Rückkehr einer Tradition Renaissance der Totengeldverbrennung

Vertreibung der Geister auf offener Straße
Vertreibung der Geister auf offener Straße | Foto: Yan Bo (焉博) / ImagineChina

Am 15. Tag des 7. Monats des chinesischen Mondkalenders ist das Geisterfest (鬼节). An diesem Tag versammeln sich an den vielen großen und kleinen Straßenkreuzungen in Peking zahlreiche Menschen. Sie verbrennen Papiergeld für die verstorbenen Verwandten und wollen so deren Seelen im Jenseits trösten.

Auch wenn der Brauch der rituellen Totengeldverbrennung in China bereits auf eine lange Geschichte zurückblickt, ist er erst seit ein paar Jahren Teil des städtischen Lebens geworden. Aus meiner Kindheit in Peking ist mir dies als ein Massenritual nicht bekannt – nun bin ich nach langer Abwesenheit im Ausland wieder in meine Heimat zurückgekehrt und es ist mir fast schon als Volksbeschäftigung deutlich ins Auge gefallen. Dieses Phänomen wollte ich genauer beobachten und machte mich also mit meiner Kamera auf den Weg durch die Hutongs.

Als ich den Herbst 2011 in China verbrachte und zufällig miterlebte, wie zahlreiche Leute auf der Straße Papiergeld opferten, war ich tief beeindruckt. Immerhin war es das erste Mal in meinem Leben, dass ich Zeuge eines derart umfangreichen kollektiven Handelns wurde, welches außerdem als unorganisierte, spontane Aktion stattfand.

Es kamen sowohl hochbetagte Senioren als auch frisch verheiratete Ehepaare, um Papiergeld zu verbrennen. Meist waren es ganze Familien, in denen fast alle Altersgruppen vertreten waren. Ich war ziemlich überrascht, wie viele Studenten unter ihnen waren. Gleich ihren Eltern waren sie fest von der Bedeutung ihres eigenen Handelns überzeugt. Das materialistisch-dialektische Gedankengut gegen den feudalistischen Aberglauben, das man unserer Generation von der Mittelschule bis zur Universität im Unterricht für politische Ideologie eingebläut hatte, schien sich allmählich zu zersetzen. Über die Regeln des Papiergeldverbrennens war man allerdings geteilter Meinung. Von den Leuten, mit denen ich mich unterhielt, waren sich einige über das Prozedere durchaus nicht sicher, aber sie schauten es sich einfach von den anderen ab. Die Ausrichtung der Feuerstelle jedoch streifte sogar die Theorien des Feng Shui. Die Gründe, die für die Ecke einer Straßenkreuzung mit ihren vier Himmelsrichtungen sprachen, lassen sich schwerlich in ein, zwei Sätzen darlegen. Die Straßenkreuzung ist vor allem dazu da, dass die verstorbenen Verwandten den Weg leichter finden. Nachdem man für die eigene Familie ein Territorium ausgewählt hat, malt man für gewöhnlich einen Kreis auf den Boden, wobei es nicht so wichtig ist, wie rund dieser wird, sondern dass man ihn zu einer Richtung offen lässt. Eine ältere Dame erzählte mir, sie sei gekommen, um ihrem verstorbenen Vater zu gedenken. Weil sein Grab im Westen liege, zeige die Öffnung des Kreises nach Westen. Durch das Loch im Kreis kann der Verwandte an das Geld gelangen, das er im Jenseits benötigt. Ist alles vorbereitet, fängt man mit der Verbrennung an. Das alles geht in aller Ruhe vonstatten und abgesehen von dem dichten Rauch gibt es eigentlich nichts, was jemanden stören könnte. Manchmal schluchzt jemand beim Verbrennen des Totengelds beim Gedenken an die verstorbenen Eltern leise auf. Die meisten Menschen lassen es sich auch gefallen, fotografiert zu werden. Solange man nicht extra eine Nahaufnahme von ihnen macht, stößt man auf keinerlei offene Ablehnung. Aber es gibt auch wenige Menschen, die besonders empfindlich oder angriffslustig reagieren. Eine Familie duldete es etwa zwei Minuten lang, dass ich filmte, dann versuchte sie, mir lautstark Einhalt zu gebieten. Man war der Meinung, mein Filmen könnte die verstorbenen Ahnen aufschrecken. Die Familie schickte mir sogar Flüche hinterher und meinte, mich sollte die Rache aus dem Jenseits ereilen.

Ich versuchte, mit einigen Leuten ins Gespräch zu kommen, um ihre Skepsis zu zerstreuen. Eine Familie erlaubte mir später Fotos zu machen, ihre einzige Bedingung war, dass ich ihre Gesichter nicht aufnehmen dürfte. Es war die typische dreiköpfige chinesische Familie, ein Rentnerehepaar mit seiner jungen Tochter. Der Vater hatte gar nichts gegen meine Fragen und erzählte, die Verbrennung von Totengeld müsse eine Geschichte von über tausend Jahren haben. Wie viel Geld man opfern solle, sei nicht festgelegt und liege ganz im eigenen Ermessen. Es sei auch gar nicht wichtig, ob das Geld wirklich im Jenseits ankomme, es gehe einfach darum, das eigene Andenken an die Verstorbenen zum Ausdruck zu bringen. Schließlich war da noch eine Frau mittleren Alters mit ihrem Sohn, der zwei sehr große Plastiktüten trug, die mit aus Glanzpapier gefalteten Goldbarren, mit yuanbao (元宝), gefüllt waren. Doch meine Frage, wozu sie so viele yuanbao brauchten, war den beiden offensichtlich so unangenehm, dass sie daraufhin das Weite suchten.

