Zahlenspiele Daten sind mein Produktionsgegenstand

links:04.02.2010 bis 25.04.2010 - Wetterveränderungen No.1; rechts: 22.09.2008 bis 11.12.2008 - 1 bis 81
links:04.02.2010 bis 25.04.2010 - Wetterveränderungen No.1; rechts: 22.09.2008 bis 11.12.2008 - 1 bis 81 | Foto: © Zhan Rui

Indem Zhan Rui Informationen sammelt, ordnet, auswertet und umwandelt, wird der Künstler zum Protokollant über alle möglichen Daten der sozialen Gegenwart. Der Künstler Gong Jian (龚剑) sagt über ihn: „Durch seine Methode, die an die alten chinesischen Knotenschnüre als Vorform der Schrift (结绳纪事) erinnert, kehrt Zhan Rui zum Ursprung künstlerischen Schaffens zurück.“

In seiner Einzelausstellung von 2011 The Stock Exchange, Weather and Sex (股票,天气与性生活) hat Zhan Rui (詹蕤) in einem Gittersystem aus 9x9 Quadraten Datenmaterial aus den Bereichen Gesellschaft, Natur und Privatleben verarbeitet. Durch eine spezielle Kodierung sind auf diese Weise abstrakte Gemälde entstanden. Seine im United Art Museum (合美术馆)  in Wuhan gezeigte Soloausstellung Everything is Going to be Alright (一切都会好起来的) gab im Jahr 2015 einen Überblick über sein künstlerisches Schaffen, bei dem er in letzter Zeit verschiedenartige Medien verwendet und so seine vergangenen Versuche eines datenbasierten Produktionsmechanismus weiterentwickelte.

In deiner Kunst verwendest du immer wieder ein System aus 9x9 Quadraten. Kannst du uns den Grund für diese Vorliebe verraten? Irgendwie erinnert das ja an Sudoku.

Das System aus 9x9 Quadraten bildet in meinem Werk einerseits eine visuelle Struktur und ist  andererseits ein „konzeptuelles“ Gerüst. Nach dem von mir festgelegten Gestaltungsprinzip nehmen meine Kunstwerke im Sinne der chinesischen Zahlenformel „neun mal neun, bleibt eins“ (九九归一) - was sprichwörtlich auch bedeutet, dass man nach langem Hin und Her wieder zum Ursprung zurückfindet (Anm. d. Übers.) - innerhalb einer Periode von 81 Tagen automatisch Form an. Doch formal gesehen ist das Quadratsystem meiner Kunstwerke tatsächlich exakt dasselbe wie das Sudoku-Gitter.

Viele deiner Arbeiten sind nach einem bestimmten Datum benannt. Dabei war „22.9.2008 bis 11.12.2008 – 1 bis 81“ (2008年9月22日到2008年12月11日——1到81) dein erstes Bild, das nach einem zeitlichen Bezugsrahmen erstellt wurde. Kannst du den Ansatz für dein künstlerisches Vorgehen erläutern?

In dieser Hinsicht haben meine Arbeiten vielleicht ebenfalls eine gewisse Ähnlichkeit mit Sudoku, weil man sich eine Methode überlegen muss, nach der man die Rechtecke ausfüllt. Diese frühe Arbeit hatte einen stark performativen Charakter. Zunächst habe ich in die Quadrate mit roter Farbe die Zahlenumrisse für die Zahlen eins bis 81 vorgezeichnet. Dabei habe ich zwei formale Anleihen genommen: Erstens habe ich wie bei chinesischen kalligraphischen Übungen üblich eine rot linierte Malvorlage erstellt; zum anderen habe ich den Zahlentyp von digitalen Armbanduhren verwendet. In 81 Tagen habe ich dann den roten Linien folgend die 81 Zahlen mit immer derselben grauen Farbe nachgeschrieben.

Zwischen 2009 und 2010 hast du auf Grundlage der über eine bestimmte Zeit gesammelten Daten eine Werkreihe geschaffen, die das Wetter, den Shanghaier Aktienindex sowie das Sexleben protokolliert. Kann man das als Fortsetzung deiner früheren Arbeiten betrachten? Oder anders ausgedrückt als Ausdehnung deines auf Zeit basierenden künstlerischen Konzepts auf andere Bereiche?

Wenn man meine früheren Arbeiten als „endogen“ bezeichnen will so sind die Werke dieser Schaffensphase „nach außen orientiert“. Die Füllungen der Rechtecke waren am Anfang vielleicht eher metaphysisch, wohingegen sie nun allmählich konkreter wurden: Sie umfassen die Natur – die täglichen Wetterveränderungen der Stadt, in der ich lebe; die Gesellschaft – den Stand des Shanghaier Börsenindex an jedem einzelnen Tag; und den Menschen – die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs verschiedener Leute innerhalb von 81 Tagen. All diese Daten werden in meinen Arbeiten zum „Produktionsgegenstand“.

In deiner aktuellen Ausstellung „Everything is Going to be Alright“ setzt du Materialien und Medien vielgestaltiger und plastischer ein. Was steckt dahinter?

