Fokus: Nacht Märchen der Nacht

Für manche benachteiligte Kinder aus abgelegenen Regionen sind Gute-Nacht-Geschichten kein leichtes Ritual.
Für manche benachteiligte Kinder aus abgelegenen Regionen sind Gute-Nacht-Geschichten kein leichtes Ritual. | Foto: Huang Guozheng(黄国政)

Das wachsende Wohlstandsgefälle in Taiwan hat zur Folge, dass sich auch die Lebens- und Lernsituation der Kinder in zwei Extreme entwickelt. An dem einen Ende sind die Stadtkinder, auf denen ein enormer psychischer Druck lastet. Am anderen Ende stehen die Kinder aus einkommensschwachen Familien vor existenziellen Problemen. Was diese Kinder in der Nacht erwartet, ist keine bunte Märchenwelt, sondern ein Schicksal in Schwarz und Weiß.

Die Nacht bricht herein, als Cinderella ihre gläsernen Tanzschuhe anzieht und in ihrer Kürbiskutsche zum Ball des Prinzen eilt; es ist Nacht, als Jacks Mutter seine Zauberbohnen aus dem Fenster wirft. Die magischen Bohnenranken wachsen in den Nachthimmel und Jack klettert bis in das Wolkenheim des Riesen empor; in einer anderen Nacht erblickt das Mädchen mit den Zündhölzern durch das Fenster einer fremden Familie eine Idylle von Glück und Geborgenheit, die ihr selbst nie vergönnt sein wird; und dann ist da noch die Prinzessin aus Tausendundeine Nacht, die dem tyrannischen König beharrlich exotische Geschichten erzählt – Aladin mit der Wunderlampe, der fliegende Teppich, Sesam öffne dich. Nacht für Nacht lässt Sherazade ihre prächtige Fantasie spielen und schließlich gelingt es ihr, das eigene Schicksal zu wenden.

Die Nacht steht im Märchen symbolisch für die Angst, das Unbekannte und die Gefahr. Zugleich aber ist sie der Ort, an dem sich Wunder und Magie ereignen. Wenn man nach Feierabend die Tür seines Zuhauses hinter sich zuzieht und den Lärm des Tages dahinter zurücklässt, wenn die Erwachsenen die Waffen des Alltags strecken und dem Druck des Lebens entfliehen, dann beginnt für die Kinder die Märchenzeit: Das Abendessen steht dampfend auf dem Tisch, im Schein der Schreibtischlampe werden die Hausaufgaben erledigt und vor dem Einschlafen gibt es noch eine Gutenachtgeschichte.

Während sich tagsüber in den Schulen alles um Wissensvermittlung und soziales Miteinander dreht, sollten die abendlichen Märchen den Kindern eigentlich Seelenheil und Glück spenden und ihnen ein Leben grenzenzloser Fantasie aufzeigen.

Cindy: Abende voll Stress und Einsamkeit

Cindy wohnt in einem Akademikerviertel von Taipeh. Ihre Eltern rufen sie bei ihrem englischen Vornamen. Schließlich soll der Englischunterricht, in den man schon Unmengen von Geld investiert hat, auch seine praktische Anwendung finden. Cindys Bett ist eine Burg in Rosarot und ihr Zimmer übersät von Bilderbüchern und Puppen. Samstagvormittag ist für sie der schönste Moment in der ganzen Woche: Dann darf sie das hübsche Tutu und die Schläppchen für den Ballettunterricht anziehen. Seitdem sie die fünfte Klasse besucht, haben sich Cindys Hausaufgaben allerdings vervielfacht. Wenn sie endlich mit dem Lernen fertig ist, ist auch der Rest der Familie bereits zum Umfallen müde. Der Lichtkegel der Schreibtischlampe erscheint Cindy immer mehr wie ein Käfig aus Lichtstrahlen. Dabei ist das noch gar nichts gegen die Mittelschule, meint ihre ältere Cousine, da käme man wegen der vielen Tests kaum mehr zur Ruhe.

Wenn Cindy mit ihrer Familie zu Abend isst, läuft der Fernseher. Einmal, so erinnert sie sich, zeigte die Kamera einen Familienvater, der gegen die Bildungsreform protestierte. Der Mann war außer sich und schrie sich fast die Seele aus dem Leib, während das Kind neben ihm irgendwie hilflos wirkte. Wie peinlich, hatte Cindy sich damals gedacht, was für ein Glück, dass das nicht meine Eltern sind. Insgeheim wünscht sich Cindy allerdings auch, dass ihre Eltern weniger arbeiten und nicht immer davon reden würden, wie „hundemüde“ sie sind. So aber liegen sie abends mit leerem Blick träge auf dem Sofa und beschäftigen sich mit ihren Tablets.

In solchen Momenten verzieht sich Cindy auf ihr Zimmer. Sie begibt sich wieder in das Lichtgefängnis ihrer Schreibtischlampe. Wenn sie nach draußen schaut und die unzähligen erleuchteten Fenster sieht, denkt sie nicht daran, dass auch sie eines dieser Lichter ist. Noch weniger ahnt sie, dass Erwachsenwerden nichts anderes bedeutet, als dass das Metronom einen immer schnelleren Takt anschlägt. Die tagtägliche Monotonie macht aus jedem Kind irgendwann die vollendete Kopie eines konformen Angehörigen der urbanen Mittelklasse. Wie Cindys Eltern, die sich im Hamsterrad des Alltags abstrampeln, um einigermaßen über die Runden zu kommen. „Jung, aber glücklich“, dieses geflügelte Wort hört Cindy oft aus dem Mund der Erwachsenen. Sie versteht nicht ganz, was sie damit meinen, aber sie hat instinktiv das Gefühl, dass sich die Erwachsenen dabei an einen märchenhaften Zustand denken.

