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Porträt
Lin Dongfu (林栋甫)

Lin Dongfu
Lin Dongfu | Frank Hollmann

Der 51-jährige Shanghaier Lin Dongfu ist Chinesen als Schauspieler und Fernsehmoderator, aber auch als Synchronsprecher bekannter Hollywood-Helden bekannt. In seiner Heimatstadt betreibt er seinen eigenen Musikclub, das House of Blues and Jazz, das im März 2008 neu eröffnet wurde. Der Jazz-Liebhaber ist ein langjähriger Freund Udo Lindenbergs, den er oft in Hamburg besucht.

Als Schauspieler war er kürzlich in der französisch-kanadischen Co-Produktion Die Töchter des chinesischen Gärtners zu sehen. Der Film wurde beim World Film Festival in Montreal 2006 mit dem Publikumspreis sowie dem Preis für den „besten künstlerischen Beitrag" ausgezeichnet. In den deutschen Kinos wird er ab Winter 2008 in einer Nebenrolle als Chiang Kai-shek in John Rabe, der gute Deutsche von Nanjing zu sehen sein. In China ist er u.a. durch die Quiz-Show Teste Dein Wissen 《智力大冲浪》 als Fernsehmoderator bekannt, aber auch als Synchronsprecher von Hollywood-Helden wie Lee Marvin, Gregory Peck und Charlton Heston sowie des französischen Schauspielers Michel Piccoli. In Shanghai betreibt Lin Dongfu seit vielen Jahren einen Jazzclub das House of Blues and Jazz, welches im März 2008 nahe dem Bund neueröffnet wurde.

1. Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich komme gerade von einem internationalen Comedy-Festival in Melbourne, Australien. Dort habe ich zehn Comedy-Shows gedreht, sechs auf Englisch und vier auf Chinesisch, denn in Melbourne gibt es eine große chinesische Gemeinde. Außerdem habe ich gerade das neue House of Jazz and Blues in einem 110 Jahre alten Gebäude am Shanghaier Bund eröffnet. Dies sehe ich aber eher als meine Leidenschaft, weniger als meinen Beruf an.

2. Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

In Deutschland war ich erstmals 1997 zu Dreharbeiten. Ich habe damals in Shanghai eine Fernsehshow moderiert, die hieß Teste Dein Wissen. Da ging es u.a. um alltägliche Redewendungen. Wenn die Chinesen beispielsweise fragen „Wohin gehst Du?", dann antworten sie „Mai dongxi", das heißt „Den Osten und den Westen kaufen". Woher kommt das? Solche und ähnliche Fragen haben wir deutschen Passanten auf der Straße gestellt und diese Szenen gedreht.

3. In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Deutschland hat mich sehr beeinflusst. Es war für mich immer sehr inspirierend, als Künstler und Moderator mit Deutschen zusammenzutreffen. Speziell durch die Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg und verschiedenen Filmschaffenden habe ich viel gelernt.

4. Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Als ich das erste Mal in Berlin war, war ich als Ehrengast einer Modenschau in die Oper eingeladen. Als die Siegerin verkündet wurde, ging ich auf die Bühne, um ein paar Worte zu sagen. In jenem Jahr wurde in Deutschland ein „Chinajahr" begangen, deshalb war ich eingeladen. Ich kam bereits am Nachmittag zu den Proben für die Modenschau. Drei Stunden vor der Show wurde immer noch aufgebaut und gewerkelt und ich fragte mich: Wie sollen die alles rechtzeitig hinbekommen? Aber als die Show am Abend pünktlich begann, war alles perfekt, das Licht, der Sound, alles war unglaublich professionell. Die Deutschen haben klare Vorstellungen, die sie Schritt für Schritt umsetzen. Dieses Organisationstalent hat mich sehr beeindruckt.

5. Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Einige Deutsche wissen wenig über China. Vielleicht waren sie deshalb manchmal nicht freundlich zu mir. Ich saß einmal in der Bar Schumann´s in München. Ich rauche Pfeife und neben mir saß ein anderer Pfeifenraucher, so kamen wir ins Gespräch. Wir sprachen zunächst über Pfeifen und Tabaksorten. Irgendwann fragte er mich, wo ich herkäme und warum ich hier sei. Ich erzählte es ihm, auch dass ich wegen der Moderation einer Show hier sei. Da sagte er: "Oh, unsere dumme Regierung. Warum zeigen wir aller Welt unsere Technologie, warum verscherbeln wir alles. Erst haben uns die Japaner alles geklaut und nun seid ihr Chinesen die nächsten. Ich kann nicht länger mit Ihnen zusammen sitzen." Und er ging. Da habe ich mich gefragt, gibt es bei uns in China auch Leute, die so über Ausländer denken? Die Menschheit sollte doch eine große Familie sein. Damals war ich sehr verblüfft, aber solche Menschen trifft man wohl überall.

6. Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Ich mag Wurst sehr gerne – nirgendwo gibt es die so gut wie in Deutschland. Die Leute sagen mir immer, deutsches Essen liege schwer im Magen. Da antworte ich immer, das stimmt nicht: Deutsches Essen ist sehr vielfältig und schmackhaft. Ich liebe auch Fisch, besonders Hamburger Scholle.

7. Was ist für Sie „typisch deutsch"?

Mit deutschen Freunden ist der Umgang sehr klar und einfach. Sie sagen, was sie denken. Sie tun, was sie versprochen haben. Sie kommen nicht zu spät. Und wenn sie sich verspäten, sagen sie Dir Bescheid. Wenn Du mit ihnen zusammen bist, musst Du keine Spielchen spielen. Das ist für mich typisch deutsch. Ich schätze das.

8. Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Mich beeindruckt die künstlerische Freiheit in Deutschland. In Berlin habe ich viele Galerien besucht. Einige waren sehr avantgardistisch. Man konnte die Ausstellungen oft nur schwer nachvollziehen. Aber die Menschen in Deutschland respektieren jede Art von Kreativität. Gleichzeitig hat die deutsche Kunst hohe Qualität. Ich organisiere ja öfter Jazzkonzerte in China und lade auch deutsche Musiker hierfür ein. Daher kenne ich viele deutsche Musiker, sie haben eine ganz eigene, besondere Art.

9. Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Schwer zu sagen. Es könnte Udo Lindenberg sein. Er spricht immer von „seinen Leuten". Einmal brachte mich Udo spätabends nach St. Pauli, auf die Reeperbahn. Eine Menge Leute umschwärmten ihn, einige waren etwas angetrunken. Ich war ein bisschen besorgt, doch er sagte: „Kein Problem, ich kenne meine Leute." Er liebt Menschen, ist geistig immer noch sehr jung, steckt voller Energie - sein neues Album beweist das. Als wir am Atlantic Hotel vorbeikamen, sagte er zu mir: "Vor 30 Jahren war ich ein junger Mann, spielte Schlagzeug und saß auf dem Rasen gegenüber vom Hotel. Ich hatte kein Geld und dachte mir, eines Tages möchte ich in diesem Hotel leben." An diesem Tag haben wir viel über unser Leben geredet. Wir stellten fest, dass wir junge Menschen ermutigen sollten, einen Traum zu haben und diesen zu verwirklichen. Das habe ich von Udo gelernt. Es tut gut, mit ihm zusammen zu sein. Seine Familie ist seine Band, er kümmert sich wirklich um sie. Udo zu sein, heißt für mich, ein guter Mensch zu sein. Ich bin sehr stolz, dass Udo mich „seinen Bruder" nennt. Lindenberg und Lin Dongfu, die Lin-Brüder.

10. Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Wo immer ich in Deutschland hinkomme, finde ich alle paar Minuten einen freien Platz mich hinzusetzen, um Leute zu beobachten - umgeben von Wasser, Bäumen, Gras, Schwänen und Wasservögeln. So ein friedliches Umfeld würde ich mir auch für chinesische Städte wünschen. In China haben wir in den Städten zuviel gebaut und nun haben wir keinen Platz mehr zur Erholung für die Menschen. Das Lebenskonzept ist unterschiedlich: Bei uns denken die Menschen nicht über den Raum vor ihrer eigenen Haustür nach. Das deutsche Konzept des offenen Raums würde ich gerne bei uns umgesetzt sehen.

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