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Beijing Independent Film Festival
Da ansetzen, wo das Leben beginnt

Li Xianting (栗宪庭) gibt ein Interview zur Eröffnung des Beijing Independent Film Festival 2012.
Li Xianting (栗宪庭) gibt ein Interview zur Eröffnung des Beijing Independent Film Festival 2012. | Li Xianting Film Fund

Die Eröffnung des jährlich im Malerdorf Songzhuang stattfindenden Beijing Independent Film Festivals (BIFF, 北京独立影像展) wurde auch dieses Mal wieder mit aller Vorsicht begangen. Denn anders als Indie-Filmfeste in Europa, den USA oder Taiwan muss sich dieses vor der Polizei verstecken. Doch darin liegt keineswegs der einzige Auftrag des Independent Film Festivals in Songzhuang.

Von Wu Shan (吴珊)

Indie-Festival unter strenger Überwachung

August 2012 in Songzhuang bei Beijing: Der zentrale Platz wird gerade komplett überarbeitet, der Bau von Eigentumswohnungen der Anwohner wurde eingestellt. Überall mehren sich die Anzeichen dafür, dass das Künstlerdorf in der östlichen Peripherie Beijings momentan immer schneller in das Einzugsfeld der Urbanisierung gerät. Das von dem Filmfonds des Kunstkritikers und -sammlers (Anm. d. Übers.) Li Xianting (栗宪庭) ausgerichtete neunte Beijing Independent Film Festival startete in dieser etwas bizarren Atmosphäre.

Die Vorläufer des Beijing Independent Film Festivals gehen auf das Ende der 1990er Jahre [1] zurück. Anfangs organisierte Fanhall Studio (现象工作室) an Orten wie der Huangtingzi Bar 50, dem Xidan Bookstore oder dem China Millennium Monument die ersten Indie-Screenings. Bis 2006, als Zhu Rikun (朱日坤) vom Fanhall Studio das China Documentary Film Festival (北京纪录片交流周) nach Songzhuang brachte, war man bei den Vorführungen seitens der örtlichen Behörden immer wieder von politischen Repressalien unterschiedlichen Ausmaßes betroffen und ständig dazu gezwungen, den Ort zu wechseln. Nachdem im Mai 2011 das China Documentary Film Festival gesperrt worden war und es stattdessen im September in das Beijing Filmfestival des unabhängigen Films (北京独立电影展) miteinbezogen wurde, legte man die beiden Festspiele 2012 kurzerhand zum Beijing Independent Film Festival (北京独立影像展) zusammen.

Ähnlich wie das Beijing Independent Film Festival, das nach seiner Räumung im letzten Jahr immer wieder umziehen musste, wurde auch der Auftakt des diesjährigen Festivals von der Beijinger Polizei streng überwacht. Dabei fand das Festival ohnehin in beengten Räumlichkeiten und unter dürftigen Bedingungen statt. Sogar den roten Teppich für die Eröffnung musste man sich von Freunden aus dem Künstlerdorf leihen. Wang Hongwei (王宏伟) und Li Xianting, die für die Filmauswahl und Moderation des Festivals Verantwortlichen, betraten den Teppich für ihre Eröffnungsansprachen barfuß.

Zunächst wurden vor der Projektion des Eröffnungsfilms alle Besucher, die keinen Ausweis hatten, gebeten, den Saal zu verlassen, dann fiel während der Vorführung plötzlich der Strom aus, so dass Zuschauer und Ehrengäste schließlich gezwungen waren, sich draußen zu versammeln. Die geladenen Regisseure legten bei den Organisatoren daraufhin lautstark Protest ein: Wie könne man von der Gründung eines unabhängigen Festivals sprechen, wenn die ausgewählten Filme den entsprechenden staatlichen Behörden allesamt zur Genehmigung vorgelegt werden müssten? Nachdem diese Information unter den Anwesenden die Runde gemacht hatte und der Strom nicht wieder floss, verwandelte sich die Eröffnungsparty schließlich zu einem Candlelight-Dinner.

Auch wenn die Filmprojektionen und der Austausch mit den Regisseuren in der nächsten Woche ohnehin auf das kleine Hofhaus beschränkt blieben, in dem der Li Xanting Film Funds normalerweise sein Büro hat, hing zwei Tage vor dem eigentlichen Ende des Festivals am Hoftor eine Ankündigung: „Nach Benachrichtigung durch den entsprechenden Regierungsverantwortlichen vorzeitig geschlossen“. Daraufhin wurde das Filmfest in einem anderen kleinen Hof in Songzhuang fortgesetzt.

