Fokus: Vertrauen Vertrauen schafft Migration

Vertrauen fordert Migration

Das Thema Migration ist in Europa in aller Munde. Völlig unterschätzt wird hierbei die Bedeutung von Migrantennetzwerken. Professor Oltmer über das konstitutive Element von Netzwerken: Vertrauen.

 

Dabei gab es doch vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg millionenfache Einwanderungen, die die europäischen Gesellschaften tiefgreifend verändert haben: Wirtschaftliche und kulturelle Prosperität vor allem in den Großstädten sind nicht zuletzt Ergebnis produktiver Vielfalt, oder, um eine Zahl zu nennen: Die weltweit vierzig größten, durch starke Migration gekennzeichneten „Global Cities“ umfassen heute zwar weniger als 18 Prozent der Weltbevölkerung, bündelten aber zwei Drittel der globalen ökonomischen Aktivitäten und ragen technologisch und wissenschaftlich hervor. Obgleich solche Zusammenhänge durchaus bekannt sind, tragen gesellschaftliche Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse im Umgang mit Wanderungsbewegungen zu selten bei zu gesellschaftlicher Gelassenheit im Umgang mit dem Thema Migration.

Konstitutives Element: Vertrauen in Netzwerke

Dabei gehört Migration doch zu den Grundelementen menschlicher Existenz. Zu den Konstanten zählt die Bedeutung von Netzwerken für die Migration: Das konstitutive Element von Netzwerken ist wiederum Vertrauen. Weder gegenwärtig noch früher zog es Migranten in eine völlig unbekannte Fremde, vielmehr sind Aufbruchs- und Ankunftsorte durch Netzwerke verbunden, die geprägt sind durch Verwandtschaft, Bekanntschaft und Herkunftsgemeinschaften: 94 Prozent aller Europäer, die um 1900 in New York eintrafen, suchten zuerst Verwandte und Bekannte auf. In der Ferne verringerten sie damit ihre soziale und ökonomische Verwundbarkeit vor Ort und erhöhte ihre Handlungsmacht.

Vertrauen als Lösung für Risikoprobleme

Je umfangreicher ein Netzwerk ist und je intensiver vertrauensbasierte soziale Beziehungen innerhalb des Netzwerkes gepflegt werden, desto mehr ökonomische und soziale Chancen bietet es – die Attraktivität eines Migrationszieles bemisst sich an der Größe und Intensität des Netzwerkes: Deutschland ist auch deshalb zum wichtigsten europäischen Ziel syrischer Flüchtlinge seit 2011 geworden, weil es hier bereits vor Beginn des Bürgerkriegs in Syrien eine recht umfangreiche syrische Herkunftsgemeinschaft gab. Und insbesondere weil Migrantennetzwerke die Wahrscheinlichkeit für weitere Migration erhöhen, hat die Zuwanderung syrischer Flüchtlinge nach Deutschland die in den vergangenen Monaten zu beobachtende hohe Dynamik gewonnen.

Vertrauen fasst der Soziologe Niklas Luhmann als „eine Lösung für spezifische Risikoprobleme“. In der Verminderung von Risiken liegt die zentrale Funktion von Migrantennetzwerken. Am Aufbruchsort bieten sie translokales Wissen über Chancen und Gefahren der Ab- und der Zuwanderung, über sichere Verkehrswege sowie über psychische, physische und finanzielle Belastungen der Reise. Am Ankunftsort garantieren Migrantennetzwerke Schutz und Orientierung im fremden Raum, vermitteln Arbeits- und Unterkunftsmöglichkeiten und helfen auch bei Kontakten mit den Behörden des Zielortes. Migrantennetzwerken erleichtern mithin das Ankommen, können auf diese Weise auch dabei helfen, Kontakte zu Einheimischen zu finden, weisen also Wege in die Integration. Dieser Aspekte wird in der deutschen Diskussion um den Umgang mit Flüchtlingen zu häufig übersehen: Die Verteilung der Flüchtlinge innerhalb Deutschlands oder der EU ausschließlich nach administrativen Erwägungen entlang von Aufnahmekapazitäten kann ihre Netzwerke zerstören.

Die Wirkung der Migrantennetzwerke lässt sich auch im ökonomischen Bereich ausmachen: Migranten vermitteln spezifisches Wissen über Erwerbschancen an Bekannte und Verwandte die nachziehen. Diese wiederum stehen bald als Anbieter von Wissen für neue Migranten aus dem Netzwerk zur Verfügung: Deshalb liegen heute beispielsweise beinahe alle Fish-and-Chips-Imbisse der Republik Irland in der Hand von Personen, die aus dem Dorf Casalattico in der italienischen Provinz Frosinone stammen. Der erste von Italienern aus diesem eng begrenzten Herkunftsgebiet betriebene Fish-and-Chips-Imbiss in Irland wurde 1904 von einem Maurer aus Casalattico eröffnet. Auf ihn folgten so viele Menschen aus seinem Netzwerk nach, dass gegenwärtig drei Viertel aller Migranten italienischer Herkunft in Irland aus dem Dorf Casalattico stammen. „Ethnic business“ ist auch ein Ergebnis von Migrantennetzwerken.

Mobilität aufgrund vertrauenswürdiger Informationen

Wie Vertrauen innerhalb von Netzwerken über teils große Distanzen aufrechterhalten wird, hat sich im Laufe der Zeit geändert, die Bedeutung des Phänomens hingegen nicht. Mindestens 100 Millionen private „Auswandererbriefe“, die zwischen 1820 und 1914 von deutschen Einwanderern in den USA nach Deutschland geschickt wurden und in den Herkunftsgebieten im Verwandten- und Bekanntenkreis kursierten , sicherten über Jahrzehnte die zwischen Deutschland und den USA gespannten transatlantischen Netzwerke und konstituierten immer wieder neu Vertrauen. Im 20. Jahrhundert übernahm das Telefon die Rolle des Briefes, heute ist es vor allem das Smartphone, das Migrantinnen und Migranten Mobilität und Stabilität garantiert: Mobilität aufgrund vertrauenswürdiger Informationen über Reisemöglichkeiten und Reiserouten durch Vorausgewanderte, Stabilität durch die Möglichkeit, mit Verwandten und Bekannten steten Kontakt zu halten.

Vertrauen lenkt Migration

Netzwerke sind allerdings keine sozialen Paradiese: Schutz und Chancen, die Migrantennetzwerke bieten, bedeuten für den Einzelnen immer auch soziale Zwänge und Verpflichtungen. Die Aufrechterhaltung des Netzwerkes, das im Kontext der Migration existenzielle Bedeutung haben kann, fordert Loyalität und die mit Leistung und Gegenleistung verbundene Akzeptanz kollektiver Verantwortung. Migrantinnen und Migranten müssen spezifische Normen, Handlungsrationalitäten und Handlungsziele teilen, sie unterliegen wegen der Geschlossenheit der verwandtschaftlich-bekanntschaftlichen Verbindungen enger sozialer Kontrolle, selbst über Tausende von Kilometern Entfernung hinweg. Vertrauen wird erzwungen, Sanktionsmöglichkeiten mit zahlreichen Abstufungen gibt es viele: Verlust von Reputation aufgrund des Schwundes von Vertrauenswürdigkeit, Entzug von Leistungen, soziale Isolation und Exklusion, die im Kontext der Migration die soziale Verletzbarkeit und die Risiken enorm erhöhen sowie die Wahrnehmung von Chancen durch räumliche Bewegungen minimieren.

Vertrauen ermöglicht also Migration, Vertrauen lenkt zugleich Migration, Vertrauen fördert aber auch Migration.