Porträt Wang Lin (王琳)

Wang Lin
Wang Lin | Wang Lin

Die 31-jährige Komponistin Wang Lin (王琳) ist derzeit sehr gefragt: Im April 2008 gastierte sie mit ihrem Stück für Kammerensemble und improvisierte Stimme Ji Li Gu Lu bei der Münchener Biennale. Die Kompositionen der mehrfach ausgezeichneten Preisträgerin werden auf Festivals in Europa, USA und Asien aufgeführt und beinhalten auch Werke für Theaterprojekte. 

Nach dem Studium am Zentralen Konservatorium Peking bei Su Xia (苏夏), Du Mingxin (杜鸣心) und Qin Wenchen (秦文琛) setzte sie ihre Ausbildung in Komposition bei Prof. Theo Brandmüller an der Hochschule für Musik Saar fort. Sie arbeitet mit zahlreichen renommierten Ensembles und Orchestern zusammen und lebt derzeit überwiegend in Peking.

1. Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Kürzlich habe ich mich mit Künstlern in Peking getroffen und viel über das Gefühl von Wurzellosigkeit nachgedacht: Als Künstler hat man oft keinen festen Wohnort und „schwebt" zwischen verschiedenen Ländern. Außerdem war ich mit Vorbereitungen für Konzerte mit dem Divertimento Ensemble beschäftigt, die im Mai 2008 in Monza und Mailand aufgeführt werden.

2. Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

2002 kam ich zum Kompositionsstudium zu Professor Theo Brandmüller nach Deutschland. Meine Erfahrungen sind geprägt von dieser ersten Zeit in Saarbrücken. Von Anfang an fand verband mich meine Leidenschaft für das Komponieren mit Deutschland.

3. In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Schon vor meiner Begegnung mit Deutschland war mein Schaffen von diesem Land beeinflusst. Als Kind und Klavierschülerin hörte und spielte ich viel Bach und Brahms. Den Schwerpunkt meines Studiums an der Musikhochschule in Peking legte ich auf westliche Komposition. Mein Werdegang ist ohne die deutsche klassische Musiktradition aber auch die Philosophie und Literatur nicht denkbar. Brahms, Mahler und Wagner sind für mich z.B. ebenso wichtig wie Hölderlin, Thomas Bernhard oder Heiner Müller. Die deutschen Komponisten der zeitgenössischen Musikszene schätze ich, für meine Entwicklung entscheidend waren aber die klassischen Komponisten. Erst nach meiner Ankunft in Deutschland wurde mir klar, dass ich wirklich am liebsten bis an mein Lebensende Komponistin sein möchte.

4. Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Das ist schwierig zu beantworten, denn ich hatte sehr viele schöne Erlebnisse. Am schönsten war vielleicht das folgende Erlebnis: 2004 hatte ich eine schwere Krankheit und musste ein Urlaubssemester einlegen. Ich flog hierfür von Deutschland nach Peking. Einige Zeit später erhielt ich von meinen deutschen Kommilitonen aus Saarbrücken ein Päckchen. Sie hatten auf eine Kassette viele nette Botschaften für mich gesprochen, den Seminarunterricht und verschiedene Musik aufgenommen, weil sie mich vermissten. Das war für mich eine besonders nette Geste, die Kassette werde ich immer behalten.

5. Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

2003 gab es in China die tödliche Lungenepidemie SARS. Alle waren weltweit sehr aufgeregt und Chinesen wurden besonders kritisch angeschaut. Als ich mit einer chinesischen Freundin auf einem Wochenmarkt einkaufte, wurden wir wie gefährliche Objekte behandelt – obwohl wir seit einem Jahr nicht mehr in China gewesen waren. Ein Mann von einem Markstand, der dachte, wir verstünden kein Deutsch, warnte seinen Nachbarn vom Stand nebenan laut vor uns. Das war nicht so sehr schön.

6. Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Man sagt, die Chinesen würden für das Essen leben, während die Deutschen essen, um zu leben. Mir selbst ist Essen nicht so besonders wichtig. Ich gehe selten in Restaurants. Mir schmeckt zwar Schnitzel mit Rosenkohl ganz gut – das gab es öfter in meiner Mensa. Aber eigentlich koche ich am liebsten selbst – ich denke, Kochen ist wie Komponieren, oder?

7. Was ist für Sie „typisch deutsch"?

Am auffälligsten finde ich die strukturierte Art zu denken und vorausschauend zu planen. Das findet sich auch überall in der deutschen Kunst und Musik: Es herrscht eine große Strukturiertheit in den Kompositionen. In Deutschland wird oft „Warum?" oder „Wieso?" gefragt. Das hat man in China viel seltener – etwas ist dort so, weil es so ist und wird nicht groß hinterfragt.

8. Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Ich finde mal ganz unabhängig von der Musik den Denkmalschutz eine wichtige Errungenschaft Deutschlands. Dies gibt es so nicht in China. Alte Dinge werden weniger wertgeschätzt. Gegenstände mit einer längeren Geschichte bewusst zu erhalten oder nur aufzubewahren ist nicht üblich.

9. Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Da habe ich noch nie darüber nachgedacht. Ich könnte mir verschiedene neue Rollen einmal vorstellen - aber eher allgemein, nicht auf eine deutsche Persönlichkeit bezogen. Einen Tag mal Fernsehmoderator oder Skifahrer zu sein – warum nicht!

10. Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Die Deutschen sind meistens sehr direkt und verhalten sich transparent. Diese Transparenz finde ich sehr wichtig, es ist eine gute Eigenschaft. Aber wenn Sie mich nach der Idee fragen: Den Denkmalschutz würde ich sehr gerne nach China übertragen.