Nichtsdestoweniger ist unübersehbar, dass die öffentliche Vorführung von unabhängigen Filmen in China momentan erstmals eine gewisse kontinuierliche, organisierte und dimensionierte Gestalt annimmt. Mittlerweile jagt ein Filmfest das nächste: Das Yunnan Multi Culture Visual Festival in Kunming, das Nanjing Independent Film Festival, das Chongqing Independent Film and Video Festival, das Beijing Youth Independent Film Festival im Pekinger Stadtviertel Chaoyang oder das Xi’an Asia Film Festival, um nur einige zu nennen. Der Patriarch der unabhängigen Künstler und Gründer des Li Xianting Film Fund bringt es auf den Punkt: „Ein Beweis, dass der unabhängige Film China mittlerweile wie ein Steppenbrand erfasst hat.“

Konsumpolitik oder einfach nah am Leben?

Das Beijing Independent Film Festival beinhaltete in diesem Jahr die drei Wettbewerbskategorien Drama, Dokumentarfilm und Experimentalfilm, außerdem eine Sparte für Dokumentarfilmprojektionen und eine für Special Screenings. Ausgewählt waren fast hundert Filme aus Festland China, Taiwan und dem Ausland. Laut Jurymitglied Wang Hongwei bezogen sich die Auswahlkriterien in diesem Jahr beim Spielfilm auf die Vielfalt, beim Dokumentarfilm auf die drei Dimensionen des Politischen, Ästhetischen und des Kognitiven und beim experimentellen Film auf dessen Zeitgeist, Zukunftsvision und Dynamik.

In der Kategorie Drama war die Konkurrenz am heftigsten. Die Preise für die zwei herausragenden Spielfilme gingen schließlich an Zheng Kuos (郑阔) Burned Wings (南风), der als der erste Gangsterfilm des chinesischen Festlands gilt, sowie an den Film Malacecay – Family Reunion (马拉自在) der taiwanesischen Regisseurin Chen Lihua (陈莉华). Die drei Preisträgerfilme in der Kategorie Dokumentarfilm waren Gold Everywhere (遍地乌金) über die Kohlestadt Yulin in Shaanxi von Li Xiaofeng (黎小峰) und Jia Kai (贾恺), Ma Lis (马莉) Born in Beijing (京生) über eine Bittstellerin, die sich an die Obrigkeit wendet, und Zhou Xuepings (邹雪平) Beitrag Satiated Village (《吃饱的村子》), der innerhalb von Wu Wenguangs (吴文光) Programmreihe Memory – Famine (《记忆•饥饿》) entstanden war.

Setzt man den Startpunkt bei Wu Wenguangs Bumming in Beijing: The Last Dreamers (《流浪北京》), so hat der unabhängige Dokumentarfilm in China schon mehr als zwanzig Jahre hinter sich. „Während sich die Unabhängigkeit in den ersten zehn Jahren in einer gewissen ‚Entpolitisierung’ sowie einer eindeutig zynischen Note ausdrückte, hat der unabhängige Dokumentarfilm in den letzten Jahren mehr Mut zum Kampf bewiesen“, so Wang Chi (王迟), der an der Filmauswahl des Festivals beteiligt war und dort Foren moderierte.

In den Augen Cui Zi’ens (崔子恩), wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Beijing Film Academy, muss der chinesische Independent-Film viel näher an der unmittelbaren Realität bleiben, „man muss sowohl weg vom Professionellen als auch weg von der Regierung, die Vitalität des Films liegt in seiner Verwurzelung in der Basis, in seiner sozialen Gebundenheit, man muss dort suchen, wo das Leben anfängt, vielmehr beim Leben selbst.“

Bei diesem Festival richteten beispielsweise sowohl die taiwanesische Regisseurin Jasmine Lee Ching-Hui (李靖惠) in Money and Honey (《面包情人》) als auch Susan Chen (陈素香) in Lesbian Factory ihr Objektiv auf philippinische Gastarbeiterinnen in Taiwan. In Money and Honeybegleitet die Kamera der Regisseurin eine philippinische Krankenschwester durch ein Altenheim. Es vergehen 13 Jahre, in denen die Jugend der Regisseurin und der vier Hauptprotagonistinnen allmählich ersten Krähenfüßen um die Augen weicht. Es ist diese tiefe Wärme und Menschlichkeit, die die kulturelle Qualität der Dokumentarfilmerinnen aus Taiwan ausmacht.