In der Ausstellung gibt es eine Arbeit auf LED-Screens, die den gleichen Titel wie die Ausstellung trägt: Everything is Going to be Alright – ein Satz der sich von dem gleichnamigen Kunstwerk des britischen Künstlers Martin Creed ableitet. In meiner Kunst kann sich ein Zeitempfinden einstellen, das sich auf die vergangene, auf die jetzige oder auch auf die zukünftige Zeit beziehen kann. Gleichzeitig beinhalten meine Arbeiten auch die Idee des „Wartens“. Und eben dieser Satz Everything is Going to be Alright transportiert sowohl ein Zeitgefühl als auch eine Wartehaltung. Der Rhythmus, in dem die acht chinesischen Schriftzeichen dieses Satzes in der Ausstellung aufblinken, entspricht in etwa meiner Herzfrequenz. Es ist also eine Arbeit, die meinen Herzschlag aufnimmt und die gleichzeitig die gesamte Ausstellung zusammenhält. Wenn ich das Werk so konkret erkläre, dann um deutlich zu machen, dass die Verwendung eines anderen Mediums in dieser Ausstellung aus ganz automatischen Entscheidungen und Veränderungen resultiert.

Der Kunstkritiker Wu Hong (吴鸿) ist der Meinung, dass deine Kunst eine eindeutig „ideelle“ Ausrichtung hat; dass hinter dem Kunstwerk weder neutrale Dokumentation oder Produktion sondern vielmehr realitätsbezogene Wertvorstellungen stehen. Bist du damit einverstanden?

Natürlich gibt es in meiner Kunst „ideelle“ Anteile, aber nicht ausschließlich. Ich erhoffe mir von meinen Werken eine höhere Flexibilität. Idealerweise sollte ganz vieles in sie hineinspielen können. Im Schaffensprozess habe ich meine Subjektivität absichtlich minimiert. Bei meiner monochromen Werkreihe Sex (性) beispielsweise war die visuelle Struktur der Arbeiten von der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs verschiedener Leute während 81 Tagen abhängig. Außerdem konnten die Teilnehmer die Farbgebung des Bildes selbst bestimmen. Sie konnten sich ganz frei für die Farbe entscheiden, die ihnen zusagte, während ich als nichts anderes als ein Handwerker fungierte. Aber wenn jemand nach Fertigstellung der Arbeiten meint, es ginge um realitätsbezogene Wertvorstellungen, habe ich damit überhaupt kein Problem.

In einem früheren Interview hast du dich als eher rationalen Menschen bezeichnet. Siehst du dich in der künstlerischen Arbeit den objektiven, neutralen Daten verpflichtet oder doch mehr dem Urteil deiner Sinnesorgane?

Zu einem gewissen Grad findet sich mein Charakter auch in meiner Kunst wieder. Wenn man davon ausgeht, dass Vernunft meine Stärke ist, sollte ich diese in meiner Kunst auch maximal entfalten. Objektive Daten dienen mir dabei lediglich als „Produktionsgegenstand“. Um jedoch zu entscheiden, wie ich das unterschiedliche Material verarbeite, muss ich natürlich ganz konkret abwägen. Und das beinhaltet auch das Urteil meiner Sinnesorgane.

Unser Leben unterliegt derzeit dem Trend zur Selbstquantifizierung. Die Daten- und Informationsdichte wird immer stärker zunehmen und bestimmt das Bewusstsein von immer mehr Menschen. Wie stehst du dazu? Beteiligst du dich nicht an dieser Datensammlung, wenn du die Realität bewusst dokumentierst?

Wir sind in der modernen Gesellschaft doch gar nicht mehr in der Lage zu unterscheiden, ob wir selbst die Daten produzieren oder ob uns die Daten formen. Mich interessiert keineswegs, mich am Aufbau von Datenbeständen zu beteiligen, sondern vielmehr das „Verarbeitungspotential“ der von mir erhobenen Zahlen. Wichtig ist für mich der „Mehrwert“, der durch die „Veredelung“ der Daten entsteht.

Der altgriechische Philosoph und Mathematiker Proklos hat einmal gesagt: „Wo Zahlen sind, ist Schönheit“. Haben Zahlen für dich einen ästhetischen Aspekt?

Ja. Die 81 Quadrate der Bildfläche, in denen 81 Zahlen in digitaler Schrift erscheinen, die visuellen Schattierungen, die auf der Bildfläche entstehen, wenn man die schwankenden Aktienkurse der Börsenunternehmen über ein Jahr dokumentiert oder die subtilen visuellen Bezüge zwischen den Arbeiten der Sex-Serie, all das ist für mich eine Form von „Schönheit“.

 

Zhan Rui (詹蕤) wurde 1980 in Wuhan, Provinz Hubei, geboren, wo er derzeit lebt und arbeitet. Er ist Absolvent der Fakultät für Ölmalerei am Hubei Institute of Fine Arts (湖北美术学院) sowie der University of the Arts London.