Fokus: Vertrauen Über eine Begegnung im Altai und das natürliche Schreiben

Nomadenheim im Winter
Nomadenheim im Winter | Foto: Li Juan

„Wenn man ein authentisches Bild bekommen will, muss man den Menschen unvoreingenommen und mit Feingefühl begegnen.“ Die Schriftstellerin Li Juan folgte einer kasachischen Hirtenfamilie in die Wüste, um ihr winterliches Nomadenleben zu beobachten und zu dokumentieren.

Die kasachischen Hirten der Altai-Region im Norden Xinjiangs gehören zu den wenigen echten Nomadenvölkern, die es heute noch auf der Welt gibt. Statistisch gesehen ziehen sie im Durchschnitt einmal in der Woche um. Im Herbst geht es gen Süden und im Winter hoch in den Norden. Dabei legen sie hunderte von Kilometern zurück. Ihr Leben ist unstet und hart und sie sehen sich immer wieder neuen und extremen Existenzbedingungen ausgesetzt. Um meine Arbeit über die winterlichen Lebensbedingungen dieses Volkes abzuschließen, folgte ich im Winter 2010 einer ganz normalen Nomadenfamilie in die Wildnis und lebte über drei Monate mit ihnen. Dies war ein lang gehegter Wunsch von mir, allerdings hatte ich nie den Mut dazu aufgebracht.

Die Existenzbedingungen auf den Winterweiden sind extrem hart. Die ganze Familie lebt auf engstem Raum in einem sogenannten „Erdnest“ („地窝子“) zusammen, das an ein primitives Erdloch erinnert. Mein Kasachisch ist dürftig und gereicht nur zur grundlegendsten Verständigung. Man kann sich die Schwierigkeiten und Verlegenheiten unseres „Zusammenlebens auf Tuchfühlung“ also ausmalen. Zudem befanden wir uns mitten in der Wüste. Es gab kein Handynetz und kaum Verkehrsanbindung. In meinem Buch schreibe ich: „Egal, in welche Himmelsrichtung man gelaufen wäre, man hätte innerhalb einer Woche nicht einmal eine Landstraße erreicht.“ Wir waren völlig von der Welt abgeschnitten. Einmal hier angelangt, gab es kein Zurück. Vor der nächsten Schneeschmelze würde ich hier nur schwer wegkommen. Allerdings waren das nicht die Herausforderungen, die mich am meisten beschäftigten.

Der Außenstehende als Eindringling

Wenn man als Außenstehende in ein fremdes Leben eindringt, bekommt man unweigerlich das Gefühl, ein „Fremdkörper“ zu sein. Ich habe mich nie wissenschaftlich damit beschäftigt, wie sich so ein „Antagonismus-Effekt“ auf das Schreiben auswirkt, als ich aber in der Situation war, war für mich diese Kluft nicht auszuhalten – und ich kann auch nicht verstehen, wie Kollegen meines Fachs so unbeschwert über sie hinwegsehen können. Ich kam mir vor wie eine Betrügerin, so, als würde ich die anderen tyrannisieren. Sobald man zur Kamera oder zur Feder greift – doch es genügt auch, den anderen nur länger zu beobachten – betont das die Andersartigkeit und schafft eine Art Gefälle. Das Gegenüber wird instinktiv dazu veranlasst, auf der Hut zu sein. Auch wenn diese Vorsicht nichts Feindliches an sich hat und nur einem Gefühl der Selbstachtung angesichts eines Fremden entspringt, war sie mir unerträglich – auch wenn das ein Charakterfehler von mir sein mag.

Vor vielen Jahren hat ein Freund einmal Fotos von meiner Großmutter gemacht. Als ich die Aufnahmen sah, war ich völlig überrascht. Auf den Fotos machte meine Großmutter einen zutiefst traurigen Eindruck, sie wirkte zerbrechlich und hoffnungslos. Wenn ich sie fotografierte, strahlte sie immer über das ganze Gesicht.

Damals hatte ich nur ein schmales Einkommen und meine Arbeit nahm mich so in Beschlag, dass ich mich nicht ausreichend um meine Großmutter kümmern konnte. Sie litt an einer leichten Altersdemenz, war den ganzen Tag allein zuhause und nachlässig gekleidet. Mein Freund hatte in meiner Großmutter wahrscheinlich eine arme alte Frau gesehen und sein Mitleid hatte sich auf sie übertragen. Instinktiv hatte sie das Bild der Schwäche verkörpert, das sich ihr Gegenüber von ihr gemacht hatte, und erweckte einen hilfesuchenden Eindruck. Natürlich war das durchaus nachvollziehbar. Aber das war nicht meine echte Großmutter, sondern eine Maske, hinter der sie sich aus Vorsicht versteckt hatte.

Was ich aus dieser Sache lernte: Wenn man ein authentisches Bild bekommen will, muss man den Menschen unvoreingenommen und mit Feingefühl begegnen. Einfach ist das nicht. Und in vielen Fällen war ich noch viel anmaßender als jener Freund.

Gemeinsamkeiten betonen und nutzen

Alles in allem habe ich mich während des stillen und harten Alltags auf den Winterweiden bemüht, mich den Sitten der Familie anzupassen. Nie habe ich versucht, etwas zu verändern. Und ich habe es immer vermieden, mich „als andersartig hervorzutun“. Wenn mir etwas begegnete, das mir gegen den Strich ging, habe ich solange versucht, es aus allen möglichen Perspektiven zu betrachten, bis ich es ohne jeden inneren Widerwillen annehmen konnte. Kulturelle Unterschiede verschwinden zwar nicht, aber man kann sich immer verständigen und sich in die Lage des anderen versetzen. Bis zum Ende meiner Zeit bei der Familie bin ich nicht auf eine einzige Sache gestoßen, mit der ich nicht klargekommen wäre. Und ich glaube, so wie ich mich allgemein verhalten habe, konnte auch jeder meine aufrichtige gute Absicht erkennen.

