Fokus: Diaosi Von „diao“ zu „Diaosi“

Absolventen der Changzhou Universität nach ihrem Abschluss im Juni 2012: „Bruder, so kannst du kein Gaofushuai werden“.
Absolventen der Changzhou Universität nach ihrem Abschluss im Juni 2012: „Bruder, so kannst du kein Gaofushuai werden“. | Foto: ImagineChina

Die erste Hälfte meiner Kindheit verbrachte ich in der Nähe von Chongqing. Landbewohner sind derbe Menschen. Seit ich denken kann, hörte ich, wie die Erwachsenen mit überzeugtem Gesichtsausdruck einen ziemlich groben Ausdruck benutzten: chuizi (锤子, Hochchinesisch für Hammer und im Dialekt für Penis, Anm. d. Red.) In der zweiten Hälfte meiner Kindheit zog ich in eine Kleinstadt im nordwestlichen Hubei. Als halbstarker Zugereister benutzte ich, wo es nur ging, das Wort chuizi, um zu zeigen, was für ein mutiger Kerl ich war. Ohne den geringsten Erfolg, wie ich feststellen musste. Dann verstand ich, dass man die Stellen, an denen man in meiner alten Heimat chuizi gesagt hatte, hier einfach durch die Vokabel diao (屌, vulgär für Penis, Anm. d. Übs.) ersetzen konnte. Dieses Wort gab sich noch viel dienstbeflissener als chuizi, denn schließlich hatte es nicht eine „Nebenbeschäftigung“ als metallenes Werkzeug, diao bezog sich quasi „hauptberuflich“ und mit voller Hingabe auf jenes unaussprechliche Körperteil.

Diao wird salonfähig: Vom Wandel subkultureller Kraftausdrücke im Internetslang

Eigentlich war der Ausdruck diao in den 1980er und 1990er Jahren der jugendlichen Subkultur schlechter Schüler, Herumtreiber und der „zweifelhaften“ Jugend vorbehalten. Ich selbst war damals einer dieser legendären „schlimmen Jugendlichen“. Der inflationäre Gebrauch des Wortes diao war ein grundlegendes Kennzeichen unserer Rowdy-Kreise. Brave Schüler verabscheuten dieses Wort in aller Regel und nahmen es nicht in den Mund. Und je mehr sie sich an dem Ausdruck störten, desto euphorischer und ehrfürchtiger benutzten wir bösen Buben ihn. Tatsächlich fungierte diao damals als wichtiges sprachliches Element, um die Rollen von „Big Big Wolf“ (灰太郎) und „Pleasant Goat“ (喜羊羊) voneinander zu unterscheiden („Big Big Wolf“, der Gerissene und Erfolgreiche, und „Pleasant Goat“, der Zahme und Tollpatschige, waren die Hauptfiguren einer über viele Jahre in China populären Zeichentrickserie, Anm. d. Übs.) Dies war eine Distinktion, welche nicht die Unterschiede in sozialer Stellung und Herkunft betonte, sondern richtungsweisende Differenzen in Bezug auf die „Drei Anschauungen“ (三观, Weltanschauung, Lebensanschauung und Wertevorstellungen, Anm. d. Übs.) aufzeigte. Jedem kleinen Rebell, der sich mit den jugendlichen Rowdies identifizierte und der braven Ideologie des Mainstreams Widerstand leistete, ging es um ein Gefühl von Kraft und Männlichkeit, das beim Gebrauch des Wortes diao mitschwang, sowie um ein Gefühl der Erhabenheit, weil man sich nicht an das Gebot der „Fünf Wichtigkeiten, vier Schönheiten und drei Lieben“ (五讲四美三热爱, eine nach der Kulturrevolution verabschiedete Politik, die zu zivilisiertem Verhalten und zu Loyalität gegenüber dem Vaterland und der Kommunistischen Partei aufrief, Anm. d. Übs.) anpasste. Diao bewirkte, dass das rebellische Gefühl, in dem wir uns selbst dramatisierten, unendlich anschwoll.

