Fokus: Öffentlicher Raum Chinas Städte durch die Augen eines Skaters

Jugendliche üben ihre Tricks auf den Wegen im Olympiagelände Beitucheng
© Lui Chen (陈路)

Ein Paradies aus Marmor – solche Beschreibungen hört man über Chinas Städte eher selten. Bei den Streetskatern in aller Welt ist das moderne China allerdings als genau das berühmt. Sie sehen Chinas urbane Landschaften und die vielen Gesichter dieses Landes aus einem ganz speziellen Blickwinkel.

Als der deutsche Skateboarder und Student an der Universität Trier Daniel Kull vor zwei Jahren seine Entscheidung für ein Auslandspraktikum traf, kam für ihn nur Peking infrage. Und dabei ging es ihm nicht nur um die geschäftlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten, die so viele Ausländer in die chinesische Hauptstadt locken. Für Daniel und viele andere Skateboarder ging es darum, ein paar der „Spots“ aus endlosem Marmor, Granit und Beton zu befahren, die man überall auf der Welt findet. „Denn so viele großartige Spots wie hier findet man sonst nirgends auf der Welt“, grinst er.

Von Kalifornien, der Hochburg des Skateboardens, ist China nicht nur räumlich Welten entfernt, auch die Mentalität ist eine ganz andere. Amerikas Westküste ist ein Land mit Sonnenschein, Stränden, Surfern und ganz eigenen urbanen Strukturen, in denen das Skateboarden erfunden wurde, und die bis heute sein Zentrum bilden. Hier hat sich aus dem Surfen das Streetskaten entwickelt, mit seinen Halfpipes, Rampen, Swimmingpools, Schulhöfen, Bürogebäuden und Skateparks aller Arten und Größen. Es liegt in der Natur dieser Sportart, sich ständig weiterzuentwickeln und Neues zu erkunden, deshalb galt im Grunde jedes Terrain als befahrbar, auf dem man sich auf den vier Rollen eines Skateboards fortbewegen konnte. War ein Spot „abgefahren“, war es Zeit, zum nächsten weiterzuziehen, wo auf der Welt der sich auch befinden mochte.

China wird zufällig zum neuen Mekka für Skateboarder – ein perfekter Untergrund zum Streetskaten

Über andere Hotspots wie zum Beispiel Barcelona ging es in den Nullerjahren im schnellen Vorlauf weiter zur Erkundung der letzten Grenzen auf dem Skateboard mitten zwischen Bürogebäude und auf große, mit glattem Stein gepflasterte Flächen. Pekings weitläufige Plätze, Shanghais endlose Wolkenkratzer oder Shenzhens monumentale Bauten sind zu idealen Orten geworden, wo sich das Streetskaten immer weiter entwickeln und gedeihen kann. Zwar gibt es überall auf der Welt ausgewiesene Skateparks, darunter auch mehrere in China (insbesondere Woodward in Peking oder den SMP-Skatepark in Shanghai), die eigentliche Action findet aber weiterhin auf den Straßen statt.Da das moderne Streetskaten auf Marmorsimse, weite Plätze, Handläufe und Architektur mit glatten Oberflächen angewiesen ist, finden sich gerade hier im weltgrößten Baumarkt die meisten Spots zum Skateboardfahren. Dazu kommen noch Sicherheitskräfte, die im Allgemeinen weit größere Sorgen haben als Skater, die den Marmor ein bisschen zerkratzen, und so findet man hier ein echtes Skateboarding-Mekka. Und weil beinahe an jeder Ecke irgendetwas Neues gebaut wird, sieht es auch nicht so aus, als ob sich das in absehbarer Zeit ändern würde.

Die Skateboarder-Szene in China ist eine interessante Mischung aus Einheimischen und Ausländern und jeder trägt seine ganz individuelle Perspektive bei. Im Vergleich zu Europa und Amerika ist die Szene dennoch winzig und umfasst vielleicht ein paar Tausend Skater, während in den USA jedes zweite Kind irgendwann in seinem Leben ein Skateboard besitzt. Doch das, wie alles in China, ändert sich gerade rasant, weil immer mehr Kinder das Skaten als Hobby oder als eine Form des kreativen Ausdrucks sehen, die sie in den weiter verbreiteten Sportarten wie Basketball nicht mehr finden.