„Im Vergleich zu den unabhängigen Regisseuren aus Taiwan sind die Regisseure vom Festland viel direkter und mehr auf ihren Vorteil bedacht“, meint Wang Hongwei, „in den Filmen drückt sich das in einer gewissen Anspannung und Angestrengtheit aus, sie haben nicht die Gelassenheit und Lockerheit der taiwanesischen Filme.“

Man habe dem chinesischen Independent-Film schon immer vorgeworfen, er betreibe eine Art Konsumpolitik, meint Cui Zi’en, das habe begonnen, als sich die Regisseure der Sechsten Generation von den Geldern des Staates und der großen Firmen unabhängig machten und Untergrundfilme produzierten. „Danach hatte man ein bestimmtes Maß an Freiheit und konnte mit dem Geld ausländischer Filmfonds Filme produzieren (…) allerdings darf man den chinesischen Independent-Film nicht mit dem amerikanischen Underground-Film verwechseln, letzterer verweigert sich dem Kommerz, geht nicht in die Kino-Verwertung und wird vielleicht gar nicht gezeigt. Der unabhängige chinesische Film ist von der wirklich freien Kunst noch sehr weit entfernt.“

Die Zeit der Filmverbote gehört laut Cui Zi’en in China nunmehr der Vergangenheit an. Einige der ehemals unabhängigen Regisseure seien mittlerweile in einer Phase, in der sie mit der Regierung flexibel zusammenarbeiten würden. „Vielleicht sind die Gene, die ihnen das sowjetische Bildungssystem vererbt hat, doch mächtiger. Durch sie bleiben die chinesischen Filmemacher auf eine Art objektive Wahrheit angewiesen, ohne die sie den Boden unter den Füßen verlieren. Es fällt ihnen einfach schwer, sich vom Denken des Kollektivs zu lösen.“

Befreiung im Zeitalter der „Private Images“

In der Kategorie Drama wurde Female Directors (《女导演》) mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Auch die Regisseurin des Films, Yang Mingming (杨明明), fand viel Beachtung. Yang Mingming ist Jahrgang 1987 und in einem Hutong in Beijing aufgewachsen. In Female Directors ist sie nicht nur Regisseurin, sondern auch Darstellerin und erzählt eine Geschichte über zwei junge Frauen und eine Digitalkamera: Ständig wechseln die Mädchen den Fokus der Digitalkamera, die zu einer Metapher für die männliche Fortpflanzung wird, zudem gibt es die Idee eines gemeinsamen Liebhabers. So wird hier über die Kamera zum Ausdruck gebracht, wie sich die innere Distanz zwischen den beiden Frauen ständig verschiebt.

„Der wichtigste Durchbruch bei den Ausdrucksformen des Dokumentarfilms war in den letzten Jahren vielleicht, dass der Regisseur nun selbst in Erscheinung tritt, das heißt, dass er sich ganz bewusst selbst zum Hauptprotagonisten des Films macht und aus der Ich-Perspektive erzählt“, so Wang Chi. Das persönliche Leben des Filmemachers, die Dreharbeiten und der Produktionsprozess würden allesamt im Film sichtbar. Dies seien die sogenannten „autobiografischen Dokumentarfilme“, beziehungsweise die „private images“ (私影像), um mit den Worten einiger Kritiker zu sprechen.

Zu dieser Kategorie zählten auf diesem Festival unter anderem Filme wie Error.mpg (《坏掉影片》), Is that You? (《是你吗》), The Days II (《生活而已2》), China Concerto (中国协奏曲) und Wu Haohaos (吴昊昊) KUN13 Criticizing Ai Weiwei and Wu Haohao (《昆十三•批判艾未未与吴昊昊》). Weil sie gegenüber den Veteranen des Dokumentarfilms wie Wu Wenguang, Xu Tong (徐童), Ji Dan (季丹) oder Ai Weiwei (艾未未) die kritische Haltung der Post-80er-Generation einnehmen, gelten Filmemacher wie Xue Jianqiang (薛鉴羌) oder Wu Haohao, als eine neue Generation der „private images“: Die Verbreitung von Digitalkameras und Homevideos gibt ihnen Freiheit beim Filmen. Die Filme haben sogar etwas von den Merkmalen, mit denen die Filmemacher der Fünften Generation bekannt wurden, nämlich eine epische Narration chinesischen Flairs, gleichzeitig sind sie sehr persönlich. „Bei ihnen hat das Individuelle über das Nationale gesiegt. Für das Publikum bezieht der Autor eindeutig Position. Wenn also ein Film umstritten ist, zielt das direkt auf den Regisseur persönlich ab, denn ohne seine Person hätte es diesen Film nicht gegeben“, meint Cui Zi’en.

Diese Befreiung des Individuums passt zu dem Aufbau von „Small Environments“, wie ihn sich Li Xianting wünscht. „In einer Zeit, in der die gesamte Mainstream-Kultur zu Konsum und Unterhaltung tendiert, in einer Zeit, in der wir keine Möglichkeit haben, mit unserer Wut das große Umfeld zu ändern, ja wir unsere Wut noch nicht einmal angemessen zum Ausdruck bringen können, ist meiner Meinung nach das, was wir für die Kultur tun können, die Entstehung von inoffiziellen „Small Environments“ in allen sozialen Räumen zu fördern.“

[1] Zusätzlich dazu gibt es das staatliche BIFF, gelegentlich BJIFF abgekürzt, das Beijing International Film Festival (北京国际电影节), das seit 2011 versucht, das Cannes von China zu werden.
 

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