Ungefähr um die Jahrhundertwende trat das Wort diao innerhalb der jugendlichen Subkultur in neuer Weise in Erscheinung. Netizen gewöhnten sich Ausdrücke an wie diao bao le (屌爆了, wörtlich: der Penis explodiert, umgangssprachlich: krass, Anm. d. Übs.), und das, obwohl sie sich selbst in keiner Weise als Rowdies sahen. Dass man nun diao dazu benutzte, um auszudrücken, dass man etwas cool oder gut fand, kam eher aus der jugendlichen Subkultur vom jenseitigen Ufer der Taiwanstraße (gemeint ist Taiwan, Anm. d. Übs.)

Während seit 2012 der zusammengesetzte Ausdruck diaosi (屌丝, etwa: die, deren einziges Kapital ihr Penis ist, selbstironische Bezeichnung für die große Gruppe sozialer und ökonomischer Verlierer in China, Anm. d. Übs.) im virtuellen Raum enorme Verbreitung findet, ist das Wort diao mittlerweile voll und ganz in den Wortschatz derjenigen Bevölkerungsgruppen eingegangen, die mit diesem Wort früher keinerlei Berührungspunkte hatten. Als ich das erste Mal hörte, wie junge, ahnungslose Mädchen das Wort diaosi ganz locker in ihre Konversation einfließen ließen, stellte sich bei mir ein Gefühl der Trostlosigkeit ein: Die Zeiten hatten sich wirklich geändert. Das Wort diaosi kam den Mädchen bei ihrem süßlichen Singsang ganz natürlich über die Lippen. Dabei setzten sie ein naives Lächeln auf, als gäbe es keinen Grund, sich wegen dieses Ausdrucks unwohl zu fühlen. Das bedeutete, dass die Unterscheidung zwischen guten Schülern und Herumtreibern, die das Wort diao einmal transportiert hatte, ganz und gar seine Gültigkeit verloren hatte. Der scharfe Unterton von Rebellion und Selbstheroisierung, der beim Gebrauch des Ausdrucks einst mitgeschwungen hatte, war komplett eliminiert worden. Das ist natürlich kein singuläres Phänomen, zahlreiche Kraftausdrücke, die ursprünglich von der Dynamik der Subkultur getragen waren, haben in der populären Internetsprache einen radikalen Wandel erfahren, so hat sich beispielsweise auch von dem Schimpfwort bi (逼, vulgär für Vagina, Anm. d. Übs.), zu dem Internetausdruck kubi (苦逼, kann wörtlich als bittere Vagina verstanden werden, bezieht sich aber vor allem in Anlehnung an ein buddhistisches Sutra auf die vom Schicksal gebeutelten, Anm. d. Übs.), die situative Verwendung verschoben.

Der inflationäre Gebrauch von Diaosi: Wie ein neues Rollenverständnis die Manifestierung gesellschaftlicher Klassen widerspiegelt

Im Siegeszug des Wortes diaosi zeigt sich ein neues Verständnis sozialer Distinktion. Ganz anders als vor zwanzig Jahren, als man den Ausdruck diao dazu benutzte, um sein Selbst in Distanzierung von den „Drei Anschauungen“ zu konstruieren, zielt die durch diaosi konstruierte Statuszuweisung vehement auf die Unterschiede von Klassenherkunft und sozialer Stellung ab. Folgt man der klassischsten Erklärung, so bezieht sich der Ausdruck diaosi auf jene minderwertigen Bevölkerungsgruppen, die aus Dörfern und unterentwickelten Kleinstädten in die Metropolen mit ihrem gigantischen Wirtschaftsvolumen und einer extrem ungleichen Interessensverteilung ziehen, um dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie verrichten niedere körperliche Arbeiten, für die exemplarisch das Schleppen von Ziegelsteinen (搬砖) steht. Zwischen den männlichen Diaosi und den Gaofushuai (高帅富), den großgewachsenen, attraktiven und reichen Männern, einerseits und den weiblichen Diaosi und den Baifumei (白富美), den hellhäutigen, reichen und schönen Frauen, andererseits besteht eine unüberwindliche Kluft. Hierbei ist ein Punkt äußerst interessant: Innerhalb der gängigen Narration über den Ausbruch der Moderne in den Metropolen basieren über den Globus hinweg zwar viele konventionelle Geschichten aus der Perspektive der Unterschicht und betonen die Unterschiede zwischen den Klassen, doch bieten diese Stories letztlich immer eine Lösung an, die aus einem Tagtraum stammen könnte. So trifft man allerorts auf Stereotypen, wie aus einem armen Jungen über Nacht ein reicher Mann oder ein armes Mädchen plötzlich mit Gold überschüttet werden. Hingegen ist in der kanonisierten Darstellung der sogenannten Diaosi-Literatur die Distanz zwischen den Diaosi und den Gaofushuai bzw. Baifumei unüberbrückbar und unabänderlich. Die einzige Verbindung, die zwischen diesen beiden Gruppen denkbar ist, ist eine Liebesgeschichte: Obwohl der Diaosi ein dickes, unansehnliches Provinzei (土肥圆) ist, ist er hoffnungslos in die Baifumei verliebt. Am Ende der Geschichte bleibt ihm allerdings nichts anderes übrig, als mit der schwarzen Morchel (黑木耳, Internetslang für ein leichtes Mädchen, Anm. d. Übs.), zusammenzukommen, die der Gaofushuai zunächst nur benutzt und verstoßen hat. Politisch und im Hinblick auf die Gleichberechtigung ist es sichtlich problematisch, den weiblichen Körper als rachsüchtige Metapher der Klassenpolitik zu konstruieren.

