Fokus: Öffentlicher Raum Das Teehaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Illustration des Buches „Teehaus“
Illustration des Buches „Teehaus“ | ©Wang Di

Teehäuser waren in China schon immer mehr als nur ein Ort für den Teegenuss. Oft fungierten sie als politische Bühnen, auf denen im wechselnden gesellschaftspolitischen „Theater“ unterschiedliche Figuren ihre Rollen aufführten.

Im Jahr 1946 fiel der linksgerichtete Schriftsteller Wen Yiduo (闻一多) einem Mordanschlag zum Opfer, nachdem er auf einer öffentlichen Versammlung in Kunming (昆明) scharfe Kritik an der autokratischen Herrschaft der Nationalpartei (KMT) geübt hatte. Das ansprechende Gedicht „Kleine Teehaus-Melodie“ (茶馆小调) hatte er wenige Jahre zuvor während seiner Lehrtätigkeit an der Vereinigten Südwest-Universität (西南联大学) verfasst. Zwar bezieht es sich vermutlich nicht auf die Teehäuser in Chengdu, doch vermittelt es dennoch einen sehr typischen Einblick in die politische Teehaus-Kultur. Es ist kein Zufall, dass Wen Yiduo den Hintergrund des Teehauses wählte, um seine politische Meinung zum Ausdruck zu bringen. Zu seiner Zeit waren Teehäuser die wichtigsten und einflussreichsten öffentlichen Räume. Die Einschränkung der Redefreiheit durch die KMT wirft ein deutliches Licht auf die üble Politik dieser autokratischen Regierung. Die Kritik an diesen konkreten Umständen konnte daher ein breites Echo finden.

Es weht ein Abendhauch, die Sommerglut liegt schwer;
Im Teehaus an der Ost-Allee geht’s lebhaft zu und her; Alle Plätze voll besetzt, oben wie Parterre!
Tee aufgießen, Wasser sieden, lautes Stimmenmeer.

Tassengeklingel und Tellergeklapper, Klimpern und Klang bis es kracht;
Melonenkerne zerknackt und gespuckt, der Boden so voll dass es knirscht.
Man plaudert, man streitet und disputiert; da wird geseufzt, dort wird gelacht.
Die einen bereden die Staatspolitik, die andern machen dem Ärger Luft.

Nur der Besitzer vom Teehaus, ängstlich besorgt,
Trippelt heran, mit gedämpfter Stimme, und bringt es vorsichtig auf den Punkt:
„Meine Herren, tun Sie meinem Geschäft doch einen Gefallen
und halten Sie sich vielleicht lieber zurück mit der Staatspolitik.

Bei solchen politischen Sachen gerät man doch leicht in Verdruss,
und hätte das Folgen, so wär’s doch schlecht, für Sie wie für mich.
Wer weiß, da könnt’ Ihnen plötzlich ein amtlicher Auftrag entzogen,
oder mir mein kleines Teehaus auf einmal zugemacht werden.

Ein abgezogener Auftrag fällt ja noch nicht ins Gewicht,
doch was, wenn am Ende gar ein Aufgebot in den Knast –
so wär es doch besser, man bliebe bei einem ‚Heut ist das Wetter... haha, haha.‘
Dann könnt Ihr vom Tee nach Hause und habt einen tiefen und stummen Schlaf.“

„Haha, haha...“, der ganze Tisch lacht,
„Meister, das habt Ihr geistreich gebracht.
Tief und stumm schlafen, doch dieser Schlaf reicht,
je länger der Schlaf, desto mehr wird es schlecht!