Der Mann mittleren Alters, mit dem ich ganz zum Schluss sprach, gab sehr bereitwillig Auskunft. Über das Phänomen, Papiergeld zu verbrennen, hatte er seine ganz persönliche Meinung: Dieser Brauch werde deswegen immer „populärer“, weil der Bevölkerung im vom marxistischen Materialismus beherrschten China über lange Zeit die Führung und der Halt durch die Religion gefehlt hätten. Die meisten Menschen hätten keinen Ort, an dem ihre Seele zur Ruhe kommen könne, und fühlten eine große innerliche Leere. Nachdem der sogenannte „feudalistische Aberglaube“ für über ein halbes Jahrhundert aus China verschwunden gewesen sei, scheine er erstaunlicherweise in den letzten Jahren langsam wieder in das Bewusstsein der Menschen zurückzukehren. Der Mann sprach außerdem davon, dass in der chinesischen Gesellschaft die meisten Menschen das Leben als einen Ort außerordentlicher Mühsal und Ungerechtigkeit empfänden. Als Söhne und Töchter hätten sie verstanden, dass ihren Eltern auf Erden kein glückliches Leben beschieden war, und nun hofften sie, die Eltern durch den religiösen Ritus der Totengeldverbrennung für das zu entschädigen, was diese niemals gehabt hatten. Ein anderes über 60 Jahre altes Ehepaar erzählte, dass ihre beiden Eltern vor einigen Jahren nacheinander verstorben seien. Sie selbst seien nicht aus Peking und das Familiengrab in der eigenen Heimat sei so weit weg, dass es schwer sei, extra nach Hause zu fahren, um den Verwandten zu gedenken. So würden sie sich auf der Straße eben ein passendes Fleckchen suchen, in Richtung des Ahnengrabs ein Bündel Papiergeld verbrennen und so das eigene Gewissen beruhigen.

Nachdem ich mich etwa eine Stunde auf dem „mobilen Friedhof“ aufgehalten hatte, machte ich mich langsam weiter auf den Weg. Nach einem Fußmarsch von fünf Minuten erreichte ich das andere Ende der Straße, eine verkehrsreiche und belebte Gegend, in der sich zu beiden Seiten der Straße ein Restaurant an das nächste reiht. Es war Spätsommer und viele Restaurantbesucher gaben sich an den Tischen, die man auf den Bürgersteigen aufgestellt hatte, kulinarischen Genüssen hin. Der intensive Geruch von Grillfleisch, Fisch und Meerestieren kitzelte einem den Gaumen. Dieser Ort war fast wie eine andere Welt. Diese Szene fand um die gleiche Zeit statt und auch das hier waren Chinesen, und doch war es, als würde das heilige Geisterfest zum Gedenken an die Toten für sie überhaupt nicht existieren. Mag sein, dass sich genau darin die Pluralität der chinesischen Kultur zeigt.

Auch jener frühe Morgen nach dem Geisterfest ist mir noch gut in Erinnerung. Von der Asche war auf den Straßen schon nichts mehr zu sehen, nur die Rußspuren, welche die Feuerstellen auf dem Pflaster hinterlassen hatten, hatten der Reinigung Stand gehalten. Ich begegnete zwei Straßenkehrern und kam schnell mit ihnen ins Gespräch. Auf meine Frage, ob die Papiergeldverbrennung ihnen die Arbeit erschwere, meinte einer von ihnen, es sei auf jeden Fall um einiges anstrengender als normalerweise, doch zum Glück käme das ja nur zwei oder drei Mal im Jahr vor. Und außerdem: Würde nicht jeder Eltern haben? Die Straßenreinigung begegnet dem Brauch der Papiergeldverbrennung also grundsätzlich mit Toleranz und Verständnis.

Alles in allem glauben Chinesen üblicherweise daran, dass das Verbrennen von Papiergeld ihren Verwandten im Jenseits zu Reichtum verhelfen kann. Ich habe mit Leuten verschiedenen Alters gesprochen, doch niemand stellte diese Gepflogenheit in Frage. Da die Regierung das Verbrennen von Papiergeld duldet und somit in gewisser Weise dazu ermutigt, trauen sich immer mehr Chinesen am Abend des Geisterfestes in der Nähe ihres Zuhauses auf der Straße vorübergehend ihr eigenes „Territorium“ zu markieren. Wie ich beobachten konnte, agieren diese Menschen, die sich zur selben Zeit und aus demselben Grund versammeln, interessanterweise ohne Ausnahme in einem sehr begrenzten Areal, dessen Maßeinheit die eigene Familie und dessen Zentrum der eigene Kreis ist. So kommt es zwischen den einzelnen Familien oder zwischen fremden Leuten zu keinerlei Austausch.

Seit langer Zeit wird von der Regierung jede Idee unterdrückt, die dem Materialismus zuwiderläuft. Das seit einigen Jahren immer beliebter werdende Verbrennen von Totengeld scheint eine Ausnahme zu sein. Zeigt das nun, dass die chinesische Regierung dazugelernt hat oder dass sie der gesellschaftlichen Probleme, die sich zunehmend häufen, immer weniger Herr wird? Die westlichen Gesellschaften machen der chinesischen Regierung die Versäumnisse an Religion und Glauben seit vielen Jahren zum Vorwurf. Doch auf welchen Weg wird die Rückkehr zum „feudalistischen Gedankengut“ die generell „ungläubige“ chinesische Bevölkerung führen? Gerade diese schwer zu beantwortenden Fragen verdeutlichen in gewisser Weise die Komplexität und Unvorhersehbarkeit der chinesischen Gesellschaft.