Fokus: Diaosi Manni und die Glamour-Ponys

[Manni und die Glamour-Ponys]
[Manni und die Glamour-Ponys] | dpa - Report / Foto: Waltraud Grubitzsch

Der Schriftsteller Thomas Lang über prekäre Arbeitsbedingungen seiner „Spezies“ und Geschäftsmechanismen auf dem deutschen Buchmarkt.

Manni ist einer meiner besten Freunde. Fragte man ihn früher nach seinem Beruf, so sagte er: freier Autor. Manchmal warf er sich dabei in die Brust. Vor ein paar Wochen trafen wir uns auf ein Bier. Da wirkte er fahrig, schoss unruhige Blicke durch den Raum und wollte sich partout nicht setzen. Ich kenne Manni gut und wusste daher, dass er gleich platzen würde. Ich ahnte den Grund für seine Aufregung. „Wieder nicht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis?“, fragte ich beiläufig. „Was glaubst du“, schnaubte er. „Ich war in keinem Krisenherd, ich habe keine lebensbedrohliche Krankheit. Ich kann nicht über die DDR schreiben. Ich habe auf Twitter genau drei Follower.“ Ich winkte dem Barkeeper, der uns zwei Wodka brachte. „Noch was?“ – „Ich komme nicht aus Österreich, mein Vater war kein Nazi, ich habe nicht mal in der DDR gelebt. Ich mag Fleisch.“ Er kippte seinen Schnaps. Manni verträgt nicht viel, seine Augen wurden sofort glasig. Aber er würde sich gleich entspannen. „Da ist noch mehr“, sagte ich väterlich, „spuck’s aus.“ Er wälzte seine Zunge im Mund. „Ich habe einen Scheiß-Namen. Wer will schon Bücher von Manfred Weinlich? Ich … bin nicht mal eine Frau.“

Du Jammerlappen, dachte ich bei mir, musste ihm aber in einem Punkt recht geben. Im Buchmarkt hat eine Akzentverschiebung stattgefunden. „Themen“ sind gefragter denn je. Ein Roman, der ein konkretes politisches oder gesellschaftliches Anliegen – erst recht ein politisch „korrektes“ – formuliert, lässt sich leichter besprechen, die entsprechenden Autoren lassen sich besser in TV-Kultursendungen oder Talkshows präsentieren. Leser fühlen sich von tagesaktuellen Stoffen mehr angezogen. Erst recht interessieren sie sich leichter für Bücher schreibende Menschen, die sie bereits aus den Massenmedien kennen. So kommt es, dass „literarische“ Titel, die eine Auseinandersetzung mit ihrer Sprache führen oder sich grundlegenderen Themen als den sogenannten aktuellen widmen, immer schwerer verkauft werden. Vor zwanzig bis dreißig Jahren konnten die Verlage mit Auflagen von 7.000 und mehr Exemplaren im Hardcover rechnen, wenn ein Autor halbwegs anerkannt war. Heute liegt diese Zahl eher bei 2.000 Stück. Das Geschäft machen internationale Bestseller und Prominente. Der deutsche Buchpreis kann dagegen allenfalls einen Akzent setzen, wenn er diesen Mechanismus nicht sogar bedient.

Entsprechend der Auflage hat sich der Verdienst von Schriftstellern verringert. Ältere Kollegen berichten, dass sie mit dem Vorschuss für ein Manuskript und einem satten Radiohonorar für eine Vorab-Verwertung oft bis zum nächsten Buch durchkamen. Aber die Mittel, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk für Literatur bereitstellt, sind drastisch gekürzt worden. Bleiben Lesungen und Stipendien. Leider ist die Lage hier nicht viel besser, da die öffentlichen Haushalte aufgrund ihrer Verschuldung die Kulturetats weiter und weiter stutzen. Schlimm ist es auch um die in Deutschland traditionelle Autorenlesung bestellt. Kleinere Buchhandlungen können sich Lesungen kaum noch leisten. Zusätzlich konkurrieren sie um die Aufmerksamkeit des Publikums mit großen Lese-Festivals, die jedoch häufig den Hypes der Saison folgen und damit nur jenen Autoren helfen, die eh schon stark sind. Stephen King hat sie nicht ohne Selbstironie die „Glamour-Ponys“ der Literatur genannt.

Heute nicht abzuschätzen ist die Veränderung, die das E-Book den Autoren bringen wird. Die Margen, mit denen sie an den digital erwirtschafteten Umsätzen beteiligt werden, sind noch nicht fixiert. Wie der neue Markt sich entwickeln wird, ist noch nicht klar. Viele erwarten, dass Autoren mit kleineren Auflagen gar nicht mehr im Druck oder doch nur als Print on Demand erscheinen werden. Andererseits experimentieren Online-Händler mit der Direktvermarktung von Literatur, die den Autoren eine viel höhere Umsatzbeteiligung verspricht als der traditionelle Markt. Auch mit der Selbstvermarktung über eine große Online-Buchhandelsplattform machen einige Autoren positive Erfahrungen. Fraglich ist, ob dabei nicht der kulturelle Diskurs, vor allem die Besprechung von Büchern in ihrerseits unter Druck stehenden Feuilletons oder Radio- und Fernseh-Kultursendungen, auf der Strecke bleibt.

Mit Sicherheit ist es um einiges schwerer geworden, als freier Autor wirtschaftlich zu überleben. Andererseits kommen wir aus einer Zeit, den siebziger und achtziger Jahren, die zumindest für westdeutsche Autoren ein literarisches Schlaraffenland gewesen ist. Die hohen Auflagen, der große Status, den Autoren wie Böll, Grass, Bachmann oder Bernhard sich erwerben konnten, rührte von einer einzigartigen öffentlichen Aufmerksamkeit für Kultur her. Es war überdies eine Zeit breiter verteilten Wohlstands und einzigartigen Schutzes durch den Sozialstaat. Nur auf dieser Grundlage konnte eine Nische für die „Leisure Class“ entstehen, wie der englische Autor Geoff Dyer es nennt: eine Generation von (häufig) Akademikern, die sich mit staatlicher Unterstützung und vergleichsweise niedrigen Lebenshaltungskosten ein lockeres, „freies“ Leben machte und in der alles irgendwie „kreativ“ war. Solche Möglichkeiten bieten nur Epochen großer Prosperität.

Mein Freund Manni wusste übrigens nach weiteren Wodkas am Ende des Abends nicht mehr, wo er sich befand. Ich rief uns ein Taxi und brachte ihn nach Hause. Nie wieder habe ich gehört, dass er sich „freier Autor“ nannte.