Soweit möglich vermied ich es, bei den Nomaden über meine eigene Arbeit zu sprechen. Wenn ich nach meiner Tätigkeit gefragt wurde, brach ich deren Bedeutung – immer unter der Vorgabe, nicht zu lügen – auf eine Ebene herunter, die jeder verstehen konnte. Ich erzählte ihnen beispielsweise, dies sei meine Art der Existenzsicherung. Das entsprach der Wahrheit, denn ich hatte damals weder eine Anstellung, noch ein festes Einkommen, jedoch seit jeher den Wunsch, meinen Lebensunterhalt als Autorin zu verdienen. Nach dieser Schilderung hatten sie den Eindruck, ich hätte es noch schwerer als sie selbst. Sie trösteten mich sogar und meinten, es würde bestimmt alles gut werden. Ich war beschämt.

Es gab viele einmalige Situationen, die ich nur allzu gerne mit dem Fotoapparat festgehalten hätte. Aber in den meisten Fällen hielt ich mich zurück. Ich hatte immer das Gefühl, dass der Akt des Fotografierens per se einen Widerspruch zu dem stillen und harten Leben bildete, das sich mir darbot. Das Fotografieren empfand ich als Störung, wenn nicht gar als Zerstörung. Denn wenn sich das Objektiv auf sie richtete, konnte das Leben der Familie unmerklich in die Schauspielerei abgleiten. Ich spielte die Bedeutung des Fotografierens so gut es ging herab und gab ihnen das Gefühl, nur zum Spaß zu knipsen. Ich suchte immer die Momente, in denen die Familie nichts zu tun hatte, und ging ganz spielerisch an die Sache heran. Auch zeigte ich ihnen öfters Aufnahmen, die ich gemacht hatte. Auf diese Weise verloren sie schnell ihre Scheu vor der Kamera und gaben sich entspannt und natürlich.

Ich habe bereits erwähnt, dass es sich bei der Winterweide um eine extrem abgeschlossene kleine Welt handelt. Mein Verhältnis zu der Familie gestaltete sich dort weitaus komplexer als die Beziehung zwischen Interviewer und Interviewten. Abgesehen von dem Ziel der Schriftstellerei war mein Leben dort von vielen ganz konkreten Bedürfnissen bestimmt. Ich musste nicht nur von der Familie aufgenommen werden, sie musste sich auch um mich kümmern. Vor allem aber musste ich meine Fähigkeiten im Leben und bei der Arbeit beweisen und in dieser Hinsicht das Vertrauen und die Wertschätzung der anderen gewinnen.

Welchen Wert hat schon literarisches Talent angesichts der Härten des wahren Lebens? Ich mag zwar in der Lage sein, bei Lesern anzukommen, doch hätte ich mich an diesem Ort, im Leben anderer Leute, den fremden Regeln nicht untergeordnet, wäre ich schlichtweg fehl am Platz gewesen. Das klingt vielleicht nach Assimilation – doch das täuscht. Ich betonte lediglich unsere vorhandenen Gemeinsamkeiten und nutzte sie.

Während jener Zeit war ich, abgesehen von meinen täglichen Pflichten im Haushalt und beim Treiben der Rinder und Schafe, zudem verantwortlich dafür, Schnee von der windgeschützten und sonnenabgewandten Seite einer in der Nähe gelegenen Sanddüne zu holen (die einzige Wasserquelle in der Wüste). Mit der Zeit wurde der Schnee immer weniger, so dass ich einen immer weiteren Weg zurücklegen musste. Trotzdem lief ich bis zum Schluss zweimal täglich mit zwanzig bis dreißig Kilo bepackt kilometerweit durch die Wüste zurück nach Hause.

Jeden Nachmittag, wenn das Sonnenlicht durch einen Lichtschacht in unser Erdnest fiel, machte ich mich daran, eine traditionelle Filzdecke zu besticken. Ich legte die Sticknadel erst aus der Hand, wenn die Sonne nach Westen gewandert war und das Licht im Zimmer schummrig wurde. Die Decke war dick und schwer, Nadel und Faden waren hart und grob. Nach zwei Wochen schmerzten mir die Finger. Sie wurden unbeweglich und ich konnte sie kaum mehr zur Faust ballen.

Unmerklich aber war ich zu einem unverzichtbaren Glied im geregelten Getriebe der Nomadenfamilie geworden und wurde von dieser voll anerkannt. Das beste Fundament für diesen Artikel, der später entstehen sollte, waren meiner Meinung nach nicht meine Beobachtungen und Gedanken, sondern das von mir gewonnene Selbstvertrauen und meine Gelassenheit. Denn zu diesem Sujet könnte jeder etwas schreiben. Und trotzdem denke ich, dass mein Beitrag unersetzlich ist.

Jener Lebensabschnitt war für mich nicht nur ein kreatives Werkzeug, sondern vielmehr eine von vielen Stationen auf meinem Lebensweg. Schließlich verstehe ich auch das Schreiben nicht als die schiere Anhäufung von Schriftzeichen, sondern als eine Kultivierung des menschlichen Daseins.