Was nottut ist jetzt, direkt voran! Jeder spricht frei von der Leber, deutlich und klar,
Damit diese Schufte, die uns unterdrücken, ausnutzen, das Reden verbieten,
endlich mitsamt den Wurzeln ausgehackt werden;
damit diese Schufte, die uns unterdrücken, ausnutzen, das Reden verbieten,
endlich mitsamt den Wurzeln ausgehackt werden.“

— Wen Yiduo (闻一多)

Trotz der stark politischen Färbung schildert das Gedicht zudem auf lebendige Weise das Treiben im Teehaus: der laue Windzug durch die offenen Türen und Fenster, das Gedränge und Stimmengewirr, die Rufe der Bediensteten und das unablässige Geklingel der Teeschalen und Untertassen. Manche der Gäste unterhielten sich mit lautem Gelächter, andere seufzten kopfschüttelnd vor sich hin, wieder andere machten ihrer Unzufriedenheit über gesellschaftliche Missstände Luft. Die Besitzer hingegen waren wie auf glühenden Kohlen, ängstlich besorgt, ob sich vielleicht Spitzel unter die Menge gemischt hätten und die Gäste aushorchen würden. Wurde ein Gast aufgrund seiner Aussagen verklagt, so konnte dies für ein Teehaus sehr wohl Folgen haben.

Der Staat griff immer stärker in die kleinen öffentlichen Räume der Teehäuser ein. Die fortschreitende Kontrolle des Alltagslebens reflektierte die Veränderungen auf allen politischen Ebenen, von der Zentrale bis zur Provinz- und Stadtregierung. Als Hauptort der Provinz Sichuan unterlief die Stadt Chengdu den gesamten Wandlungsprozess der Zeitspanne von den Reformen zum Ende der Qing-Dynastie im Jahr 1911 bis zum Sieg der Kommunistischen Partei 1949. Dies zeigte sich sowohl auf politischer und ökonomischer, wie auch auf gesellschaftlicher und kultureller Ebene. Jede Zeit hatte ihre besondere Auswirkung auf die Teehäuser. So beeinflusste etwa die Umgestaltung der Verwaltungsbehörden unweigerlich auch die Teehäuser und deren Kultur. Da sich dort das öffentliche Leben abspielte, konnten sich in Teehäusern auch alle möglichen Konflikte ereignen. Als meistbesuchte öffentliche Räume standen die Teehäuser nicht zuletzt auch für das Image der Stadt. Daher legte gerade auch die lokale Regierung großen Nachdruck auf die Ordnung der Teehäuser und versuchte sie stets unter Kontrolle zu halten. Seit dem Sturz der Qing-Dynastie waren unter dem Vorwand der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung bereits zahlreiche Verbote und Vorschriften erlassen worden, die eine erhöhte Kontrolle der Teehäuser bezweckten, deren Nutzung einschränkten oder diese öffentlichen Räume gar direkt der staatlichen Überwachung unterstellte. Solche Maßnahmen begünstigten natürlich auch ein verstärktes Eingreifen der Staatsmacht in den städtischen Alltag und stießen bei der Bevölkerung nicht selten auf Ablehnung. Während der ausgehenden Qing-Dynastie und der Republikzeit im frühen 20. Jahrhundert ließ die Lokalregierung zahlreiche Maßnahmen durchsetzen. Allein mir persönlich liegen bereits fünfzehn solcher Maßnahmeregeln vor. Diese bezogen sich auf verschiedenste Aspekte: Registrierung der Teehäuser, Verbot des Glücksspiels, Überwachung der Geheimbünde, Aufführungen und Unterhaltung, Betriebszeiten, polizeiliche Kontrollen und anderes mehr. Manche Regelungen bezogen sich auf den Gesamtzustand, andere gingen auf konkrete Probleme ein. Obschon solche Regelungen aus unterschiedlichen Zeiten stammen, zeigen sie dennoch deutlich, wie einheitlich die offizielle Haltung durchgehend blieb und wie sehr die Teehäuser beständig im Visier der Lokalregierung standen. Außerdem lässt sich gegen Ende der 1940er Jahre eine drastische Zunahme der Überwachungsmaßnahmen feststellen. Noch im Jahr 1948, als die KMT bereits in einer tiefen Krise steckte, wurden vier neue Maßnahmeregeln erlassen. Dies zeigt auch, welchen Wert die Behörden auf die Überwachung der Teehäuser legten.

