplomacy kann also durchaus als ein Referenzsystem dienen, wenn es um Kultur und Politik in multilateralen Beziehungen geht. Die konkreten Aufgaben, Instrumentarien und Auswirkungen bedürfen dabei einer kulturpolitischen Betrachtung. Soweit die Theorie. 

Eventorientierung oder Partizipationsermöglichung?

Aber zurück zur Praxis. Was meint eigentlich die Aussage: „Menschen gewinnen für unser Land, unsere Werte und unsere Ideen“? Meint es Werbung? Meint es Public Relations? Meint es Marketing? Gibt es dafür nicht die Tourismuszentrale? Oder soll die jetzt mit der Vermittlung des Deutschland-Bildes gleichgeschaltet werden? 

Ein Format, das derzeit neu belebt wird, lässt die Kritik aufhorchen. „Deutschlandjahre“ in den internationalen Beziehungen finden unter anderem in Indien, in Brasilien und in Russland statt. Denn Staaten müssten sich genauso vermarkten wie Unternehmen und „Nation Branding“ sei ein Beitrag zur Standortpolitik. So heißt es in der Begründung für die Eventorientierung. Natürlich gehe es auch um Beiträge zur Bewältigung von Problemen, natürlich dürfe es keine reinen Export- und Schaufensterveranstaltungen geben und natürlich müsse ein Konzept von Nachhaltigkeit greifen.

Noch fehlt ein Gesamtkonzept für die Vernetzung von Kulturinnen- und -außenpoltik. Deshalb wird wohl eine Einmischung der Kulturschaffenden erforderlich sein. Denn interessiert tatsächlich jemanden in Mumbai, Osaka oder Salvador, ob die Künstler aus Deutschland stammen? Ist es nicht eher das Interesse an interessanten Musikern und Theatermachern, das letztlich ausschlaggebend ist für die Partizipation in Projekten? Und ist ein solcher Ansatz nur mit der bisherigen Struktur leistbar? Geht es nicht vielmehr zunächst darum, lokale Partner ausfindig zu machen, um dann eher symbolische Räume zu schaffen, die ein kulturelles Zusammenarbeiten sowie ein künstlerisches Koproduzieren ermöglichen? Die Kulturdiplomatie der Bundesrepublik Deutschland ist im Umbruch, noch gibt es mehr Fragen als Antworten. Aber das ist gelebte Demokratie.

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