Durch die eben geschilderte kanonisierte Darstellung der Diaosi wird für uns unmittelbar erfahrbar, dass der Ausdruck diaosi nicht nur die Abstufung gesellschaftlicher Interessen verstärkt hat (dies lässt sich unter den Stichworten Gaofushuai gegen Diaosi, reich gegen arm, schön gegen hässlich, begütert und mit Guanxi ausgestattet gegen hartes Schuften ohne Vorankommen subsummieren, Anm. d. Übs.), sondern diese Hierarchisierung vor allem in ihrer Selbstverständlichkeit, Manifestation und Unabänderlichkeit bestärkt. Man kommt nicht umhin, festzustellen, dass diese zutiefst tragische Geschichte der Diaosi in gewissem Sinne den Status quo der chinesischen Gesellschafsstruktur dreißig Jahre nach der Reform- und Öffnungspolitik widerspiegelt: Die Durchlässigkeit der sozialen Schichten von unten nach oben wird von allen möglichen Faktoren blockiert. Als Fuerdai (福二代), die Reichen bzw. Beamten der zweiten Generation, betreiben die Interessensgruppen im wörtlichen Sinne ihre eigene Vermehrung und verhalten sich dabei stark ausgrenzend. In der Anfangsphase der Reform- und Öffnungspolitik gingen die unteren Schichten zur Uni oder zur Armee oder sie zogen ein bescheidenes Geschäft auf. Über diese Wandlungsmechanismen hofften sie, sich Zugang zu den etablierten Interessensschichten zu verschaffen. Diese Möglichkeiten allerdings gibt es heute fast nicht mehr.

Die gewaltigen sozioökonomischen Diskrepanzen zwischen den männlichen und weiblichen Diaosi und den Gaofushuai und Baifumei sind die Voraussetzung dafür, dass die Diaosi heute in aller Munde sind. In dem Ausdruck spiegelt sich eine hohe Sensibilität für Klasse und Status wider. Dass sich so viele Netizens mit der rangniederen Existenz eines Diaosi identifizieren, zeigt einmal mehr, dass die strikte gesellschaftliche Klassentrennung die Wahrnehmung der Normalbevölkerung maßgeblich bestimmt. Ganz anders als nach der Ideologie der Herumtreiber, die das Wort diao damals verwendeten, um ein erweitertes Gefühl der Rebellion zu erlangen, folgen die Gebrauchsmechanismen für den Ausdruck diaosi dem Geist der Selbstverspottung, in dem man sich selbst erniedrigt und auflöst. Diese Mentalität der Selbstverspottung legt einerseits Abstufungen und Konflikte offen, wie sie in der Realität zwischen den sozialen Schichten gegeben sind. Andererseits fungiert sie, was die soziale Unzufriedenheit anbelangt, die sich leicht zum Reichenhass steigern könnte, als erleichterndes Ventil. Seien es nun echte oder falsche Diaosi, das Phänomen, dass sich im virtuellen Raum jeder selbst zum Diaosi erklärt, zeigt eindrucksvoll, dass in einer Gesellschaft, die instabile Faktoren birgt, die Klage über die Armut immer der Königsweg bleibt. Damals wollten wir Herumtreiber durch das Wort diao auf dicke Hose machen, heute hingegen wetteifert man als Diaosi darum, sich zum Narren zu machen.