Die chinesische Skateboard-Szene in der Landschaft des modernen Chinas

An jedem Wochenende beten einheimische Skater um gutes Wetter, damit sie sich draußen mit Freunden treffen und verabreden können, welche Spots sie befahren wollen – oft über Gruppen-Chats auf der beliebten Handy-App WeChat – und posten danach über ihre Handys Fotos ihrer Tricks auf Social-Media-Websites wie Weibo. Sofort nach dem Ende der Session kann man sich die neuesten Videos auf den Video-Streaming-Websites der chinesischen Skater ansehen.Bei der Suche nach neuen Plätzen oder beim Fahren an bekannten Orten reichen die Spots von versteckten Ecken in den zentralen Geschäftsvierteln bis zu den riesigen Gebäudekomplexen in Haidians Straßenviertel Zhongguancun, den marmornen Monumenten und großen Plätzen im Olympiagelände Beitucheng – und über jeden Sims und jede Treppe dazwischen. Zum Skateboarden braucht man Platz und frisch gepflasterten Untergrund, und beides gibt es in China in Hülle und Fülle. Anders als in Städten, in denen Raum knapp ist und von daher möglichst effizient genutzt wird, gibt es in China unendlich viel Raum, der kaum genutzt wird, weite, mit Marmor gepflasterte Plätze oder Wohngebiete, wo räumliche Funktionalität ganz offensichtlich nicht die oberste Priorität der Bauherren war. In China wird anscheinend in immer größerem Maßstab gebaut, je größer, desto besser. Während zehnspurige Boulevards und unmenschlich große Gebäudekomplexe für Menschen als Lebensraum unattraktiv werden können, sind solche Gebiete gerade für Skater oftmals ideal, da sie hier die geeignete Fläche für ihre Sessions finden.

Diese Art des „Skater-Blicks“ kann einem oft unbezahlbare Erlebnisse bescheren. Wer als ausländischer Skater-Neuland erkundet, findet hier Orte und Menschen weitab von bekannten Touristenpfaden oder Treffpunkten von Expatriates. Kinder im Park kommen und wollen mit dir ihr Englisch üben, Großmütter runzeln die Stirn ob einer derart gefährlichen Betätigung, Sicherheitskräfte legen ihre Funkgeräte weg und leihen sich dein Board aus, während Leergutsammler geduldig darauf warten, deine Coladosen einzusammeln. Selbst unter chinesischen Stadtbewohnern ist der Neugierfaktor hoch: Mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Belustigung und Vergnügen schauen sie zu und fragen sich, wie sich das Board drehen und dann auf einer Rampe landen kann und warum die Ausländer das ausgerechnet hier machen.

Im Zuge der Veränderung von Chinas Landschaft wird sich auch das Skateboarden verändern

Wird das Streetskaten in den nächsten Jahren noch attraktiv bleiben? Die gleichen Faktoren, die zu den bekannten Nebenwirkungen der schnellen Entwicklung in China führten, könnten auch dazu führen, dass Skateboarden in China nur ein vorübergehender Trend bleibt. Selbst die engagiertesten Skateboarder blieben zu Hause, als die Luftverschmutzung in Peking Anfang 2013 die Grenzwerte massiv überstieg. Im Westen sind Geschäftsgebäude so gut wie unbefahrbar, dort zu skaten gilt als Vandalismus und wird bestraft. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass diese strenge Haltung sich in China in nächster Zeit durchsetzen wird, aber die Entstehung immer prächtigerer Gebäudekomplexe wird eine stärkere Präsenz von Wachpersonal nach sich ziehen, um nicht nur Skater, sondern alle unerwünschten Personen abzuschrecken. Dann ist da noch die Kommerzialisierung des Skateboardens als vermarktbare Kultur, um alles Mögliche von Sportgetränken bis hin zu Mobiltelefonen zu verkaufen. Skateboarding bleibt eine attraktive Kultur für Vermarkter, die bestrebt sind, junge Kunden zu gewinnen. Während einige Marken die Szene aktiv unterstützen, geht es anderen nur ums schnelle Geld.Solange China die Welthauptstadt der Meganeubauten bleibt, wird es in der weltweiten Skateboarding-Kultur immer einen wichtigen Platz einnehmen. Kaum wird auf Weibo ein körniges Foto von einem neuen Spot in der Stadt gepostet und geteilt, strömen die Skater in Scharen dorthin. Und solange die Räder der Entwicklung sich weiterdrehen, wird man in China noch viele Jahre lang Skateboard fahren. Das Skateboarden und China, beide werden immer nach neuen Wegen suchen, um sich weiterzuentwickeln.