Lele (乐乐): Ein Leben in ewiger Nacht

In einer Bergregion nur eine Stunde entfernt von Taipeh durchlebt ein kleines Mädchen ganz andere Nächte. Lele, die zur indigenen Volksgruppe der Atayal gehört, schläft tief und fest. Gemeinsam mit ihrer über zehnköpfigen Familie teilt sie sich nachts einen dunklen feuchten Wohnraum.

Im Wohnzimmer hängt ganz oben an der Wand das Portrait einer Frau. Manchmal stapelt Lele die Steppdecken zu einem hohen Turm. Sie klettert hinauf und reckt und streckt sich, nur um einmal das Bildnis zu berühren. Ihre Großmutter und ihre Tante sagen, das wäre ihre Mutter. Lele weiß nicht recht, was sie sich unter einer Mutter vorstellen soll, oder unter einem Vater, denn auch der ist schon sehr früh aus ihrem Leben verschwunden. Seit sie denken kann ist die Großmutter ihr Ein und Alles.

Für die Erstklässlerin Lele gleicht das Leben einer ewigen Nacht. Sie kam als Frühchen im sechsten Monat auf die Welt und ist auf einem Auge fast blind. Nur wenn sie sich anstrengt, kann sie mit ihrem guten Auge in dem schummrig beleuchteten Wohnzimmer mit Müh und Not die Zahlen in ihrem Mathebuch erkennen. Ihre Großmutter ist schwer depressiv und zuckerkrank. Sowohl Leles Mutter als auch die Tante haben das geerbt. Aber Lele ist noch zu klein, um zu verstehen, wie bitter die Realität für die finanziell schlecht gestellte Familie aussieht.

Geht es der Großmutter gut, sieht sie zu, dass sie Lele zum Abendessen ein Ei besorgen kann. In schlechten Zeiten kümmert sich die ebenfalls schwerkranke Tante um Lele. Von Geburt an war Lele schwach und kränklich. Unzählige Nächte wurde sie auf dem Arm eines Erwachsenen ins Krankenhaus eingeliefert. Die Ärzte und Krankenschwestern kennt sie alle. Wenn sie groß ist, sagt sie, will sie selbst als Krankenschwester arbeiten und ihnen mit den Spritzen helfen. 

Vom Land der Träume ist Lele tatsächlich weit entfernt. Ihre Hoffnungen für die Zukunft beschränken sich darauf, dass sie es nachts warm hat, dass sie sich satt essen kann und ihre Oma nicht so oft krank wird. Wahrscheinlich wird sie früher von der Schule abgehen, um ihren Teil zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen.

Das wachsende Wohlstandsgefälle in Taiwan hat zur Folge, dass sich auch die Lebens- und Lernsituation der Kinder in zwei Extreme entwickelt. Laut einer Studie der Child Welfare League Foundation (CWLF) über das Wohlstandsgefälle zwischen taiwanischen Land- und Stadtkindern liegt die Arbeitslosigkeit bei den Familien der Kinder, die in abgelegenen Regionen leben, um das 3,5-fache höher als bei den Stadtkindern. In der Folge kommt jedes dritte Kind aus dem Hinterland aus finanziell schlechten Verhältnissen. Das wirkt sich auch nachteilig auf ihr Recht auf Bildung aus. Jedes fünfte Kind vom Land kann sein Schulgeld sowie die Gebühren für Mittagsverpflegung und Schulbücher nicht pünktlich zahlen. Zuhause haben die Kinder niemanden, der ihnen mit den Hausaufgaben hilft. Die Hälfte von ihnen muss den Schulweg zu Fuß zurücklegen und 11,7% der Kinder sind dabei über eine Stunde unterwegs. In der kalten Jahreszeit laufen die Kinder ein oder zwei Stunden durch die bittere Kälte, bis sie die Schule erreichen.

Die scheinbar privilegierten Kinder aus der Großstadt stehen nachts vor anderen Nöten. Dem Kinderpsychologen Chen Huanzhao (陈焕昭) zufolge neigen die Kinder infolge des jahrelangen schulischen Leistungsdrucks zu Verhaltensstörungen. Sie geraten schon früh auf die falsche Bahn, sind rebellisch oder haben Schwierigkeiten, sich in die Gemeinschaft einzugliedern. Es gibt Kinder, die wie Erwachsene Depressionen haben und zu Selbstmordgedanken neigen. Wenn die Eltern hingegen überfürsorglich sind und sich ständig einmischen, werden die Kinder unselbständig und kommen alleine nicht zurecht. Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ist angespannt und der Nachwuchs beginnt, sich nach und nach auszuklinken. Zudem hat sich auch die Gesellschaft verändert. Die diversen Reize und Verlockungen im Internet ermöglichen es den Jugendlichen, die Erziehungsmethoden ihrer Eltern zu unterlaufen und sich ihnen zu widersetzen. Stattdessen pflegen sie lieber Kontakt zu Internetbekanntschaften.

Die Nacht darf für Kinder nicht zum Albtraum werden. Was sie von den Erwachsenen brauchen ist der Goldstaub, den Peter Pan bekam, um durch den nächtlichen Sternenhimmel zur Insel seiner Träume zu fliegen. Ein offenes Ohr, materielle Unterstützung oder Hilfe beim Lernen können die nächtlichen Märchen etwas heller gestalten und ihnen mehr Farbe verleihen.