Das Teehaus war zweifellos ein politischer Schauplatz, in dem sich sämtliche Entwicklungen und Veränderungen des angehenden 20. Jahrhunderts spiegelten: von Klassenkonflikten über Gesellschaftskritik und staatspolitischen Disputen bis hin zu offizieller Propaganda zwecks Kontrolle der öffentlichen Meinung. Im Teehaus wurde über die gesellschaftlichen Reformen diskutiert, über die Bewegung zum Schutz der Eisenbahnprojekte 1911 in Chengdu, über die Xinhai-Revolution (辛亥革命), die chaotischen Bürgerkriege der Warlords, die Konflikte zwischen der KMT und der KP, den blutigen Widerstandskrieg gegen Japan und den Sturz der Republik. Die vielen Neuigkeiten und Gerüchte, die sich damals in Teehäusern verbreiteten, spiegeln in hohem Masse die gewaltigen Umwälzungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Wie wir dem Gedicht von Wen Yiduo entnehmen können, boten die Teehäuser auch einen Raum, in dem man Ärger und Verdruss freien Lauf lassen konnte. Gleichzeitig zeigte sich in der Teehaus-Politik natürlich auch ein Machtkampf zwischen Elite und Volk, Elite und Staatsmacht, Staatsmacht und Bevölkerung, und ebenso auch zwischen den vielfältigen Gruppierungen innerhalb dieser Schichten. Konkret ging es meist um Interessenskonflikte, die sich entweder zwischen Einzelnen oder zwischen bestimmten Gruppierungen und gesellschaftlichen Klassen entfachten. Obschon die Teehäuser grundsätzlich als öffentliche Räume für das Freizeit- oder Geschäftsleben dienten, wurden sie daher nicht selten zum Schauplatz politischer Streitigkeiten und fielen unvermeidlich ins Visier der Staats- und Lokalpolitik. So gesehen lassen sich die Teehäuser als politische Bühnen betrachten, auf denen im wechselnden gesellschaftspolitischen „Theater“ unterschiedlichste Figuren ihre Rollen aufführten.

Während des Widerstandskriegs gegen Japan in den 1930er Jahren nutzte die KMT die nationale Krise als Gelegenheit, ihre Fühler in die Teehäuser zu stecken, indem sie diesen öffentlichen Lebensraum für ihre politische Propaganda instrumentalisierte. Teehäuser brachten auch ihre eigenen „Stammtisch-Politiker“ (茶馆政治家) hervor, an deren Reden und Handlungen sich die Veränderungen in der Staatspolitik wie an einem Barometer abzeichneten. So waren in diesen öffentlichen Räumen Freizeit und Unterhaltung eng verbunden mit politischem Geschehen, wie auch mit der Wirtschaft, mit sozialen Ungerechtigkeiten und mit politischen Bewegungen. Daher standen sich in den Teehäusern alle möglichen politischen Kräfte gegenüber. Staatlicherseits wurde jegliche Art politischer Äußerung und Aktivität, die eine potentielle Gefährdung der KMT-Herrschaft darstellen konnte, zu unterdrücken versucht. Wie wir auch dem Gedicht von Wen Yiduo entnehmen können, bemühten sich die Teehausbesitzer daher tunlichst, sich aus der Politik fernzuhalten. Nichtsdestotrotz wurden auch sie immer wieder in gesellschaftspolitische Wirbel mit hineingezogen, sei es von Seiten der Regierung oder auch durch Teehausbesucher.

Dieser Text erschien zuerst als Teil des Buches „Das Teehaus – Öffentlichkeit und Mikrokosmos von Chengdu, 1900-1950) und erscheint an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung des Autors.